Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 VeürrreirhMhe WochenschrM Sette 971 simple bietet er uns. Womit beweist also Herr Dühring, daß Heine überhaupt etwas beweisen wollte? Mit welcher Stelle belegt er seine willkürliche Hineininterpretation? Auch er prakticirt tobte Christenkinder in den Text des Autors. Aber der Culminationspunkt der letzteren Dühring'schen Specialkunst, in der er wahrlich gar keinen Rivalen zu scheuen hat, so willkürlich, so kühn-phantastisch deutelt und tüftelt er heraus aus dem Text, was sein Lebtag nie darinnen gesteckt hat — dieser Höhepunkt wird in der Erörterung des Gedichtes „Nächtliche FahrlB erreicht. Gewiß erinnern sich viele Leser des düsteren Stimmungsbildchens aus Heine's letzter Periode mit seinen dunklen, geheimnißschweren Schatten und seinen grausigen, grell aufgesetzten Lichtern. Eine Tragödie in nnoe. Was Dühring da leistet, ist schon ganz unglaublich. Er findet, daß die paar Strophen „in die nächtliche Seite des Judäersinnes und seiner scheußlichen Anwandlungen" einen Blick thun lassen. Wie eine eigene That wird in dieser nächtlichen Meerfahrt die Vollsührung eines verrückten Mordgelüstes gegen ein schönes Weib dargestellt . . . Hier hat nun der jüdische Dichter innerste Gelüste des eigenen Blutes nebst der zugehörigen, verbrecherischen Berrücktheit handgreiflich v e rrathen, und es ist offenbar nicht blos eine ästhetisch zu verurth eilende Wied erg ab e des Scheußlichen, womit wir es hier zu thun haben. Wenn nicht etwa gar die That. so ist doch allermindestens der Sinn des Poeten dabei von Grund aus verbrecherisch betheiligt." Nein, das ist denn doch zu toll. — zu stark, zu — d n m m! Dann hat ja auch Uhl and den Sänger in „Sängers Fluch" vielleicht etwa gar selber eigenhändigst umgebracht? oder Goethe den Valentin erstochen? Und was'dieser alte Shakespeare für ein Wütherich und Bluthund war, der mit Gift, Schwert und Dolch geradezu mörderisch gewirthschaftet hat! Weil ein Frauenzimmer in dem Heine'schen Gedicht ertränkt wird, weil der Poet der erhöhten Anschaulichkeit und Piasticität halber die Jch-Form der Darstellung gewählt hat, deshalb soll er eS selbst gethan haben!-„O b dieser Jude Heine selbst gewesen, darauf wäre wohl für einen Criminalproceß Alles angekommen — allein nachträglich und für uns ist diese wohl nie mehr sicher entscheidbare Frage nicht von erster Wichtigkeit." Wenn wir diesen ganzen Wust von Narretei, Unterstellung, Blödsinn und Gelehrtthuerei objectiv und ernsthaft — ohne zu lachen nämlich — betrachten, so finden wir darin nichts anderes als— den großen Triump h des Dichters! Wie wahr muß jener Schauspieler der Dorfcomödie seinen Franz Moor dargestellt haben, wenn die Bauern sich nach der Vorstellung beim Bühnenthürchen zusammenrotteten und ihm auflauerten: „Der Lumpenkerl muß g'haut werd'n!" Trotz allen. Absprechens jeglicher dichterischer Anlage, trotz aller boshaften Verkleinerungskünste hat Heine's Muse über ihren wüthigsten Widersacher den herrlichsten Sieg errungen — Dühring hat den Schein der romantischen Poesie für Wahrheit, für Ernst, für bare, greifbare Wirklichkeit nehmen müssen. Ob das einem unserer modernen Realisten, die sich als die ütaminnte-Photographen der Literatur aufspielen, wohl auch geglückt wäre? Dühring hat sich diesmal schandbar verrannt. Aus dieser Sackgasse kann er gar niemals zurückfinden. Homerisches Gelächter muß seiner unabsichtlich grotesken Darstellung allüberall in Deutschlands weiten Gauen entgegenschallen, wohin dieselbe dringt — unauslöschliche Heiterkeitsausbrüche wird sie Hervorrufen — so was war schon lange nicht da. Ist nur schade, daß es nicht in die Literaturgeschichte gehört, sondern in die „Fliegenden Blätter". Heine ist also ein Mörder,'Dühring jedoch ein Selbstmörder; er hat einen ernst zu nehmenden Gelehrten so maustodt gemeuchelt, daß er ganz gewiß nicht mehr wieder lebendig wird. „— — Bei Betrachtung von ein paar lyrischen Piecen könnte man sich fast versucht finden, die darin bekundete Fähigkeit zur Anempfindung deutscher Gefühlsformen-schwankende spielerische Belletristennatur — sozusagen geb orener Hanswurst." Aber wenn Dühring „Thaler" statt schönsten „Augen" setzt oder läppischerweise interpolirt: „Leben bleiben und nicht sterben Für die Inder ei ist süß," — das ist feine Hanswursterei, das ist Humor, göttlicher, köstlicher, trefflicher Humor. Seine unbeabsichtigte Komik ist denn doch drastisch wirksamer, ihres Effectes auf das Zwerchfell im Vorhinein weitaus gewisser. „Er hat, was er vom Berliner Boden auflas, ins ordinär Judäifche übersetzt und oft genug zur bloßen Jndenf ratze hinunterverzerrt." Das ist wohl Ansichtssache. Alle Leute können eben den feinen, sinnigen, arischen Humor eines Dühring nicht würdigen oder vertragen. Die werden schon bei Börne und Heine bleiben müssen, die Aermsten. Das Gedicht Heine's, „der Apollogott", das möchte Dühring in „Apollo-Hanswurst" gerne umtaufen. Wieder einer seiner köstlichen Scherze. Wer lachte da nicht! Die in dem Gedichte vorkommende, lorbeergeschmückte „grüne Sau" wäre Heinrich Heine's Muse in eigener Person. Diese zarten, sinnigen Anspielungen voll naiver Grazie tragen doch das echte Gepräge des Dühring'schen Geistes. Sie sind nicht zu verkennen und seiner vollkommen würdig. _ F. Der Abgeordnete Sze^epanowski über den Antisemitismus. Lemberg, 30. November 1893. Sie hatten, geehrter Herr Redacteur, zur Zeit keine Kenntniß von dem Congreß genommen, der im Herbst d. I. in der Stadt Posen stattsand und an dem die hervorragendsten Juristen und National-Oeconomen der drei polnischen Ländergebiete theilnahmen. und doch verdient ein auf demselben gehaltener und mit großem Beifall aufgenommeuer Vortrag, der des Abgeordneten Stanislaus S zcz epa nowsk i, auch in jüdischen Blättern eine besondere Beachtung, weil er die Judenfrage in Polen behandelt. Der Herr Abgeordnete sprach „lieber den volkswirthschastlichen und socialen Fortschritt Galiziens seit der Einführung der Autonomie". Die Raumverhältnisse dieses Blattes gestatten es nicht, die hochinteressanten Ausführungen des genannten Abgeordneten zum Ausdruck zu bringen; aber jenen Theil wollen wir hier reproduciren, in welchen derselbe seine Ansichten über den Antisemitismus niedergelegt hat. Er sagte: „Die Frage des Antisemitismus, welche der vorigen Generation in Polen fremd war und fetzt vom Auslande zu uns importirt wurde, erklärt uns bewußt oder unbewußt eine ganze Reihe von socialen Erscheinungen. Genau wie bei der Frage der Concnrrenz der einzelnen Gewerbe untereinander, bin ich auch bei der Frage des Antisemitismus uicf)t in der Lage, eine öconomische Lösung in Vorschlag zu bringen. Es-gibt im Handel und in der Industrie eine gewisse Art von naturgemäßem Wettbewerb, eine Eoncurrenz, welche absolut nicht zu beseitigen ist, welche existirt und existiren wird, trotz aller politischer Schönrednerei, da sie eben durch bloße Argumentation nicht ans der Welt geschasst werden kann. Andererseits gibt mir das politische Motiv eine vollkommen genügende Aufklärung darüber, was unser Rationalinteresse in dieser Frage fordert. Wir bilden eine an Zahl kleine Besatzung einer Festung, welche sich bis zum Aenßersten venheidigt und auf Vermehrung ihrer Streitkräfte bedacht sein muß. Aus dem Gebiete der ehemaligen polnischen Republik leben 5 Millionen Israeliten. Eine Bevölkerung von 5 Millionen kann für ein Volk von 15 Millionen einen hochwichtigen Bundesgenossen geben, eine hocherwünschte Vermehrung der nationalen Streitkräfte werden, umsomehr als unsere Feinde durch Verfolgung dieses Volk direct in unsere Arme ireiben. Ich könnte hier verschiedene Ansichten ansühren, welche fetzt in Europa stark verbreitet sind und einen Rückschritt in unseren Culturbegriffen aufweisen. Sollte ich die Ursache nennen, welche den Antisemitismus in Europa erzeugt haben, dann müßte ich sagen, daß die verborgene Triebfeder, die den Antisemitismus vorbereitet hat, ihren Sitz in der Darwinschen Lehre vom Kampfe nm's Dasein hat, jener Lehre, welche in ihrer Anwendung auf die Geschichte gewisse Aehnlichkeiten gefunden hat zwischen der nationalen und oconomischen Entwicklung des Menschengeschlechtes und dem thierischen Kampfe um's Dasein. Diese Lehre hat gewisse Dvctrinen über Rassen aufgestellt, gewisse angeblich unfehlbare Theorien über die Unmöglichkeit der Rassenassimilirung, und diese Theorien bilden jene geistige Atmosphäre, in welcher die antisemitischen Ideen entstehen und anwachsen konnten. Derartige Anschauungen waren z. B. im achtzehnten Jahrhundert, als überall die revolutionären Ideen über die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Stämme dominirten, vollständig unmöglich. Erst in letzter Zeit begann der Antisemitismus sich immer mehr Bahn zu brechen, und zwar in Folge des Berkennens jener geistigen Merkmale, welche die Geschichte der Menschheit von jener der Thierwelt unterscheiden. Sehen wir uns die Rolle näher an, welche das israelitische Volk in der Geschichte gespielt hat. Als Kennzeichen dieses ganzen