Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 970 Vesterretchifitze Wochrnfchrist Nr. 50 aus der eigenen Haut zu fahren. Nichtsdestoweniger glauben die Germanen, den Juden das Heimatsgefühl abstreiten zu dürfen. Der Fürst M e s ch t s ch e r s k i j, ein Muster fanatischen Judenhasses, hat sich zu dem Geständnis; bequemen müssen, daß er sich in dem Punkte der Vaterlandsliebe in der Beurtheilung der Juden geirrt habe. Das ist ein Zeugniß von Gewicht, aber für Diejenigen, welche die Geschichte und das Wesen des Judenthums kennen, bedarf es dieses Zeugnisses nicht. Aus unsere Glaubensgenossen in aller Herren Länder darf das Wort des Dichters mit einer kleinen aber vielsagenden Variation angewendet werden: „Der Jude hat ein Vaterland und liebt's, Hält' er auch keine Ursach', es -zu lieben." Eine Grötze der antisemitischen Literatur. hl Der Feldzug gegen Heine, den Lyriker und Mörder. „Das Beste soll das sogenannte Buch der Lieder sein, und das wenigst Schlechte mag sich darin auch wohl finden lassen. „Buch der Lieder" als Titel kurzweg ist nun aber schon eine U n vers chämth eit. (?) Das klingt fast so, als wenn es sich in Rücksicht auf Lieder um das Buch schlechtweg und, hebräisch zu reden, fast um ein Buch der Bücher handeln sollte. Hienach fordert es fast selbst dazu heraus, an die Grube der Abfälle (!) par excellence zu denken." — An dem anspruchslosen Titel „Buch der Lieder", der so natürlich und selbstverständlich klingt, findet also der gewaltige Kritikus schon eine ganze Menge auszusetzen. Er sieht darin eine unverzeihliche Anmaßung. Es kommt eben nur darauf an, wie man liest und betont; die wohlbekannte Anekdote von der Hose, die der Vater dem Sohn schicken soll, kommt einem da unwillkürlich in den Sinn. „Buch der Lieder" heißt gar nichts anderes als „Liederbuch", und wenn Goethe schreibt „der Tragödie erster Theil" anstatt „erster Theil der Tragödie", so hat ihn, genau wie Heine, der Wohlklang, der schönere Silbenfall, die seltenere, gewähltere Genitivform dazu bestimmt, so und nicht anders zu sagen. Doch wir hätten uns schon viel zu lange bei dieser läppischen Schulmcistereiund Pedanterie Dühring's aufgehalten, wenn nicht selbst in diesem kleinen Splitter sein ganzer großer, oder besser gesagt, sein ganzer kleiner Haß sich spiegeln würde. Er benützt eben jede, selbst die ungeeignetste Gelegenheit, den Judöern eins anzuhängen und läßt es an Tücke, Bosheit und empörender Ungerechtigkeit nicht fehlen. Wahrlich ein unparteiischer Richter! Dos Lied: „Du hast Diamanten und Perlen", welches zum deutschen Volkslied geworden, erregt das ganz specielle Mißfallen des Herrn Dühring. Erfindet es jüdisch-orientalisch, was in seiner hämischen Auffassung nichts anderes bedeuten soll, als überladen, prunksüchtig — „plump im Luxus" — poetisch schlecht; er versteigt sich sogar zu einem gezwungenen und recht mißlungenen Späßchen, welches bei seiner schon erwähnten gänzlichen Humorlosigkeit entsprechend ausfällt. Statt „Du hast die schönsten Augen" möchte er „Thaler" gesetzt wissen. Diese, geschmacklose Plattitüde schlägt er nun gewaltig breit, variirt sie hin und her, und kann gar nicht loskommen von dem trefflichen, köstlichen Einfall. Er wird sein eigener Claqueur, so gut gefällt ihm der „Witz", er klatscht sich selbst Beifall, er jubelt sich heraus — und all das, weil er es für hübscher findet, wenn es hieße: „Mit deinen schönen Thalern hast du mich gequält so sehr rc. rc." Die krampfhafte Anstrengung Düh rin g's, auch einmal einen Scherz zu versuchen, kann uns nur ein Lächeln des Mitleidens entlocken. Das ist wie man in Wien zu sagen pflegt „e i n trauriger Gsp aß". „Aber Dich und Deine Tücke Und Dein holdes Angesicht, Und die falschen, frommen Blicke, Das erschafft der Dichter nicht." Man lese diese formvollendeten, melodisch dahinschmelzenden Zeilen, gebe sich arglos dem Zauber hin, der ihnen entströmt und glaubt ein schönes Poem genossen zu haben — ge- I fehlt, weit gefehlt, Düh ring belehrt uns eines ganz Anderen, I denn er versteht's. Er faßt das Gedicht — man höre, staune, I verwundere sich — vom einer ganz eigenthümlichen Seite I auf — von der religiösen. Ja wohl! Bon keiner I anderen. Wer hätte das gedacht? Hat dieser Dühring ein feines I Näschen und riecht die allersubtilsten Dinge heraus. I „Die falschen, frommen Blicke sind eine Wirklichkeit seit! Jahrtausenden, nebenbei auch in den Religionen, die auf dem I hebräischen Grunde ausgetragen oder doch wenigstens empfangen I werden." I Dieser elegante Seitenhieb auf die jüdische und die — I anderen Consessionen, der paßt so her an diese Stelle, wie ein I Antisemit unter honette Leute. Man ist wirklich sprachlos über I das Jnterpretationstalent dieses Mannes. Das hat er aus I Heine's duftigem Liebeslied herausgelesen! Wir gratuliren. I Aber es kommt noch schöner. So rasch läßt er uns nicht los,! der gute Herr, wenn er einen glücklichen Einfall zu haben! glaubt. Der muß natürlich noch ein wenig über ein Paar Bogen! breitgeschlagen werden. I „Die Tücke und Lüge in der Falschheit und Frömmigkeit, die auf europäischem Boden auch durch religiöse Ansteckung besserer Raffen ihr Wesen getrieben, hält noch heute die Völker genug. umsponnen, und eben deswegen kennt man auch nicht allgemein den leibhaften Ursprung aller dieser Bescherungen in der hebräischen Stammesbeschaffenheit." „Etwas dunkel zwar, Doch es klingt recht wunderbar". „Die fragliche Spielart religiöser Liebe ist noch falscher, als die zugehörige Spielart der geschlechtlichen". Also um die religiöse Liebe handelt es sich in dem Heine'schen Gedicht? Weil von frommen Blicken die Rede ist? Aber, aber Herr D ü h r i n g! Ein bischen blamiren ist schon recht, aber sich so bloßzustellen! Etwas Alberneres, als das soeben citirte Gewäsche dürfte selbst in der antisemitischen Literatur schwerlich je geleistet worden sein. Jeder Gebildete kennt die herrliche „Bergidylle" Heine's aus den „Reisebildern". Die poetische Episode der Harzreise zählt ja zu den Perlen der Lyrik. Keuscher Dust, tiefe Empfindung, echt lyrische Stimmung, zu dithyrambischen Schwung gesteigert, goldigste Poesie! — wer auch nur mit geringem Maße von Aufnahmsfähigkeit für dichterische Hervorbringungen veranlagt ist, ivird sich dem Reize dieser Bergidylle nicht entziehen können. j Anders Herr Dühring. Er findet, „daß die Sache nach vielen großthuerischen Worten in einen Geschlechtsakt ausläuft, nach dessen Verrichtung sich der Hebräer-Dichter und Reisebilderer unbekümmert davon und weiter auf seine romantistelndenPlattf ü ß e m a ch t." Dieser Pfuhl von Gemeinheit und erbärmlichster Niedrigkeit ist nicht mehr zu unterbieten; Dühring hat sich damit selbst bei Welt und Nachwelt gerichtet für ewige Zeiten. „Wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei —" Goethe's Worte fallen wie ein vernichtendes Todesurtheil auf sein Haupt. Mit seiner schmachvollen, schamlosen Lästerung hat er sich selbst genügend gebrandmarkt und die Kritik des traurigen Amtes enthoben. Wer das Hein e'sche Gedicht nach D ü h r i n g's Kritik wieder zur Hand nimmt, wird sich geläutert und gehoben fühlen, reingewaschen von dem unsäglichen Schmutz, mit dem es die unreine Hand seines jüngsten antisemitischen Kritikasters zu besudeln gewagt hat. Daß Dühring geschworener Anhänger und Verfechter des Blutrituales ist, das versteht sich nach dem Allen fast von selbst. Dieser letzte, ergänzende Pinselstrich dürfte ja in dem Porträt, das wir von seiner antisemitischen Physiognomie zu entwerfen versucht haben, keineswegs fehlen. Er documentirt seine erwähnten. Ueberzeugungen gelegentlich der Besprechung von Heine's „Rabbi von Bacharach", dem bekanntlich ein todtes Christenkind unter den Seder-Tisch prakticirt wird. Dühring hält dies für eine unverschämte Umkehrung der Wahrheit und bemerkt hiezu in seiner liebreichen, nur ihm eigenen Art: „Wäre auch ein solcher Fall ausnahmsweise einmal möglich, so bewiese er doch nichts gegen die sonstige Thatsächlichkeit des hebräischen Blutaberglaubens und der zugehörigen rituellen oder nichtrrtuellen Verbrechen." Heine erzählt uns eine ergreifende Novelle, er producirt ein Poetisches Kunstwerk; ein polemisches Werk liegt ihm ferne, gelahrte Streitschriften überläßt er Theologen — nur ein Kunstwerk pur et — f'