Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Veprrreichische Mochenfttzrtfl 'Seite 969 von fein gekleideten Jankees um uns gebildet, die in angemessener Ferne sinnend dastehen, mit dem Ausdruck des tiefsten Kummers auf den Gesichtern, mit peinlicher Aufmerksamkeit dem Gespräch lauschen und begierig den Hauch unseres Athems schlürfen. Wir stutzten, wir verwunderten uns, wir wollten manchmal grob werden. Wir überzeugten uns aber bald davon, daß nur die brennende Sehnsucht nach der alten Heimat und das unausrottbare Gefühl der Zugehörigkeit zum Russenthum diese Braven in unsere Nähe trieb, und wir fühlten uns schließlich selbst beglückt, ihnen mit Wärme die Hand zu schütteln und sie in unserer Mitte russisch zu begrüßen und zu bewillkommnen. In Chicago gibt es ein russisches Theater, und fünf Sechstel der Besucher sind aus Rußland eingewanderte Juden! Sie dürfen aber nicht glauben, das geschehe aus dem Grunde, weil die russische Sprache diesen Juden die am meisten zugängliche ist. Davon abgesehen, daß die junge Generation ein recht anständiges Englisch spricht, versteht ja bekanntlich fast ein jeder Jude das Deutsche, wenn auch nur die wenigsten unserer Juden in der Lage sind, ein ordentliches Deutsch zu sprechen. Die deutsche Sprache genießt aber in Chicago, wie überall in der Union, fast das gleiche Bürgerrecht wie die englische. Zudem will d ie üb erwiegend große Mehrzahl der Deutschen in den V er ei ni g ten St aa ten v om Antisem it ismus absolut nichts wissen. Die Juden können also die beste Gesellschaft haben, und doch kommen sie immer nur zu uns! In der russischen Abtheilung wirkt auch eine russische Sängergesellschaft. Von den Zuhörern sind wiederum drei Viertel aus Rußland eingewanderte Juden, und sie klatschen Beifall mit einer Begeisterung, die an Selbstvergessenheit grenzt, besonders wenn kleinrussische Lieder vorgetragen werden. Das letztere erklärt sich aus dem Umstande, daß die große Mehrzahl der aus Rußland eingewanderten Juden in der Ukraine geboren und das kleinrussische Volkslied ihnen tief in der Seele verwandt, lieb und theuer ist." Fürst Meschtscherskij schickt diesem Briefe folgendes Geständniß voran: „Irren ist menschlich, und ich nehme keinen Anstand, öffentlich hiemit einzuräumen, daß ich mich in der Beurtheilung unserer Juden in dem einen sehr gewichtigen Punkt doch geirrt habe." # Die vorstehende Mitteilung eröffnet einen tiefen Einblick in die jüdische Volksseele. Fürst Mes chtscherskij ist kein nachsichtiger Beurtheiler der Juden. Der „Grashdanin" hat das Feuer des Judenhasses in Rußland mächtig geschürt und sein Herausgeber hat die unglücklichen Opfer dieses Hasses noch mit Spott und Hohn überschattet. Aber trotz aller Berichte, welche über die russischen Judenverfolgungen vorliegen, hat man in Europa kaum eine richtige Vorstellung von den Leiden unserer Glaubensbrüder im Reiche des Czaren. Die meisten von ihnen sind über die Bannmeile ihres Geburtsortes nicht hinausgekommen, sie wissen kaum, daß es außerhalb Rußland noch eine Welt gibt, in welcher den Juden ein milderes Schicksal beschieden ist. Gewohnt, den härtesten Druck, das größte Unrecht mit Geduld zu ertraget, konnte der Entschluß zur Auswanderung in ihnen rhatsächlich nur durch die Unerträglichkeit ihres Daseins zur Reise kommen. Und diese Menschen, die in der Heimat gehetzt und verfolgt wurden wie das Wild, die jenseits des Oceans erst zur Erkenntniß ihrer Menschenwürde gelangen konnten und eine menschliche Existenz fanden, sie sehnen sich nach Rußland zurück, sie lauschen thränenden Auges den Klängen der heimatlichen Sprache, sie fühlen sich in ihrem neuen Vaterlande, wo sie das Leben freier Männer führen dürfen, als Verbannte. Tief ergreifend ist diese Treue und Anhänglichkeit der russischen Juden an die heimatliche Scholle, die sie ausgeschlossen hat. Aber nicht die russischen Juden allein sind es, denen das' Vaterlandsgefühl tief ins Herz gepflanzt ist. Von all' den Vorwürfen, welche der Antisemitismus gegen das jüdische Volk erhebt, ist keiner so unbegründet und keiner so verletzend, als die Behauptung, daß die Juden eine vaterlandslose Horde seien, daß ihnen die Vaterlandsliebe ein fremdes und unbekanntes Gefühl sei. Der Weg der socialen Entwicklung führt von der Familienangehörmkeit zum Stammesb'wußtsein, vom Stammesbewußtsein zum Volksbewußtsein und von diesem zum Heimatsgefühl. Die Liebe zur Heimat gehört mit zu den bezeichnendsten Culturmerkmalen eines Volkes. Aber auch die heftigsten Gegner der Inden leugnen zwei hervorragende Eigenschaften derselben nicht: Ihren hochentwickelten Fam'liensinn und ihre drei Jrhrtausende alte hochentwickelte Cultur. Und dennoch sollte gerade dem Juden, der alle Vorbedingungen dazu in erhöhtem Maße besitzt, das Heimatsgefühl mangeln? Dieses Volk, welches, aus hundertjähriger Knechtschaft erlöst, vierzig Jahre in der Wüste irren mußte, ehe es mit heldenmülhiger Tapferkeit sich ein Vaterland eroberte, dieses Volk, welches in schwärmerischen Metaphern von dem Segen und der Fruchtbarkeit der heimatlichen Scholle spricht, dieses Volk, welches oft und oft den Pflug mit dem Schwerte vertauschen mußte, um seine Aecker und Weideplätze gegen die Einfälle räuberischer Nachbarn zu vertheidigen, dieses Volk, welches sich unter den Trümmern seines Tempels begraben wollte und dessen Söhne klagend an den Ufern Babylons saßen, hätte kein Heimatsgefühl? Aber man spricht von der nachpalästinensischen Zeit! O, auch wir wvllen von dieser Zeit sprechen, denn erst in der Diaspora gelangt die ganze Hoheit nnd Herrlichkeit der jüdischen Volksseele, die ganze Tiefe und Innigkeit ihres Eirrpfindens zum Ausdrucke. Unter der milden Herrschaft der maurischen Khaliferr gewannen die Juden in Spanien ein neues Vaterland. Man weiß, was die spanische Zeit für die geistige Entwicklung des Judenthums bedeutet. Große Staatsmänner, Dichter und Gelehrte von Weltruf, die bedeutendsten Aerzte und Naturfoi scher gingen aus den Reihen der spanischen Juden hervor. Die Erinnerungen an diese glänzende Epoche des Juden.thums lebt noch heute ungeschwächt in den Herzen der sogenannten spaniolischen Juden, die sich über den ganzen Orient, über Jralien und Südfrankreich ausgebreitet haben. Aber nicht die Er innerung allein! Auch die Spracheder alten spanischen Heimat wird von diesen Juden heute noch im Exil treu gehegt und gepflegt und wie mächtig die Liebe zu dem allen Vaterlande ist, beweist das rührende Wort eines hervorragenden jüdischen Geschichtschreibers, der im Exil ein Wer k über Spanien geschrieben hatte und den Wunsch aussprach, es möge „dem Vaterlande" zur Ehre gereichen. Unwert von Saragossa erhebt sich ein eigenartiges Felsgebilde, welches „II 808pii'o del moro" („der Seufzer des Mauren") heißt. Die Sage geht, daß der letzte Maurenkönig Boabdil, als er von Ferdinand dem Katholischen vertrieben wurde, von hier aus noch einen letzten Blick und einen letzten Seufzer nach der geliebten Heimat gesendet habe. So stehen die spanischen Juden seit Jahrhunderten und richten ans weiter, weiter Ferne unausgesetzt ihre Blicke und ihre Serrszer nach der allen, spanischen Heimat. Ihr sociales und religiöses Leben ist noch immer verwachsen mit den süß-wehmruhigen Erinnerungen an die hispanische Glanzzeit. So weit geht dieses Vaterlandsbewußtsein, daß die spanischen Juden sich höher dünken, als ihre übrigen Glaubensgenossen. Man kennt die symbolische Bedeutung des Lulef und Eßrog, man weiß, wie alljährlich am Laubhüttenseste auch durch diese Erzeugnisse des gelobten Landes die Erinnerung an die alte palästinensische Heimat geweckt werden soll. Die spaniolischen Juden aber beziehen ihre Lnlef und Eßrog ausschließlich aus Spanien, dem Lande ihrer ewigen, ungestillten Sehnsucht, dem ihre Wünsche und ihre Seufzer gehören. Und dennoch hätte der Jude kein Heimatsgefühl? Man hat cs unseren Glaubensgenossen in der Welt wahrhaftig nicht leicht gemacht, sich ein solches zu erwerben und dennoch haben die Juden jederzeit Gut und Blut freudig geopfert für ihren Fürsten und für ihr Vaterland. Man erinnere sich nur mit welcher Leichcherzigkeit speciell der Deutsche seine Heimat vergißt, von seiner Nationalität sich lossagt, und sobald er eine neue Heimat erwirbt, die alte gerne verleugnet. Kein Geringerer als Fürst Bismarck hat dies constatirt und er sagte, die Deutschen besitzen die Gabe