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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-15 · 50 (15.12.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 968 Vrflrrrrichifchr Wvchrnschrifi Nr. 50 seines neuen Regimes durch die Antisemiten erkaufen. Aber er irrt sich, wenn er glaubt, daß die Opposition des Gemeinderathes mit diesem Preise zufriedengestellt werden kann. Was diese fordert, ist er selbst, seine eigene Person, und alle Lüge und Heuchelei, alle Schädigung und Untuwühlung seiner eigenen Partei wird diese persönliche Gegnerschaft nicht beseitigen. Er wird fallen und er muß fallen, und es wird gut sein, wenn er endlich fällt, denn mit ihm wird der gefährlichste Feind der liberalen Partei, den sie nur allzulange an ihrem Busen genährt hat, endlich unschädlich gemacht sein. Den jüdischen Mitgliedern des Gemeinderathes aber bleibt nach dem jüngsten Verrathe nur noch Eines zu thun übrig: Der soforti g e Austrit t aus dem fortschrittlichen Parteiverb ande. Die Deukfchnatwnalrn und dir» parlamentarische Coalition. Die 'deutschnationale Vereinigung unter Führung des Abgeordneten Steinwender ist im Begriffe, ihren Beitritt zur Coalition zu erklären. Diese Schwenkung konnte nur für diejenigen eine Ucberraschung sein, welche die langen Jahre her in Herrn Steinwender und seinen Getreuen lediglich die mehr oderweniger künstlichen Antipoden der Vereinigten deutschen Linken sahen. Herr Steinwender hatte seine persönlichen Gründe, stets das Gegentheil dessen zu sagen und zu thun, was Herr v. Plen er sagte und that. Aber das wahre Wesen seiner parlamentarischen Stellung erscheint durch diese persönliche Rivalität, die oft genug einen komischen Beigeschmack erhielt, nicht gekennzeichnet. Will man die Fraction Steinwender richtig charaklerillren, dann muß man constatieren, daß sie niemals etwas Anderes war, als die allergetrcueste Garde des Ministeriums Taaffe und ein fliegendes Hilfscorps des Grafen Hohenwart. Von jenem Freiheitssinn, welcher die Gefolgschaft Schönerer auszeichnet, war in der deutschnationalen Vereinigung niemals eine Spur zu finden. Politisch und wirthschaftlich ist sie den Elericalcn und Christlich-Socialen innig verwandt und es hat teure reactionäre Maßregel gegeben, der sie nicht aus vollem Herzen zugestimmt hätte. Herr Steinwender und seine Mannen waren vierzehn Jahre lang nichts anderes als Regierungsknechte, und da die liberale Pattei in Opposition gegen die Regierung stand, mußte sie naturgemäß ihre Aufgabe darin erblicken, der Vereinigten deutschen Linken bei jeder nur denkbaren Gelegenheit in den Rücken zu fallen. Der Zusammenschluß der coalnten Parteien und die Bildung eines Coalitionsministeriums hat nun Herrn Steinwender für einen Moment in arge Verlegenheit gebracht. Aus dem Schoße des Parlaments heraus entstand eine neue Regierung, die auf seine freiwilligen Dienste nicht angewiesen war und in welcher die von ihnen so lange befehdete liberale Partei nun bestimmenden Einfluß übte. Dazu kam noch der fatale Umstand, daß Herr v. P lener selbst ein Portefeuille in diesem Cabinet übernahm, Herr v. Plen er, an dem sich Herr Stein wender so gerne rieb, weil die Bedeutung eines solchen Gegners seiner eigenen Persönlichkeit ein ganz und gar unverdientes Relief gab. Aber der Mann mit den Cäsarenkopf und den hochtrabenden nationalen Phrasen war nur einen kurzen Augenblick im Zweifel, was er angesichts der neuen Situation zu thun hätte. Er konnte seine wahre Natur und seine Vergangenheit nichts erleugnen, die ihn anwiesen, auch der neuen Regierung die schleppe zu tragen, wie er sie der alten getragen harte. Und rasch entschlossen erklärt er, der Eoalition beizuireten, obwohl ihn Niemand hiezu aufgefordert, Niemand gerufen hatte. Der Eintritt der Fraction St ein wen der in die Regierungsmajorität ist jedoch unseres Erachtens kein Vortheil für die letztere, und vor Allem hätte die liberale Partei alle Ursache, sich die Herren Deutschnationalen so weit^ als möglich vom Leibe zu halten. Mit ihnen kommt ein Element der persönlichen Jntrigue und Ambition in die neue Majorität, welches stets geneigt sein wird, den von der Regierung verkündeten Grundsatz der Wahrheit und Offenheit in sein.Gegentheil zu verkehren. Dmch ihre Zahl und das Gewicht ihrer Talente hat heute die liberale Partei innerhalb der Eoalition eine beherrschende Stellung. Die Aufnahme der Fraction Steinwender in das parlamentarische Bündniß würde aber eine Schwächung dieser Position und eine wesentliche Verstärkung derjenigen des Grafen Hohenwart bedeuten, mit dem Herr Steinwender durch gleichartige Interessen und Bestrebungen innig verbunden ist. Der Polenclub, der Hohenwartclub und der Club der Vereinigten deutschen Linken repräsentiren drei parlamentarische Mächte, die auf der Basis fester politischer Grundsätze stehen und einander als ziemlich gleichwerthig gelten dürfen. Jede einzelne dieser Mächte weiß, was sie von den anderen zu erwarten hat, wie weit sie mit ihnen gehen kann, vor Allem aber, daß sie die geschlossene Vereinbarung ehrlich und ohne Hintergedanken halten wollen. Alle diese Voraussetzungen fehlen gegenüber Herrn Steinwender. Er ist persönlich unberechenbar und seine Partei ermangelt eines grundsätzlichen Programmes, welches in allen Fragen der parlamentarischen Taktik als sicherer Maßstab gelten könnte. Diese Partei ist den drei -großen Coalitionsgruppen nicht congenial, sie ist politisch unverläßlich und sie ist auch nicht verpflichtet, verläßlich zu sein, weil sie nicht durch eine Vertretung innerhalb des Ministeriums gebunden ist. Die Gruppe S t e i n w e n d e r wird innerhalb der Coalition das sein, was sie bisnun unter dem Regime des Grafen Taaffe außerhalb der Eoalition gewesen: EinHilsscorps des Hohenwartclub, welches mit seinem Schwergewicht alle reactionären Bestrebungen unterstützt und verstärkt. Das sind sehr schwerwiegende Erwägungen, welche wir vor Allem der liberalen Partei anheimgeben. Man kann ja Herrn Steinwender schließlich nicht verwehren, hinter der Eoalition einherzumarschieren und die Majorität durch sein Fähnlein freiwillig zu verstärken. Aber ihn als gleichberechtigtes Glied in die Organisation dieser Majorität aufzunehmen, davor muß im Ernste gewarnt werden. Von allen sonstigen Jnconvenienzen abgesehen, würde das Prestige der liberalen Partei durch eine solche Bundesgenossenschaft keineswegs gehoben und die Festigkeit der Coalttion nichts weniger als erhöht werden. _ Das Heimaksgefühl der russischen Juden. Fürst Meschtscherskij bringt im „Grashdanin" den Brief eines Großrussen über die Chicagoer Weltausstellung zur Veröffentlichung, in welchem es heißt: „Ihre Leser werden mißtrauisch den Kopf schütteln und das Nachfolgende nur schwer glauben wollen. Ich selbst war erstaunt, als ich die großartige Erscheinung zum ersten Male wahrgenommen hatte, und ich verhielt mich lange ebenfalls sehr skeptisch, bis ich mich endlich von der unverfälschten Echtheit überzeugt habe. Die Juden in den Vereinigten Staaten sind glühende russische Patrioten! Ich spreche selbstredend nur von den aus Rußland eiugewanderten Juden. Aber ‘ das genügt, und das ist lehrreich genug. Aeußerlich ganz ein Hankee geworden, mit glatt rasirtem Gesicht und kurz zugestutzren Haaren, hat der russische Jude in seiner Seele tiefsten Tiefen die wärmsten und aufrichtigsten Sympathien für die alte Hemrat bewahrt. In dichten Schaaren wallfahrten die Juden aus den entlegensten Winkeln der großen Union — Sie glauben wohl nach der Chicagoer Weltausstellung? Nein, so ureigentlich nach der russischen Abtheilung derselben und zu dem ausgesprochenen^Zweck, dort den ihnen noch immer lieben Lauten der ruffiscyen Sprache zu lauschen! Ost gab es Scenen der Rührung aus der Straße. Stehen da unser Zwei und plaudern arglos, nichts ahnend. Aber bereits nach einigen Minuten hatte sich ein kleiner Kreis

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