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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-08 · 49 (8.12.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 49 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 963 und hinfällig geworden, daß er mit seinem langen, schneeweißen Barte und seinen verfallenen Zügen, wie ein hundertjähriger Greis aussieht. Ich sage das blos, um zu erklären, daß der schwache Greis selbst nicht das Allergeringste zu seiner Befreiung thun kann, daß er, des Gehens ungewohnt, nicht einmal auf seinen eigenen Füßen den Kerker verlassen kann undaus diesem hinausgetragen werden muß, das aber wird große Schwierigkeiten bieten." „Von der vierten bis zu der fünften Etage befindet sich keine Stiege, nur ein leerer Raum; wenn ich oder meine Gehilfen hinaus gelangen wollen, müssen wir uns hierzu einer Strickleiter bedienen. Allein, auch wenn der Gefangene nicht ein schwacher Greis, sondern ein kräftiger Jüngling wäre, der, wenn seiner Fesseln ledig, durch einen Sprung, durch einen leeren Raum auf die Treppe des vierten Siockwelkes g.langcn könnte, ja, wenn er unbehindert die ganze S-uege h.-nuiferküme, könnte er sich doch aus dem Grunde nicht aus dem Thur me entfernen, weil sich im Erdgeschosse die Wachtstube befindet, in welcher sich fortwährend ein Lieutenant, ein Feldwebel, zwei Corporate und einundzwanzig Soldaten befinden. Alle diese bestechen zu wollen, wäre ebenso vergeblich als gefährlich, jeder Einzelne müßte befürchten, von den Andern denuncirt zu werden. Ueberdies bietet der mißtrauische Markgraf Alles auf, eine Flucht aus dem Mauerthurme, hauptsächlich jene Ihres Vaters, unmöglich zu machen." „Der abergläubische Mann ist überzeugt, Ihr Vater sei nur so lange seiner Macht über die Geister beraubt, als er den eisernen Ring um den Leib habe und über Wasser schwebe und er würde seine wiedergewonnene Macht dazu benützen, ihm alles Unglück, alle möglichen Gebreste, einen langsamen, schmerzhaften Tod anzuwünschen. Er läßt daher die Wachmannschaft sehr oft und ohne vorhergehende Anzeige wechseln. Es kommt häufig vor, daß wir mitten in der Nacht durch heftiges Klopfen am Thurmthor aus dem Schlafe geweckt werden und vor dem Thor ein Officier mit einem Trupp Soldaten steht, welcher die Wache abzulösen hat." „Endlich muß ich noch hinznfügen, daß der Mauerthurm mit seiner Rückseite an die Schwabach stößt und sich an der Rückwand gar kein Fenster oder irgend eine andere Oeffnung befindet. Nach dieser Darstellung der Sachlage könnten Sie, lieber Herr, zu der irrigen Ansicht gelangen, daß die Rettung Ihres Vaters zu den Unmöglichkeiten gehört. Das ist aber nicht der Fall, nur müssen hierbei alle Umstände geschickt benützt werd.en. Ein solcher ist es, daß außer mir, meinen Gehilfen und etwa noch den beiden Commissären, welche regelmäßig den Ersten jeden Monats die Zelle visitiren, kein Mensch in diese Zutritt hat. Wir können daher, sobald sich der Zeitpunkt sonst als geeignet darstellen wird, noch an demselben Tage, an welchem die Commissäre die Zelle untersucht haben, mit unseren Vorarbeiten beginnen und man kann, wenn man dreißig Tage Zeit hat, schon etwas Tüchtiges zu Wege bringen. Wir müssen nämlich das Dach so weit abdecken, daß wir eine Oeffnung in demselben gewinnen, durch welche Ihr Vater ins Freie gebracht werden kann. Mit den zwei Gehilfen, die ich bis jetzt gehabt hatte, hatte ich nichts anzufangen vermocht; sie waren zu nichts Großem angelegt, sie hätten sich weder der großen Gefahr ausgesetzt noch der schweren Arbeit unterzogen und sich damit begnügt, mit leichter Mühe dadurch ein mäßig Stück Geld vom Markgrafen zu ergattern, daß sie mich denuncirt, an den Galgen gebracht hätten. Aber zum Glück ist einer der Beiden gestorben und der Zweite, in Folge seiner Trunkenheit und Böllerei so krank, daß er zu dem beschwerlichen Dienste nicht mehr taugt und man ihn zum Teufel jagen mußte. Ich habe, lediglich aus Rücksicht für Sie und Ihren Vater, zwei tüchtige Kerle, die ich schon lange kenne und die man sich zu dem Geschäfte, das wir Vorhaben, gar nicht besser wünschen kann, zu diesem Amte empfohlen, und sie sind auch ausgenommen worden. Ich habe mit Beiden zusammen gedient, sie sind viel in der Welt herumgekommen und haben Manches mitgemacht, was ihnen eben in den Augen strenger Sittenrichter gerade nicht zur Ehre gereichen würde. Einer von den Beiden, Dietrich Bückler heißt er, ist sogar kein ungebildeter Mensch, er ist ein verdorbener Student, von dem ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, daß er eine Zeit lang ein Mitglied der berüchtigten Johann Wendler'schen Diebs- und Räuberbande war, die er erst dann verließ, als er der Behörde, nachdem ihm von dieser Straflosigkeit all' seiner Verbrechen zugesichert wurde, deren Versteck verrieth." Und als der Kerkermeister bemerkte, daß ich bei der Charakterschilderung des Manuc?. dcr bei der Rettung meines Vaters behilflich sein sollte, znsammenichauderte, fuhr er scherzhaft fort: „Wenn Sie für Ihr Fräulein Schwester einen Gatten suchten, würde ich Ihnen allerdings diese Männer nicht empfehlen, aber zu dem beabsichtigten Zwecke kann man sich keine passenderen wünschen, können sie nicht mit Gold ausgewogen werden. Mit Hilfe dieser beiden Leute werde ich die Oeffnung in dem Dache so erweitern, daß man durch diese Ihren Vater herausheben und auf das Dach wird setzen können. Ihn von da fortzubringen, wird dann Ihre Aufgabe sein. Es ist das nicht leicht, und auch das sage ich Ihnen voraus, es kann mißlingen, aber ich habe Aehnliches schon glücklich vollführen sehen. Ich will Ihnen nun auch das Nähere über die Art der Ausführung mittbeileu. Da eine Leiter, wenn sie den Dachrand des Thurmes erreichen soll, nicht auf dem schmalen Uferrand sondern ans der Eisfläche des Stromes aufgestellt werden muß, müssen wir abwarten. bis der Fluß gefroren ist. Die Leiter muß von einem parken Manne gehalten werden, um ein ver> hängnißvolles Abgleiten zu verhindern." _ (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Mystik und Kabbala. Bon Dr. Philipp Bloch (enthalten in der periodischen Schrift: „Die jüdische Literatur seit Abschluß des Canon", herausgegeben von Winter und W ü n s ch e. Trier 1893.) Seit einem halben Jahrhundert ist die Kabbala, in den Bannkreis der wissenschaftlichen Forschung gezogen, das Versuchsfeld scharfsinniger Combinationen geworden. Männer der Wissenschaft von hervorragendem Rufe — Frank, in dem Werke „La Kabbale“, der frühzeitig aus dem Leben geschiedene Landauer, in den hinterlassenen kritischen Forschungen, Dr. Jellinek, in einer langen Reihe kabbalistischer Studien, die beiden scharfsinnigen Polen: David Luria und Senior Sachs, und endlich aus diesen bedeutsamen Vorarbeiten das Facit ziehend, unser unsterblicher Geschichtsforscher Gr ätz — sie Alle haben ihren Epigonen nur höchstens noch die nicht mehr reichlich lohnende Arbeit einer spärlichen Nachlese überlassen. Das aus diesen kritischen Sonderungen gewonnene Resultat steht nunmehr bereits außerhalb jeder Discussion, daß nämlich die Kabbala ihrem ganzen Wesen nach erst eine Schöpfung des etwas späteren Mittelalters mit dem talmudischen und midraschischen Schriftthum nicht den losesten Zusammenhang besitze, ja selbst von dem in gaonäischer Zeit entstandenen mystischen Schriftthum sich ganz wesentlich unterscheide, indem letzteres tharsächlich noch als eine Art Fortentwicklung der midraschischen Hagada erscheint, während die am Beginne des 13. Jahrhunderts plötzlich erscheinende Kabbala ein ganz neuartiges Lehrgebäude — eine Art phantastischer Transcendental- Philosophie — aufsührte. Ja sogar diese Bezeichnung „Kabbala" ist erst die Erfindung dieser Zeit, hervorgegangen aus dem Streben, das völlig neue System unter die Autorität des Altcrthums zu stellen und ihm dadurch Anerkennung zu verschaffen. Selbst die Soharsrage ist heutzutage bereits als gelost zu betrachten, nachdem durch die Consrontirung schlagender Parallelen aus Schriften Mose de Leons und aus dem Sohar — nachgewiesen zuerst durch Dr. Jellinek und fortgesetzt durch Gr ätz — die Autorschaft des Sohar nunmehr außer jedem Zweifel steht. Nach dieser Sachlage wird es klar, daß auf diesem Gebiete neue kritische Gesichtspunkte von Belang sich kaum mehr ergeben dürften. Dennoch kann die hier angezergte Schrift des gelehrten Verfassers das Interesse der Leser vollauf für sich in Anspruch nehmen, da sie die gesammte Literatur sowohl des gaonäischen Mysticismus als auch der späteren Kabbala geschichtlich aneinander reiht urrd durch eine triftige Auswahl aus jeder einzelnen dieser Schriften den Leser mit dem Gerste und Gedankengange derselben bekannt macht.

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