Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 962 Vesterreichifrtze Wochenschrift Nr. 49 — Konnten die Juden denn auch den ganzen Tag auf der Bärenhaut liegen? Das Handelsgeivcrbe ließ unseren Vätern keine Zeit zum Spielen und an den Sabbath- und Feiertagen war das Spielen schon wegen der Gesetze des Tages verboten. Die Juden beschränkten das Tranderl-Spielen nur auf die Chanuckazeit. — Gab's denn bei den früheren Juden außer dieser nicht auch noch andere Recreationstage? Ich glaube etwas von Halbfeiertagen gelernt zu haben. — Für euch, Junge, gibts keine ganzen und keine halben Feiertage. Ja, wir Juden haben auch Halbfeiectage, an denen das Hantiren mit dem Tranderl gestattet gewesen wäre, aber man hat dieses Spiel doch nur in der Chanucka-Zeit geübt, was wieder von der Verdeutschung der Juden zeugt. — Wieso denn dieses? — Du wirst doch die deutsche Mythologie kennen, junger Deutscher? Die Germanen feierten zur Wintersonnenwende ihr großes, der Umkehr des feurigen Sonnenrades geltendes Julfest und glaubten in diesen Nächten ein persönliches Umziehen und Eingreifen ihrer großen Götter, des Wuotan, der Berchta u. s. w. zu verspüren. Der vornehmste Brauch dieser Nächte war, die Götter zu versuchen, das Schicksal des nächsten Jahres zu erforschen. Und wenn sie auch zu allen Zeiten spielten, so spielten sie in diesen Nächten mit dem Eifer eines Cultus, in welchem sie ein Zeichen von den Göttern erwarteten. Das Spielen in den Nächten um das Julfest war bei ihnen ein heiliges Spielen. Und noch eine zweite Sitte hatten die alten Deutschen in diesen Nächten — das Bleigießen. Von den Formen, die das geschmolzene Blei annahm, weissagten sie sich die Zukunft. Die Juden hatten sich nun so verdeutscht, daß sie in den Chanuckanächten, die ungefähr nrit den Nächten vor dem Julfest zusammenfielen, die Bräuche und Sitten dieser annahmen, in erster Linie das Spielen und das Bleigießen; aber sie verbanden beides sie goßen das Blei in eine in Holz geschnitzte Form, aus welcher das Tranderl hervorging, und mit dem Tranderl-Spiel wurden dann die Chanucka-Abende verjubelt. Mit der Zeit ging sogar das Bewußtsein von der Entlehnung dieser Sitten bei den Juden verloren und sie hielten das Spielen am Chanucka für einen integrirenden Theil der Chanuckafeier, für eine geheiligte Sitte, so daß beispielsweise in Gemeinden, wo auf das Spielen überhaupt der Bann gelegt wurde, wie z. B. in Eisenstadt, die Chanuckazeit ausgenommen war. Und gerade weil man es für jüdisch-religiöse Sitte hielt, wurde es von dem modernen deutschen Judenthume aufgelassen. Ich habe das letzte Tranderl aufbewahrt. — Aber Großpapa, ich werde es doch sehen dürfen. — Es soll Dir sogar gehören. Du bist doch gewiß, wie alle modernen Gelehrten, auch ein Antiquitäten-Sammler. In fünfzig Jahren wird man vielleicht über diesen Gegenstand Deiner Sammlung eine ganze Literatur schreiben — wozu er diente, wem er diente und was die vier Buchstaben darauf bedeuten. Niemand wird darauf kommen, daß das Tranderl ein Stück deutscher Culturgeschichte ist. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetz ungs 36) rechte Vorbehalten.) „Wußten Ihre Mutter und Ihre Schwester, um Ihre Verhandlungen mit Deidelsheimer?" frug Wertheimer. „Es war dies nicht zu vermeiden. Die klugen Frauen konnten sich über den Zweck seiner Anwesenheit in Harzgerode nicht täuschen, auch war die zu besprechende Angelegenheit von so großer Wichtigkeit, daß ich hierbei des Rathes und auch der Zustimmung meiner Mutter nicht entbehren mochte." „Konnten Sie denn an der Zustimmung Ihrer Mutter einen Augenblick zweifeln?" frug Perez Markbreirer. „Gewiß!.Während meine Mutter es früher nicht erwarten konnte, daß irgend ein Schritt zur Rettung des Vaters unternommen würde, war sie jetzt, als unser Plan zur Ausführung reifen sollte, zaghaft geworden, und es erschien dies, wenn die Angelegenheit von allen Seiten erwogen wurde, auch begreiflich. Es' war sehr zweifelhaft, ob der Rettungsversuch gelingen werde, mißlang er aber — dann war auch mein Schicksal besiiegelt und Mutter und Schwester hatten nicht nur den Gatten und Vater verloren, auch der Sohn und Bruder war einem furchtbaren Lose verfallen! Bei einer Unterredung, die wir mit Deidelsheimer pstogen und bei welcher sich die große Gefährlichkeit meines Wagnisses deutlich herausstellte, war ihre heiße Mutterliebe in Heller Lohe emporgeschlagen und sie stieß plötzlich die Worte aus: „Nein, nein, mein Sohn, das kann ich nicht gestatten! Jst's nicht genug, daß mein Gatte im Kerker schmachtet!! Soll ich befürchten müssen, auch Dich in furchtbarster Weise zu verlieren? .... Ich kenne Deinen edlen Vater; wüßte er um Dein tollkühnes Vorhaben, er würde Dir's ebenso wie ich verbieten!" „Ich bin selbst Vater, ich kann das, was Ihre Mutter fühlte, begreifen", sprach Wertheimer und wischte sich eine Thräne aus dem Auge. „Ich wurde ein Raub der Verzweiflung; ich konnte ebensowenig den Plan zur Rettung meines Vaters anfgeben, als meiner Mutter den Gehorsam versagen — und es war meine herrliche Schwester Eva. welche meine Mutter umzustimmen verstand. „Ich liebe Rafael nicht weniger als Du," sprach sie, „aber vertrauen wir auf den allmächtigen, allbarmherzigen Gott, der Daniel aus der Löweugrube, die drei Jünglinge aus der Gluth des Kalkofens gerettet hat, er wird auch unserem Rafael beistehen, er wird einen Menschen, weil er seine Sohnespflicht erfüllen will, nicht verderben lassen" — und meine Mutter entschloß sich, sich in das zu fügen, was ihr als das Nothwendige dargestellt wurde." „O! ich habe das Gottvertrauen Ihrer Schwester und die wunderbare Macht ihrer Trostworte, schon als ich sie das Erstemal erblickte, kennen und bewundern gelernt!" rief Perez Markbreiter. „Ich ergriff nun alle Maßregeln, die mir in unserer Lage nothwendig erschienen. Ich behielt hunderttausend Gulden baares Geld bei mir; ich — bedurfte für den Kerkermeister uüd dessen Gehilfen eine große Summe und wollte für alle Fälle einen großen Betrag bei mir führen — unser gesammtes andere Vermögen aber deponirte ich bei dem königlich-polnischen und kurfürstlich sächsischen Generalproveditor und Hofagenten, Jonas Meyer in Dresden, einem redlichen, verläßlichen Manne, dann fuhr ich vorläufig zu einer Besprechung mit dem Kerkermeister Winador nach dem Ansbachschen. Deidelsheimer.hatte alles aufgeboten, um die Gefahr einer vorzeitigen Entdeckung zu vermindern. Wir, Deidelsheimer, der Kerkermeister und ich, kamen mitten in der Nacht, in einem ganz einsam gelegenen, verfallenen Forsthause zusammen. Winador zählte zu jenen Menschen, wie man sie in unserer Zeit häufig unter alten ausgedienten Soldaten findet. Er hatte seine Eltern fast gar nicht gekannt, war nie verheiratet gewesen und stand blos mit seinem älteren Bruder in Ungarn, zu dem er auch zu ziehen beabsichtigte, in Briefwechsel. Er hatte unter den verschiedensten Fahnen gedient, hatte aber, wenn er regelmäßig Sold erhielt, ebenso eifrig für Jene gekämpft, denen er wenige Wochen zuvor als Feind gegenüberstand, als für Jene, die er vor Kurzem verlassen. Er war gewohnt, für ganz geringes Geld, für eine Sache, die ihn gar nicht interessirte, sein Leben einzusetzen, umsomehr that er dies da, wo er ein Vermögen gewinnen konnte, in dessen Besitz zu gelangen er in den kühnsten seiner Träume nicht gehofft. Er hatte das Unternehmen sehr reiflich durchdacht und erwogen und seine Ausführungen hatten meinen Mnth, der zuweilen angesichts der Schwierigkeiten, die sich der Erreichung meines Zieles entgegenstemmten, zu sinken begann, immer wieder gehoben. Er batte einen mit einigen Strichen entworfenen Situationsplan des Mauerthurmes mitgebracht, welcher genau der Wirklichkeit und der Beschreibung, die Deidelsheimer von diesem gegeben, entsprach. „Ihr Vater," begann er seine Auseinandersetzungen, „sitzt in der am böchsten Punkte befindlichen Zelle, die einen hervorspringenden Erker bildet. Der kleine, niedrige Raum empfängt das spärliche Licht durch eine Oeffnung im Dache. Ihr Vater ist nicht nur an Händen und Füßen gefesselt, sondern überdies durch einen um seinen Leib gelegten eisernen Ring an die Kerkerwand geschmiedet. Die Zelle ist so niedrig, daß der Gefangene nicht aufrecht stehen kann und daher fortwährend eine gebückte Stellung einnehmen muß. Er ist dadurch und auch weil er hartnäckig die Annahme jeder Speise, außer trockenes Brot, verweigert, während der Zeit feiner Gefangenschaft so schwach