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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-08 · 49 (8.12.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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W»W5HSMSasarar«W Nr. 49 Oesterretchtfche Mortzrnfchrtst Sette 961 sprachen, in deren Namen der Zeugschmied Bernhard Kaiser den Dank aussprach. 1600 fl. wurden als Unterstützung, 1200 fl. als Stipendien bewilligt. Glogau, 23. November. Herr Immanuel Landsberger, der erste Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde ist mit überwiegender Majorität zum S t a d t r a t h gewählt worden. Kattowitz, 24. November. Die hiesige Schuldeputation hat einen Lehrer jüdischer Confession, Dr. Fischer zum Rector der höheren Mädchenschule, einer Simultanschule, gewählt, was verschiedene christliche Familien veranlaßt haben soll, bei der Regierung in Oppeln Protest zu erheben und zu bitten, dieser Wahl die Bestätigung zu versagen. Przemysl. In letzter Zeit beginnt das Bereinswesen in unserer Gemeinde sich lebhafter zu entwickeln. Vorige Woche hielt, wie bereits gemeldet, der literarische Verein „Jeschurun" seine erste Generalversammlung ab und Sonntag am 3. l. M. wurde die constituirende Generalversammlung eines, ähnlichen, Liesen sozusagen ergänzenden, mehr Humanitären Vereines abgehalten. Es ist dies ein Verein zur Colonisation Palästinas und Syriens durch unbemittelte, obdachlose Inden unter dem Namen „Zion". Bei dieser Gelegenheit hielt der geistreiche Rabbinatscandidat Herr L. M. Landau eine gelungene, begeisternde Ansprache, welche fast Satz für Satz durch 'Beifallssalven unterbrochen wurde. Herr M ermelst ein sprach über eine halbe Stunde in hebräischer und Herr Dr. Korn Häuser in polnischer Sprache. Auch diesen Rednern wurde reichlich Beifall gezollt. Bei der Constituirung wurde Herr Marcus Sch welkes zum Präsidenten und Herr L. M. Landau zum Vice-Präsidenten gewählt. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren: Samuel B o g a c z, Samuel K n o l l e r, Dr. Korn hä user, Schm. Landau, Victor Me rm elfte in, Salom on Morgen roth und Samuel S ch w e b e r, als Ersatzmänner die Herren: Hermann Löwenth a l und Nehemjas Rosen bl um. Aus Sachsen, 18. November. Einem für die antisemitische Reformpartei eifrig eintretenden Lehrer in Radeberg in Sachsen ist durch den Schuldirector auf Veranlassung des Schulvorstandes ein ernster Verweis ertheilt worden. München, 22. November. Die Stadtverwaltung hat der jüdischen Gemeinde zum Bau der neuen Synagoge eine Subvention von 10.000 Mark bewilligt. Dortmund, 26. November. Ein Oberlehrer am Realgymnasium, B., Vorsitzender des antisemitischen Vereins, glaubte, es mit der Würde seines Berufes vereinbar zu finden, einen jüdischen Schüler fortwährend zu beleidigen, so daß seine Eltern sich genöthigt sahen, ihn von der Schule fortzunehmen. Die Angelegenheit wurde vor das Provinzialschul-Collegium zu 'Münster gebracht, welches nach Untersuchung des Falles den Lehrer vorläufig vom Dienste suspendirte. Berlin, 29. November. Wie wir dem „Berliner Gemeindekalender für 1894" entnehmen, betrug im Jahre 1891 der Antheil der Mischehen unter den neugeschlossenen Ehen 1491 auf das Tausend, während der Antheil derselben unter den stehenden Ehen der Volkszählung nur 102'5 vom Tausend war. Angehörige derselben Confession heirateten von den Evangelischen 92°8 der Männer, 60 der Frauen, von den Juden 86'9 Perzent der Männer, 88 9 der Frauen, von den Katholiken 32 2 Perzent der Männer, 39°9 der Frauen, von den Dissidenten 13 Perzent der Männer, 38 der Frauen. Berlin, 28. November. Im Alter von 71 Jahren ist am 25. d. M. der in weitesten Kreisen bekannte Geh. Commerzienrath Salomon L a ch m a n n nach längerem Leiden gestorben. In ihm hat die jüdische Gemeinde ein ebenso angesehenes, wie wohlthätiges Mitglied und das Judenthum einen seiner treuesten Bekenner verloren. In zahlreichen Vereinen hat der Verstorbene Jahrzehnte lang Ehrenämter mit Fleiß und Eifer verwaltet. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben. .n o ♦:*) (Eine kulturgeschichtliche Plauderei.) — Was bedeuten diese vier Zeichen, Willi? — Großpapa meinen, ich habe mein Hebräisch aus der Religion schon ganz vergessen? Nur zwischen en und ge Hab' *) Die vier Buchstabeu bilden eine Abbreviatur der vier Worte □& "n Vru ich niemals einen rechten Unterschied gekannt; von den ersten zwei Zeichen ist jedenfalls eins ein gesund eins ein en. — Das erste, mein Sohn, ist ein en und das zweite ein ge. Nun weiter! — Das dritte ist ein ha und das vierte ein sche. — Sehr brav, Junge, du bist ein vortrefflicher Hebraist. Doch was bedeuten diese vier Buchstaben als Abkürzungen von Wörtern. — Das weiß ich nicht. Gewiß irgend eine Zauberformel wie z. B. Abrakadabra. Aber Kabbala haben wir in der Religion nicht gelernt. — Du irrst, Willi, es sind die Aufaugsbuchstaben von vier gutdeutschen Wörtern, nur mit hebräischen Buchstaben bezeichnet. — Ich Hab' es schon gehört, daß die Juden ehemals das Deutsche mit hebräischen Buchstaben schrieben; welch' häßliche Corruption des Deutschthums. — Wieso Corruption, mein junger Gelehrter? Weißt du denn nicht, daß sich die deutschen Buchstaben erst aus den lateinischen entwickelten, die lateinischen aber aus den griechischen und die griechischen selbst aus den semitischen. Sie tragen daher auch noch den semitischen Namen Alpha-Bet. Zweifellos haben die Juden die deutsche Sprache schon geschrieben, ehe bie Germanen noch die Schreibkunst kannten. Denn die Juden sind mit den römischen Legionen an den Rhein und die Donau gekommen, und die Kinder der jüdischen Ansiedler, welche als Handeltreibende mit dem Volke verkehrten, haben ganz gewiß schon deutsch gesprochen und die deutsche Sprache mit ihrer hebräischen Schrift geschrieben, nachdem es noch keine deutsche Schrift gab. Die deutschen Juden haben im Verkehre unter sich ihre Schriftzeichen beibehalten auch noch als die andern Deutschen durch die Kirche Römlinge wurden und von römischen Priestern die Schreibekunst lernten. Die deutsche Sprache mit hebräischer Schrift ist also jedenfalls älter als die deutsche Sprache mit der sogenannten deutschen Schrift. — Und was bedeuten diese vier hebräischen Buchstabeu als abgekürzte deutsche Wörter? — Sie bedeuten: Nichts, ganz halb, stell ein. — Aha, ich merke schon. Diese vier Buchstaben bezeichnen die verschiedenen Chancen bei einem Spiele. Gewiß bei einem Würfelspiel. — Nein, mein Sohn, kein eigentliches Würfelspicl.'Ein Würfel hat sechs gleiche Seiten, der Gegenstand dieses Spieles aber hatte nur vier und zwei entgegengesetzte Seiten liefen in Zapfen aus, in einen kleineren zugespitzten und einen größeren, den man beim Spiele zwischen Daumen und Mittelfinger faßte und losschnalzte, daß das Ding eine Weile auf der Tischplatte herumtanzte, bis es endlich sank und der Buchstabe auf der nach oben gekehrten Seite die Chance anzeigte, die der Spieler gemacht: nichts, den ganzen Einsatz, den halben oder er mußte den Einsatz noch dazu stellen. — Also ein Kreisel, anstatt des Würfels. — Ja, cs hieß aber nicht Kreisel, sondern Trander, diminutiv Tranderl, und es zeugt von dem Alter dieses Spieles, daß das Wort unter allen germanischen Sprachzweigen nur noch im Englischen vorhanden ist. — Also doch ein deutsches Spiel. — Wir Juden haben ja das Spielen überha' pt von den Deutschen gelernt. Bei uns Juden war es eins oer größten Laster. Ein Spieler durfte keine Zeugenschaft oblegen. Bei den Deutschen war und ist es noch eins der drei National-Tugenden, die da heißen: sich schlagen, trinken, spielen. Gott sei Dank, haben wir nur das eine von ihnen gelernt und sind lange noch nicht so ergeben darin, wie sie, wie erst jüngst der Spielerproceß in Hannover zeigte, in welchem die Blüthe dcr modernen Teutonen, die junkerlichen Officiere, eine hervorragende Rolle spielte. Wir Juden haben aber auch gleich von vc.neherein in das Spielen unsere besondere Weltauffassung gelegt. Die Germanen zeigten mit dem Würfelspiel, wie sie Alles vom blinden Zufall hielten. Wir Juden haben aus dem Wüiffel das Tranderl gemacht, das erst kreist und kreist bis es sinkt und über Glück oder Unglück entscheidet, womit Ursache und Wirkung und der dazwischen liegende Kampf bei jedem Geschicke, symbolisirt ist. — Und haben die Juden auch immer Tranderl gespielt, wie die Deutschen Würfel?

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