Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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’Jit. 49 Drkterrrirtziktze WmtzrnkchrM Seite 959 liches Leben heute vergiftet, und darum saß sie gestern mit auf der Anklagebank. Berlin, 27. November. Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen! Noch ist jedes antisemitische Herz schmerzlich berührt durch den traurigen Ausfall der Stadtverordnetenwahlen, da ertönt die frohe Botschaft, daß noch nicht Alles in Berlin verloren sei und in der Berliner Jugend sich „die sittliche Wiedergeburt des germanischen Stammes" vorbereite. In der Quarta des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums hat sich ein „Deutsch-antisemitischer Schüler-Verein" gebildet, der die „Arroganz" der jüdischen Mitschüler, welche die besten Plätze in der Classe einnehmen, bekämpft, sie Bricht an den Spielen theiluehmen läßt und sonstige bahnbrechende Reformen plant! Man munkelt bereits, daß der Verein gegen die Anstellung jüdischer Lehrer vorstellig werden wolle, und auch solche Lehrer, welche der überzeugungstreue Antisemit mit „Judengenossen" bezeichnet, von der Schule fernhalten möchte. Unter diesen Umständen scheint die Stellung des Directors S ch wal be ziemlich erschüttert, obwohl der Ordinarius der Quarta in gänzlicher Verkennung der Absichten der ahlwardtisch inspirirten Jugend inzwischen ein Strafgericht über die germanischen Zöglinge verhängt hat. Deutfch-Prausmtz, am 22. November. (Besitz w e cf) f el.) Ende vorigen Monats hat Herr Leopold Kraus, Leinen- und Baumwollwanrenfabrikaiit, seinen schären Besitzstand, der der ganzen Gemeinde zur Zierde gereicht, mit dem ganzen Waarenlager an die Firma Popper u. Sommernitz aus Gesundheitsrücksichten verkauft und wird der genannte Herr mit seiner allseits hochgcschä ten Frau Gemalin seinen künftigen Aufenthalt in einer größeren St.rdt nehmen. Als sich die Nachricht hievon im Dorfe verbreitete, gab es wohl keinen Menschen, der nicht sein lebhaftes Bedauern über den vollzogenen Besitz- und besonders über den bevorstehenden Domicilwechsel ausgesprochen hätte, denn Herr Kraus war eine der geachtetften und beliebtesten Personen unseres Ortes. Seit dem Jahre 1860 hier ansässig, hat sich derselbe mit seiner allverehrten Frau Gemalin durch ]'ein_ rechtliches, gemeinnütziges und wohlwollendes Wirken stets die größte'Hochachtung und Werthschätzung erworben. Seit 21 Jahren ist er Mitglied der Gemeindevertretung. Ste*s bemüht, das Vertrauen seiner^Wähler ^u.-,rechtfertigen. ..fehlte-er fast nie bei beu Sitzungen, in denen über das Wohl der Gemeinde oder deren Insassen berathen wurde. Seine sachlichen Erläuterungen, seine wohlmeinenden Rathschläge und das entgegengebrachte Wohlwollen fanden dabei stets die verdiente'Berücksichtigung. .Galt es. das Ansehen der Gemeinde zu wahren oder zu heben, wurde etwas Gemeinnütziges für die Zukunft des Ortes angestrebt, immer stand Herr Krau 's mit an der Spitze derjenigen, welche die gute Sache verwirklichen halfen, auch wenn er selbst größere Opfer hiefür bringen mußte. Wenn ihm daher die Gemeinde seinerzeit aus eigenem Antriebe die Ehrenmitgliedschaft verlieh, so zeigt das, daß seine Verdienste schon damals allgemein anerkannt und gewürdigt wurden, wie dies heute in erhöhtem. Maße noch der Fall ist. Im Jahre 1879 wurde er auch in ' eit Ortsschnlrath berufen und bekleidete von 18 2 bis 1889 das Amt eines Orts-Schnl Inspektors. -Obzwar Herr K r a u s vor der ge nannten Zeit der Schule schon das größte Interesse entgegenbrachte und für dieselbe stets eine offene Hand hatte, so hat sich sein Wohlthätigkeitssiun erst während der genannten Zeit im schönsten Sinne gezeigt. Fast alle die schönen Bilder, welche die Lehrzimmer zieren, sowie viele Unterrichtsbehelfe verdankt unsere Schule dem genannten Herrn und seiner hochherzigen Frau Gemalin. Arme Schulkinder, sowie die Kinder guter Bekannten und Nachbarn beschenkte die genannte Familie jedes Jahr zu Weihnachten reichlich, theilte Gaben aus bei Kinderfesten und fühlte sich stets glücklich, wenn sie Andere beglücken konnte. Herr Kraus war auch ein eifriger Förderer nnd Gönner der hiesigen Feuerwehr und verdankt selbe diesem ihrem langjährigen Ausschußmitgliede so manche Unterstützung, die dasselbe der erwähnten Körperschaft bei allen sich darbietenden Anlässen zukommen ließ. Seine unermüdliche Thätigkeit, gepaart mit strenger Rechtlichkeit, war von segensreichen Folgen begleitet und seine Wohlhabenheit gestattete Herrn Kraus auch derer zu gedenken, welche von irdischen Glücksgüteru weniger bedacht sind. Die hiesigeit Ortsarmen, viele Kranke, die erwähnten Kinder n. A. werden sich jederzeit seines wohlthätigen Sinnes gern dankbarst erinnern und ihm, sowie seiner liebenswürdigen und ebenso mildthätigen Frau Gemalin ein warmes Andenken bewahren. Wenn demnach das bevorstehende Scheiden des Herrn Kraus und seiner allverehrten Frau Gemalin schon jetzt allseits bedauert wird, so ist dies nur eine begründete und gerechte Folge der vielen großen Verdienste, die sich diese beiden edlen Menschenfreunde hier erworben. Paris. M. David Rayn al, welcher der gemäßigten republikanischen Partei angehört und zweimal Minister für öffentliche Arbeiten war, wurde nach Rücktritt des Ministeriums Dupay vom Präsidenten C a r n o t eingeladen, ein Cabinet zu bilden. M. Raynal hat jedoch diese ehrenvolle Aufforderung abgelehnt und es vorgezogen, als Minister des Innern in das nunmehr gebildete Cabinet Casimir Ptzrier einzutreten. Paris. Die Akademie hat in ihrer feierlichen Sitzung vom 16. November den Monthyon-Preis dem Herrn Ferdinand Dreyfuß für sein Werk über Internationale Schiedsgerichte und einen weiteren Preis dem Commandanten W e i l l für sein Werk über den Feldzug 1815 zuerkannt. Der Preis von 2000 Frcs. für das beste Werk über den Dichter B oursault wurde Herrn Joses Hermann zugewiesen. London. Der bekannte und geachtete Präsident des jüdischen Hospitals und Waisenasyls Tr. Henry B e h r e n d ist gestorben. Derselbe war auch ans medicinischem Gebiete als Schriftsteller thätig, und ist seine letzte Abhandlung über die Uebertragung von Krankheiten durch Thiere, in welcher er namentlich die jüdischen Vorschriften über strenge Fleischbeschau hervorhob, noch lebhaft erinnerlich. Wien. („Oesterr.-israelitische Union.") Samstag, den 9. December 1893, Abends 7'/., Uhr, findet im Restaurant Kühner, I., Schottenring Nr. 19,' eine Bereinsversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt. Tagesordnung: 1. Mittheilungen des Vorstandes. 2. Vorfrag des Herrn Reichsrathsabgeordneten Carl Wrabetz: „Die neue politische Situation." 3. Anträge und Interpellationen. Wien. (Trauungen.) Sonntag, den 3.^Decembe 1893 wurden getraut: Herr Max Kärpel mit Frl. Jenny Steinschneider; Herr Friedrich Kraus mit Frl. Olga Stein; Herr Oscar Sametz mit Frl. Rosalia Herzl; Herr Albert Baruch mit Frl. Seraphine Bellak; Herr Sigmund Knöpslmacher mit Frl. Katharina Grund; Herr Fischet David Wieselthier mit Fr. Rebekka Verkauf geborene S ch a p i r a; Herr Leo Max Wagner mit Frl. Josefine Kern. Wien, 4. December. (Rabbiner S a l o m o n Spitzer.) Heute Abends ist hier der Rabbiner des Bethauses in der Schiffgasse, Herr Salomon Spitzer, 69 Jahre alt, nach kurzem Leiden gestorben. Er hat durch vierzig Jahre in Wien als Rabbiner gewirkt, war der Führer der Israeliten orthodoxer Richtung in Wien und wegen seiner Gelehrsamkeit vielfach bekannt und geschätzt. Rabbiner Spitzer war ein Schwiegersohn des berühmten Preßburger Oberrabbiners Moses Sofer, galt selber als eine talmudische Autorität ersten Ranges, in seinen religiösen Anschauungen von unbeugsamer Ueberzeugung und einer stahlstarken Festigkeit, welche jedes Transigiren als Verrath brandmarkte. In seinen letzten Lebensjahren trug er sich mit dem Gedanken, nach Palästina auszuwandern. Er wollte im heiligen Lande begraben werden. Indessen das Geschick hat es anders beschlossen. Die Leiche wurde zur Beerdigung Mittwoch am 6. d. nach Preßburg überführt. Die Straßenlaternen der Schiffgasse waren angezündet und vor dem Trauerhause versammelte sich nahezu die gesammte orthodoxe Gemeinde. Außerdem bemerkte man di? Rabbinen Fleißig, Dr. S ch m ie dl, Dr. Gelbhaus; vom CultnsVorstand den Landesschnlrath Dr. Gustav K o h n und Architekten Max Fleischer als Präses des Tempelvereines der westlichen Bezirke; den Vorsteher der Chewra- Kadischa Dr. Markus Spitzer, den Präses des Tempelvereines für den IX. Bezirk G. B e t t e l h e i m, die Tempelvorsteher Markus B o n d i und A. Schrame k. den Gesammtvorstand des polnisch-israelitischen Tempelvereines. Man sah ferner den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch und den Secrctär der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Lieben. Nachdem der Schwiegersohn des Verblichenen, Rabbiner K o h n, dem Heimgegangenen Vater einen schmerzlichen Nachruf hielt, ergriff das Wort Herr Oberrabbiner Kuttna aus E i s e n st a d t, ein Jugendfreund des Verstorbenen, zu einer groß angelegten Gedenkrede, welche die dichtgedrängte Trauerversammlung tief ergriffen hat.