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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-08 · 49 (8.12.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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©die 958 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 49 Gebote stehenden Mittel und der strengsten Erfüllung seiner literarischen Pflichten. Czeruolvitz. (E x h o r t e n für das Militär.) Wir haben bereits mitgetheilt, daß der hiesige israelitische Cultusvorstand mit Zustimmung der competenten Kreise für die israelitischen Schüler der Mittelschulen und für die jüdische Mannschaft der hiesigen Garnison Exhorten eingeführt hat. die der Herr Oberrabiner Dr. R o s e n f e l d mit denselben einbeziehungsweise zweimal monatlich im Tempel abhält. Selbstverständlich ist die Einrichtung getroffen, daß Militär und Schüler nicht zusammen, sondern an gesonderten Tagen zu den Exhnrten erscheinen. Gestern, Freitag, um 726 Uhr Abends war das Militär an der Reihe und erschien die jüdische Mannschaft, von Officieren gesübrt, en paiade im Tempel, wo Herr R o s e n h e ck den Gottesdienst celebrirte und Herr Dr. R o s e n f e l d der jungen Kriegerschaar in schwungvoller und zu Gemüthe gehender Weise über das Wesen der Exhorte, über die Bedeutung der Religion und über die erhebende und läuternde Wirkung wahrer Religiosität predigte. Die Predigt übte sichtlich tiefen Eindruck auf die Zuhörerschaft, so daß es wahrscheinlich ist. daß der Tempelgang den tapfern Soldaten eine Erbauung und eine Befriedigung sein wird. Die Einführung der Exhorten hat, wie wir hören, die lebhafteste Zustimmung in Militärkreisen erhalten, und wird angenommen, daß diese Zustimmung bei der seitens des Herrn Generalmajors v>. M a r n e g g Herrn Dr. Rosenfeld abgestatteten Gegenvisite hätte zum Ausdruck gelangen sollen. Dem Gottesdienste tvohnten auch die Herren Oberst v. Manojl o w i c z, Oberstlieutenant U n c z v w s k i, Major Gottfried u. a. höhere Officiere bei. Czeruolvitz, am 28. November. (Akademische Ver bind ung'„Ha smonaea".) Die akademische Verbindung „Has monaea" feierte am 25. d. M. die Eröffnnngs Festkneipe ihres V. Semesters in den mit Wappen, Fahnen und Schlägern reich und geschmackvoll decorirten Saale des „Hotel Russie." Der Präses der Verbindung, Herr 8tu«l. jur. Mäher Ebner eröffnete den Festabend mit dem altehrwürdigen, studentischen Liede „Gaufleannis igitur“, worauf er die erschienenen Festgäste begrüßte und herzlich willkommen hieß. Es waren erschienen: Seine Magnificenz der Rector Prof. Dr. K l e in w ä ch tc r, Se. Ehrwürden der Oberrabbiner Dr. Rosenfe ld, das Ehrenmitglied der Verbindung Universitäts-Professor Dr. H i l b e r g, Gemeinderath Dr. Sträuchen, Gemeinderath Gerbel, Apotheker Dr. Barbetz, Dr. Lnttinger, Dr. C Hajes und viele andere Förderer und Freunde der Verbindung. Bürger von Czernowitz. Lemberg und Radautz, Commilitoncn und Bundesbrüder. Nach Absingung des Bundesliedes ergriff der Präsident der Verbindung Herr Ebner das Wort und entwarf in einer glänzenden Sprache ein Bild der traurigen Lage des jüdischen Volkes, das sich trotz Judenverfolgungen im Westen, trotz Schimpf und Hetze in Vertretungskörpern, öffentlichen Versammlungen und Zeitungen einer entehrenden und nutzlosen Assimilation hingebe. Statt dessen empfahl der Redner ein selbstbewußtes jüdisches Fühlen, die Pflege jüdischen Geistes und Wissens. Selbstachtung ist die nothwendige Voraussetzung der allgemeinen Achtung, nach der die Juden streben sollen. Mit einem vivat, crescat. tloreat Hasmouaea schloß de Redner seine treffliche, mit großi-m Veisalle ansgenommene Rede. Unter dem strammen Commando des Mitgliedes der Verbindung, des Herrn 8tnä, jur. Jsak S ch m ierer wurde daun der Kaisersalamander gerieben und das Farbenlied der Verbindung gesungen. Die alma mater feierte in beredten Worten der Vicepräses, Herr stml. jur. Emannel Br od fel d, dieselbe insbesondere als Hort des Wissens, der Freiheit und der freien Uebcrzeugnng preisend, wofür auch die „Hasmouaea" stets offen und ehrlich eingetreten sei. Seine Magnificenz der Rector dankte für die der Universität dargcbrachte Huldigung und freute sich in der „Hasmouaea" „ganze Kerle" gefunden zu haben, die durch ihren Wetteifer mit den andern Verbindungen der Universität Gewinn bringen. Sodann ergriff unter allgemeinem Jubel das Ehrenmitglied der Verbindung Herr Pros. Dr. H ilberg das Wort, feierte die edlen Bestrebungen der „Hasmouaea", die trotz der großen Anfeindungen so wacker und mannhaft ausharre und sich nicht scheue, 'offen Farbe zu bekennen. Er wünsche in die Statuten der Verbindung den Passus ausgenommen, daß jeder Jude, sofern er sich' offen als solcher bekennt, Aufnahme findet ohne Rücksicht darauf, ob er streng konservativ sei oder nicht. Ec versicherte die „Hasmonaea" seiner ungeschwächten wärmsten Sympathien und ermahnte zum wackern Ausharren, denn „wo viel Fejnd, dort viel Ehre." Nichtendenwollender Beifall und Prositrufe lohnten den wahrhaft männlichen und geistvollen Redner. Oberrabbiuer Dr. Rosenfeld feierte sodann in glänzenden Worten die „Hasmonaea" und ihr Ehrenmitglied Prof. Dr.H il b er g,den er eine Zierde des Judenthums und der Wissenschaft nannte. Es sprachen noch Herr stuä. pharm. Tit ting er namens des akademischen Vereines „Hygiea" und das Mitglied 8tnä. jur. Jstommer auf die Ehrenmitglieder und Förderer der Verbindung. Glückwunschschreiben und Telegramme waren eingelangt von befreundeten Verbindungen gleicher Tendenz, als von der ,,Kadimah" Wien, „Makkabäer" Prag, „Biadrina" Breslau, „Badenia" Heidelberg, „Jüdischer Studentenverein" Zürich, und vielen Freunden und Förderern der Verbindung. Man schied mit dem Bewußtsein, einen erhebenden und vergnügten Abend verbracht zu haben. Die Jugend blieb noch lange und gemüthlich beisammen. Berlin. Die gestrige Fortsetzung der Etatsdebatte im Reichstag führte zu einer Auseinandersetzung des Reichskanzlers Grafen Caprivi mit den Antisemiten. Mit einer wahren Meßbudenberedtsamkeit trug der Antisemit Zimmermann seine Ansichten über Börsen- und Dividendensteuern, über die Culturmission der Rassenhetze und über echtes Deutschthum vor. Aber zu der physischen Kraft, mit der er vortrug, stand die geistige Bedeutung des Vorgetragenen in keinem Verhältniß. Außer ihm sprach der Freund Ahlwardt's, der Oberlehrer Dr. Förster. Auch er benahm sich so, als stehe er nicht vor dem Reichstag, sondern vor einer Volksversammlung auf Tivoli. Ein hohles Pathos, ein schauspielerisches Geberdenspiel, eine abstoßende Selbstgefälligkeit ist es, was diesen Neuling kennzeichnet. Wenn Lächerlichkeit tödten könnte, so wäre Herr Förster seit gestern ein politisch todter Mann. Aber bei uns kann Jemand dem Hohn und Spott der ganzen Volksvertretung verfallen und doch politisch weiter, leben; denn wir haben eine antisemitische Bewegung. Der Reichstag lachte, aber Herr Förster warf unbeirrt mit seinen „weltgeschichtlichen Betrachtungen" um sich; der Reichstag wurde ungeduldig und Schlußrufe ertönten, aber Herr Förster citirte noch immer die „Aristokratie der Völkergeschichte"; der Mißmuth des Reichstags entlud sich in Rufen wie „hohler Schwätzer", aber Herr Förster feierte mit immer gehobenerer Stimme die „Erhabenheit" der großen antisemitischen Bewegung. Ach, sie drücken das Niveau des Reichstags tief, sehr tief herab, diese antsemitischen Existenzen! Gerade ihr gestriges Auftreten bewies, wie sehr der leitende Staatsmann im Rechte war, als er sie der Demagogie bezichtigte. Ernst und eindringlich hielt Graf Cap rivi ihnen gestern das Demagogische ihrer Methode vor, mit vollstem Nachdruck führte er ihnen die ganze Verwerflichkeit ihres Gebahrens zu Gemüth. Der Antisemitismus ist — das mußten sich die Catilinarier nun auch von höchster Stelle sagen lassen — die B orfrucht der Socialdemokratie. Zuerst richtet sich diese Bewegung gegen Religion und Raffe, dann wird sie zum Capitalantisemitismus, zunächst freilich nur mit der Tendenz gegen das jüdische Capital. Aber beim jüdischen Capital wird schließlich nicht mehr Halt gemacht, sondern das Capital überhaupt wird bekämpft, und so ergießen sich die antisemitischen Bäche in das socialistische Sammelreservoir. Alle durch die Hetzarbeit erregte Unzufriedenheit kommt schließlich der Partei zu Gute, deren Lebenselement die Unzufriedenheit mit der ganzen bestehenden Gesellschaftsordnung ist. Demgegenüber Hob der Reichskanzler hervor, daß er es für seine Pflicht halte, im amtlichen Verkehr jeden Bürger nach gleichem Recht zu behandeln. Hiermit hat sich Graf Caprivi einfach auf den Boden des Gesetzes gestellt und dem Gedanken der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, welcher das Fundament des modernen Rechtsstaates ist, den selbstverständlichen Ausdruck gegeben. Er that nur, was er als Hort des Rechts thun mußte. Gleichwohl hat er sich durch die Festigkeit der Sprache, durch die Energie der Zurückweisung antisemitischer Rohheit ein Verdienst erworben, das nicht gering zu veranschlagen ist. Die Absage des höchsten Reichsbeamten an eine die niedrigsten Leidenschaften aufstachelnde Agitation wird hoffentlich auch im Beamtenthum verstanden werden. Einen Theil des Tadels mußte die conservative Partei, die den Antisemitismus gleichfalls vor ihren Wagen gespannt hat, auf sich bcziehen. Sie ist mitschuldig an dem Treiben, das unser öffent-

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