Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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BWTfifiTft^TilTi'i' iTü NID IPiWiT iFTiinn iPmrri mcTTT ~~ Nr. 49 Oestrrreichifche Wochenschrift Seite 957 tapfer und edelmüthig, so werden Sie nicht nur Ihren lieben Eltern und Verwandten, sondern Allen, die sie kennen, Freude machen. Ich werde Ihnen stets gewogen bleiben." Hierauf drückte der Statthalter dem kleinem Jungen nochmals die Hand, worauf Ignaz Spiegel freudig bewegt den Audienzsaal verließ. Die wirklich herzlich eindringliche Art und Weise, in welcher der hohe Staatsfunctionär dem tapferen Jungen seine Anerkennung und sein Lob aussprach, wird dem jugendlichen Lebensretter gewiß unvergeßlich bleiben auf seinem weiteren Lebenswege — aus dem Jungen wird gewiß was Tüchtiges werden. „Hoch klingt das Lied vom braven Mann" im Dichtermunde, aber auch die Geschichte vom braven Jungen verdient es, zur weitesten Kenntniß gebracht zu werden. Wien. (Herr Georg Schönerer.) Am 20. d. werden es fünf Jahre, daß Herr Georg Schönerer aus der Haft des Wiener Landesgerichtes entlassen worden ist. Herr Georg Schönerer tritt damit wieder in den Vollbesitz seiner bürgerlichen Rechte, die er durch fünf Jahre entbehrt hat, da das Urtheil, welches am 5. Mai 1888 wegen des bekannten Ueberfalles in einer Wiener Redaction gegen ihn gefällt wurde, auch mit dem Verlust des Reichsrathsabgeordneten-Mandats, mit dem Verlust des activen und passiven Wahlrechtes für die Dauer von fünf Jahren nach der Abbüßung der Strafe verbunden war. Das Urtheil selbst hatte, wie noch erinnerlich sein wird, auf vier Monate schweren Kerkers und Adelsverlust gelautet. Bon den Anhängern Schönerer's wurden nun große Anstrengungen gemacht, um am 20. d. eine Kundgebung für ihren Führer zn Stande zu bringen, allein sie haben in dieser Beziehung mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. So wollten sie am Abend des 20. December in den Sofiensälen ein Massenmeeting veranstalten, in dem Schönerer eine große Rede halten sollte, worauf eine Resolution für Schönerer zur Abstimmung und Annahme gelangt wäre. Allein die Polizei verbot diese Versammlung und nun beschränken sich die Freunde Schönerer's darauf, in den einzelnen antisemitischen Vereinen Wiens Propaganda dafür zu machen, daß wenigstens diese Vereine jeder für sich den 20. December feiere. Da aber bekanntlich bereits mehrere antisemitische Fractionen gegen Schönerer Stellung genommen haben und ihn nicht mehr als Führer anerkennen wollen, so sind seine Freunde auch schon in zahlreichen Vereinen abgewiesen worden. Die Folge davon ist, daß seit Kurzem Herr Schönerer selbst die einzelnen Vereine aufsucht, um sie für eine Kundgebung zu gewinnen. So hielt, um ein Beispiel anzuführen, am Abend des letzten Freitag der „Deutsche Turnverein Landstraße" im kleinen Sophiensaal eine Unterhaltung und ein Tanzkränzchen ab, als um Mitternacht vor dem Sophiensaalgebäude plötzlich zwei Wagen vorfuhren, denen Herr Schönerer und 8 Couleurstudenten entstiegen. Die Herren begaben siA in den Saal, wo man über ihr Erscheinen sehr erstaunt war, da sie nicht eingeladen worden waren. Das Präsidium des Vereins war sogar schon nach Hause gegangen; Herrn Schönerer aber genirte das nicht, er nahm ruhig Platz und begann sich mit seinen Nachbarn zu unterhalten. Dies war aber auch Alles, da der anwesende Regierungsvertreter eine Ueberschreitung des angemeldeten Programms, das ein Schauturnen und ein Tanzkränzchen, nicht aber auch eine Rede des Herrn Schönerer enthielt, nicht gestattete. Wien, 6. December 1893. (Arische Lebensmittelfälscher.) Vorgestern wurde vom Bezirksgerichte Landstraße die Selcherin Franziska Rabl wegen Feilhaltens von verdorbenen Fleisch in der Centralmarkthalle zu 50 fl. Geldstrafe verurtheilt. Der als Vertreter der Angeklagten erschienene Gatte war sehr ungehalten über dies Urtheil und meinte, bei einer „solchen Wirtschaft" könne ein Steuerträger ja nicht mehr existireu, man müsse das Geschäft aufgeben u. s. w. Ein anderer Fall spielte sich gestern vor dem Bezirksgerichte Mariahilf ab. Dort erhielt der Gemischtwarenverschleißer Josef Kühnel eine strenge Arreststrafe von zehn Tagen, weil er in seinem Verkaufslocal eine beispiellose Unreinlichkeit geduldet und verschiedene der Verwesung nahe Eßwaaren feilgehalten hatte. Dieser Angeklagte suchte sich damit emszureden, daß er seine Vorräthe an verdorbener Wurst, madigem Käse und verfaulten Zwetschken — für seine Kinder bestimmt habe. Richter: Nur für Kinder hatten Sie diese verdorbenen Waren aufbewahrt? — Angekl: Nur für meine Kinder hat's gehört! — Richter: Damit wollen Sie sich verantworten? Das, glauben Sie, ist nicht strafbar? Auch die Gesundheit der eigenen Kinder darf man nicht leichtsinnig des Geldgewinnes wegen aufs Spiel setzen. — Die als Zeugen einvernommenen Marktcommissäre Kaspar und Nowak erklärten, daß ihnen während ihrer langjährigen Praxis ähnliche Zustände, wie bei dem Angeklagten, nicht vorgekommen seien. Diese verdorbenen Waaren würden in der Regel armen Leuten, Arbeitern, die den Credit beim Greißler beanspruchen müssen, angehangt. Wien. (Antisemitische Zeilen - Schmocks.) Ein magerer Knochen, um den sich zwei hungrige Hunde raufen — das ist das Bild, welches auf eine zwischen dem Herausgeber eines antisemitischen Wochenblattes und dem durchgefallenen Reichsrarhscandidaten Professor Pommer sich abspielende Affaire anwendbar ist. Das erwähnte Wochenblatt erzählte, daß Pommer bei ihm nur gegen ein Honorar mitarbeitete, welches „die Mittel des armen deutsch-nationalen Blattes überstieg" und daß er diese Mitarbeit einstellte, „als ihm ein Honorar in dieser Höhe nicht mehr geboten werden konnte". Darauf berichtigt nun Herr Pommer auf Grund des § 19, daß ihm der Herausgeber bei der Gründung des Blattes ausdrücklich versichert habe, der Bestand desselben sei vollkommen gesichert; daß das ihm freiwillig angebotene Honorar blos 3 Kreuzer per Zeile betrug und eine weitere Herabsetzung dieses Honorars ihm niemals nahegelegt wurde. Auch die antisemittsche Presse hat also ihre „Schmocks" die für 3 Kreuzer per Zeile lauter „Brillanten" schreiben müssen. Wien. (Jüdische M i n i st e r.) In Frankreich wurden die Abgeordneten R a y n a l zum Minister des Innern und Burdeau zum Finanzminister ernannt. Unter der dritten Republik war, so viel wir wissen, noch kein Jude Minister, dagegen haben allerdings Personen jüdischer Herkunft Ministerstellen bekleidet. Auch Gambetta war, so will Herr Anatole Leroy-Beaulieu aus dessen eigenem Munde wissen, der Enkel eines Juden. Unter dem zweiten Kaiserreich war Achills F o u l d , ebenfalls ein Jude, Finanzminister und später Staatsminisier. Der erste Jude, der in Europa Minister war, dürfte Doctor G o d e f r o y gewesen sein, der in den Niederlanden Justizminister war; in Italien war im Cabinet Rudini Commendatore Luzzatti, ebenfalls ein Jude, Schatzminister. Aus Anlaß der Ernennung des Herrn R a y n a l erinnert man sich unwillkürlich daran, daß die vollständige Gleichberechtigung der Juden in Frankreich unter dem Ministerium Casimir Per!er, dem Großvater des jetzigen Premiers, 1832 decretirt wurde. Die 1791 von der National-Bersammlung decretirte Gleichberechtigung war von Napoleon 1810 und 1811 sehr empfindlich eingeschränkt worden, und erst die Regierung Louis- Philipps, beziehungsweise das Ministerium Casimir P e r i e r I. brachte den Juden definitiv die Gleichberechtigung. Krakau, den 5. December. Die rühmlichst bekannte hebräische Zeitschrift „Hamagid". die vor etwa einem Jahre die Redaction aus Berlin nach Krakau verlegt hat, ist, nachdem sie die gesetzmäßige Caution von 3000 fl. erlegt hat, vom 1. Nov. l. I. zu einem Wochenblatte geworden. Sie ist somit die erste hebräische Zeitschrift, die mit Caution in Oesterreich erscheint. — Aus diesem Anlaß veranstalteten nun am Sonntag den 3. d. M. die Herren M. Pamm und Max J nfeld einen literarischen Abend, an dem außer den Gönnern und Freunden des „Hamagid* und seinen Mitarbeitern, sich eine bedeutende Anzahl gleichgesinnter, intelligenter Herren eingefunden hat. Auch die Damenwelt schickte einige recht nette Vertreterinnen zu diesem literarischen Feste. Den Reigen der Toaste eröffnete Herr Jnfeld, der die Bedeutung des Festes in rechter Weise hervorhob und dann ein schönes, zu diesem Abend verfaßtes Gedicht vortrug und allgemeinen Beifall dafür erntete. Es folgte Herr Fuchs dem zu Ehren ja das Fest veranstaltet worden. Er stellte die hohen Zwecke vor Augen, die eine jüdische Zeitung in unserem Lande im Allgemeinen, eine hebräische im Besonderen zu verfolgen hat und trank hierauf auf das Wohl der Herren, die ihm zur Herbeischaffung der erlegten Caution verhalfen. Es kamen der Reihe nach zum Worte die Herren: jur. vr. Sternberg, Ladb.-Oauä. aus Breslau Thieberger, einer der ehrwürdigsten Vorsteher unserer Cultusgemeinde Herr Süßkind, vrä. weä. S chudmak und A., von denen Herr David Rothblum hervorgehoben zu werden verdient. Allgemeines Händeklatschen und nicht endenwollende Beifallsrufe begleiteten die Ausführnngen der Redner. So verstrichen die Abendstunden. — Die so begeisterte Anerkennung der Thättgkeit des „Hamagid" in unserem engeren Heimatlande, zumal von Seiten des intelligenten Theiles der jüdischen Bevölkerung gibt uns die sicherste Gewähr für die richtige, zielbewußte Handhabung der demselben zu