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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-08 · 49 (8.12.1893) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
49 (8.12.1893)
Date
1893-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 954 Vrsterrrktzifchr Wochenschrift Nr. 49 L e s s i n g lernen können, eine literarische Fehde im vornehmen Style nobel und elegant auszutragen. So schwingt allenfalls ein Wegelagerer den Knüppel, aber kein Ritter von Geist die Klinge. So blindwüthig rennt man Gegner doch nicht an, wenn ehrlich gefochten und nicht — geprügelt werden soll. Ausfall und Parade müssen fein — die Regel l des Zweikampfes darf auch die erbittertste Kampfeslust nie außer Acht lassen — sonst rufen die Secundanten — in diesem Falle die Kritik — ihr „Halt, aufhören!" dazwischen. Ein paar kleine Kostpröbchen des Dühring'schen Kraftstyles: „Löw Baruch, der in den Dreißiger-Jahren sich christlich in Ludwig Börne umtaufen ließ, und Harry Heine, der bei einem ähnlichen geheimen Taufact seinen Vornamen in Heinrich (sie I) verwandelte, sind die beiden christlichen Hebräer, die auf und in der deutschen Literatur als Parasiten gehaust haben und von ihren Stammesgenossen, wie üblich, zu gewaltigen Größen ernannt wurden. . . . Ein polterndes Judendeutsch, in welchem der Frankfurter Hebräer seine auch sachlich form widrigen Häßlichkeiten zu Markte gebracht hat, kann wahrlich nicht als Element der schönen Literatur gelten. ... Berunsauberung der deutschenSchreibart mit ordinären und schnoddrigen Judenmanierchen . . . . Expolizeiactuar, der gegen die Rechtsseligkeit der Deutschen und die Dummheit des deutschen Michel bei jeder Gelegenheit seine Mauscheltirad en von sich gab und, den Schädel dick voll von Jehovah, dem Oberherrn aller Hebräerknechte, uns Deutschen aus dem Judenversteck und in Feuilletonmanierchen hat Freiheitslectionen ertheilen wollen." Man erkennt hoffentlich genugsam den Ton und die Tendenz des Ganzen aus dem Vorstehenden und erläßt die Aushebung weiterer, derartiger Stellen. Ein rüder, brutaler Ton und eine gemeine, entstellende, gehässige Tendenz! Möglicherweise wird in Spelunken niedrigster Art, wo allerlei Pöbel sich zusammenrvttet, so gesprochen, — wir wissen es nicht — aber in einem Buche, das auch nur den bescheidensten Anspruch auf ernste, wissenschaftliche Würdigung erhebt, sollte doch dies wüthende Geheul und Gebelfer füglich unterbleiben. Es ist unsäglich beschämend, selbst für den Gegner beschämend, einem Manne von der Begabung eines D ü h r i n g, Lection in guter Lebensart ertheilen zu müssen. Die dürfte sich doch von selbst verstehen. Allgemein bezeichnend bleibt es jedoch für die verrohende,^ verthierende, entsittlichende Gewalt jener heillosen Irrlehre, die sich Antisemitismus nennt. Wenn das am grünen Holze geschieht, wer will dann noch über das dürre und morsche viel Wesens machen? Wenn ein scharfsinniger Metaphysiker, ein bedeutender Nationalökonom, ein Physiker und Mathematiker wie D ü h r i n g, — seine „kritische Geschichte der allgemeinen Mechanik", anonym eingereicht, wurde von der philosophischen Facultät Göttingen mit dem ersten Preise gekrönt — das Werk eines Blinden! — wenn solch ein Kopf verschroben, verwirrt und verdreht werden kann durch Wahnwitz und Tollheit, — da, um ein populäres Wort zu gebrauchen, da hört sich doch Alles auf!! Doch wir kehren zu Börne zurück. Mit dessen Schreibart, um mit dem Geringsten zu beginnen, ist Dühring höchlichst unzuftieden. Es ist gewiß hier zum ersten Male geschehen, daß Börne in dieser Hinsicht einen Angriff erfahren hat. Bis nun galt er selbst bei seinen grundsätzlichen Gegnern gerade als vollendeter Meister des Styls. Mit vollem Recht, wie uns dünkt; er schreibt immer klar, immer originell, nie anders als lebhaft und witzig; er beherrscht auch das volltönende Pathos; seine ergreifende Denkrede auf Jean Paul! —das starke Wort und der schöne Satz sind in gleicher Weise seine Domäne. Börne's Schriften sind fast durchwegs mustergiltig in Hinsicht auf ihre Form. In gewählter, sorgfältiger, jedoch nie geckenhafter, stylistischer Toilette stellt er sich vor seinen Leser. Themen, die jegliche Actualität längst eingebüßt haben, sind uns durch seine pikante Mache und Zurichtung heute noch lesbar, unterhaltend — interessant. Wer wollte das von Dühring's vorliegendem Buche zu prophezeien die Kühnheit haben, dessen Schreibweise sich als ledernste Correctheit darstellt, ebenmäßig dahinfließend in gleichem Tempo — Andante — und nur dann zum Furioso gesteigert, wenn es Juden gilt. Börne ist aber nicht blos der Begründer und das noch heute unerreichte Vorbild moderner, journalistischer Schreibweise — ein Grund mehr, um ihn zu einem höchst verachtungswürdigen Gegenstände für Dühring zn machen — er war auch ein feiner Humorist aus der Jean Pan l'schen Schule — wieder Korn ausDührin g's Mühle. Für Humor hat der merkwürdigerweise absolut keinen Sinn und kein Verständniß. Es fehlen ihm die Organe gänzlich dafür. In seinen starken zwei Bänden begegnen wir nicht der leisesten, scherzhaften Wendung, keiner heiteren Anspielung, keinem munteren Scherz. Nicht einmal satyrisch kann Dühring schreiben und das nicht zu können ist doch nach I u v e n a l recht schwer. Er behilft sich statt dessen mit — Grobheit, ein schlechter Ersatz. Ein rechter Antisemit sollte doch etwas Satyriker sein, was aber trotz Allem noch immer schwerer zu sein scheint, als — Antisemitismus. Den bringt Jeder zu Stande, hiezu ist nicht der mindeste Aufwand von Witz, Geistesschärfe oder sonstiger intellectueller Anstrengung erforderlich. Weil aber Dühring ein gar so gewaltiger Humorverächter ist, — der schlaue Fuchs hat allen Grund, die Trauben sauer zu finden — deshalb schilt er den Humoristen Börne consequent „Hanswurst". Er hat ihn eben nicht verstanden; ja wohl, nicht verstanden, der große Dühring den „ungroßen" Börne, so wie er Alles nicht versteht und mißversteht, was das heitere Genre streift. Wer Kortum's „Jobsiade" für die großartigste Leistung der Deutschen auf humoristischem Gebiet erklärt und dem großen Swift an die Seite reiht, der darf wohl selber nicht allzu ernst genommen werden! Das altmodische, viel zu breit ausgesponnene Knittelreim-Epos ein Meisterwerk?! dann ist ja Wilhelm Busch ein Claffiker mit seiner „Frommen Helene". Ich glaube, der alte Kortum würde selbst dergleichen übertriebenes, toll-groteskes Lobpreisen energisch von sich abwehren. Aber Dühring, der Gestrenge, der an Goethe, Schiller und borribile dictu! an Lessing so viel zu mäkeln findet, der Grillparzer und Hebbel gar nicht erwähnt, erhebt die „Jobsiade" auf den Schild! Die gefällt ihm gar zu gut — da muß ihn freilich Börne's feiner und scharfer Humor „hanswurstisch" anmuthen, denn der geht aus einer ganz anderen Tonart als „Leben, Meinungen und Thaten von Hieronymus Jobs, dem Candidaten" und auf Dühring selbst wird wohl die berühmte.und schön gereimte Stelle aus seinem Lieblingsbuch anwendbar sein: „Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah ein allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Jnspector sprach zuerst: Hem! Hem! Die andern seeundum ordinero.“ Düh rin g's Urtheil erinnert lebhaft an weiland Candidaten Jobs selbst, sein bewundertes Vorbild, das beim berühmten Examen, allwo er mit Pauken und Trompeten durchfiel, ganz in ähnlichem Style sonderbare Weisheit orakelte. Börne stellte sich bekanntlich Goethe als erbitterter Feind gegenüber. Er hätte gerne Deutschlands größten Poeten als Volks- und Freiheitsheldkn gesehen. Er schalt ihn darum „Knechtsnatur". Dem Freiheitsdrange dieses Judenstämmlings, war G o e th e's ch er Servilismus, Goethe's Dienertreue —„wirDiener",sagte er einmal zumHerzog—Go ethe's höfischer Formenkram der letzten Periode tief innerst zuwider. Er hätte wohl mit mehr Respect gegen den gefeierten Poeten auftreten können — zugegeben. Aber das lag eben nicht in B ö r n e's streitbarem Naturell. Er bewies Muth, ja rücksichtslose Tollkühnheit, als er dem Liebling Deutschlands, dem vergötterten Olympier, um seinen eigenen Ruhm unbesorgt, also entgegentrat. Dühring nimmt natürlich hievon in seiner nergelnden Weise Notiz, obwohl er doch selbst — kein Börne — nicht viel weniger unzart mit dem großen Manne umspringt, ihm an anderer Stelle sogar den Titel „Olympier" eben wegen der angeblichen „Knechtsnatur" streitig macht; — sonderbar! Börne meint — witzig genug—einmal: Goethe ist der gereimte Knecht, Hegel der ungereimte. Dühring tadelt den Ausdruck „Knecht" als ordinär — wie zimperlich — findet aber dennoch, daß, „wenn er wegfiele, dann die in der Wortspielerei enthalten e Wahrheit zutreffender werde." Er scheint einen Augenblick lang zu vergessen, daß ja ein „Judäer" das niedergeschrieben, der doch nie und nimmer Recht behalten darf. Noch ein andermal entschlüpft ihm eine derartige unvorsichtige Auslassung. Auch dieser Bileam muß zuweilen wider Willen segnen. Börne spricht irgendwo von Zöllen und führt dieselben historisch ganz richtig aus das Raubritterunwesen des Mittelalters zurück. Dühring läßt sich hierüber,

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