Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3021003--03021-3027138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 49 Keflerretchifüre Wochenschrty Sette 953 „Die Wahrheit über die deutsche Universität Wien" melden wollen, Namen, Charakter und Wohnort jener Personen anzugeben, welche in den nachfolgend erzählten zwei Fällen bezeichnet sind. Eine christliche Familie Wiens, deren Oberhaupt zu den Antisemiten zählt, hatte lange Jahre einen Juden zum Hausarzte. Der jüdische Arzt besitzt nicht blos eine ausgebreitete Praxis, er nimmt auch eine angesehene Stelle im Bezirke ein. Trotz ihrer antisemitischen Gesinnung bewahrt die Familie dem jüdischen Arzte dankbares Vertrauen. Vor etwa zwei Jahren heiratete eine Tochter aus dieser Familie und von der Hochzeitsreise kehrte sie sterbenskrank zurück — ruinirt durch arische Aerzte. Es wurde nun der Jude gerufen und die junge Frau seiner Behandlung anvertraut. Sie wurde in kurzer Zeit hergestellt. Die jungen Eheleute nahmenWohnung in eipem der westlichen Bezirke Wiens. Die antisemitische Bewegung in jenem Vororte griff um sich, ein christlicher Arzt, der zu den Matadoren der antisemitischen Hetze zählt, siedelte sich daselbst an und gewann rasch eine bedeutende Praxis. Auch die Familie der Antisemitentochter folgte der Mode, und der jüdische Arzt wurde nicht mehr gerufen. Beim Vater blieb der Jude Hausarzt und bei Gelegenheit eines Besuches machten die Alten ihrem gepreßten Herzen durch die Mittheiluug Luft, daß ihre junge, blühende Tochter an gallopirender Lungenschwindsucht erkrankt sei und ihr Leben nur noch nach Tagen zähle. Dr. K. gab seinem innigen Mitgefühle Ausdruck und erkundigte sich nach dem Verlaufe der Krankheit. Aber schon nach den ersten' kurzen Andeutungen gewann er die Ueberzeugung, daß die junge Frau nicht an Lungenschwindsucht, sondern an Typhus erkrankt und falsch behandelt worden sei. Man bat den Arzt, die Patientin zu besuchen. Dr. K. weigerte sich, hinter dem Rücken eines Collegen zu ordiniren, erklärte sich aber schließlich bereit, in Begleitung eines rühmlich bekannten Professors für innere Medicin, gleichfalls eines Juden, am Krankenbette zu erscheinen, unter der Bedingung, daß der behandelnde Arzt diesem Consilium zngezogen werde. Man war hiemit einverstanden. Am folgenden Tage erschienen der jüdische Arzt und der jüdische Professor am Bette der angeblich Schwindsüchtigen. Die Diagnose ° fand ihre Bestätigung und der antisemitische Hausarzt mußte zugestehen, daß er die Krankheit nicht erkannt und daher unrichtig behandelt habe. . Und nun kommt die arische Moral der Geschichte. Der Consiliarius hatte die sofortige Aenderung der Behandlung angeordnet, aber man fürchtete sich, dem antisemitischen Hausarzt vor den Kopf zu stoßen. Die Leute gaben sich den Anschein, als ob sie demselben weiter vertrauten, in Wahrheit aber wurde hinter seinem Rücken mit kalten Einpackungen und der Anwendung einiger fieberstillenden Mittel begonnen, welche der jjidtsche Arzt und der jüdische Professor verschrieben hatten. Und die Kranke begann sich zu erholen. Sie ist heute auf dem Wege der Genesung, obgleich der antisemitische Hausarzt fortfährt, sie noch immer für lungenschwindsüchtig zu halten.- Der zweite Fall. In einem Fabriksorte jenseits der Donau lebt eine wohlhabende christliche Familie, deren zwölfjähriger Sohn häufig an Aff«ctionen der Athmungsorgane litt. Mit Rücksicht auf die grassirende Diphtheritis-Epidemie hielt es der jüdische Hausarzt für nothwendig, den Eltern anzurathen, daß sie durch einen Chirurgen die Mandeln entfernen lassen. Es ist dies eine ganz ungefährliche Operation, wenn die nöthige Vorsicht beobachtet wird. Die Eltern begaben sich mit dem Knaben in die Wohnung eines unserer hervorragendsten arischen Chirurgen, eines Universitätsprofessors. Die Operation wurde vorgenommen, der Operateur forderte 40 fl., unterließ es aber, die Eltern darauf aufmerksamzu machen, daß in der Regel Nachblutungen eintreten und daß der Knabe zur Verhütung derselben noch einige Stunden lang Eis schlucken müsse. Zu Hause angelangt, befand sich das operirte Kind so wohl, daß die Eltern den Hausarzt verständigten, er möge sich nicht bemühen, es gehe Alles gut. Der Knabe wurde zu Bett gebracht, aber als eine Stunde darauf die Mutter an das Bett trat, fand sie ihr Kind leblos, ohne Athem. Der rasch herbeigeholte Hausarzt constatirte eine heftige Nachblutung und die Ansammlung einer großen Menge gestockten Blutes in den Athmungswegen. Er leitete die künstliche Athmung ein und es gelang ihm nach geraumer Frist, den Knaben wieder ins Leben zurückzurufen und das gestockte Blut zu entfernen. Das Kind ist heute wieder außer Gefahr. Auch in diesem Falle war es die Pflichtversäumniß eines arischen Profeffors, welche das Leben des Kranken auf's Spiel gesetzt hatte, und war es ein jüdischer Arzt, der dasselbe rettete. Die dritte Geschichte meldete man der „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 36 aus Lomnitz: Als Secundararzt im Rudolfsspital wurde Herr Doctor Knödl im Jahre 1888 wiederholt an das Krankenbett seines greisen Vaters hierher nach Lomnitz berufen. Daß ihn bei seinem jedesmaligen Dortsein die arische Bevölkerung, vornehm wie gering, Arm und Reich im Bedarfsfälle mit Uebergehung ihres connationalen christlichen Arztes zu Rathe gezogen, sei nebenbei bemerkt. Das eigentlich Belehrende ttug sich an einem grimmig kalten Decembertage desselben Jahres zu. Ein eisiger Wind verwehte dazumal die Fahrstraße Tischnowitz-Lomnitz und jagte große Schneeflocken den Passanten in's Gesicht. Langsam trabten die Postgäule dahin. Einer der Passagiere, die mit halbstündiger Verspätung hier eintrasen, war der Med.-Dr. Knödl. Kaum aber, daß er die Schwelle des Elternhauses übertreten, wurde er auch schon von einem christlichen Bürger angegangen, seinem an Diphtheritis darniederliegenden Kinde ärztlichen Beistand zu leisten. Selbst die christliche Nächstenliebe eines Antisemiten wird es der Zärtlichkeit einer Mutter zu Gute halten, wenn Doctor Knö dl's Mutter den Wunsch geäußert, ihr Sohn möge sich vorerst an einem Teller Suppe „erwärmen". Ihr Sohn aber belehrte sie, daß bei Diphtheritis die Lebensgefahr mit jeder Minute Versäumniß eine erhöhte sei. So folgte Herr Doctor Knödel ungesäumt dem Vater an das Bett des kranken christlichen Kindes. Dieses fand er aber schon in einem hoffnungslosen Zustande. Auf seine Frage, warum man nicht schon früher den hiesigen Arzt zu Rathe gezogen, erhielt er die lakonische Antwort: „Der darf mir nicht mehr in's Haus konnnen!" Wohl gemerkt, der hiesige Arzt ist ein guter Arier! Hierauf erklärte Herr Dr. Knödl dem Vater des kranken Kindes, daß er jetzt in diesem Stadium der Krankheit nichts mehr durch Medicamente auszurichten vermöge, daß nur noch eine Möglichkeit zur Rettung des Kindes vorhanden sei. Diese bestehe in einem operativen Einschnitt, wozu er aber die Assistenz eines zweiten Arztes benöthige. Man möge ihm darum sofort den hiesigen Arzt herbeiholen. Darauf gaben Vater und Mutter des kranken Kindes die übereinstimmende Erklärung ab, lieber auch dieses Kind sterben zu lassen, bevor sie den hiesigen Arzt rufen. „Denn", sagten sie, „zwei Kinder sind uns hintereinander an Diphtheritis gestorben, wenn wir nach dem Arzt geschickt, war er, der einzige Arzt des Ortes, immer auf der Jagd." Wir können den Herren Buben, die sich so stolz die „deutsche akademische Jugend" nennen, mit zahllosen ähnlichen Mittheilungen dienen, wenn sie darauf Werth legen. Aber freilich, sie würden diese Thatsachen ebenso schief beurtheilen wie jene, daß fast sämmtliche Aerzte und freiwilligen Rettungsmänner der Wiener Rettungsgesellschaft Juden find. Die vier angestellten Medicinal-Doctoren sind Juden, und unter den 259 freiwilligen Medicinern befanden sich im vorigen Jahre 229 Juden. Statt aus dieser Thatsache den einzig richtigen Schluß zu ziehen, daß die christlich-arisch-germanischen Mediciner für die humanitäre Wirksamkeit der Rettungsgesellschaft weder Sinn noch Herz haben, während die jüdischen Studenten sich zu diesem Samaritanerwerke drängen, schimpfen die Pamphletisten über die fortschreitende „Berjudung" der Rettungsgesellschaft und rathen derselben, sich zu entjuden. Nur heran, ihr Maulhelden zu dieser „Entjudung!" Statt zu saufen und zu raufen, wäre es den germanischen Heldenjünglingen gewiß zuträglicher, sich an den menschenfreundlichen Bestrebungen der Rettungsgesellschaft werkthätig zu betheiligen. Aber daß doch die That geschehe und nicht mit dem Maul. Eine Größe der antisemitischen Literatur. ll. Der Krieg gegen Börne. Unter denen, welche sich vorzugsweise des Dühring'schen Hasses zu erfreuen haben, befindet sich selbstverständlich auch Ludwig Börne. Die Art, wie er gegen diesen Mann zu Felde zieht, ist wahrlich keine feine. Er hätte von ihm und dem so sehr verachteten „hundertfach überschätzten Judenmischling"