Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 49 (8.12.1893)
- Date
- 1893-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 952 Vesterretchiptzr WochrnfchrM Nr. 49 Ist es wahr, daß der S^adtrath zu Gunsten einer Bande elender Hetzer und Verleumder seinen principiellen Beschluß umgestoßen hat und die Hand bietet zur Beschimpfung und Boycottirung Tausender ehrlicher und friedlicher Bürger, welche im Schweiße ihres Angesichtes um ihre und ihrer Familien Existenz ringen? Ist es wahr, daß der Bürgerpalast der Stadt Wien, der nicht nur aus den christlichen, sondern auch aus den S t e u e r g u l d e n d e r Juden erbaut worden ist, neuerdings mißbrauchtwerden soll zur materiellen Schädigung und zur gesellschaftlichen Aechtung der Juden? Wir verlangen eine klare und bündige Antwort, ohne Ausstüchte und Umschweife! Die Regierung hat die Bekämpfung aller friedenstorenden Elemente proclamirt und der Statthalter hat bei der Eröffnung des Raimundtheaters den Wunsch ausgesprochen, daß die Wiener Bevölkerung zu höheren Gesichtspunkten, zu einträchtigem Zusammenwirken im Interesse der Gesammtheit emporgehoben werde. Von dieser Regierung und durch die Vermittlung dieses Statthalters hat Dr. Prix die kaiserliche Bestätigung seiner Wiederwahl erlangt. Sollte wirklich seine erste Amtshandlung nach der Wiederwahl ein Faustschlag gegen die Principien der Regierung und die Interessen seiner eigenen Partei sein? Fast könnte man glauben, daß die Ueberlassung der Volkshalle an den Verein „Christliche Familie" als Compensation für eine mildere Behandlung des Bürgermeisters seitens der Opposition zu gelten habe, L-olche Machenschaften aber müssen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden, und der Stadtrath würde sich selbst entwürdigen, wenn er sich zu derlei Dingen gebrauchen ließe. Nochmals: wir verlangen klare und bündige Antwort auf unsere Anftage! Fürst Vismarckund semeAntisemiken. Droben im Sachsenwalde sitzt ein müder, kaum erst von schwerer Krankheit genesener Greis, der erste Kanzler des Deutschen Reiches. Er ist dem Tode nahe gewesen, und Kaiser und Volk haben ihm herzliche Theilnahme und innige Verehrung erwiesen. Wie eine Erlösung ging es durch das deutsche Volk, als es hieß, es käme zu einer Versöhnung zwischen dem jungen Kaiser und dem grollenden Alt-Reichskanzler. Der Friedensschluß ist nicht erfolgt, aber es haben doch in der Seele des Fürsten Bismarck selbst mildere Regungen platzgegriffen und auch in den Kreisen der gegnerischen Parteien ist man zu einer freundlicheren Würdigung seines Wesens gelangt. Noch einmal, an der Schwelle der Ewigkeit, sieht sich Fürst Bismarck von der Liebe und Huldigung seines Volkes umrauscht. Nur eine einzige Partei, seine ureigenste Schöpfung, fast könnte man sagen, sein Hätschelkind, lohnt ihm mit widerwärtigem Undank. Fürst Bismarck ist der geistige Schöpfer des Antisemitismus, des Antisemitismus als politische Partei. Er hat die Judenftage zu einer Staat?- und Gesellschaftsfrage erhoben, und heute sind es seine Kreaturen, welche ihn mit Koth besudeln. Vor uns liegt die jüngste Nummer der „Deutsch-socialen Blätter", vom 30. November 1893 des officiellen Organs jener Partei; sie enthält einen Artikel, in^ welchem ausgeführt wird, weshalb von einer ausdrücklichen Versöhnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Alt- Reichskanzler abzusehen ist. Der sehnlichste Wunsch des gesammte» deutschen Volkes begegnet dem heftigsten Widerstande der Antisemiten. „Ja, wer war und ist denn Bismarck?" rufen diese Wichte, als wäre der Mann irgend ein obscurer Stellenjäger gewesen. Und dann heißt es weiter: „Fürst Bismarck wurde einst von Wedemeyer- Schönrode „Der Juden Oberster" genannt. Wedemeyer büßte dafür mit Selbstmord, aber sein Wort lebt noch heute. Die Art, wie Bismarck zuletzt regierte und wirthschaftetk, war das Bild der Rechtlosigkeit, war ein Taumel von Ausnahmegesetz zu Ausnahmegesetz. Ein wahrhaftiges Gesetz der Gerechtigkeit und Billigkeit fehlte uns damals wie heute. Ein solches verträgt sich nicht mit einer Judenwirthschast, wie sie unter Bismarcks Protege Bleichröder in Preußen, dem Lande der. frommen Sitte, einriß." Der merkwürdige Artikel ist „O. B." unterschrieben stammt also aus der Feder eines Mannes, der, so lange Fürst Bismarck an der Macht war, ihm die wahnwitzigsten Huldigungen entgegengebrachte. Es offenbart sich hier die echte Knechtsnatur, die sich gegen den eigen Götzen kehrt, sobald dessen Ohnmacht zur Erscheinung gelangt. Die Juden haben wahrhaftig keine Ursache, sich für Bismarck zu begeistern und seine Politik zu vertheidigen. Aber die Undankbarkeit der deutschen Antisemiten gegen ihren Schöpfer und Meister, ihre Verleumdungen eines Mannes, dem sie einst den Staub von den Stiefelsohlen geleckt und den sie hündisch angewinselt haben, ist eine empörende Erscheinung. In den Gemüthern dieser Lumpen lebt keine menschliche Empfindung. Wenn einst auch für Bismarck das letzte Stündlein schlagen wird, sagt der Artikel weiter mit ekelerregender Rohheit, „so werden wir Kränze winden und Thränen haben für den Bismarck, der einst war". Heute aber, da er kaum noch dem Tode entgangen ist, werfen sie mit Kothballen nach ihm und beschuldigen ihn, daß er die Würde des deutschen Volkes und die Integrität des Deutschen Reiches nicht gewahrt hat. Zwischen den Antisemiten im Deutschen Reiche und dem Anhänge der Schönerer und Steinwender in Oesterreich bestehen enge Wechselbeziehungen. Aber Schönerer und Steinwender schwärmen für Bismarck und ersterben in unbegrenzter Bewunderung seiner Größe. Wie ist ein solcher Gegensatz möglich? Man weiß, daß Schön er er's Judenhaß aus seiner Verehrung für Bismarck hervorgegangen ist. Der Schloßherr von Rosenau ist doch wenigstens consequent und er ist auch eine zu anständige, zu ehrliche Natur, um, gleich seinen Gesinnungsgenossen im Reiche draußen, den geistigen Vater der antisemitischen Bewegung, jetzt, da er machtlos ist, zu verleugnen und zu schmähen. Man muß sagen, daß unsere Antisemiten noch immer besser sind als die kläffende Meute draußen im Reiche. Die Deutsch-Socialen halten nur den Vergleich mit einem Schneider und Vergani aus. Die Wahrheit über jüdische Nerztq. Das Pamphlet der „muthigen deutschen Jugend", welches wir in unserer letzten Nummer ausführlich besprochen haben, richtet insbesondere gegen die jüdischen Aerzte den Vorwurf, daß sie wahrer Menschlichkeit ermangeln, gleichgiltig gegenüber den Kranken sind und sich gegen die Patienten, nicht am wenigsten aber gegen die Patientinnen cynisch benehmen. Die jungen Herrchen, welche das niedergeschrieben haben, sind entweder grüne Jungen, welche die Welt noch nicht kennen und die Tragweite eines solchen Ausspruches noch gar nicht zu ermessen fähig sind, oder sie sind eine nichtswürdige Bande feiger Lügner und Verleumder, welche sich hinter dem Schilde der Anonymität verbergen, um den in so empörender Weise Angegriffenen nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Unter dem Cvllectivnamen der „deutschen akademischen Jugend" bewerfen einzelne Buben die Gesammtheit der jüdischen Aerzte mit Schmutz und Unflath. Man kann nicht heran, um diese Rangen gebührend an den Ohren zu ziehen; Ehren-Bergani druckt zwar mit behaglichem Schmunzeln den betreffenden Abschnitt des Pamphlets nach, aber die jüdischen Aerzte können doch nicht ihre Ehre darin suchen, daß sie Pan Berganiv verfolgen. Aber wenigstens soll die Wahrheit über die jüdischen Aerzte gesagt werden, die Wahrheit in Form von Thatsachen, für deren Richtigkeit wir einstehen. Wir sind bereit, jenen Burschen, welche sich bei uns als Verfasser der Broschüre: