Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-01 · 48 (1.12.1893) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3021002--03013-3027129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 946 Vestrrreichifchr Wochenschrift Nr. 48 diesem Falle, ein junges Leben, ein Mann in der Vollbiüthe seiner Zahre, vom Tode dahingerafft werde, dann sei dieser Schmerz doppelt empfindlich und um so schwerer zu tragen, als er uns-mit eindringlichster Schärfe an die Vergänglichkeit des Irdischen mahnt. Der Prediger schilderte sodann eingehend den Lebenslaus des Verblichenen, der sein Leben dem Kaiser und dem Vaterlande geweiht harte; des Kaisers Rock hat er bis zu seinem letzten Athemzuge getragen. Er hat der Pflicht gelebt und sich dadurch die Achtung Aller erworben; er wurde von seinen Untergebenen verehrt, von seinen College» geliebt und von seinen Vorgesetzten hochgeschätzt, was durch die Theilnahme der hochgestellten Öfficiere am Leichenbegängnisse bewiesen ist. Mil einem Gebete sür das Seelenheil des Verblichenen schloß der Prediger den Nachruf, worauf sich der imposante Zug unter den Klängen der Rcgimentsmusik in Bewegung setzte. Auf den Friedhof, bis wohin sämmtliche Leidtragende und Kameraden folgten, führten sie ihn hinaus, noch einmal feuerten ihm die Soldaten eine Ehrensalve nach und die sterblichen Ueberreste des Verblichenen wurden zur ewigen Ruhe gebettet. Przemysl. Sonntag den 19. d. M. hielt das ehrenwerthe Mitglied unserer Gemeinde, der vielseitig gebildete praktische Arzt Herr Dr. S. N. K u t n a, im Locale des hiesigen kaufmännischen Geselligkeitsvereines einen inhaltsreichen und formvollendeten Bortrag über „Das Bereinsleben im Fudenthum". Der Redner verstand es, durch seine Vortragsweise das Interesse seiner zahlreichen Zuhörer ununterbrochen wach zu erhalten, durch eingeflochtene Bemerkungen ihr jüdisches Gefühl zu erheben und durch manche sein nuancirte Anspielungen auch ihre „Heiterkeit" zu erregen. Oftmaliger Applaus gab auch deutlich genug der in der Versammlung herrschenden Stimmung Ausdruck und am Schlüsse schien es, als wollten die Beifallssalven gar kein Ende nehmen. Bei dieser Gelegenheit lag auch die Jnscriptionsliste des neugegründeten Vereines „Jeschuruu" auf, dessen Zweck es ist: Die Hebung des jüdischen Stammesbewußtseins durch Verbreitung der Kenntniß der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur. Das Gründungscomits bestand außer dem ersten Anreger Herrn Dr. Kutna aus den Herren: Postofficial Auerbach, Religionslehrer Baumgarten, Joachim Blumenseld, Landesadvocat Dr. Goldfarb, Samuel Knoller, Dr. jur. Kornhäuser, L. M. Landau, Abraham Muneles, Victor Mermelstein, Osias Mieses, Moses Scheinbach und Gedalje Schmelkes. Dieses Comite hat sich nun seiner Aufgabe in anerkennenswerther Weise entledigt und konnte auch schon zur Constituirung des Vereines geschritten werden, welche auch Samstag am 25. l. M. stattgefunden hat. Es wurden gewählt: Zum Präsidenten: Herr Dr. S. N. Kutna; zum Präsidentenstellvertreter: Herr Joachim Blumenfeld; in den Ausschuß: die Herren Baumgarten, Jacob Ehrlich, Dr. Goldfarb, Dr. Kornhäuser, Landau, Muneles. Mermelstein, Bernhard Rappaport, Obmann der hiesigen Filiale der Israelitischen Allianz, und Schmelkes; in die Controlscommission: die Herren: Marcus Ascher, Knoller. und Scheinbach. Es ist wirklich erhebend für jedes warmfühlende jüdische Herz, zu sehen, daß in diesen für das Jndcuthum schweren Zeiten Männer verschiedenster Parteien auf dem gemeinsamen Boden jüdischen Bewußtseins sich zufummenschließen. Darmstadt. Anläßlich der am 25. November stattgefundenen Geburtstagsfeier hat der Großherzog dem Rentner Otto Wolfs kehl, Vicepräsidenten der zweiten Ständekammer, das Ritter kreuze rsterClassedesPhilippsordens verliehen. Diese hohe Auszeichnung eines Juden wird sehr vermerkt. Sophia. An dem Leichenbegängniffe des gewesenen Fürsten von Bulgarien, Grasen von Hartenau, betheiligte sich auch der hiesige Groß-Rabbi mit mehreren Rabbinern im Ornate. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Zeder unbefugt« Nachdruck wird rnit aller Strenge verfolgt werden. Uedersetzungs» 35) rechte Vorbehalten.) „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen", versicherte der Oberhoffactor. „Das, was Sie soeben über das Berhältniß der Deidelsheimer zu ihrer Familie berichteten, war nicht überflüssig. Nur dadurch erscheint die rührende Anhänglichkeit Ihres ehemaligen Commis erklärlich." »Ich theilte nun diesem mit, daß ich nicht einen Augenblick ruhig leben und athmen kann, so lange mein Vater im Mauerthmm zu Schwabach angekettet liegt, daß es mich wie mit überirdischer Macht nach Ansbach reißt, um an Ort und Stelle nachzuforschen, ob nicht in einer oder der andern Weise die Flucht meines Vaters zu bewerkstelligen wäre; auch fügte ich hinzu, daß uns ein großer Theil unseres Vermögens, unsere Auestände außerhalb Ansbachs, erhalten geblieben wäre, und daß wir, Mutter, Schwester und ich, selbstverständlich die ganze große nach vielen Hunderttausenden zählende Summe dem Rettungswerke opfern, und daß ich mein Leben daran wagen und mich glücklich schätzen würde, um diesen Preis die Freiheit meines Vaters zu erkaufen. „Gnädiger junger Herr!" hatte mir Deidelsheimer erwidert, „Alles, was Sie zu unternehmen beabsichtigen, habe auch ich beabsichtigt. I ch bin Ihrem würdigen Vater zu weit höherem Danke verpflichtet als Sie, — Sie sind sein Sohn und für Sie väterlich zu sorgen war seine Pflicht, ich aber bin ihm ein Fremder und doch hat er väterlich an mir, an meinem Vater wie ein Bruder gehandelt. Wenn es durch Bestechung zu machen gewesen wäre, — und hätte man hierzu einer halben Million bedurft, unser Rabbi wär' längst so frei, wie der Vogel in der Luft!" „Das scheint mir doch zu viel behauptet", meinte der Oberhoffactor „und würde mir Mißtrauen gegen Deidelsheimer eingeflößt haben. Auch kann ich es nicht verhehlen, daß es mir auffällt, daß der Commis Ihres Hauses, nur Ihres Vaters und nicht auch Ihres Oheims Elkan gedachte, dieser ist ja erst voriges Jahr in seinem Kerker gestorben, damals, im Jahre 1713 saß er ja noch aus der Wülzburg." „Ganz dasselbe war auch mir ausgefallen" erwiderte Fränkl, „und ich frug ihn, wie er es zu Wege gebracht hätte im Bedarfsfälle eine halbe Million aufzubringen; aber darauf antwortete er: „Gnädiger, junger Herr! Ich hätte das Geld zur Auslösung unseres Rabbi zusammengebracht, wenn ich barfuß die Schneefelder Rußlands und den glühenden Wüstensand Afrikas hätte durchschreiten müssen. Kein Jude auf dem ganzen Erdenrunde hätte mir zu solchem Zwecke eine Gabe verweigert." „Da hatte er vollkommen recht", stimmte der Oberhosfactor zu. „Und als ich ihn frug, warum er nur von meinem Vater und nicht auch vom Onkel Elkan spreche, wurde er zuerst veregen, dann aber meinte er: „Gnädiger, junger Herr, zwischen den beiden Brüdern und der Lage, in der sie sich befinden, besteht ein himmelweiter Unterschied. Es ist Christhold-Fränkl und seinen Genossen gelungen, dem Markgrafen das glauben zu machen, was das gemeine Volk von unserem Rabbi spricht, nämlich: Daß er, im Besitze überirdischer Kräfte, nur dann in einem Kerker festgehalten werden kann, wenn er mittelst eines drei Daumen breile-i, eisernen Ringes an die Mauer gekettet, in einem Erker gefangen sitzt, unter welchem sich nicht fester Boden, sondern Wasser befindet, nur dann wäre unseres Rabbis Zaubermacht gebrochen. Der Markgraf hat auch zum Gesängniß für unseren Rabbi, am Mauerthurm eine neue Zelle zubauen lassen, die über den Fluß hinausragt. Ihr Vater, unser Rabbi, leidet unaufhörlich entsetzliche Qualen, so daß jeder, sei er Jude oder Christ, das tiefste Mitleid mit ihm fühlt. Unser Rabbi leidet, wie kein zweiter auf der ganzen Welt! Herr Elkan Fränkl aber wird, wie jeder andere Staatsgefangene auf der Wülzburg gehalten. — Allein, das ist beiweitem nicht Alles! — Ich bin gewiß auch unserem Herrn Elkaw gut und habe Grund, auch ihm dankbar zu sein, aber Herr Elkan ist ein Mensch, der große Vorzüge, aber auch große Schwächen besitzt. Ihr Vater, unser Rabbi, aber ist der Inbegriff aller menschlichen Vollkommenheit und besitzt gar keine Fehler. Herr Elkan war ein wohlthätiger, aber auch ein stolzer, hochfahrender Mann, der viele Große dieser Erde durch seine Ueberhebung verletzte, beleidigte. Herr Elkan Fränkl hat sein trauriges Schicksal wahrhaftig nicht verdient, aber er hat es verschuldet. Unser Rabbi, Ihr Vater, hat — weiß Gott — es nicht nur nicht verdient, er hat es auch nicht verschuldet, er hat jedem nur Gutes erwiesen, nie einen Menschen geschädigt, verletzt, gekränkt! Für unseres Rabbi, ihres Vaters, Befreiung würde jeder Jude und mancher Christ seinen letzten Groschen opfern, sein Leben wagen. Ihr Oheim hat es nicht verstanden, sich solche Freunde zu erwerben! — Dann aber hatte Deidelsheimer mit tiefster Traurigkeit erklärt, daß vorläufig an eine Flucht meines Vaters nicht zu denken sei. Der treue Mann hatte sich nach Schwabach begeben, und wenn er auch nicht in die isolirte und völlig unzugängliche Zelle meines Vaters gelangen konnte, hatte er sich doch mit der Oertlichkeit, die er mir genau schilderte, vertraut gemacht und erkannt, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.