Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 48 Oesterreichifche Wvchrnfchrifl Seite 947 es geradezu undenkbar wäre, daß mein Vater ohne Mitwirkung der im Thurme befindlichen Personen entfliehen könnte. Deidelsheimer hatte den Kerkermeister ansgeforscht, ob er geneigt wäre, gegen eine große Belohnung zur Flucht eines Gefangenen behilflich zu sein, vorläufig es nur vermuthen lassen, daß es sich um meinen Vater handle. Der Kerkermeister lehnte den Antrag ab; er behauptete, wenn irgend ein Gefangener alls dem Mauerthnrm entkäme, würde es ihm unnachsichtlich an Hals und Kragen gehen und erscheine eine Flucht schon aus dem Grunde unmöglich, weil eine Besatzung von fünfundzwanzig Soldaten in dem Thurm läge und kein Mensch in oder aus demselben treten könne, ohne deren Wachtzimmer zu passiren." „Das tlang allerdings sehr entmuthigend",. meinte der Oberhoffaclor. „Ich entschloß mich trotzdem, selbstnach Schwabach zu gehen und fand durch eigene Anschauung Alles, was mir Dcidelsheimer mitgetheilt, bestätigt. Bevor ich verzweifelnd zu Murtcr und Schwester zurückkehrte, beschwor ich ihn, diese Angelegenheit nie außer Auge zu lassen und wenn irgend eine unserem Vorhaben günstige Aenderung eintreten sollte, mich hievon sofort in Kenntniß zu setzen. „Es gibt nichts Aufregenderes im Menschendasein, als wenn inan fortwährend, unablässig ein Ziel mit aller Macht, mit heißer Gier anstrebt und diesem nie um eines Haares Breite näher rückt; — und wir verlebten in dieser Qual mehrere lange Jahre. Wachend und träumend, jede Secunde unseres Lebens vergiftend, umschwebte uns das Bild des au Händen und Füßen mit schweren Ketten belasteten, mit einem eisernen Ringe an die Mauer geschmiedeten Greises! Eines Abends des Jahres 1717 langte Deidelsheimer bei uns in Harzgerode an. Er hatte die weite Reise unternommen, weil er mir eine wichtige Mittheilung, die er einem Briefe nicht anvertrauen mochte, zu machen hatte. Er war von Zeit zu Zeit nach Schwabach gefahren, um sich zu erkundigen, ob nicht bei dem Wächterpersouale des Mauerthurms eine unserem Vorhaben günstige Veränderung eingetreten wäre. Nun war in den letzten Wochen an Stelle des früheren Kerkermeisters, welcher gestorben, ein anderer, Albert Winador, ein ausgedienter Wachtmeister, gekommen. Diesem hatte Deidelsheimer einst einen Dienst erwiesen, den ein Mensch nie vergessen kann. Während des Krieges war der Feldmarschall Fürst Leopold von Dessau mit einem preußischen Hilfscorps ins Ansbach'sche gekommen und seine Werber hatten, wie an vielen Ändern auch an Albert Winador, einem riesengroßen Manne, einen Menschenraub begangen, ihn gegen seinen Willen, gegen jedes Recht, zum Leibregimente des Fürsten gepreßt, und Jener hatte Gelegenheit gefunden, zu entfliehen. Der Fürst betrachtete ihn als Deserteur und ließ ihn von seinen Werbeofficieren verfolgen. Diese waren ihm schon hart an den Fersen und der zu Tode gehetzte, von einer furchtbaren Strafe bedrohte Mann — ein Deserteur mußte dreimal durch fünfhundert Mann Spießruthen lausen — war athemlos in Josef Deidelsheimer ebenerdige Wohnung geflüchtet und hatte ihn in höchster Verzweiflung kniefälligst gebeten, ihn vor seinen Verfolgern, die gleichzeitig mit ihm ins Zimmer drangen, zu schützen. Deidelsheimer wußte, daß er dies nicht vermöge; die rohen, wilden Werbeofficiere, die von dem gelieferten Menscheumateriale ein Honorar, ein Blutgeld bezogen, hätten sich ihre Beute nicht entreißen lassen, er versuchte es daher gar nicht, die Auslieferung des todtenbleichen, zähneklappernden Mannes zu verweigern; aber er fand doch ein Mittel zur Rettung eines Menschen, den er das erstemal in seinem Leben gesehen, bei dem er nicht einmal einen besonderen Grad von Würdigkeit voraussetzen konnte, von bem er nichts wußte, als daß er in höchster Gefahr schwebe; (er wäre vierundzwanzig Stunden später kein Mensch mehr, nichts als eine unförmliche blutige Masse gewesen) — er kaufte ihn den Werbeofficieren um fünfzig Thaler, eine für seine Vermögensverhältnisse große Summe, ab und hielt Winador, damit dieser nicht wieder von Neuem einem Officiere seines Regimentes in die Hände fiele, so lange in seinem Hause verborgen, bis Leopold von Dessau mit seinen Truppen die Gegend verließ. Albert Winador hatte ihm allerdings versprochen, die fünfzig Thaler mit bestem Danke zu bezahlen, -aber Deidelsheimer hatte auf die Bezahlung nicht gerechnet und Winador nie, auch in dem Momente, in welchem er das Versprechen gab, daran gedacht, dasselbe einzulösen. Deidelsheimer sah ihn erst mehrere Jahre später als Kerkermeister in Schwabach wieder und besuchte ihn sofort. Als Deidelsheimer in seine Stube trat, erschrack Winador, er glaubte, Jener käme seine alte Schuld einznfordern, umso erfreuter war er, als sein Gläubiger derselben nicht nur gar nicht erwähnte, sondern erklärte, rr käme, ihm ein Geschäft anznbieten, das, wenn es gelänge, ihn mit einem Schlage zu einem reichen Mann machen würde, und theilte ihm mit, um was es sich handle. Winador konnte sich leichter als sein Vorgänger zu dem Unternehmen entschließen. Er war ein lediger Mann, kein Landeskind, ein Ungar, der in seiner Heimat einen Bruder besaß, der ihn, wenn er viel Geld mitbrächte, mit offenen Armen aufnehmen würde, wo er vor den Verfolgungen des Markgrafen sicher, ruhig und glücklich leben könnte. Der Kerkermeister nahm sich einige Tage Bedenkzeit, dann erklärte er, daß, wenn er für sich zwanzigtausend, für jeden seiner zwei Gehilfen, deren er hierzu bedürfe, zweitausend Gulden zugesichert erhielte, er es zu Wege bringen würde, daß mein Vater den Mauerthurm verlassen könne. Deidelsheimer verlangte, daß er ihm seinen Plan ausführlich mittheile,' und daß dieser von mir, der ich die große Summe zu zahlen hätte, gebilligt, als ausführbar anerkannt werden müsse. Winador tvar nicht nur ein kluger, sondern auch ein erfahrener Mann. Ec hatte unter mehreren Fahnen gedient, alle erdenklichen Kriegslisten kennen gelernt und häufig auch bei deren Ausführung mitgewirkt. Er hatte einen sehr abenteuerlich klingenden Plan ersonnen, und bei diesem alle Umstände, die sich zu unseren Gunsten benützen ließen, in Anschlag gebracht. Trotzdem fand Deidelsheimer manches an demselben zu ändern, und nachdem die Beiden den Plan endgiltig festgestellt und anzunehmen war. daß ich demselben zustimmen werde, hatte Deidelsheimer die Reise zu mir unternommen." „Wenn ich auch anerkenne", meinte der Oberhoffactor, „daß Deidelsheimer Ihrem Vater zu großem Danke verpflichtet war, so erscheint doch dessen rührende Treue bewundernswerth. Schon die vielen Zusammenkünfte, die der ehemalige Diener des Fränkl'schen Hauses mit dem Kerkermeister Ihres Vaters hatte, mußten auffallen, konnten ihn, noch bevor der Fluchtversuch unternommen, in die höchste Gefahr bringen, mußten ihn, wenn dieser gelang, durch den Zusammenhang aller Umstände als Theilnehmer einer Handlung erscheinen laffen, die als ein schweres Verbrechen furchtbar bestraft wird." „Ich habe es schon gesagt, Deidelsheimer ist nicht nur ein sehr treuer, sondern auch eiu sehr kluger, Alles reiflich erwägender Mann. Je lebhafteres Interesse er an dem Schicksale unseres Hauses nahm und je mehr er von dem Gedanken erfüllt war, meinen Vater zu retten, desto mehr hütete er sich vor Fremden und sogar vor Glaubensgenossen, seine Sympathien für uns auszusprechen, ja er pflegte sogar zuweilen, wenn Onkel Elkan getadelt wurde, in das ungünstige Urtheil einzustimmen, so.daß man glauben mußte, der Verlust seiner guten Stellung in unserem Hause habe ihn gegen die Chefs derselben erbittert. Endlich fanden sich für seine häufigen Zusammenkünfte mit dem Kerkermeister sehr glaubliche Motive. Der ehemalige Wachtmeister hatte jetzt keinen Grund mehr es zu verheimlichen, daß er und in welcher Weise Deidelsheimer zu großem Danke verpflichtet sei und es konnte daher Niemanden auffallen, wenn ihn dieser zuweilen auf seiner Stube besuchte, wo sie Karten spielten, manchmal um jeden Verdacht zu zerstreuen, einen Unterofficier der Wache dazu einluden. Daß Deidelsheimer nach der Flucht des Vaters nicht länger in Ansbach verweilen konnte, ohne sich der größten Gefahr auszusetzen, lag auf der Hand, und er war daher entschlossen, schon früher seine Familie außer Landes zu schicken und nur bis zur Rettung meines Vaters, an der er sich persönlich betheiligen wollte, zu bleiben, dann aber gleichzeitig mit diesem Ansbach zu verlassen; ich aber modificirte seinen Plan. Ich sagte ihm, daß wohl ich als Sohn die Pflicht habe, mein Leben zur Erlösung meines Vaters einzusetzen, daß ich aber nicht von ihm ein gleiches Opfer in Anspruch nehmen dürfe, daß ich ihn an der Rettung meines Vaters nicht persönlich theilnehmen lasse, sondern darauf bestehe, daß er schon einige Wochen, bevor voraussichtlich unser Plan zur Ausführung gelangen sollte, vom Markgrafen seine Entlassung erwirke und sich anderswo in Deutschland bei einem der vielen winzig kleinen Reichs-Fürsten Niederlassungsrecht erwerbe, wobei es selbstverständlich sei, daß ich ihm das Abzugsgeld an seinen gegenwärtigen Landesfürsten und die Aufnahmsgebühr, die er an den neuen zu zahlen habe, ersetzen werde. Ich kam mit Deidelsheimer überein, daß icy in einigen Tagen heimlich nach Schwabach kommen würde, wo er mich mit dem Kerkermeister bekannt machen und ich mit diesem den Plan zur Flucht in allen Einzelheiten besprechen würde." _ (Fortsetzung folgt.)