Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 944 Vrsterreichifchr WvchrnfchrM Nr. 48 von Nachbarstädten, Rabbiner Dr. Reich aus Baden, eine große Zahl non Verehrern des Verewigten aus der Metropole, der Vorstand der Cultusgemeinde und der Chewra-Kadischah mit ihrem Präsidenten Herrn Max N e u m a n n, der in taktvoller Weise die Anordnungen getroffen, waren erschienen. Herr Baron Königswarter wurde von Herrn Vorsteher Wimmer begrüßt und in den Tempel zu einen Ehrensitz geleitet. Die Trauerfeier wurde durch Herrn Obercantor Roman mit einem Choral in gewohnter ansprechender Art'eingeleitet, worauf unter allgemeiner Spannung Herr Bezirksrabbiner Doctor Reich die schwarz drapirte Kanzel betrat. Der geistreiche Redner, der imrdj oratorische' Begabung und originelle Vortragsweise bekannt ist, wich auch diesmal von der bei Gedenkreden üblichen Schablone ab. indem er nach einer schwungvollen, mächtig ergreifenden Einleitung aus einem von dem Verewigten an ihn gerichteten Schreiben eine markante Stelle zum Mittelpunkte seiner Rede machte, da diese eine schöne Charakteristik des hervorragenden Verblichenen zu liefern geeignet ist. Die citirte Stelle lautet: „Wenn andere Personen ihre Pflicht nicht oder nur mangelhaft erfüllen, so entspringt hieraus noch kein besonderes Lob für Denjenigen, welcher seine Schuldigkeit thut. In diesem Lichte betrachte ich mein Verhalten gegenüber meinen Glaubensgenossen. Mein einziges Verdienst liegt in dem Umstande, daß ich mich nie und nirgends meines Judenthums geschämt habe und der Erfolg — daß man mir es stets verziehen hat." Der Redner schloß die ergreifende Schilderung der hervorragenden Geisteseigenschaften des Betrauerten, seiner unvergleichlichen Munificenz und seiner Begeisterung für den angestammten Glauben mit dem tröstenden Hinweis auf die bekannten Worte Salomos: „Ein Geschlecht geht, ein anderes Geschlecht kömmt und die Erde besteht ewiglich", dieselben dahin variirend, daß die moralische Ordnung festgestellt erscheint, wenn auf überzeugungstreue selbstbewußte^ Kämpfer, die abberufen werden, andere nicht minder opsermüthige Nachfolgen und an deren Stelle treten, in ihrem Geiste fortwirkeud. Eine auf diesen Trauerfall zutreffende Tröstung, da wir hoffen dürfen, daß die gesinnnngstüchtigen Söhne des Seligen pietätsvoll ihrem herrlichen Vorbilde nachstreben werden. Nach Schluß der Feier "drückten Herr und Frau Baron von Königswarter Sr. Ehrwürden ihre besondere Anerkennung aus, dankten Herrn Dr. Reich aus Baden für sein Erscheinen und den Vorständen für ihre Mühewaltung. Groß-Becskerek, 26. November. Einen seltenen Beweis interconfessioneller Eintracht liefern die hier am 25. d. M. stattgefundenen Wahlen in die städtische Repräsentanz. Gewählt wurden im 2. Bezirke Oberrabbiner Dr. Moriz Klein einstimmig, Bürgermeister Johann Kostics mit drei Stimmen weniger, demnach ebenfalls fast einstimmig. Auch in den übrigen 8 Wahlbezirken verliefen die Wahlen ohne wesentliche Differenzen, wobei sämmtliche jüdische Candidaten Dr. Samuel Mangold, Johann Banyai, Hermann L. Mangold, Jacob Eckstein, Jacob Straffer und Emanuel Hubert mit überwiegender Stimmenmehrheit zu Stadtrepräsentanten gewählt wurden. München. Im Finanzausschüsse der baierischen Abgeordnetenkammer klagte der Abg. Huber- (Ceutrum, kath. Geistlicher), daß wegen religiöser Bedürfnisse beim Militär zu klagen sei, namentlich deßhalb, weil auf einen Marientag Einberufungen von Katholiken erfolgten, während auf die Feiertage der Israeliten Rücksicht genommen weroe. Der baierische Kriegsminister erklärte hierauf, daß eine Bevorzugung der Israeliten nicht vorliege, allerdings auch keine Hintansetzung; einer ihrer größten Feiertage falle in die Manöverzeii; wenn die Truppen in der Garnison sind, würde das berücksichtigt, im Manöverfelde nicht. (Ist jedoch thatsächlich in verschiedenen Fällen berücksichtigt worden.) — Ebenso erklärte der Kriegsminister auf eine Beschwerde des Abg. Dr. Ratzinger (Bauernbunds kath. Geistlicher), wonach die Militärlieseranten in verhältnißmäßig großer Zahl jüdisch seien, daß eine Bevorzugung besonderer Kategorien von Lieferanten nicht vorliege. Die nachfolgende Mittheilnng über die Premiere von Richard Voß' „Daniel Danieli", die gestern Abend über die Bretter des Residenztheaters ging, dürfte viele« Lesern dieses Blattes sicherlich von Interesse sein. Der Inhalt des Stückes ist kurz folgender: Daniel Danieli, der Sohn des armen Israeliten Abraham Danieli und seiner Frau Sabbatä, tritt in das Bankhaus der Novelli in Rom ein und wird von seinem Chef als Finanzgenie erkannt. Darum bietet Novelli die Hand seiner einzigen Tochter und einzigen Erbin seines colossalen Vermögens dem Danieli unter der Bedingung an, daß er sich taufen lasse. Danieli läßt sich verleiten, gibt seine Familie, welche ihn, den Konvertiten, nun verstößt, sowie die Hand der von ihm sehr geliebten Rabbinerstochter Dolce preis. Diese, von ihrem Bräutigam verlassen, wird die Frau von Moses Danieli, dem Bruder Daniels. Daniel nun häuft zwar Schätze auf Schätze, wird auch infolge seiner echt christlichen Stiftungen baronisirt, krankt aber in seiner Seele auf das Heftigste. Oft schleicht sich Danieli in das Vaterhaus, erscheint auch einmal zum Beginn des Sabbats, um den Segen der Mutter zu erflehen. Sie verweigert ihn jedoch, solange Danieli sich nicht öffentlich wieder zu seiner Religion bekennt. Schätze, welche er seiner in Armuth lebenden Familie anb'etet, weist diese schnöde zurück. Inzwischen reift in Danieli der Plan, das ungesunde Ghetto niederzureißen und neu aufzubauen. Er hat jedoch nicht Menschenliebe als Motiv, sondern (wenigstens wird dies borgespielt!) antisemitische Tendenzen. Man will dem Plane eines israelitischen Consortiums zuvorkommen. Als man mit dem Niederreißen der Häuser beginnt, erscheint Danieli im Ghetto und begibt sich in sein Vaterhaus, wo inzwischen die letzten Habseligkeiten eingepackt worden sind. Hier nun kommt es zu einer Aussprache mit Dolce, deren Liebe zu Danieli ebensowenig erloschen ist, als die seinige zu ihr. Beide beschließen und führen es auch wirklich aus, sich unter den Trümmern des zusammenstürzenden Hauses begraben zu lassen. Sterbend bekennt sich Danieli wieder zu dem Glauben seiner Väter und erhält dafür den Muttersegen. Dresden, 18. November. In O l b e nt hau (Erzgebirge) wurde im vorigen Jahre ein antisemitischer Reformverein unter Führung eines Kaufmannes R. und eines Uhrmachers M. gegründet, obwohl gar keine Juden in Olbernhau lebten. Nach Vornahme der Zählung der Einwohner durch die Hauslisten stand im hiesigen Tageblatte die Zahl der Christen und ein Israelit. O, Schreck! Wer mag das sein? —_ Es war der Uhrmachergehilfe bei dem Präsidenten des Antisemitenvereins! - Wien. (Trauungen.) Sonntag den 26. November 1893 wurden getraut: Herr Moriz Wilhelm mit Frl. Sidonie Boschan; Herr Alexander Nagel mit Frl. Adele Reif; Herr Wilhelm Holler mit Frl. Helene Blau; Herr Leopold Herzl mit Frl. Netti Schubert; Herr Adolf Ornstein mit Frl. Mathilde Steiner; Herr Adolf Friedrich mit Fräulein Emilie Bauer; Herr Heinrich Z e r n e r mit Frau Betty R e i ch l e r, geb. Z i k e l; Herr Nathan Hahn mit. Frau Beile Rebner, geb. Schroll; Herr Johann Fuchs mit Frl. Marie Rebekka Ziesen iß; Herr Josef Neustätter mit Frau Emma Bachrach, geb. Eidlitz.- Wien. (Trauung.) Sonntag den 3. December findet im Bethause, 3. Bez., -Ob. Viaductgasse, die Trauung des Frl. Rachsle Kann, Tochter des verstorbenen Volksschul- und israelitischen Religionslehrers Siegfried Kann in Wien—Hernals (eines eingewanderten Casselaners) mit dem Buchhalter Herrn Wilhelm Schwarz statt. Wien. (Personalnachrichten.) Der Oberst des Kriegsministeriums Ritter von Eisz ist zur Jnspicirung der Landwehr nach Mähren abgereist. Herr Gustav Neurath von der Firma Michael Neurath hat sich mit Frl. Hermine Kann verlobt. Wien. Mittwoch den 22. November ist hier Herr David Bach, Gutsbesitzer aus. Lemberg, im 42. Lebensjahre sanft entschlafen. Der Heimgegangene, der einzige Sohn des Herrn Meyer Bach in Lemberg, entstammt einer hochangesehenen Familie, war ein Mann von bedeutenden Kenntnissen, ein edler Menschenfreund. Eine Zeit lang wohnte er in Tarnopol und die Armen dieser Stadt bewahren ihm ein treues Andenken. Freitag am 24. Nov. fand in Wien das Leichenbegängniß statt. Außer den Söhnen und Geschwistern des Verblichenen sah man den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch und eine Anzahl Freunde der Familie, welche dem Heimgegangenen das letzte Geleite gaben. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt die Gedenkrede, in welcher er die Anhänglichkeit Pries, welche der Verblichene dem Judenthume bewahrte. Herr Cantor Schiller executirte in ergreifender Weise die Trauergesänge.