Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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<L«re 942 Veflerrrdtztsttzr WortzrnsrtzrM flir. 48 während des schrecklichen rumelischen Feldzuges, als die großartigste Völkerwanderung der Neuzeit wogte, die Juden sich fast überall den flüchtenden Türken anschlossen, sobald di«'Furcht oder die bulgarischen Grausamkeiten die Letzteren zur Auswanderung nöthigten. Vielleicht erinnert sich der Leser noch der aus Kasanlik flüchtenden Hunderte vonJuden,die sich unter Zurücklassung ihres Vermögens auf großen Umwegen über die Donau durch Ungarn und Triest und über das Meer in den südlichen Theil des ottomanischen Staates flüchteten. Aehnliches geschah aus Sophia und andern Gemeinden, in welchen die christlichen Culturverbreiter und Befreier erschienen. Möglich, daß dies in erster Reihe dem Umstande zuzuschreiben ist, daß Rußland nirgends und auch in Asien nicht im guten Rufe der religiösen Duldung steht; möglich, daß dies aus Furcht vor den Bulgaren, den modernen Freiheits-Märtyrern geschah, allein die Thatsache blieb den Moslims nicht unbekannt, und sehr charakteristisch waren die Aeußerungen der türkischen Tagespresse betreffs dieser Sympathie der Juden, und man brach in Jeremiaden darüber aus, daß man erst jetzt, also ungefähr nach vierhundertjährigem Zusammenleben, zu der Entdeckung gelangt, daß die Juden in Bezug der Religion, ihrer Weltanschauung u. s. w. den Moslims so nahe stehen. So rächt sich die Unwissenheit und Gleichgiltigkeit nicht nur bei einzelnen, sondern auch bei ganzen Gesellschaftsclassen. Wie viel die im Innern Asiens wohnenden Juden zu den Kosten des Krieges beisteuerten, sagen die Spendenlisten klar. In diesen Listen kommen die jüdischen Spender häufiger und mit größeren Summen als die dortigen Christen vor. Aus dem bisher Gesagten kann der unbefangene Leser zu der Ueberzeugung gelangen, daß dem orientalischen Juden nicht so wie dem christlichen Raja der vollständige Verfall der osmanischen weltlichen Macht als das höchste Ideal seiner Wünsche vorschweben kann, weil sich dadurch seine Lage verschlimmern würde und er vom Regen in die Traufe käme. Wenn man den Machteinfluß der moslemitischen Herrscher in einem Augenblicke wegzaubern könnte und an dessen Stelle irgend eine auf Freiheit, Humanität und Rechtsgefühl basirende westliche Regierung treten würde, so würden die orientalischen Juden dagegen nichts einwenden, weil diese Veränderung von ihnen als Morgenröthe eines bessern Zeitalters, als eine unbekannte Glücksperiode begrüßt würde. Bedauerlicherweise aber ist unser westlicher Machteinfluß nicht genügend stark, um das alte Uebel gründlich zu heilen, weil mit dem Aufhören der moslemitischen Gewaltthätigkeiten, die Gewaltthaten der dortigen Christen begingen würden, von deren Tendenz und Machtbestrebung nur der sich einen rechten Begriff machen kann, der diejenige in finsterer Unwissenheit, Aberglauben, in knechtischer Verworfenheit und Schlechtigkeit ausgewachsene Gesellschaft kennt, welche sich gleich einer freigelasienen Sclavenhorde benimmt. Europa war im Stande, den Christen des Westens die Freiheit zu geben, aber Europa war bisher noch immer nicht inl Stande, den an Christus glaubenden Orientalen christliche Duldsamkeit, Sanftmuth und westliche Bildung zu geben. Beweis dafür die Kämpfe unserer eigenen Cabinete gegen Rumänien und Serbien, welche Kämpfe auch bei den Bulgaren eine neue Ausgabe erlangen werden, so daß wir, in Anbetracht alles dessen, es den orientalischen Juden nicht verübeln können, wenn sie sich für die Aufrechterhaltung der ottomanischen Macht begeistern und sie darin auch ihre westlichen Brüder unterstützen. _ Me Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. nt. Der hebräische Verlagsverein „Achiassaf“, dessen Gründung ich am Schluffe meines letzten Artikels*) anzeigte, hat in der noch sehr kurzen Zeit seines Bestehens schon sehr Bedeutendes geleistet; und da auch die materiellen Resultate, die der junge Verein bis jetzt erzielt hat, durchaus als befriedigend zu bezeichnen sind, so ist zu hoffen, daß derselbe immer mehr floriren und seine Thätigkeit immer weiter ausdehnen wird, zur Belebung und Befruchtung der neuhebräischen Literatur und zur Erlösung d?r hebräischen Schriftsteller aus ihrer Roth und aus ihrer bisherigen beschämenden Lage. *) Siehe Nr. 14 der „Ocsterr. Wochenschrift". Die Thätigkeit des Vereines „Aelllassak" erstreckt sich auf folgende Literaturgebiete. Erstens edirt er hebräische Classiker unter Redaction hervorragender Gelehrter, die die Editionen mit Einleitung, Biographie und nöthigen Erläuterungen versehen. Zweitens publicirt er historische Schriften (selbstständige Monographien, Compilationen oder Uebersetzungen aus europäischen Sprachen). Drittens verlegt er i'tin belletristische Schriften: Romane, Novellen, Gedichte rc., entweder hebräische Originale oder Uebersetzungen der bedeutendsten europäischen belletristischen Productionen, die das Judenthum oder das jüdische Leben behandeln. Viertens gibt 'Ä heraus populär-wissenschaftliche Schriften aus allen Gebieten des Wissens unserer Zeit. Fünftens publicirt er Jugendschriften, und zwar solche, die den echt jüdischen Geist, und die Liebe zum Judenthume bei der Jugend erwecken und pflegen sollen. Die Publicationen dieses Verlagsvereines erscheinen in wöchentlicher Lieferung von je einem Bogen in Sedez L 7 Kopeken (— 10 Kreuzer). Bis jetzt hat der Verein folgende Werke herausgegeben: 1. Ausgewahlte Gedichte und Briefe des R. Jehuda Haldvy, unter Redaction des berühmten Gelehrten Dr. A. Harkavy, mit einer Biographie des Dichters aus der Feder Harkavy's und mit erläuternden Anmerkungen von Luzatto, Schorr, Harkavy und anderen Gelehrten. Das Werk ist complet in 7 Lieferungen. 2. Ein didaktisches Gedicht von R. Hai Gaon (complet in 2 Lieferungen) mit einer äußerst lehrreichen Biographie und Einleitung aus der Feder des ausgezeichneten Wiener Gelehrten A. H. Weiß. Diese beiden elastischen Publicationen sind vorzüglich ausgestattet und stellen ein sehr schmeichelhaftes Zeugniß aus dem Wollen des Verlagsvereines und dem Können der jüdischen Typographen in Warschau. 3. Eine „Geschichte der Juden in Spanien" (complet in 13 Lieferungen). Dieses Werk, eine compilatorische Bearbeitung nach Graetz und Kayserling, ist in einem sehr eleganten Hebräisch geschrieben und hat zum Autor den Herrn A. S. Friedberg, einen tüchtigen Hebräisten von der „alten Schule"*). 4. „Memoiren des Davidischen- Hauses", Erzählungen für die Jugend, von dem genannten Herrn Friedberg. Dieser sprachlich und inhaltlich gleich vorzügliche Novellenschatz für die Jugend ist eigentlich eine hebräische freie Bearbeitung der „Geheimnisse der Juden" von Hermann Reckendorf, aber der hebräische Uebersetzer hat es verstanden, sie frei zu bearbeiten und auch manche kleine Erzählung eigener Phantasie einzuflechten, daß das Ganze fast als selbstständige Schöpfung betrachtet werden kann. Das Werk ist noch nicht beendet und sind bis jetzt 14 Lieferungen erschienen. 5. „Daniel Deronda", Roman von George Elliot aus dem Englischen ins Hebräische übersetzt von D. Frischmann. Complet in 24 Lieferungen. Diese Uebersetzung muß als Wag- und Kunststück zugleich bezeichnet werden. Ein Wagstück war es, die außerordentliche gedanken- und bilderreiche Sprache der berühmten englischen Schriftstellerin in die arme, knorrige, ungelenke hebräische Sprache übertragen zu wollen. Und ein Kunststück ist es, dieses gewagte Unternehmen erfolgreich ausgeführt zu haben. Schreiber Dieses hat sich die Mühe genommen, das englische Original und die deutsche Uebersetzung (von Strodtmann) mit der hebräischen Version Satz für Satz zu vergleichen, und er war frappirt von der Gewandtheit des Herrn Frischmann, für die unzähligen Begriffe aus Gemüths- und Geistesleben und für die feinsten und tiefsten Bemerkungen der geist- und gemüthvollen Engländerin, die auf den ersten Blick fast unübersetzbar scheinen, doch paffende analoge Ausdrücke im biblischen Hebräisch gefunden zu haben. Denn Herr Frischmann zeigte sich in *) Ueber die „Alten" und „Neuen" in der hebräischen Literatur werde ich in einem nächsten Artikel ausführlich sprechen.