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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-01 · 48 (1.12.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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9lr. 48 VeVerretrtztsüre Woorenfitzryr ocite 941 persischen Sclaven. Obwohl sie ihn verachten und verabscheuen, ist er doch der einzige Fremde, der sich unter den räuberischen Turkmenen frei bewegen darf, weil sie ihn theils als Zauberer und Wunderthäter fürchten, theils aber weil er im religiösen Sinne als das verachtetste Glied der menschlichen Gesellschaft selbst zum Sclaven unbrauchbar und so unverkäuflich ist. Jedenfalls ist es eigenthümlich, daß, wenn die zum brahminischen Glauben gehörigen Hindostaner in die Gewalt der Turkmenen fallen, sie dieselben zuerst zum islamitischen Glauben bekehren und sie dann zwingen, vom Sunismus zum Schiismus überzutreten. damit sie sie auf gesetzlicher Basis auf den mittelasiatischen Märkten verkaufen können. An den Juden wurden derartige Operationen merkwürdigerweise noch nicht versucht, was sich nur so erklären läßt, daß der Jude sich in der Türkei und im ganzen moslemitischen Orient gegen den Mohammedanismus nur deshalb so abgeneigt benimmt, weil er mit der Annahme dieser Lehre auch Jsa und Merjem, d. h. Christus und Maria anerkennen müßte, worauf er aber unter keinem Umstande eingehen will. Andererseits umgibt den Juden in der Steppe der Nimbus des Zauberers, und ewig unvergeßlich bleiben mir jene überaus komischen Scenen, als die schlauen Söhne Israels, den einfachen Kindern der Steppe qegenüberstehend. bald aus der einen, bald aus der andern Tasche Elixirfläschchen hervorzogen, dann wieder mit lebhaften Gesten und Augenspielen Wurzeln und Kräuter ihnen anboten. Schließlich erwähne ich noch, daß dieser Begriff der Turkmenen von den Juden seinerzeit dem Dr. Wolfs verschafft wurde, der ein in Europa bekannter anglikanischer Missionär war, den aber die Turkmenen für einen Juden hielten. So viel über die Stellung der Juden in den verschiedenen Ländern der moslemitischen Welt. Wenn wir den Grad ihrer Leiden in den verschiedenen Epochen und unter den verschiedenen Völkern prüfen, so gelangen wir zu der Ueberzeugung, daß sie während der Glanz- und Machtperiode des Islams oder sagen wir deutlicher, während seiner Civilisationsperiode unter einem relativ kleineren Drucke standen, als in der Neuzeit, d. h. wie zur Zeit des Niederganges seiner weltlichen Macht. Hinsichtlich der Nationalitäten können wir sagen, daß die Araber und Perser einen unerbittlicheren Haß und größere Grausamkeit an den Tag legten als die Turaner, namentlich als die Türken und Mongolen. Die Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart weist viele Metzeleien und Verfolgungen der Juden tu solchen Städten auf, wo die arabische und persische Bevölkerung vorwiegend ist, und kaum in Einem solchen Orte wohnten Türken. Selbst bei den in Europa wohnenden Turanern, namentlich auch bei den Ungarn erfahren wir es, daß, während man sich in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien an den grausamsten Judenverfolgungen ergötzte, die Geschichte Ungarns nicht Einen solchen Fall verzeichnet und nur in solchen einzelnen Gemeinden Judenverfolgungen vorkamen, in denen sie von Slaven und andern europäischen Bolksrassen vorbereitet wurden. Diese Behauptung mag dem Leser sonderbar erscheinen, ich erwähne aber nur flüchtig, daß die bei uns in Europa so berüchtigten turanischen Horden wohl wild und muthwillig, aber nie grausam waren, da die Grausamkeit bekanntlich mit Feigheit endet und feige waren die Turaner n i e. Am meisten litten aber die Juden im Orient von den Christen, die aber ebenfalls Verfolgungen ausgesetzt werden. Der Christ zürnte dem Juden erstens, weil er Jesus gekreuzigt, und da der christliche Fanatismus größer als der moZlemitische ist, so wüthete dieser Zorn mit schrecklicher Heftigkeit gegen die Juden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir besonders hervorheben, daß das berüchtigte Osternblut, das man lange Zeit auch in Europa gegen die Juden vorbrachte, eine Erfindung der asiatischen Christen ist, von welchen sie die Kreuzfahrer als sonderbare Blume in ihrem Knopfloche herüber brachten. Zweitens müssen die Juden für jene Gewaltthaten büßen, welche die Moslims an den Christen ausübten, und so oft der gutgelaunte Mohammedaner im Bazargedränge oder bei öffentlichen Belustigungen dem Griechen öder Armenier einen Schlag versetzt, wird dieser Schlag mit dreifach verstärktem Echo vom Rücken des armen Jehudi zurückschallen. Auf diese Weise ist die häufige Schlägerei zu erklären, der die Juden nirgends in der Welt so oft als in Jerusalem ausgesetzt sind. Hier müssen sie nämlich das religiöse Feuer der verschiedenen chrlstlichen Secten fühlen. Drittens ist der Jude in der Ausnützung des indolenten und faulen Mohammedaners der gefährlichste Concurrent, und in solchen Orten, wo die Christen in geringerer Zahl sind, stehen sie diesen bedeutend im Wege. Mag aber der Jude ein Grieche, ein Armenier oder Maronite sein, seinem christlichen Gegner gegenüber wird er, vermöge dessen heftigen Temperamentes und Schlauheit immer den Kürzeren ziehen, denn während die Juden im Occident nicht nur auf finanziellem Gebiete, sondern auch auf anderen Zweigen des gesellschaftlichen Lebens eine ziemliche Rolle spielen, läßt sich dies vom orientalischen Juden durchaus nicht sagen. In einzelnen Städten der Türkei, wie z. B. in Saloniki, Constantinopel, Smyrna, Damaskus und Bagdad finden sich wohl einzelne reiche Juden, im Allgemeinen jedoch überflügeln die christlichen Concurrenteu das jüdische Volk und unter Denen, die sich mit dem Verkauf alter Kleider, einiger Schachtel Zündhölzchen und dem Dolmetschen befassen, bringen es kaum fünf Percent zu einer ansehnlichen Kaufmannsstelle. Jene also, welche die Stellung der Juden in Europa ihren hervorragenden geistigen Eigenschaften zuscbreiben, würden ihren Jrrthum sofort einsehen, wenn sie Gelegenheit hätten, die Judenschaft des Orients kennen zu lernen. So konnten auch die mittelasiatischen Juden nie eine gesellschaftliche Stellung einnehmen, weil sie dort den Kampf auf dem Gebiete der Concurrenz mit den Multanis, d. h. mit den brahminischen Hindostanern aufnehmen mußten, und während die Letzteren sich ausschließlich mit dem Geldwechseln und mit glänzend ergiebigem Handel des Wuchers befassen, müssen die Juden mit der beschwerlichen Arbeit der Seidenfärberei ihr bitteres Brot verdienen. Dasselbe läßt sich von den persischen Juden sagen, die in geringerer Zahl gefunden werden und überall durch den Armenier verdrängt werden. In Afghanistan und im chinesischen Turkestan haben sich Juden nie aufgehalten. Mag sein, daß sich in neuerer Zeit einige Juden unter russischem Schutz in Kuldscha niedergelassen haben. In Anbetracht der beschriebenen Lage leuchtet es klar hervor, daß die Juden im moslemitischen Asien, namentlich aber in der Türkei ohne die Einmischung der Europäer ein viel besseres Los hätten. Bor Allem dürfen wir nicht vergessen, daß die Judenschaft im Orient sich viel treuer und consequenter blieb, als im Westen; denn in Asien ist die Nationalitätenfrage ganz unbekannt und an deren Stelle ist die Religionsidee getreten. Bei uns in Europa, wo die positive Religion mit der modernen Wissenschaft einen großen Kampf zu bestehen hat, ist die Stellung der Juden schon deshalb nicht klar und durchaus nicht beneidenswerth, weil sie einerseits als wackere Kämpen des geistigen Fortschrittes den religiösen Boden verlieren, anderseits im Hinblick auf die unleugbaren Ringe der großen Kette des Panjudaismus specielle nationale Aspirationen nicht verwirklichen können. Denn zugegeben, daß es unter den Juden Deutschlands, Ungarns, Englands und Italiens auch große Koryphäen gegeben, die sich die Achtung der betreffenden Länder errungen haben, so gibt es doch Biele, die die nationale Berechtigung derselben in Zweifel ziehen. Im Orient ist dieser Fall unmöglich. Aeußerlich gibt es hier wohl türkische, arabische, persische, turkostanische Juden, in ihrem innern Wesen sind sie alle Jehudis oder Musewis und bilden einen einigen Körper, gerade so wie der Islam oder das Christenthum. Dem orientalischen Juden fällt es gar nicht ein, irgend ein nationales Epitheton anzunehmen. Auch er hält zu dem moslemitischen Princip: Jeder Rechtgläubige ist Bruder. Dadurch vermeidet er jedes Dilemma, die gleichgesinnten Mohammedaner beurtheilen ihn richtig, und es bleibt ihm ein ewiges Räthsel, wie sich die Juden des Occidents Deutsche, Franzosen u. s. w. nennen können. S Ob die analoge Denkungsart der beiden Gesellschaften oder aber der stark prononcirte orientalische Conservatismus der Juden es verursacht, daß sie ihr Schicffal mit dem Los der Mohammedaner so eng verknüpfen und im Unglück der Letzteren einen gewiffen Grad der Theilnahme zeigen — dies ist eine solche Frage, in die ich mich diesmal nicht einlaffen mag. Als geschehene und ziemlich überraschende Thatsache erwähnen wir es aber, daß die türkischen Juden anläßlich der jüngsten bedrängten Lage des Islams nicht nur entschieden auf Seite der Moslims standen, sondern auch an den freiwilligen Opfern regeren Antheil nahmen als die übrigen, Rußland feindlich gesinnten Nichtmohammedaner. Es ist bekannt, daß

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