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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-01 · 48 (1.12.1893) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
48 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 938 Vesterreichifchr Wochenschrift Nr. 48 publicirt werden? Stehen die jüdischen Staatsbürger außerhalb des Gesetzes? Es wird sich hoffentlich ein Abgeordneter finden, der diese Frage an den Justizministcr richtet! Eine Grütze der antisemitischen Literatur. I. Der Mann und sein Buch. Eine merkwürdige Zwiespältigkeit, gleichsam ein großer, klaffender Riß geht durch das groß angelegte, kühn gedachte Werk des antisemitischen Apostels, des vielbewunderten, vielgehaßten Eugen Dühring, welches sich „Die Größen der modernen Literatur" betitelt und von dem der zweite umfangreiche Band erst jüngst erschienen ist. Wer sich ernstlich die viele Zeit nehmen will, dieses Werk zu studiren, der möge sich auch gleich mit übermenschlicher Langmuth, eiserner Geduld und standhafter Ausdauer wappnen und rüsten. Er wird in einer fürchterlichen Wiege geschaukelt werden! Auf die höchsten Aussichtspunkte der Menschheit, die allererhabensten einsamsten Felsen-Warten wird er geleitet werden, von denen aus er die Flucht der Jahrhunderte aus der Vogelperspective überschauen kann — und im nächsten Augenblicke wird er in Untiefen der unglaublichsten Trivialität, Albernheit und Abgeschmacktheit gestürzt werden — dann geht es wieder in die schwindelnde Höhe bergauf. Der Leser wird sich oft genug an die Stirne greifen und fragen: „Stammen Kette und Einschlag von demselben Webstnhl? Ist dies zwiespältige Buch wirklich von ein und demselben Manne geschrieben? Von einem großen, eigenartigen tiefbohrenden Denker und einem aberwitzigen, halbblödsinnigen Narren?" Wenn Plato und Schön erer zusammen eine Literaturgeschichte schrieben, so müßte sie in dieser Art gehalten sein- Kant und Lueger! Socrates und Ernst Schneider! Wir sind wahrlich jeder Uebertreibung ferne — der Contrast ist in der That nicht geringer, als ihn diese Gegenüberstellungen darstellen. Dühring mag in seinem Werke noch so sachlich thun und noch so tiefsinnig seine speculativen Pfade wandeln, in dem Momente, wo er auf „Judäer" zu sprechen kommt, kriegt er seinen Anfall und stürzt sich auf sie mit geradezu tollhäuslerischer Wuth, und dann geht es ohne Abschweifung von gleich zwanzig bis dreißig Seiten nie ab. Die Semiten sind sein rothes Tuch... Nur daher stammt auch die ungebührliche Ausdehnung des Buches, welches nach vereinzelten quellfrischen Oasen, wo fremdartige und seltsam gestaltete Geistesblüthen aufsprießen, Stellen aufweist von dürrer, sandiger, endloser Steppenhaftigkeit — wo selbst der sonst weite Horizont verhüllt und verschleiert wird durch heiße, haßdurchglühte Stürme, die das trockene Sand- 'meer aufwühlen bis in seine innersten Tiefen. Ein unerquickliches Bild — erbarmungs- und endlos wiederholt — und der bleierne Himmel der tödtlichsten Langweile lagert schwer darüber. Eine einschläfernde, gliederlösende Atmosphäre — man sinkt erschöpft und ermattet nieder — noch summt der ohnmächtige, blindwüthige Ansturm einer zum Fanatismus aufgepeischten Leidenschaftlichkeit im Ohre — immer leiser, immer ferner — man schläft . . . man schläft und träumt vielleicht von einem armen, alten Manne, der Eugen Dühring heißt und in ewiger Umnachtung dahinsiecht, seit langen Jahren erblindet und der aus seinem abgrundschwarzen Dunkel heraus seine Pfeile schießt ohne zu zielen — stumpfe und spitze Bolzen, auch Knallstöpsel aus Kinderpistolen — aber alle vergiftet. Schreckliches Los eines ohne allen Zweifeln zu den höchsten Aufgaben menschlicher Denkfähigkeit berufenen Geistes. Kein Strahl freundlichen, belebenden Lichts erhellt ihm sein düsteres Dasein — kein Strahl Heller, freundlicher Menschlichkeit vergoldet seine Philosophie des Hasses, welche allen bestialischen Jnstincten als pseudo-wissenschaftliches Fundament sich allzuwillig darbietet. Die Verlagsbuchhandlung sollte — wir sprechen im vollsten Ernste — zwei Ausgaben des merkwürdigen Buches veranstalten — eine für Antisemiten und eine andere, welche gleich um zwei Driktheile schmächtiger ausfallen müßte, für jene gesittetere, ruhigere Classe von Menschenkindern, die für ein würdiges Wort ein stilles Ohr haben, die ernste Wissenschaft ohne den brennenden Pfeffer parteipolitischen Tagesgkzänkes schlimmster Art zu genießen wünschen. Dühring ist nicht allein geschworener Feind des Judenthums, auch das Christenthum erfreut sich der gleichen wohlwollenden Beurtheilung. Consequenz ist darin wenigstens nicht zu verkennen, dieselbe Consequenz, welche wir bei Voltaire finden. Man kann nicht Jutzenhasser und guter gläubiger Christ zugleich, sein — eins hebt das andere vollständig auf. Das Christenthum und die edelsten seiner weltbewegenden, weltumgestaltenden Grundlehren sind aus dem Judenthume herausgewachsen; Rabbi Josuah von Nazareth und alle seine Apostel fühlten sich immer als Juden — und es wäre geradezu ein platter Gemeinplatz, hier offene Thüren einrennen und das nochmals beweisen zu wollen, was jeder ehrlich Denkende und logisch Urtheilende auch ohne besondere theologische Fachstudien sich eingestehen muß. Wen aber Beruf oder Neigung je solchen in die Arme geführt haben, der liest in jeder Verszeile, der hört es aus jedem Worte des neuen Testamentes heraus, daß es den zweiten ergänzenden, abschließenden Theil des alten jüdischen bilden soll — auf jedem Blatte werden hundert Beziehungen angeknüpft, abgeschlossen oder fortgesponnen. Ja, Dühring besitzt in reichem Maße die Consequenz — der Ungerechtigkeit, er haßt Juden und Christen gleichglühend — gleiches Unrecht für Alle.— Er vertheidigt seine schlimme Sache mit dem falschen Pathos eines schlechten Advocaten. Er geräth in Hitze, wo ruhige, sachliche Discussiou allein am Platze wäre, er stößt plebejische Schimpfworte aus, anstatt kräftige zureichende Argumente in's Feld zu stellen, er schlägt wüthend um sich, er poltert, er tobt, er rast, er schäumt — er muß beruhigt werden — langsam und sachte gleitet er zu einem anderen, abseits gelegenen Thema hinüber, das er würdig, mit Geist und Feinheit zu behandeln versteht, neue Perspectiven eröffnend, große Belesenheit offenbarend, riesiges Material souverän meisternd. Wenn je in eines Menschen Brust zwei Seelen gewohnt haben, so war es in diesem sonderbaren Manne. Man möchte die eine bewundern, um die andere nur um so lebhafter zu verabscheuen. Wir wollen aber seiner trotz Allem bedeutsamen Erscheinung Eines angedeihen lassen, was er nie für uns gehabt: Gerechtigkeit. Mit ruhiger Besonnenheit, mit dem Ernste, welcher der Wissenschaft entspricht, wollen wir uns an die gewiß nicht leichte und sehr wenig verlockende Aufgabe wagen, die beiden neuen Bände Dühring's in einer Reihe von Besprechungen zu erörtern und einen Theil der darin enthaltenen zahlreichen Widersprüche, bizarren Verschnörkelungen, Unrichtigkeiten, Voreingenommenheiten Nachweisen — einen Theil! Lange nicht alle, denn hiezu wäre des Einzelnen Kraft weitaus zu schwach, da bedurfte es eines vielgliedrigen Comites von Literarhistorikern. Auch soll des Lesers Geduld nicht allzu straff gespannt werden. Wenn wir nun dies von Dühring gelernt haben — dann ist er doch nicht ganz ohne Nutzen studirt worden. Wie Dühring zu Lessing, dem „slavo - hebräischen Bastarde", sich stellt, dem er jeden Funken literarischer Begabung abzusprechen wagt, dessen lauteren, deutschen Charakter er in geradezu infamer Weise besudelt, das ist noch viel zu wenig bekannt. Es soll niedriger gehängt werden. Wie" Dühring von Börne und Heine, den beiden „Ungrößen" urtheilt, weil sie Judenstämmlinge sind, und nur weil sie es sind, ist viel zu merkwürdig niederträchtig und gemein gehässig, als daß es nicht besprochen werden sollte. Es - ist höchst interessant, zu sehen, wie verschiedene Gifte auf verschiedene Organismen einwirken. Das Gift Antisemitismus, welches die niedrigsten Jnstincte des Menschengeschlechtes auslöst und von Hemmungen frei macht, wirkt anders auf den verlotternden zu Grunde politisirten kleinen Gewerbetreibenden, — ganz anders auf den schnapsgierigen Mob, der nie was zu verlieren hatte — anders auf den philosophisch veranlagten Kopf. Der Erste läßt sich, wenn möglich, in den Gemeinderath wählen, wo er alsbald zu einkm der hervorragendsten Pultschläger und Fußtrampler avancirt — der Vagabund greift zum Stein, um Judenscheiben in Scherben zu schmettern — und der Philosoph? — schreibt ein Buch. Dies Buch wollen wir uns näher ansehen. ' F. Pater Eichhorn. Das „Deutsche Voltsblatt" vom 24. November bringt unter der Ueberschrift „Verderbte Jugend" folgenden Bericht: „(Ein Sittenbild aus Höflein a. d. Donau.)-" Vor wenigen Wochen brachten einige Wiener Tagesjournale die Mittheilung, daß über den Pfarrer von Höflein,

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