Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 934 ^österreichische MochrnschrM Nr. 48 adliger Namenssormen bildet, eigentlich schon eine Declassirung bildet. Wer sich als Sohn von Jemand benennen oder von Anderen so benannt werden muß, bedeutet an sich selbst nicht viel. Moses heißt nur immer so und nicht Sohn Amram's, wie Samuel nur immer so und nicht Sohn Elkana's genannt wird. Der wahre Adel ist also der persönliche, wie in der jüdischen Tradition der bloße Name Hillel's und anderer über den Titel Nabbi und Rabban gestellt wird, und wie bei den deutschen Juden schon seit dem 16. Jahrhundert (vgl. meine Quellenschriften S. 119) die Ansicht üblich ist: es gibt keinen wahrhaften Adel außer dem persönlichen (Jiehus aztno). Selbstverständlich haben auch für diese Ansicht die Juden keine Priorität noch ein Patent, sie ist eine natürlich-menschliche. Betrachten wir die Entwicklung der Familiennamen in ihrem Fortgange. In einer anderen Stadturkirnde vom Jahre 1238 kommt der Name Bruno Ovonis vor. Hier ist schon das vervollständigende Mus ausgelassen, aber die Genitivform Ovonis weist darauf hin. Durch diese Auslassung nähert sich das letztere Wort schon einem eigentlichen Familiennamen, und aus dieser Namenssorm sind die heute noch vorkommenden Familiennamen Berends oder in lateinischer Form Bernhard!, Gerbrechts, Sanders, Peters, Alberti, Frerichs (ursprünglich Friederichs oder plattdeutsch Frederiks), Adams, Schultens und tausend andere entstanden. Bei allen diesen Namen muß man das Wort „Sohn" (Berends u. s. w.) hinzudenken, das auch ursprünglich vorhanden war, aber' mit zunehmender Ausgestaltung des Namens zum Familiennamen veischwand. Eine Eigenthümlichkeit dieser Art von Zunamen besteht in der Hinzusügung des Wortes „Hern"-Herrn. Es finden sich Familiennamen in der Form.Hern Sanders, Hern Gerbrechtes, Hern Berndes, deren Söhne dann heißen Henning Hern Sanders, Reyner Hern Gerbrechtes u. s. w., wobei am Ende, wie schon bemerkt wurde, das Wort „Sohn" zu ergänzen ist. Auch bei den Juden kommt diese Form vor, wie Rabbi Meir Rabbi Simcha's, zu ergänzen Sohn u. a. m. Diese Namenssonn hat für die Juden noch ein besonderes Interesse. Die vornehmlich unter den Juden in Prag heimischen Familiennamen Teweles, Moscheles und ähnliche Namensformen rufen heutzutage den Spott mancher deutschen Sanders, Peters u. s. w. hervor. Gleichwohl sind jene wie diese auf eine und dieselbe Weise entstanden. Die ersteren haben sogar den volleren Ausklang, wie Aristoteles, Praxiteles u. s. w. Dennoch haben sie mit dem Griechischen nichts zu thun, sondern Teweles und Moscheles, Sanders und Peters sind Genitivformen, die vollständig lauten Teweles, Moscheles (Diminutiva), Sanders, Peters „Sohn". Es liegt auf der Hand, daß bei den deutschen Juden diese Form des Familiennamens sich in ebenso selbstständiger Weise herausgebildet hat, wie bei den deutschen Christen. Ich muß hierbei darauf aufmerksam machen, daß diese Formen von Familiennamen auch als Matronymika Vorkommen z. B. Sprinzeles (d. h. ursprünglich der Sohn von Sprinze oder Esperanza), Taubeles (der Sohn von Taube, oder diminutivisch Taubele). Auch dies ist echt deutsch oder, um auch einmal aufzutrumpfen, „urdeutsch", wie. die bekannte mittelalterliche christliche Familie Odilie (gewiß eine Genitivform) beweist. Beide können, sich indeß auf den Talmud berufen, wo Mare bar Rahel vorkommt. Eine andere Art von Familiennamen entstand dadurch, daß man sich nach dem Schloß, Dorf oder Flecken nannte, den man besaß, oder nach dem Orte, von wo man stammte. Wenn sich Juden Löwe von Prag, Meir von Lublin, Menachem von Merseburg, Israel von Marburg, oder mit Weglassung des „von" Löwe Prag, Meir Lublin, Menachem Merseburg, Israel Marburg (wovon Morpurgo) nannten, und wenn in Folge dessen die genannten Städtenamen Familiennamen wurden, so ist dieser Vorgang ein natürlicher, der weiter keiner Erklärung bedarf. Bei den Christel: mar eS ebenso. Walther von Schlanstädt war aus Schlanstädt und nicht anders sind die Tausende von Namen wie Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen u. s. w. zu erklären. Die Wenigsten waren Herren oder Besitzer der Ortschaften, nach denen sie hießen, aber allmälig wurden die Ortsnamen Familiennamen der Abkömmlinge. Da im Mittelalter nicht überall Juden wohnen durften, so sind die von Ortschaften abgeleiteten Familiennamen ihrer Anzahl nach beschränkter und typischer. Lichtenberg und Spangenberg werden häufiger unter Christen, Prag und Mainz häufiger unter Juden als Fainiliennamen Vorkommen. Ich übergehe andere Arten von Familiennamen, die sich von Beschäftigungen und Handwerken, Thieren, Farben, körperlichen Vorzügen und Gebrechen u. dgl. herleiten und selbst aus Spottnamen entstanden sind, woran Juden so gut wie Christen Theil haben. Schon Gelehrte des Talmud werden nach dem Handwerk benannt, das sie betrieben, bei den Juden des Mittelalters war es ebenso. Es besteht nur zwischen Christen und Juden der Unterschied, daß bei ben letzteren die förmliche Annahme von Familiennamen sich länger hinzog, als bei den ersteren, was wiederum in der Verschiedenheit des Bildungswesens begründet ist, die seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften im Anfänge des 16. Jahrhunderts immer deutlicher zwischen den beiden Gruppen hervortrat. Im Mittelalter war der Gang der Bildung bei Juden und Christen in formaler Hinsicht ein gleichmäßiger, und im Großen und Ganzen waren die ersteren den letzteren in der Bildung überlegen, was selbst von christlicher Seite mehrfach anerkannt wurde. Damals standen sich auch beide Gruppen in Bezug auf die Eigennamen gleich, wie oben gezeigt wurde. Aber durch die mit dem „schwarzen Tod" verknüpften Verfolgungen wurden die deutschen Juden, ohnehin durch Tod und Exil decimirt, auf sich selbst zurückgedrängt, schlossen sich von der fortschreitenden Bildung ab, und so kam es, daß sie auch hinsichtlich der Eigennamen sich an alte Gewohnheiten anxlammerten, während bei den Christen bereits Veränderungen auf diesem Gebiete Platz gegriffen hatten und herrschend geworden waren. Bis in das 18. Jahrhundert sind eigentliche Familiennamen, wie sie bei den Christen nunmehr schon lange bestanden, bei den Juden selten, es sind wohl einzelne Ortsnamen, wie Landau, Minz oder Menz (Mainz) u. s. w., die wirkliche, stehende Geschlechtsnamen wurden, die Meisten aber führten nur einen Namen in Verbindung mit dem Namen des Geburts- oder Wohnortes, jedoch so, daß letztere keinen stehenden Geschlechtsnamen bildeten und der Sohn eines Mannes, der auf diese Art beispielsweise als Josef Preßburg bekannt war, seinerseits Jsak Prag heißen konnte. Im achtzehnten Jahrhundert tauchen schon wirkliche Familiennamen auf, wie Fränkel, Bloch (wie der berühmte Ichthyologe hieß), Rieß, Heckscher, Mendelssohn, dessen erster Träger, Moses, jedoch unter den Juden noch Moses Dessau