Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Veprryeichiphe Wochenschrift Seite 933 Juden noch auf das reizende mittelhochdeutsche Gedicht von dem Meier H e l m b r e ch t Beschlag legen und die Patentschutz-Gesetzgebung zu Gunsten ihres Rabbi Meir anrufen, wenngleich das erstere Wort kein Name, sondern eine Professionsbezeichnung ist, und das letztere mit diakritischen Punkten ausgesprochen werden muß. Immerhin, Meier oder Meir, wer macht zwischen beiden in dem Zeitalter des Antisemitismus einen Unterschied? Für die Antisemitenblätter ist ja jeder Meier ein Jude, und ich wundere mich, daß noch keines von ihnen beantragt hat, die Erzählung vom Meier H e l m - b r e ch t von der deutschen Nationalliteratur auszuschließen. Indessen kann man doch der erwähnten Eingabe in gewisser Hinsicht den Reiz des Neuen nicht absprechen. Nämlich bis auf den Namen hat sich der Druck der Juden niemals erstreckt. Die Juden haben immer und überall unbeanstandet die landesüblichen Namen geführt. Warum auch hätte ihnen dies verwehrt werden sollen? Haben sie doch ihrerseits niemals und bei keinem Regierungspräsidenten Einsprache erhoben gegen den außerjüdischen Gebrauch so zahlreicher hebräischer Namen. Die Eingabe des Herrn Goetze hat nur eine Vorgängerin. Das ist die bekannte preußische Verordnung vom Jahre 1836, welcher zufolge cs den Juden künftig nur gestattet sein sollte, biblische Vornamen zu führen. Bis auf den Zunamen hat sich auch diese Verordnung nicht erstreckt, die übrigens ebenso plötzlich, wie sie erlassen war, auch wieder unterdrückt wurde und die nur eine Wirkung gehabt hat, nämlich die Herausgabe der kostbaren Schrift von Zunz: „Namen der Juden". Ueber die Annullirung jener Verordnung erzählt man sich Folgendes: In Posen hatte ein jüdischer Familienvater vor Gericht erklärt, seinem neugeborenen Sohn den unleugbar biblischen Vornamen Jesus beilegen zu wollen. Dies genügte, um die Beschränkung der Juden auf die biblischen Vornamen als eine Lächerlichkeit erkennen zu lassen, deren man sich schämte. Der heutige Antisemitismus schreckt aber nicht einmal vor der Lächerlichkeit zurück, Zu- oder Familiennamen mit dem Stempel der Nationalität und Confessionalität zu versehen. Der Heiligenkalender kennt blos Vornamen, aber die Zunamen sind international und interconsessionell. Schwerlich wird allerdings ein Christ den Vornamen Juda, noch ein Jude den Vornamen Christian führen, (obwohl hier in Wien ein Jude diesen Vornamen thatsächlich geführt hat), dagegen sind.die Zunamen indifferent. Der langjährige Präsident des gesetzgebenden Körpers in Frankreich hieß Schneider und war trotz des deutschen Zunamens ein Franzose, der bekannte Finanzwann Göschen ist ein Engländer, obwohl der Zuname deutsch ist. Auf die Confesston kann man aus diesen Zunamen vollends nicht schließen, denn es gibt unzählige Juden, die Schneider heißen, die aber auch Göschen heißen könnten. Herr Goetze beruft sich auf die Zunamen Levi, Cohn und dergleichen. Diese bilden denn doch eine Ausnahme, da sie nur der geringen Anzahl der dem levitischen und aronidischen Geschlechte angehörigen Juden zu eigen zu sein pflegen. Aber wie viele Christen führen den Familiennamen Jakob oder Jakobs oder Jakobi, wie viele heißen Adam und Noe u. s. w. In meiner Vaterstadt Hildesheim bestand oder besteht noch eine urchristliche und urdeutsche Familie Moses. Der jetzige zweite Viee-Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses heißt David Abrahamowicz. Jüdischer könnte man nach Herrn Goetze schon nicht heißen, und der Genannte ist doch ein Christ. Wie gesagt: die Zunamen sind geschlechtslos und confessionslos, und kein gewissenhafter Mann wird darauf schwören wollen, daß jeder Träger des Zunamens Schmul nothwendig ein Jude sei, so wenig ich auf das Christenthum des Herrn Rudolf Goetze zu schwören vor seiner Erklärung mir hätte einfallen lassen. Demnach entbehrt die emphatische Behauptung des Letzteren: „Der Name Goetze ist ein gut deutscher christlicher Name", abgesehen von dem deutschen Ursprünge des Wortes, jeder thatsächlichen Begründung. Ich würde indeß meine Zeit für viel zu kostbar erachten, als daß ich sie an die ohnehin vergebliche Belehrung irgend eines antisemitisch angehauchten Generalpächters des Deutschthums, deren jetzt so viele auftauchen, zu verschwenden mich veranlaßt sehen könnte, wenn nicht die Entwicklungsgeschichte der Familiennamen (welche Zunz nicht in seine Untersuchung einbezogen hat) auch mit Rücksicht auf die jüdische Geschichte eine kurze Erörterung verdiente, und wenn ich nicht hierbei den willkommenen Anlaß fände, über die leider öfters bei den Juden vorkommende Aenderung des Familiennamens meine Meinung zu sagen. Die Zu- oder Familiennamen in Deutschland sind nichts weniger als „urdeutsch" — ein Beiwort, mit welchem heute in ganz unberechtigter Weise geprahlt und herumgeworfen wird — sondern verhällnißmäßig jungen Ursprungs, da sie erst ungefähr seit dem 12. Jahrhundert Vorkommen. Jede Person hatte nur eineil Namen, der Sohn hieß anders als der Vater, jeder Name war also individuell. Allmälig bildete sich jedoch die Sitte aus, daß der Sohn eines berühmten Vaters die Abstammung von dem Letzteren in seinem Namen kenntlich machte, aus welcher Sitte, die zunächst zur näheren Jndividualisirung diente, der Adel sich herleitet. Im Spanischen heißt der Edelmann Hidalgo d. i. higo de aigo, der Sohn von Jemand, was besagen will, daß Edelmann derjenige war, welcher sich als den Abkömmling eines berühmten Vaters oder Vorfahren ausweisen konnte. In einer deutschen Stadturkunde vom Jahre 1236 kommt der Name vor Bruno filius Joonis d. i. Bruno der Sohn von Joon. Dies ist die ursprüngliche vollständige Benennungssorm, die also ziemlich jung ist, welche dazu diente, den erwähnten Bruno zu individualisiren, welche aber zugleich, wie ich sofort zeigen werde, ben Ansatz für die Ausbildung eines Familiennamens bildete. Bleiben wir jedoch einen Augenblick hierbei stehen. Wenn zu derselben Zeit und noch früher in Urkunden deutscher Juden der beispielsweise Name Moses ben (d. i. Sohn) Jakob sich findet, so wird doch heutzutage Niemand behaupten wollen, daß der Träger dieses Namens mit seiner Benennung eine deutsche Sitte nachgeahmt habe. Eher könnte man behaupten, daß der vorgenannte Bruno Mus Joonis durch das alte Testament aus diese Namensform geführt worden fei, in welchem sie die allein übliche ist, wie Josua ben Nun, Kaleb ben Jefnne und Tausende anderer Beispiele beweisen. Aber weder das Eine, noch das Andere ist der Fall. Die Benennungsformen Bruno filins Joonis und Moses ben Jakob sind unabhängig von einander aus dem natürlichen Streben nach Jndividualisirung,'wie aus ebenso natürlichem Ahnenstolz entstanden. Ich möchte jedoch hierbei darauf aufmerksam machen, daß das Patronymikon, das die Grundlage des Adels und