Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 932 Orstrrreichische Wochenschrift Nr. 48 standes zahlen Steuer, haben genau denselben Anspruch auf die Wohlthaten der Gesetze, wie alle anderen Staatsbürger. Dennoch sind sie regelmäßig im December von einem verstärkten Ausbruch jener Verfolgungen bedroht, welche den Zweck haben, ihnen Brot und Leben abzuschneiden. Von dem Vereine „Christliche Familie" werden wieder Frauenversammlungen geplant, wie eine solche im vorigen Jahre 'in der Volkshalle des Rathhauses stattgefunden hat, Frauenversammlungen zum Zwecke der Boycottirung der Juden. Solche Frauenversammlungen plant jener saubere Verein in allen Wiener Bezirken abzuhalten; Sonntag den 3. Dezember sollen 2 solche Versammlungen stattsinden: Die eine in den Sälen „zu den 3 Engeln" im IV. Bezirke (Redner Prinz Liechtenstein, Dr. Kupka, Fabrikant Franz Zuleger und Frau Toni Schmolek), die zweite in Sulke's Saallocalitäten „zum wilden Mann" im XVIII. Bezirk, Währing (Redner Prinz Liechtenstein, Franz Zuleger, R. Polz Hofer und Frau Aloisia Oswald). Weitere Frauenversammlungen in den anderen Bezirken werden folgen. Mit Hinblick auf diese Erscheinungen sprechen wir von den kritischen Tagen des December. Wir berufen uns auf die beiden größten deutschen Dichter, auf Goethe und Schiller, um uns viele Worte über die Weltmission des Handels zu ersparen. Die Beziehungen zwischen Religion und Handel spielen in der Culturgeschichte eine wichtige Rolle. .Sagen, Legenden und Götterbilder, als sichtbare und unsichtbare Gäste begleiteten sie das Schiff des Kaufmannes. Vor Allem aber war es die Bestimmung des Handels, die Schranken zu durchbrechen, durch welche die Nationen und Länder feindlich von einander getrennt waren. Der Handel stellte das versöhnende Element dar gegenüber einer barbarischen Politik und gegenüber dem religiösen Fanatismus. Welchen Eindruck würde es machen, wenn man plötzlich im Staat eine absolute Zollsperre, ein absolutes Prohibitivsystem einführen, den Handelsverkehr mit den Nachbarn gänzlich verbieten wollte? Was soll man aber erst dazu sagen, wenn das gegenüber Bürgern geschieht, welche Recht und Pflicht in gleichem Maße mit allen andern Bürgern theilen? Das „Kauft nur bei Christen" oder welche Formel man sonst wählt, um den Brotneid in den Dienst des Antisemitismus zu stellen, hat ja den Abbruch jedes Verkehrs zur unmittelbaren und unvermeidlichen Consequenz. Selbst in halbwilden Negerstaaten gibt es Freiheiten und Privilegien der Märkte. Gegenüber dem Handel wurde von jeher eine gewisse Duldung geübt und aus dem Handel erwuchsen die Ideen der Toleranz. Es entspricht den Traditionen des Raubritterwesens, daß man bei dem Handel anfängt, um die furchtbarste Unduldsamkeit zu proclamiren. Tüchtige und wohlgesinnte Bürger des Staates werden in Acht und Bann gerhan. Paßt das zu der Natur eines Staates, daß ein Verein sich Solches herausnehmen darf, paßt das zu den Bedingungen der staatlichen Ordnung? In der Urgeschichte des Christenthums begegnen wir einer Fülle von Friedensverheißungen und Friedensbotschaften. Der Kundige wird mannigfach erinnert an die Lehren des Hillel, der damals in Palästina den größten Einfluß ausübte. Die Bilder des Friedens, wie unsterbliche Künstler sie uns zurückgelasien haben, sie finden ihre Heimat unter dem Volke und dem Lande der Juden. Und gerade zur Weihnachtszeit, wo diese Bilder von Neuem aufleben sollten, wird unter der Firma „Christliche Familie" der Vernichtungskrieg gegen die Juden proclamirt; denn es ist ein Vernichtungskrieg, wenn man Menschen das Brot abzuschneiden sucht. Ein solches Vorgehen ist eine Verhöhnung der Urgeschichte des Christenthums, ist eine Verhöhnung seiner Friedensbotschaften. Ja, wer sein Christenthum und seine heiligen Lehren aus inniger Ueberzeugung bekennt, der muß sich abgestoßen fühlen von dieser häßlichen Verquickung von Christenthum und Geschäft, von Weihnachtsfreude und Concurrent enneid. Ist denn ein Mantel dauerhafter geworden, wenn ihn ein christlicher Commis verkauft, ist ein Hut schlechter, weil ihn ein Jude gebügelt hat? Und wenn man ein wollenes Kleid kauft, ist die Wolle des Schafes nicht für Alle gewachsen, die da frieren, nicht auch für Christen und Juden, gleichgiltig ob es Gerechte oder Ungerechte sind. Mit Recht sagte daher der Prediger Stage von der Berliner Dankeskirche: »Ich sehe mich leider genöthigt, gegen ein sogenanntes - „christliches" Geschäftsmanöver zu protestiren, das alle Merkmale eines leichtfertigen, nur auf Vortheil sinnenden Geistes trägt. Zeigt sich da in Zeitungsbeilagen ein „Erster christlichdeutscher Bazar" an und warnt das Publicurn vor dem Kaufen bei den Juden. „Gerade jetzt zu Weihnachten, dem christlichen Feste, darf man nicht für theure Preise bei den Juden schlechte Waare erwerben, sondern sich ausschließlich an den christlich-deutschen Bazar wenden." Wir unsererseits möchten keinen Zweifel darüber lassen, daß solchen Geschäftsdeutschen und Geschäftschristen nur ein „Pfui" gebührt." Zwei Frauen und ein Mann gingen auf den Weihnachtsmarkt, die Lüge, die Verleumdung und der Haß. Die Lüge sagte: „Ich kaufe nichts, ich lüge meinen Leuten etwas vor und sie glauben, sie haben die schönsten Geschenke." Die Verleumdung nahm und empfing wie immer bei der Lüge uneingeschränkten Credit. Der Haß aber führte die beiden Weiber am Arm und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Die Juden aber hatten schöne Auslagen und schöne Maaren auf dem Weihnachtsmarkt. Dem Volke sagte man, es solle bei den Juden nichts kaufen; aber die Menge staute sich dennoch vor den Auslagen und starrte bewundernd in den bunten Kram. Und als die Nacht hereingebrochen war und die Auslagen in feenhafter Beleuchtung glänzten, da hatten Haß, Lüge und Verleumdung ihr Werk gethan. Die Plünderung nahm ihren Anfang. Und nun waren alle Dämonen losgelassen, man suchte die Bankiers auf und. die Banken. Da fügte es sich, daß bei den Juden gerade jene Kassen erbrochen wurden, wo der Papst, die Cardinäle, die Erzbischöfe, Klöster und Pfarrer ihre Depots hatten. Ein Secretär des Papstes erschien, um das bedrohte Gut zu schützen. Er hat seinen Peterspfennig der^ Redlichkeit eines Juden anvrrtraut. Aber man schalt ihn einen Judengenossen und Judenknecht und man führte den Raub an dem Vermögen des Papstes und der Cardinäle. Was ist dem Antisemitismus der Papst, was ist ihm die Religion? Des andern Morgens aber kleidete sich der Haß in seine Feiertagskleider, ging in die Kirche und hörte andächtig die Friedensbotschaft aus Judäa. So weit sind wir noch nicht. Einstweilen begnügt sich die „Christliche Familie" mit Frauenversammlungen. Der Haß wird die Rede halten, Verleumdung und Lüge stehen ihm zur Seite und sind unerschöpflich in ihren Einflüsterungen und Eingebungen. Christen- und Iudennamen. Von Oberrabbiner Dr. G üd em an n. Keinerlei Lächerlichkeit des früheren Judenhasses läßt der moderne Antisemitismus unaufgewärmt. Da ging dieser Tage durch die Zeitungen die Eingabe eines Herrn Dr. Rudolf Goetz e in Würzburg und noch anderer sechsundzwanzig des Namens Goetze und Goetz, in welcher diese bei dem Regierungspräsidenten in Bromberg darüber sich beschwerten, daß einem Juden S ch m u l in Schneidemühl die Bewilligung seines Gesuches, diesen Namen in Goetze umzuwandeln, ertheilt worden war. Die Sache ist wirklich spaßhaft. Man stelle sich vor, daß plötzlich unter den vielen Tausenden des Namens Müller, Schulze u. s. w. ein Prioritätsstreit entstünde. Wer. soll den patentirten oder geaichten Müller oder Schulze jetzt noch ausfindig machen, um den Plagiatoren die Führung dieses kostbaren Namens zu verwehren? Und gar erst die Meier, die wie Sand ani Meere sind! Am Ende könnten die