Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 48. Mir«, 1. December 1893. Jahrgang X. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. k m- K. k. poPlpfUTajpmatit Clearingverkehr 11c. 810.1)76. Ledartion und Administration: Wien Franr Josefs-Nnai Nr. S. Telephon-Nr. 6535. f Eigenthümer: Reichsralhs-Avgeordneter Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. m Man obomttrt bst alle Z^ostanstalken des Innnd Auslandes, vezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete;, Petttzeile 12 kr. - --- - ■ .. - . Inhalt: Leitartikel: Die alljährliche Decemberhetze. — Christen- und Judemmmen. — Ein literarischer Studentenexceß. — Eine Größe der antisemitischen Literatur. — Pater Eichhorn. — Ein alter Erlaß über das Eheaufgebvt. — Die Inden im Orient. — Die Pflege der hebräischen Spräche in der Gegenwart. — Correspondenzen: Wien, Floridsdors, Groß-Bccskerek, München, Dresden. — Vermischtes: Wien, Brünn, Nikolsbnrg, Miskolcz, Raudnitz a. d. Elbe, Czernow'ch, Przemysl, Darmstadt. — Jüchengunst XXXV. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Die alljährliche Decemberhetze. Im December vorigen Jahres brachte der Abgeordnete Dr. Freiherr von S o m m a r u g a eine Interpellation ein, welche an den damaligen Ministerpräsidenten Grafen T.a a f f e, als Leiter des Ministeriums des Innern, gerichtet war. Die Interpellation bezog sich in ihrem ersten Theile auf die tollhäuslerischen Aeußerungen des Schneiderin einer am 4. November abgehaltenen öffentlichen Versammlung. In ihrem zweiten Theile bezog sich die Interpellation auf die vom Vereine „Christliche Familie" in der Volkshalle des Rathhauses veranstaltete Versammlung. Die Interpellation wies darauf hin, daß bei dieser Versammlung Prinz Alois Liechtenst'e i n einen Vortrag hielt, in welchem er eine wirthschastliche Organisation der christlichen Bevölkerung als dringlichste Nothwendigkeit bezeichnet?, um den Juden die Kundschaft zu entziehen und nur bei christlichen Geschäftsleuten zu kaufen. Die Interpellation schließt mit folgenden Anfragen: „Wie vermag Seine Excellenz zu rechtfertigen, daß die Vertreter der Regierung bei diesen Versammlungen die daselbst vorgekommenen antisemitischen Aufreizungen unbeanständet hingehen ließen, und was gedenkt die hohe Regierrmg vorzukehren, um den immer heftiger auftretenden antisemitischen Aufhetzungen wirksam zu begegnen." Unterzeichnet war diese Interpellation von zweiunddreißig Mitgliedern des Clubs der Bereinigten Linken, darunter Dr. von Plener, Freiherr von Chlumetzky und anderen hervorragenden Mitgliedern der Partei. Die Dinge in Oesterreich haben eine Aenderung erfahren. Der Interpellant des vorigen Jahres, Herr Dr. von P l e n e r, ist jetzt selber Excellenz und hat als Finanzminister eine wichtige Stimme im Rathe der Regierung. Die liberale Partei steht an der Spitze der großen parlamentarischen Coalition und sie ist in der Lage, den ihr gebührenden Einfluß auszuüben. Die in den beiden Häusern des Parlaments abgegebene Erklärung des neuen Ministeriums hat in Bezug auf die Ausschreitungen der extremen Parteien eine vielsagende Stelle, welche auch für den gegenwärtigen Minister des Innern Marquis von Bacquehem einen bindenden Charakter besitzen muß. Im Hinblick auf diese Umstände sollte man annehmcu, daß eine Versammlung, wie sie am 4. December vorigen Jahres in der Volkshalle des Rathhauses stattgefunden hatte, in Wien nicht mehr möglich sein wird. Es wäre jedoch eine Pslichtversäumniß unsererseits, wollten wir die Thatsache außer Acht lassen, daß von den Antisemiten neuerdings solche Versammlungen geplant werden. So wenig wie der Hexenglaube des Mittelalters auf die Hexensabbathe verzichten konnte, so wenig kann der Antisemitismus ohne Hetzversammlungeil existiren. Die Angelegenheit ist somit nach manchen Seiten hin von Wichtigkeit. Wir beschränken uns einstweilen aus jene Bemerkungen, die aus der Natur der Sache sich von selber aufdrängen. Der Landmann ist voll Freude und Hoffnung, wenn er die Fluren in ihrer herrlichen Fülle beschaut, über die er verfügt und die ihm gehören. Da ziehen finstere Wolken heraus, ein Wirbelsturm, ein Hagelschlaa, ein Wolkeubruch und Alles ist vernichtet. Auch der Kaufmann steht im Kampfe mit vielen Feinden. Die Ritter der Wüste belauern upd überfallen i^wie einstens unsere Raubritter die Hündelskarawanen. Die Stürme zur See verschlingen jahraus jahrein ganze Handelsflotten und dabei wird der Handel von Allem beeinflußt, was in der Wett der Production, des Verkehrs, des Crrdits, in der Gesellschaft und im Staate sich nur immer ereignet. Ein Theil der Wiener Geschäftswelt jedoch hat Grund, die Tage des December — und wäre das Wetter noch so freundlich — als kritische Tage zu bezeichnen. Sagen wir es in aller Deutlichkeit; die überaus tüchtigen, strebsamen, rastlos thatigen jüdischen Kausleute in Wien, ebenso die jüdischen Industriellen, ebenso die jüdischen Vertreter des Kleingewerbes, mögen sie noch so vorwurfsfrei dastehen und in jeder Hinsicht Vertrauen verdienen, sind im December von einer Verschärfung des Blockadezustandes bedroht, den man das ganze Jahr hindurch gegen sie aufrecht zu halten sucht. Die Blockade kann nur im Namen eines Staates, und zwar 31t Kriegszwecken verhängt werden. Die Irländer haben zuerst von volkswegen diese Maßregel gegen einen englischen Grundbesitzer, den Capitän B 0 yc 0 t t, zur Anwendung gebracht; daher der Name Boycottirung. Allein es waren die revolutionären, geheimen Vereine von Irland, die das thaten, Vereine unter abenteuerlichem Namen, die im Kampfe gegen den Staat standen. Der Verein „C h r i ft l i ch e Familie" jedoch, der das Leben unserer Stadt durch sein Dasein schmückt, ist ein Verein mit behördlich genehmigten Statuten, und bei den Werbungen für diesen Verein wird so vorgegangen, als ob es sich um die harmlosesten Dinge der Welt handeln würde. Man sucht die Meinung zu verbreiten, als ob gegen die Juden Alles erlaubt sei, als ob die Juden vogelsrei wären, ohne jeglichen Schutz gegen jede Art von Feindseligkeit. Die Weihnachtszeit ist für. viele Kaufleute, für viele Geschäftshäuser der Stadt die Zeit der Ernte. Die Abhaltung der Kunden, die Störung des Geschäftes in dieser Zeit kann dieselbe Wirkung haben, wie der Hagelschlag, bevor die Ernte eingeheimst ist. Diese Juden des Kaufmanns- und Gewerbe-