Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 47 Vetterretchische Wortzenfchrtfl Seite 929 Handwerk lernen zu lassen, denn nur in dem Handwerk, in der Arbeit, ruht der Gottessegen." „Wahrhaft sittlich groß", spricht der Talmud, „verdient Derjenige genannt zu werden, der genügsam in seinen Ansprüchen ist und sich durch eigene Thätigkeit ernährt." R. Jehuda, der Heilige, der Patriarch, der Lehrer und Ordner der Michna, nannte seine Gemeinde nur dämm heilig, weil jedes Mitglied derselben die Wochentage in drei Abschnitte theilen mußte, einen dem Gebete, einen dem Studium und einen der manuellen Arbeit zu widmen sich verpflichtete. Die bedeutendsten Gesetzeslehrer, die höchsten Autoritäten des Talmud waren daher Arbeiter oder Handwerker. Der berühmte Hillel war wie der nicht minder berühmte R. Akiba Holzhauer; R. Josua, einer der angesehensten Talmudlehrer, war Nagelswmied und ein anderer talmudischer Gelehrter, R. Jehuda ben Jllai, war Böttcher; um seinen Schülern Liebe zu dem Handwerke einzuflöß n. trug er ein von ihm selbst verfertigtes Faß, auf welchem sitzend er seine Vorträge hielt, täglich au' der Schulter ins Lehrhaus. Mehr als 200 Gelehrte, welche im Talmud auftraten, waren zugleich Handwerker : Schneider, Schuster, Töpfer, Bäcker und führten Handmerkernamen. In Jerusalem gab es soviele Kupferschmiede, daß sie eine besondere Synagoge halten und in Alexandrien war der jüdische Handwerkerstand so stark vertreten, daß in den dortigen Synagogen die Meister nach den verschiedenen Gewerken vertheilt und gesondert saßen. Auch noch in d n Zeiten des Mittelalters lagen Juden dem Handwerke und der Kunst ob; es gab überall jüdische Bäcker und Schneider, Gold- und Silberarbeiter, Diamantenschleifer, Graveure, Seiden- und Damastwirker k. Ich könnte Ihnen, meine Hochverehrten, noch eine ganze Menge von Belegen aufführen, die die Liebe unserer jüdischen Gesetzgebung zur manuellen Thätigkeit beweisen könnten, allein ich kann und ich darf es nicht w igen, Ihre kostbare Zeit zu lange in Anspruch zu nehmen. Eines Momentes zu erwähnen kann ich jedoch nicht unterlassen, weil dieses Moment der Gegenwart augehört und eine Institution umfaßt, die der Wiener Judenschaft zur Ehre gereicht und weil einige der Gründer zu unserer Ehre und zu unserer Freude noch am Leben sind. Wir haben heute die Ehre, . einen solch wichtigen Mitbegründer dieser Institution in unserer Mitte anwesend zu sehen, der heute noch Bice-Präsident dieser Körperschaft ist und auf dessen Schultern zum großen Theile die Lasten der großen Wiener Cultusgemeinde ruhen. Es ist dies unser hochverehrter Herr Gemeinderath Gustav Simon. Schon wenige Jahre vor dem Jahre 1848 witterten diese Männer eine bessere Zeit für die österreichischen Juden und sahen einen freundlichen Stern am Horizonte des österreichischen Judenthums aufgehen. Sie waren sich aber auch dessen bewußt, daß, wenn die Juden ihrer Freiheit sich würdig erweisen und wenn sie unter den andern großen Völkern sich als ein leistungsfähiges und nützliches Volk bewähren wollen, dann, gehe es mit Geist und Handel allein nicht, in überwiegender Anzahl Männer im Judenthume großgezogen werden müssen, die manuell tüchtige, productiv leistungsfähige I ndu str ielle und Handwerker werden. Ein Volk, das nicht solche schöpferische Bestandtheile in seiner Mitte in großer Anzahl umfaßt, wird auch heute der socialen Strömung, der wir über kurz oder lang unbedingt entgegengehen, nicht Stand halten können. Sie gründeten daher den Wiener israelitischen Handwerkerverein, dessen 50jähriges Jubiläum wir vor zwei Jahren im niederösterreichischen Gewerbevereinssaale gefeiert haben. Die Opfer, die diese Männer der Sache gebracht haben, waren große, der Zweck, jedoch der großen Opfer würdig; .denn alle Humanitären Institutionen, die aus dem Wiener Judenthume hervorgegangen und die noch alljährlich aus der rührigen und hochherzig gesinnten Cultusverwaltung hervorgehen, beweisen den edlen Sinn und die Humanität der israelitischen Wiener Bevölkerung; allein, so wie das Beste auf Erden seine Schattenseite zeigt, so zieht auch die zu große Humanität eine auffallende Generation von unverdienten Bedürftigen groß, die sich in der Unterstützung wohl befindet und die zehrende und nicht nährende Bestandtheile erzeugt. Der Handwerkerverein und der ^Verein zur Hebung der Gewerbe, den wir im Kreise unserer christlichen Standesgenossen vor drei Jahren irrs Leben gerufen, kräftigen und fördern jedoch die Leistungs- und Widerstandsfähigkeit des Gesammtvolkes und darum mögen sich auch die Juden von heute als eine der heiligsten Aufgaben stellen, die Arbeit in der eigenen Mitte zu fördern, zu pflegen und zu veredeln. Daß die Juden sehr gerne und sehr willig sich auch noch gegenwärtig zu jeder schwierigen Arbeit stellen, entnehmen Sie der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 17. Mai d. I.: „Der Colonie „Sichron Jacob", die sich aus vertriebenen armen russischen Juden vor drei Jahren in einem Theile von Jerusalem bildete, ist zum zweiten Male die Ehre zu Theil geworden, ihren Protector, Baron Edmund von Rothschild aus Paris, in ihren Mauern begrüßen zu dürfen. Der Herr Baron hat diesmal die Colonisten mit seinem Besuche überrascht. Am 3. Mai Morgens traf er in Haifa ein, setzte nach kurzem Aufenthalt seine Reise nach der Tanlura (Dor) fort und begab sich gleich darauf nach „Sichron Jacob". Inzwischen aber hatten die Colonisten von der Ankunft ihr>'s Wohlthäters Kenntniß erhalten, und sie beeilten sich, ihm einen feierlichen Empfang zu bereiten. Die Colonie legte schleunigst ein festliches Gewand an, und alle ihre Bewohner setzten sich in geordnetem Zuge, dem berittene, junge Colonisten voranritten, in Bewegung, um dem „Radib", wie der Baron allgemein genannt wird, ihre Willkommgrüße zuzurufen. Um 5 Uhr Nachmittags traf der Erwartete in „Sichron" ein, wo die Schuljugend, von ihren Lehrern geführt. dem hohen Gaste zu Ehren hebräische Poesien, die „Lieder Zions", sangen. Nach kurzem Aufenthalte im Hause des Chasan, begab sich der Baron in die Synagoge, um dem „Abend-Gottesdienst" beizuwohnen. Nach Beendigung desselben, richtete er an die Colonisten folgende Ansprache: „Wie jubelt mein Herz, wenn ich den Karmel mit Weinbergen bedeckt sehe, die von Juden, gepflanzt sind und von Juden bearbeitet und gepflegt werden. Ihr wißt, daß unsere Vorfahren nur darum aus dem heiligen Lande vertrieben wurden, weil sie die Gebote Gottes übertreten und auf die Worte der Propheten nicht gehört haben. Hütet Euch daher, den Pfad unserer Lehre zu verlassen. Achtet auf ihre Vorschriften und zeiget der Welt, daß d e r I u d e, der auf feine Tradition hält, auch ein t ü ch t i g e r A r b e i t er und ein n ü tz l i ch e s Gl ied der menschlichen G e s e l l s ch a f t i st. Seid in Treue dem Sultan, Eurem Kaiser, ergeben, dem Ihr Alles zu verdanken habet, und Ihr und Eure Nachkommen werdet Euch in diesem Lande des Segen Gottes zu erfreuen haben." Hochgeehrte Damen und Herren! Mit Ausscyluß all Jener, die da Augen haben und nicht sehen, die da Ohren haben und nicht hören wollen, muß jeder ehrlich denkende und vernünftige Mensch, der sich nur einigermaßen mit dem Geiste der jüdischen Gesetzgebung befreundet hat, anerkennen, daß das Volk der Juden von seiner Tradition aus zu einem manuell thätigen, productiv leistungsfähigen und fleißigen Volke bestimmt wurde; muß anerkennen, daß die Cultur und Urbarmachung des Bodens, also die Landwirthschaft einerseits, ein ehrliches Handwerk, also das Gewerbe, anderseits die ausschließlichen Beschäftigungen waren, die den Juden von ihrer Schöpfungsgeschichte, von der Bibel und vom Talmud zugewiesen wurden, — muß aber auch anerkennen, daß die Juden sich jederzeit mit Lust und Liebe diesen schwierigen Beschäftigungen unterzogen haben, eingedenk der geistreichen Worte des großen deutschen Dichters: Das islls ja, was den Menschen gieret Und dazu ward ihm der Verstand, Daß er im inneren Herzen spüret, Was er geschaffen mit eigener Hand. Gerade Diejenigen, meine Hochverehrten,die stets und jederzeit gegen uns den Vorwurf erheben: WirJuden,wir wollen nicht manuell chätig sein, gerade Diejenigen, die uns jetzt und jederzeit in