Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 928 Vrfterreichifttzr Wochenschrift ' 2tr. 47 Verzeihen Sie, meine hochverehrten Herren und Damen, wenn ich mir erlaube der Originalität halber die Begrützungsworte in der Originalsprache anzuführen: „Ab, pekne vitam, paue Coluinbus, ja jsem masikant z Petsove. Das will so viel sagen, daß die Böhmen, die gewohnt sind, viel für sich in Anspruch zu nehmen, auch das Verdienst für sich in Anspruch nehmen wollen, die ersten Constructeure von Musikinstrumenten, die Erfinder von Gesang und Musik zu sein. Im Namen unseres Ahnen Jabal müssen wir den Böhmen dieses' Verdienst streitig machen, denn in der That, so erzählt die ‘ Bibel, war es Jabal, der die erste Zither und die erste Harfe construirte und dieselben auch zu begleiten verstand. Es hat sich bei der Schaffung der ersten Musikinstrumente merkwürdigerweise zum ersten Male , in der Natur ein Proceß abgespielt, der sich heute fast täglich im Leben wiederholt. In die Hütte nämlich, in welcher kein Erwerb, kein Verdienst und keine Arbeit vorhanden, da dringen die Sonnenstrahlen nur spärlich ein, da herrscht keine wahre Freude, kein wahrer Genuß und kein eigentliches Ver. nügen. In die Hütte jedoch, und ich sage selbst in die Hütte, in wclcher Arbeit, Erwerb und Verdienst vorhanden, da dringen die Sonnenstrahlen mit Vehemenz ein, da herrscht wahre Freude, wahrer Genuß und wahres Vergnügen. Mit dem Momente nämlich, als der Fluch der Erbsünde: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du, o Mensch, uoii heute ab dein Brod verdienen", den Menschen zum ersten Male zum Segen geworden war, mit einem Worte, als die Menschen zum ersten Male ihre Freude an der Arbeit gefunden, da ward die Geburtsstärte des ersten Vergnügens, da wurden Musikinstrumente, Gesang und Musik erfunden, da ward die Wiege des alten Sprichwortes, welches sich täglich und noch heute beivährt: „Nach der Arbeit schmeckt die Ruhe, schmeckt die Freude und das wahre Vergnügen." Unsere Patriarchen und Erzväter Abraham, Jsac und Jacob waren, so erzählt die Bibel, ganz ausgezeichnete Brunnenmeister. Sie verstanden nämlich Quellen, die derzeit den größten Vermögens-8tatus gno eines Menschen repräsentirten, raschest und mit bestem Erfolge zu suchen und auch zu finden, ja sie verstanden es mit weit rascherem und günstigerem Erfolge, als es selbst die gegenwärtige Verwaltung der Neichshaupt- und Residenzstadt Wien versteht, denn nach jahrelangen Debatten weiß die Wiener Bevölkerung noch immer nicht, ob Donau, ob hoch, ob tief. Als es zum Baue des ersten würdigen göttlichen Wohnhauses kam, nämlich zum Baue der Stiflshütte, da war ein ^biblisches Gebot, es dürfen ausschließlich bei Kirchenbauten Glaubensgenoffen, Künstler und Gewerbetreibende jüdischer Confession, beschäftigt werden, ja es wurde eine derartige Absicht, ein derartiger Nachdruck in dem Gebote, nur Glaubensgenossen beim Baue von Gotteshäusern zu beschäftigen, gelegt, daß man darüber bei der bekannten Liberalität der Bibel, selbst Fremden gegenüber noch heute in Erstaunen versetzt werden muß. Zur Illustration ein kleiner Beleg. Als nämlich die Stiftshütte in ihrem Gerippe fertig gestellt war und man an die innere Ausstattung, an den künstlerischen Theil schreiten wollte, da war eine große Verlegenheit im Bau-Comiie. Es fehlte nämlich an einen Chef-Architekten. Woher hätte auch im jüdischen Volke ein solcher Mann kommen sollen, denn die Kunst erfordert nicht nur Theorie und Talent, sondern auch vieljährige Erfahrung und Praxis. Damals waren solche Uebungsobjecte in Israel noch nicht vorhanden. Wohl hätten sich die Juden aus der Verlegenheit helfen können, denn sie hätten sich mit Erfolg an die sie umgebenden Völker wenden können; da gab es solche Künstler, weil die Völker Götzendiener waren, die auf die künstlerische Ausschmückung der Tempel, Bilder, Götzen und Altäre viel Gewicht legten. Allein, wie bemerkt, man durfte laut Bibelgesetz bei Tempelbauten nur Glaubensgenoffen beschäftigen. Was mußte nun geschehen? Was ich Ihnen hier sage, ist nicht etwa einer geheimen Schrift oder einem kabbalistischen Werke entnommen, sondern jedes Kind dieser geehrten Mitte kann es in seiner Bibel zu Hause deutlich lesen: Gott, der Herr mußte eigens einen Theil seines Geistes auf einen Menschen von Fleisch und Blut legen, auf Bezalel ben Uri ben Chur lemate Jeliuda, der nicht nur Kunstsinn im höchsten Grade dadurch erlangte, sondern auch die Methode, andere zu belehren und zu Kunstarbeiten zu verwenden. Hören Sie, was die Bibel darüber wörtlich sagt: , Und Moses sprach zu den Kindern Israel: Sehet, der Ewig'' hat namentlich ernannt den Bezalel den Sohn Uri's, des Sohnes von Chur aus dem Stamme Jehuda, und hat ihn erfüllt mit göttlichem Geiste, mit Weisheit, mit Vernunft und Wissenschaft und mit allerlei Kunstfertigkeitgedanken auszudenken, zu arbeiten in Gold und in Silber und in Kupfer und im Bearbeiten der Steine zum Einfasskn und im Bearbeiten des Holzes, um allerlei sinnreiche Werke zu verfertigen. Und auch Andere belehren hat er die Gabe in sein Herz gelegt, ihm und Ohaleab, dem Sohne Achißamach aus dem Stamnie Dan. Sie hat er erfüllt mit Kunstwissen, zu verfertigen jedes Werk des Meisters und Künstlers, des Kunstwebers und des Kunststickers in blauer, purpurrother und hochrother Wolle k. Selbstredend ist hier blos von C u l t u s b a u t e n die Sprache; bei anderen Arbeiten im praktischen Leben kann und darf es feine Unterschiede geben, weder in Nation, Confession oder Parteirichtung. Nach mosaischen Urkunden ist somit die manuelle Thätigkeit, die Arbeit, kein Fluch, sie hat nichts Entehrendes und nichts Entwürdigendes für den Menschen, sie ist gerade das Gegentheil, sie ist des Menschen einzige Aufgabe und höchste Bestimmung auf Erden. Selbst in dem Fundamentalgesetze der Juden, in den Zehn Geboten, finden wir die Arbeit als eine hohe und heilige Pflicht den Juden vorgezeichnet. „Sechs Tage der Woche sollst Du arbeiten und alle Deine Werke verrichten, an dem siebenten Tage aber sollst Du ruhen, dem Ewigen, Deinem Gotte zu Ehren." Arb eit und Ruhe sind also als gleich heilige und wichtige Pflichten den Juden vorgeschrieben. Wie hoch und in Ehren unsere Alten aber auch die manuelle Thätigkeit gehalten haben, beweist der der ganzen jüdischen und christlichen Nachwelt so werth gewordene Psalmist. Das Studium der Bibel und der damit verbundenen Religionswissenschaften war nämlich den Juden als die erste und wichtigste heilige Pflicht vorgezeichnet. Jeder Vater war verpflichtet, sein Kind in dieser Wissenschaft unterrichten zu lassen, jeder Erwachsene hatte die Pflicht, durchs ganze Leben dieses Studium fortzusetzen. Der Psalmist jedoch und später merkwürdiger Weise alle Begründer des Talmud setzten die Pflicht der Erlernung eines Handwerkes, die Förderung der manuellen Arbeit als eine höhere Pflicht an, als selbst das Studium der Bibel. „Heil dem Manne", so spricht der Psalmist „der den Ewigen fürchtet", d. h. der sich dem Studium der Bibel widmet, und unmittelbar nach dieser Stelle heißt es: „Wenn Du Dich von Deiner Hände Arbeit ernährst, dann heil Dir und es wird Dir wohl ergehen." Darauf meint der Talniud: „Heil Dir in dieser Welt und es wird Dir wohl ergehen in jener Welt." Das will sagen: „Der Lohn um die Erlernung der Thora ist ein geringerer als der um die Förderung der manuellen Arbeit und der Erlernung eines redlichen Handwerkes." Gestatten Sie mir, hochverehrte Herren und Damen, einige Stellen aus dem von Meister Rohling so übel berüchtigten Talmud anzuführen, wie sehr derselbe das arbeitsame Leben, das productive Schaffen als eine göttliche Institution preist und rühmt. „Wer seiner Hände Arbeit genießt, dem ergeht es wohl hienieden und jenseits, denn er sorgt damit für sein materielles und irdisches als auch für sein höheres Heil, und wer geübt, und tüchtig in seiner Kunst, der vermag vor Königen sich zu stellen." „Jedes Handwerk hat einen goldenen Boden und schützt vor Mangel und Roth." „Ist auch sieben Jahre Hungersnoth, die Thüre des Handwerkers erreicht sie nicht. Darum macht der Talmud es jedem Vater zur Pflicht, seinen Sohn ein