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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-24 · 47 (24.11.1893) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
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©eite 930 Oestrrreichischr Wochenschrift Nr. 47 den Anklagestand versetzt haben, gerade diese sind es, die auf die Anklagebank gehören. Waren nicht sie es, unsere Ankläger, meine Hochverehrten, die uns durch Jahrhunderte von jeder öffentlichen Thätigkeit ausgestoßen haben, waren nicht sie es, unsere Ankläger, meine hochverehrten Herren und Damen, die uns durch Jahrhunderte in die engen, luftleeren und verpesteten Ghettos zusammengepfercht hielten, um uns von jedem öffentlichen Acte der Wissenschaft, der Kunst und der Arbeit zurückzudrängen? Erst das Jahr Achtundvierzig änderte die traurige Sachlage, als eine weise Regierung die Zügel Oesterreichs in die Hand nahm; erst das Jahr Achtundvierzig, meine Hochverehrten, als das Licht der allgemeinen Menschenrechte und Menschenfreiheit auch über unsere Lande aufging, als ein gerechter und gütiger Monarch das Scepter Oesterreichs in die Hand nahm der Seiner hohen, väterlichen und mächtigen Aufgabe sich bewußt war. Nicht nach Geburt nicht nach Nation und Confession will ich mein Reich regieren, sondern Jeder, ob reich oder arm, ob Aristokrat oder Bürger, ob Christ oder Jude, der an dem großen und mächtigen Werke Oe st er re ich theilzunehmen den Willen hat, der trete nach hier, dem seien Thür und Thor der Freiheit geöffnet. Und in der That, das Jahr Achtundvierzig ist auch wirklich das richtige Datum der Wiedergeburt des Handwerkes und der Industrie im österreichischen Judenthume. Und, meine hochverehrten Damen und Herren, sind sie es, unsere Ankläger, nicht auch noch heute, die unsere vom Jahre Achtundvierzig errungene Freiheit der Juden mit allen Ihnen zu Gebote stehendengemeinen und niedrigen Mitteln illusorisch machen wollen? Sind es nicht, unsere Ankläger, die auch noch heute jedem jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden, wenn er von ihnen eine Arbeit verlangt, Thür und Thor verweisen? So lange der Jude blos Handelsmann war, da wollten sie denselben nicht, angeblich weil er kein Handwerker ist: heute ist er Handwerker, da wollen sie ihn wieder nicht, weil er als Handwerker ihnen Concurrenz machen könnte. Unsere Gegner und Ankläger sind somit der erste schuldtragende Factor, daß die Juden in nicht noch größerer Anzahl und mit weit höherer Begeisterung dem Handwerke als bis heute sich zugewendet haben. Wer jedoch, meine sehr verehrten Damen und Herren, die Freiheit sich herausnimmt, Anderen ihre Fehler und Gebrechen vor Augen zu halten, der muß anderseits auch wieder den Muth und die Ehrlichkeit besitzen, seine eigenen Fehler und Gebrechen einzugestehen und zu bekennen. Und gerade in diesem Pnnkte, in der mangelhaften Förderung der manuellen Arbeit im eigenen Hause, verfügt die Wiener Judenschaft über ein sehr ansehnliches und reiches Sündenregister. Und gewiß zum erheblichen Schaden der ganzen Wiener israelitischen Bevölkerung, denn, so wie die Arbeit den Körper und den Organismus des einzelnen Menschen stärkt und kräftigt, so fördert die Arbeit auch die Widerstands- und die Leistungsfähigkeit eines großen Volkes, einer großen Nation. Es kann und es darf keinem einzigen jüdischen Gewerbetreibenden und Industriellen, auch nicht im geheimsten Winkel seines Herzens oder Geistes der leiseste Gedanke auftauchen, die Juden mögen ihre Arbeiten nur Juden zuwenden. Das kann, das darf nicht sein, das hieße ja geradezu der verdammenswerthen Theorie eines Fürsten Liechtenstein Rechnung tragen. Gerade das Gegentheil, Arbeit kann nicht nach Confession vertheilt werden, alle Bürger einer Stadt sind vielmehr verpflichtet, sich gegenseitig ihre Bedürfnisse zuzuwenden, ohne Rücksicht auf Person, Nation oder Confession. Was aber Künstler, Gewerbetreibende und Industrielle jüdischer Consession für sich in Anspruch nehmen können und auch zum Wohle der Gesammtheit von ihren Glaubensgenossen für sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln in Anspruch nehmen werden, das ist: Sie wollen vor ihren christlichen Standesgenossen nicht zurückgesetzt werden. Sie wollen nicht immer von ihren eigenen Glaubensgenossen die herzlose und einzig in ihrer Art dastehende Bemerkung hören: „Mit Juden habe ich traurige Erfahrungen gemacht." Das alte Vorurtheil „jüdische Arbeit", das von unseren Glaubensgenossen selbst in die Welt gesetzt, das von jedem Spatz am Dache nachgequitschert wird und uns bei der Außenwelt so sehr discreditirt hat, es muß endlich in das Grab der Vergessenheit gesenkt werden. Die jüdischen Künstler und Gewerbetreibenden haben im Gegentheile durch die kurze Zeit, als ihnen diese Gebiete gestattet sind, Erhebliches geleistet. Berufe doch Jemand, ich bitte diesen meinen Antrag nur scherzweise aufzunehmen, die jüdischen Künstler, Gewerbetreibenden und Handwerker zusammen, um in einer Exposition ihre eigenen Erzeugnisse auszustellen und Sie sollen hören, sehen, staunen und ihre Freude daran finden. Unsere Eltern haben den Handwerkerverein gegründet, weil sie das productive Schaffen als eine Lebensbedingung des jüdischen Volkes erkannten und wir sollten den ersten Pcoducten dieser Institution mit Gleichgiltigkeit oder gar Abneigung entgegenkommen? Kinder in die Welt setzen und sich um deren fernere Erhaltung nicht kümmern, das sieht einem sittlich so hochstehenden Volke wie es das jüdische ist, nicht gleich. An Sie ist es, meine hochverehrten Damen und Herren, die Arbeit in Ihrer Mitte zu fördern. Ihre heiligste Pflicht ist es, Ihre Unterstützung und Ihr Wohlwollen den Gewerbetreibenden Ihrer Confession in gebührender Weise zu Gute kommen zu lassen; und wenn in kurzer Zeit die gelungensten Meisterwerke der Kunst und der Arbeit aus Ihrer eigenen Mitte hervorgegangen sein werden, dann werden selbst die heftigsten Gegner unseres Volkes gegen positive Schöpfungen nichts anhaben können, dann werden selbst die erbittertsten Feinde die Tüchtigkeit und die Wichtigkeit des jüdischen Volkes nicht verkennen. Die Arbeit, sie ist die einzige Brücke, die uns mit allen Völkern verbindet und die alle confessionellen und nationalen Differenzen ausgleichen wird. Die Arbeit wird die Brücke bilden, auf deren Säulen mit goldenen Lettern die Worte des heute bereits citirten deutschen Dichters eingegraben sein werden: Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis; Ehrt den König seine Würde Ehret uns der Hände Fleiß. * * * Der Vortragende erntete für seine Ausführungen den lebhaftesten Beifall, der sich erneuerte, als der Vorsitzende denselben Namens» des Vereinsvorstandes beglückwünschte. * An den Vortrag selbst knüpfte sich eine längere lebhafte Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Alois-P o l l a k, Bezirks-Ausschuß W a l d st e i n, F r i e d m a n n, Abgeordneter Dr. Bloch, Hutmacher B i e l i tz, Drechsler G u t m a n n, Dr. Alfred Kanitz und Jauffenthaller betheiligten. In vorgerückter Stunde schloß die Versammlung.

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