Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Oesterrrichischr Wochenschrift Seite 927 Oesterr.-Israel. Union. In Anwesenheit zahlreicher Mitglieder, sowie der als Gäste erschienenen Mitglieder öes Cultusvorstandes, der Herren: Vicepräsidenten Gustav Simon.Salo Coh n, Max Fleischer, k. k. Landesschulrath Dr. Gustav Ko hn, Gemeinderatyes Wilhelm Stiaßny und des Reichsraths-Abgeordneten Dr. Bloch, hielt dieser Verein Samstag den 11. d. M. eine Plenarversammlung ab, in welcher Herr S. Brod, der Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, nachstehenden Vortrag hielt: Das Erwerbe im Iudenthum. Vortrag des Herrn S. Bvad, gehalten hu Vereine der „Oesterreichisch israelitischen Union" am 1l. November 1893. Im Namen des Standes, den ich zu vertreten berufen bin, spreche ich hiemit vor Allem dem hochverehrten Präsidium und dem sehr geehrten Vorstände des Vereines „Union" für die freundliche Einladung, in gewerblichen Angelegenheiten hier einen Vortrag zu halten, den verbindlichsten Dank aus. Es wird uns, meine hochverehrten Herren und Damen, seit der Stunde, als wir denken gelernt haben, von feindlicher Seite fast täglich der erbitterte Vorwurf gemacht: „Wir Juden, wir wollen nicht manuell t h ä t i g sein, .wir sieben es, uns durch Handel und durch Schacher zu b e r e i ch e r n". Wenn uns nun dieser Vorwurf von feindlicher Seite allein gemacht würde, dann stellete ich den Antrag, über diesen Vorwurf zur Tagesordnung zu schreiten, weil eine Ueberzeugung dieser Männer eine nutzlose Verschwendung an Zeit und Mühe wäre und weil an der Stätte, wo die Lüge ihr Zelt aufgeschlagen, für Wahrheit und Ueberzeugung überhaupt kein Raum vorhanden ist, am allerwenigsten dort, wo die Lüge als Geschäft betrieben wird, um welch' Letzteres sie die Juden gar so sehr beneiden. * Wenn uns jedoch der Vorwurf: „Wir Juden, wir wollen nicht manuell thälig sein", auch von unseren Freunde n, mit denen wir fast täglich im Handel und Wandel in friedlichster Weise verkehren, ebenfalls zeitweilig zwischen den Zeilen zu lesen gegeben wird, da, meine Hochverehrten, heißt es ernstlich Nachdenken, prüfen und untersuchen, ob der Lebensnerv zu diesem Vorwürfe in unserer Ueberliefernng liege, zu deren Fahne wir seit Jahrtausenden geschworen, oder ob das Nebel in der Zeit und deren traurigen Verhältnissen zu suchen sei, das, meine hochverehrten Herren und Damen, gewissenhaft und ehrlich zu prüfen und zu erwägen, das soll die Aufgabe meiner heutigen Auseinandersetzungen bilden. Schon die Schöpfungsgeschichte, meine hochverehrten Herren und Damen, welche merkwürdigerweise bei uns Juden einen Theil unserer Ueberlieferung bildet, schon die Schöpfungsgeschichte, sage ich, gibt uns zur Lösung dieser großen und wichtigen Frage die klarste und die deutlichste Auskunft, so klar wie die Sonne, so rein wie der Duell. Die Schöpfungsgeschichte, sie liegt vor uns wie ein offenes Buch und schon aus derselben entnehmen wir klar und deutlich, daß manuelle Thätigkeit, productives Schaffen und Erzeugen mit der Hand die wichtigste Lebensaufgabe der ganzen Menschheit auf Erden von Seiten der Schöpfung bildet, insbesondere für uns Juden, die wir die Schöpfungsgeschichte für uns in Anspruch nehmen. Eine Gottheit nämlich, wie wir Juden sie uns vorzustellen die Pflicht haben, die hat doch nicht nöthig gehabt, in sechs aufeinanderfolgenden Tagen die Welt zu erschaffen. Ein einziges Machtwort hätte genügt, um die große und mächtige Welt mit Allem, was sie umfaßt, was drunter und drüber ist, hervorzuzaubern. Genau so, wie sie es wirklich am ersten Tage der Schöpfung gethan hat: Und Gott sprach: „Es werde Licht!" Und es ward Licht." Warum heißt es bei den meisten anderen Tagen „Und Gott machte und Gott schuf"? Genau so, wie wir Handwerker und Gewerbetreibende es machen müssen, wenn von uns etwas verlangt wird. Eine Gottheit, wie wir sie uns vorstellen, die hat doch nicht nöthig gehabt, in so pedantischer Weise eine solch' systematische Ordnung und Reihenfolge in der Schaffung der Dinge vorzunehmen: Und am vierten Tage schuf er die Vorbedingung des fünften Tages, und am fünften Tage machte er die Ergänzung des vierten Tages, genau so, wie wir Arbeiter es noch heute thun müssen, wenn von uns etwas verlangt wird, das Erste erst, das Letzte letzt. Eine Gottheit endlich, wie wir sie uns vorstellen, die hat doch nicht nöthig gehabt, von den Strapazen der Woche am siebenten Tage auszuruhen, um neue physische Kräfte zu sammeln für neue physische Arbeiten, genau so wie wir Menschen alle es noch heute thun und thun müssen. Sollte nicht diese ganze, so eigenthümliche, so menschenähnliche Art und Weise der Schöpfung eine Schablone bilden für die große und erhabene Ausgabe der ganzen Menschheit aus Erden? — Nach der einen Richtung manuelle Thätigkeit, nach der andern strenge Sabbatruhe, hier positives Schaffen, dort negatives Lassen. Sollte nicht diese ganze Geschichte der Schöpfung schon allein ein Bild für die Menschheit geben, aus daß sie tvisse und erkenne, wozu sie eigentlich auf Erden sei. Die Menschen, sie sotten es genau so machen, wie es die Schöpfung gethan hat. DieMenschen sollen schassen, erzeugen,produciren, bilden, ergänzen, vervollständigen, erfinden und sie sollen gleichzeitig diese ihre gemachten Erfindungen von einem Menschengeschlechts auf das andere als ein kostbares Erbstück übertragen. Und jene Generation, welche Epochemachenderes, Nützlicheres und Besseres zu schaffen im Stande war, jene Generation hat das Bei dienst für sich, ein ehrendes, ein würdiges und verdienstvolles Blatt in dem Buche der Geschichte der Menschheit zu erhalten. Jene Generation hat die Urausgabe der Schöpfung besser und vernünftiger erfaßt und verstanden. Manuelle Thätigkeit wird somit uns Juden schon von unserer Schöp sun g sg eschicht e so eingeflößt wie am sechsten Schöpfungstage der Odem dem ersten Menschen eingeftößt wurde. Ob wir Juden aber auch diese wichtige Ausgabe der Schöpfung jederzeit ausgesaßt, beherziget, verstanden und praktisch angewendel haben, das werden wir aus einem ganz kurzen Spaziergänge durch die Geschichte der Juden sofort erfahren. Unter all den mannigfachen und verschiedenartigen Gewerbezweigen und Gewerbebranchen auf Erden sind es vorwiegend die Schneider und die Schuhmacher, welche sich für etwas Höheres düirkeu und die sich für politisch reifer und befähigter halten, als die Angehörigen aller anderen Gewerbezweige. Und man kann ihnen darin nicht ganz Unrecht geben, denn in der That bat ihr Gewerbe, insbesonders das der Schueider, etwas Göttliches für sich; denn der erste Schneidermeister auf Erden war der liebe Gott selbst: „Und Gott machte dem Adam und der Eva Röcke aus Fellen und er bekleidete sie." Das zweite Gewerbe aus Erden war das der B a um eist er. Allerdings waren die Baumeister der damaligen Zeit noch nicht an eine Concession, noch nicht an ein Diplom gebunden, Jeder, der etwas von Holz, Ziegel oder Stein verstanden, konnte eine Hütte nach den damaligen Begriffen mit erbauen Helsen. Der erste Baumeister aus Erden war unser Ahne Jabal. Er verstand es, ganze Serien von Zelten und Hütten zu erbauen, ungefähr so wie unser Cottage-Viertel in Währing. Der erste Erbauer von Schissen war Noah, er war auch der erste Architekt, der eine Oberlichte in einem Hause schuf, ohne jedoch ein Patent nach irgend einer Richtung hiefür anzustreben. Als Christoph Columbus, so erzählt die Sage, zum ersten Male seinen Fuß aus den von ihm entdeckten, amerikanischen Boden setzte, da war der erste, der ihm zur Begrüßung entgegentrat, ein böhmischer Mustkant.