Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 922 Vesterrrtchische Wochenschrift ttr. 47 Fürstengunst. Rornan von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Nebersetzungs- 34) * rechte Vorbehalten.) Pejdelsheimer hatte während des ganzen Weges kein Wort gesprochen, und erst nachdem er sorgsam die Thür verriegelt und das Fenster geschloffen, öffneten sich seine Lippen, zuerst zu der Benediction, die der Jude zu sprechen hat, wenn er einen ihm lieben Menschen nach langer Zeit wiedersieht; dann aber äußerte sich seine heftige Erregung, die er bisher mühevoll bekämpft hatte, in einer Weise, die mich erschütterte, er war fast wahnsinnig vor Freude, er warf sich auf die Knie, um Gott da^ür zu danken, daß er mich wiedersehe, bedeckte meine Hand mit heißen Küssen und rief: „Ich spreche, wie der Erzvater Jakob, als er seinen todt geglaubten Sohn wiedersah: Ich hatte nicht'gehofft, jemals wieder Dein Antlitz zu sehen. Ich wußte nicht, ob Sie, Ihre Mutter, Ihre Schwester noch am Leben — nun hoffe ich auch zu hören, daß diese sich wohl befinden, und als ich dies bestätigte, fuhr er, bald vor inniger Freude lachend, bald vor heißer Rührung weinend, fort: Nun da ich das unerwartete Glück gehabt, Sie, lieber, gnädiger junger Herr zu sehen, hoffe ich auch, daß der allmächtige, wunderbare Gott mein tägliches, heißes Gebet erhören und uns unseren theuern Herrn, den er uns in seinem unerforschlichen Rathschluffe entrissen, wieder geben wird; aber lieber, theuerer, junger, gnädiger Herr, als ich Sie erblickte, hatte ich Sie trotz Ihrer Verkleidung sofort erkannt, so edle Züge,, so vornehme Haltung besitzt nur ein Fränkl! und als ich Sie erkannte, lieber junger, gnädiger Herr, da erzitterte mein Herz vor heißer Freude, aber auch vor jähem Schreck .... Lieber junger Herr! Wissen Sie denn nicht, daß bei Todesstrafe kein Sprosse Ihrer Familie Ansbach'schen Boden betreten darf? Wenn Sie Jemand erkennen und denunciren würde, glauben Sie, Friedrich Wilhelm würde sich erinnern, daß Sie einst mit Gefahr Ihres Lebens seines gerettet haben? Ah! der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen! — Nun sprechen Sie, mein thenerer, goldener, süßer, junger Herr! Wie ist es Ihnen, seitdem-wir uns nicht gesehen, ergangen — oder, das ist noch weit wichtiger, als meine dumme Neugier zu befriedigen, was führt Sie hieher nach Ihrer Heimat? — es kann nichts Geringes sein, das Sie veranlaßt, Ihr theures, unschätzbares Leben einzusetzen! Wenn ich Ihnen hierbei nützlich sein kann, gebieten Sie über mich, mit meinem letzten Blutstropfen, bis zu meinem letzten Athemzuge will ich Ihnen und Ihrem Hause treu dienen." „Es thut wohl", sprach Wertheimer, als Fränkl einen Moment inne hielt, „zu hören, daß neben so viel Undankbarkeit und Niedertracht der Menschen es doch auch solche gibt, tvelche empfangenen Wohlthäten ein treues Gedächtniß bewahren." „Das Eine will ich nicht verschweigen, die Familie Deidelsheimer wurde unserem Hause durch drei Generationen hindurch zu höchster Erkenntlichkeit verpflichtet. Deidelsheimer's Großvater; der so wie dieser Josel hieß, war meinem verewigten Großvater, Reb Henoch. Fränkl, als dieser 1670 mit allen andern Juden Wien verlassen mußte, auf dem Wege nach einer neuen Heimat, die er erst aufsuchen mußte, begegnet. Deidelsheimer befand sich im höchsten Grade der Verzweiflung und hatte vollen Grund dazu. Sein bisheriger Landesherr, ein hartherziger Tyrann, hatte ihm, um einer tollen Laune willen, den Schutz gekündigt und er — ein blutarmer Mann — mußte mit fünf kleinen Kindern und einer Frau, die stündlich ihrer Entbindung entgegensah, in die weite Welt ziehen! Unterwegs genas sie von Zwillingen; doch kein Bauer wollte sie in sein Zimmer aufnehmen. Die arme Frau lag mit ihren Neugebornen in einer leeren Scheuer und ihr Gatte mit fünf hungernden, weinenden Kindern stand in strömendem Regen unter Gottes freiem Himmel vor der Scheuer. So fand mein Großvater Reb Henoch den verzweifelnden Mann, der in seiner entsetzlichen Lage kein anderes heißes, inbrünstiges Gebet zu Gott dem Herrn emporzusenden vermochte, als jenes, er möge in seiner Huld einen seiner tödtenden Blitze niedersenden, der ihn, sein Weib und seine sieben Kinder erschlüge.. .. Nicht einen Moment bedachte sich mein Großvater und sprach: Manu! ich kenn Euch nicht, ich Hab Euch nie gesehen und gesprochen, ich kenn' Euern Rainen nicht, ich weiß nur Eins, daß Ihr, ich wie ein Heimatloser seid; — doch mir bangt gar nicht davor, daß ich mit meinem großen Reichthum mir irgendwo eine Heimat erkaufen könne — Ihr aber habt hierzu nicht die Mittel. Ein Mensch aber muß dem andern helfen, und besonders ein gedrückter, verjagter Jude deckt andern, drum sag' ich Euch: Verzweifelt nicht! Ihr zieht mit mir und ich schwör's beim einigeinzigen Gotte, meine neue Heimat soll auch die Eurige werden; wer inich mit meinem großen Reichthum aufuimmt, muß Euch mit Eurer Armuth aufnehmen und müßte ich die Welt boit einem Pol zum andern durchwandern — auch will ich für Euch sorgen, als wärt Ihr mein Bruder, so lauge bis Ihr Euch und Eure Familie redlich und in Ehren werdet selbst ernähren können," und mein Großvater Reb Henoch hat wie ein ehrlicher Mann Wort gehalten." „Das war schön, das war wie ein großer Mensch gehandelt," sprach Wertheimer. Josels Vater — Jecheskel hat er geheißen und war. in ralbinischem Wissen und im Schreibfache bewandert gewesen — war meines Vaters Secretär; doch hatte ihn dieser mehr als Freund, denn als Diener behandelt. Als Reb Jecheskel sünfundsünszig Jahre alt geworden, sprach er zu meinem Vater: „Meine Augen sind so schwach geworden, daß ich Euch, Rabbi, nicht mehr so dienen kann, wie ich möchte und wie es meine Pflicht wäre. Ich danke für die Nachsicht, die Ihr, Rabbi, die letzten Jahre mit mir geübt und für die große Güte, die Ihr mir zeitlebens bewiesen. Ihr habt mich so gut besoldet, daß ich mit dem, was ich in Eurem Dienst erspart, bis an meines Lebens Ende werde auskommen. Meine Kinder werden aus eine Erbschaft verzichten müssen und diese wohl auch entbehren ■ können. Ihr, Rabbi, ließet sie in allem Nützlichen unterrichten, als wenns Eure Blutsverwandten wären; sie werden sich mit Gottes Hilfe erhalten und durchs Leben schlagen können." Darauf aber hatte mein Vater geantwortet: „Reb Jecheskel, ich hätte nicht gedacht, daß Ihr mich so wenig kennt und mir etwas zutraut, was ich und wohl jeder richtig Denkende als schweres Unrecht verurtheilen müßte. Weil Ihr in meinem langjährigen Dienste, das edelste, irdische Gut, das der Mensch besitzt, das Augenlicht, zum Theile eingebüßt, sollte ich, weil Ihr mir jetzt ohn' Euer Wollen und Euere Schuld nicht mehr dienen könnt, der Pflicht enthoben sein, für Euch zu sorgen? Deßhalb wollt Ihr, was Ihr Euch redlich erworben und Euren Kindern zugedacht, diesen entziehen? Das wär nicht recht von Euch und mir! — Ihr sollt so lange Euch Gort der Herr am Leben erhält, nicht nur unverkürzt Euren Gehalt beziehen, sondern, da Euer Leiden Euch erhöhte Auslagen verursacht, auch eine Eurem Mehrbedarf entsprechende Aufbesserung erhalten." .... Es ist wohl überflüssig, hiuzuzufügen, daß mein Vater Wort hielt." „Sie können stolz sein, sich eines solchen Großvaters und Vaters rühmen zu können", meinte Perez Markbreiter; — „das sind allerdings Gutthaten, die jener, dessen Großvater und Vater sie erwiesen wurden, sie auch dem Enkel und Sohne des Spenders nicht vergessen darf!" „Auch Josel Deidelsheimer, der jüngste Sohn seines Vaters, selbst, war auf Kosten meines Vaters erzogen'worden.. Er hatte ihn in allem Erdenklichen unterrichten lassen, so daß er nicht nur zum tüchtigen Geschäftsmanne herangebildet wurde, sondern, sich durch seine Kenntnisse auch anderartig ernähren hätte können." . . . Rafael Fränkl unterbrach sich. „Ich habe mich von meinen theuren FamilieueriunerungeU verleiten lassen, von dem Gauge meiuer Erzählung abzuschweifen; — ich bitte hiefür um Entschuldigung." (Fortsetzung folgt.'» Rabbi Salvmoh Turje von Sstrvwv. Historische Erzählung von Heinrich Hammer. Der Verfasser behält sich alle Rechte vor. VII. Wie groß war daher Rabbi Salomoh's Verwunderung, als er eines Nachts beim Scheine der kümmerlichen Oellampe in seiner Studirstube saß und gerade über eine tiefe Frage uachdachte und durch die Stille hohles Murmeln aus dem Keller herauf hörte, wie wenn Jemand eifrig im Talmud lese und commeutire. Er legte seine Folianten weg und horchte; das Lernen lvar deutlich, aber Worte konnte mau nicht verstehen. Er trat hinaus und horchte vor die Kellerthüre, drinnen las Jemand im Talmud und lvar gerade bei der Stelle (Nidah 16. b.)