Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 933 wo gesagt wird daß: bevor der Mensch geboren werde ein Engel das Embryo vor den Thron des Ewigen bringe und frage: Dieses Atom wa§ wird es sein, stark oder schwach, weise oder dumm, reich oder arm? Doch ob fromm oder übelthätig, frage er nicht. Der Mann da drinnen commentirte für sich: „Damit ist auch die Frage, warum es dem Frommen hinieden oft schlecht gehe und dem Üebelthäter gut, gelöst; denn wenn es einmal bestimmt wurde daß dieser Mensch reich sei und er auf der Welt Uebles thue, sein Glück kann ja nicht geändert werden! Rabbi Salomoh erschrack, hier war offenbar ein großer Gelehrter und er hatte ihn nicht gekannt. Er klopfte an, ein-, zweimal, zögernd nahten sich Schritte und eine weibliche Stimme fragte, wer draußen sei. Rabbi Salomoh nannte sich; Mannesschritte kamen aus dem Innern des Kellers herauf und die Thüre öffnete sich. Abraham Grützeverkäufer, mit bestäubter Pekesche und Kappe stand vor ihm und fragte ehrfurchtsvoll nach seinem Begehr. Der Rabbi bat, daß er ihm die eben gelesene und commentirte Talmudstelle nochmals sage. Der Grützeverkäufer stellte sich verwundert; der Rabbi habe sich gewiß getäuscht, er kenne und lerne nicht den Talmud. Rabbi Salomoh fiel es aus, daß ihm der Alte bei allem Entgegenkommen, den Weg ins Innere des Kellers verstellte und mit ihm im dunklen Eingänge stand; als er hinschielte, gewahrte er dort auch auf dem Tische neben einem Talglichtstnmpfe den Talmudfolianten, in dem Abraham gelesen hatte, aufgeschlagen, daneben aber saß eine gebeugte Frauengestalt, einen Strumpf strickend und das war Niemand anders als seine einstige Frau Chanele; wohl all und verändert, wie aus einer andern Welt herausgestiegen, aber er erkannte sie doch. . Und jetzt sah er es, der Grützeverkäufer war auch Niemand anders als sein gewesener Chasirbochur Abraham nnd spätere Pfarrer Augustin. Dieser sah auch an der Miene des Rabbiners, daß er erkannt war; nun machte er keinen Versuch mehr zu leugnen, loeiuend umklammerte er den Rabbi und bat mit erstickter Stimme um Verzeihung des ihm zugefügten Unrechtes; auch Chanele rief er heran, daß sie ihre Bitte mit der seinigen vereinige, um des Rabbi's gerechten Groll zu versöhnen, die, sich mit der Schürze die brennenden, trockenen Augen wischend, hinzukam und, ihre Lage vergessend wohl einer Regung aus dem Klosterleben nachgebend, vor ihrem einstigen Geniale niederknieen wollte. Rabbi Salomoh hob sie aus und führte Beide zum Tische im Hintergründe des Kellers. Wie oft hatte er sich es zurechtgelegt, wie er den untreuen Freund zur Rede stellen, welche Beleidigung erihm ins Gesicht schleudern solle, wenn er ihn einst sehen werde und sei es auch erst vor dem Rlchterstuhle des Ewigen. Wie aber hatte er alles dies jetzt, beim Anblicke der beiden gebrochenen, wie vom Grabe auferstandenen Gestalten, die auf ihn weinend eindrangen, vergessen. Abraham sagte ihm, daß er und Chanele zur theilweisen Büßung ihrer Sünden es auf sich genommen hatten, immer in Armuth und Abgeschiedenheit von aller Welt zu leben und immer so bleiben zu wollen. Sie erzählten ihm auch wieder das viele Ungemach, das sie schon erlitten, des Rabbiners Herz wurde weich, er küßte sie nacheinander und verzieh ihnen von ganzem Herzen. Als sie sich beim Morgengrauen von einander trennten, fühlten Abraham und Chanele ihr Herz von einer schweren Last befreit'und Rabbi Salomoh hatte eine Empfindung von Stolz und Selbstzufriedenheit, das einem immer beschleicht, wenn man einem, der uns gekränkt, verziehen. Als er in seine Stube herauskam, brannte die Lampe, in der schon des Abends wenig Del war, noch, und da sie ja beim hereindringenden Morgenlichte entbehrlich war, nahm er es als ein Zeichen, daß das Werk, welches er eben gethan, von Gott gutgeheißen ward. Bon diesem Tage an kam Abraham oft des Nachts zu seinem Jugendfreunde herauf, um, wie in den guten alten Zellen, gemeinschaftlich den Talmud zu ftudiren, gab aber seine Beschäftigung und seinen Laden nicht auf; des Tages über war das Klappern der Zarna zu hören und die früh gealterte Chanele bot weiter Grütze feil. Nach Jahren als auch bei Rabbi Salomoh Lurje die Zeit ihren Tribut forderte, er alt und krank wurde und sein Ende nahen fühlte,' berief er die Vornehmsten von Lublin zu sich und befahl ihnen, als seinen Nachfolger Abraham den Grützeverkäufer zu ihren Rabbiner zu nehmen; darauf starb er und wurde mit großen Ehren, von Allen betrauert, begraben. Als die Gemeindeältesten zu Abraham kamen, um ihn zum Rabbiner aufzunehmen, weigerte er sich dessen und leugnete, mehr als Grütze mahlen zu können. Als er aber hörte, daß der selige Rabbiner es so befohlen, wußte er, daß derselbe ihm vollständig verziehen hatte nnd nahm es an, aber unter der Bedingung, keinen Gehalt zu beziehen und seinen Grützeladen weiter führen zu dürfen. Des Morgens mahlte also Rabbi Abraham sein Quantum Grütze und Chanele öffnete den Laden, sie feilzubieten. Die Frauen der Gemeinde, von der Synagoge und vom Bethause kommend, kauften ihren Bedarf an Grütze bei ihrem, und als sie so viel gelöst hatten, daß sie für den Tag genug zu haben glaubten, schloffen sie den Laden und Abraham ging hierauf in die Gemeindestube, um die Functionen eines Rabbiners zu versehen und den Jeschiba-Bochurim vorzutragen. Das alte Paar erfreute sich aber nicht lange des derartigen Wohlseins, noch im selben Jahre starben Rabbi Abraham der Grütze- Verkäufer und seine Frau Chanele an einem und demselben Tage und wurden Beide auf dem Judenfriedhofe in Lublin neben Rabbi Salomoh Lnrje zur ewigen Ruhe gebettet, wo ihre Gräber noch heute zu sehen sind. Literatur. Abul-Hasfan-Lieder, nach Jehuda ben Halevy von Bernhard Löwenstein. In dem überaus rührigen Berlage von Moritz Perles, Wien, Seilergaffe 4, ist ein splendid ausgestatteter Band Gedichte erschienen, welcher geeignet ist, die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise in mehrfacher Hinsicht auf sich zu ziehen. Bernhard Löwen stein, der verewigte Lemberger Rabbiner, war ein Kanzelredner von das Durchschuittsmaß weit überragender Bedeutung. Seine Predigten durchglühte ein gewaltiges Feuer der Begeisterung und das sprachliche Element stand ihm in unerschöpflicher Fülle zu Gebote. Ein poetischer Hauch verklärte seine edlen Worte und die Grundstimmung seines Wesens war eine dichterische. Weiser! — Philosoph! — Seher! — Dichter!-die Grenzen sind verwischt und nur ein schulmeisternder Pedant könnte sie mit dem Lineal in derben Strichen ziehen wollen. Ja, Bernhard Löwenstein war ein Dichter, und jede seiner hinreißenden Reden eine Dichtung voll Zauber, voll Schwung und durchlodert von jener innigen, strafenden Liebe zum Judenthume, wie sie erst unsere gewaltigen Propheten erfüllte und dann später jene süßen, spanischen Dichter, die in der herrlichen Sprache der Väter ihre schmelzenden Weisen sangen. Löw enstein mußte sicb vor Allem zum großen Jehuda ben Halevy hingezogen fühlen, denn er war ihm geistesverwandt in der Tiefe und Inbrunst des religiösen Fühlens, in der Zartheit und in der Gewalt des poetischen Ausdrucks. In seinem Nachlasse hat sich denn auch ein Heftchen vorgefunden, das von eindringender Beschäftigung mit jenem Sangessürsten erfreuliches Zeugniß gibt. Es sind keine sclavischen Übersetzungen, keine Uebungen müßiger Stunden, sondern freie Nachdichtungen, der poetische Gehalt in eine neue Form gegossen — meistens mit Glück und Geschick, selten ist ihm ein Tröpflein daneben gesprungen. Allen Freunden wahrer Poesie seien diese Gedichte empfohlen. Löwenstein konnte seinen zahlreichen Freunden und Anhängern gar kein lieblicheres Erinnerungsgeschenk hinterlaffen, als dieses. Wie innig klingt gleich das nachfolgende Lied: Dein Helles Sonnenantlitz spricht: „Es werde Licht!" Es ruft des Rabenhaares Pracht: „Es werde Nacht!" So kämpft in Deinem Angesicht, Geliebte, mit der Nacht das Licht. Wer glaubt eine Uebersetzung zu lesen, wenn es anhebt in melodischem Rhythmus: „Mein Wachen ist ein Träumen Nur von Dir; Mein Träumen ist ein Säumen Nur bei Dir." Löwenstein's Arbeit darf sich den bereits bekannten trefflichen Leistungen von S. Heller: „Die echten hebräischen Melodien" und „DerDivan des Jehuda Halevy", würdig anreihen. Wir sind gewiß, daß auch viele Nichtistaeliten das Buch vom rein-literarischen Standpunkte betrachten, beurtheilen und mit reiner Freude am edlen Sinn und gutem Klang genießen werden. Jehuda ben Halevy's Name ist ja, seitdem Heinrich Heine auf ihn mit Nachdruck hingewiesen, auch jedem Deutschen vertraut; daß die edelste Frau in Oesterreich sich mit diesem