Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 Oesterreichische Wvcherrfchrifk Seite 919 Leipzig, 9. November. In der vorgestrigen Monatsversammlung des „Neuen Leipziger Thierschutzvereines" im Hotel zum „Deutschen Hause" war der erste Gegenstand der Tagesordnung wieder die Schächtfrage. Das Referat hierzu erstattete der Vorsitzende Dünckel, der zunächst auf die Anstrengungen hinwies, die in neuester Zeit von israelitischer Seite zur Aufhebung des Schächtverbotes in Sachsen gemacht wurden und der dann eingehend über die vor Kurzem abgehaltene öffentliche Versammlung berichtete, in der die Schächtfrage behandelt wurde. Im Anschluß an die vom Ministerium crtheilte, die Aufhebung des Schächtverbotes betreffende verneinende Antwort beantragte der Vorsitzende, dem königlichen Ministerium des Innern den Dank des Vereins und in Verbindung damit die Bitte anszusprechen, das Ministerium möge seinen Einfluß dahin geltend machen, daß auch in den anderen deutschen Staaten das Schächten ohne vorhergehende Betäubung der Thiere verboten werde. Dieser Antrag tvurde von der Versammlung mit Beifall begrüßt und einstimmig zum Beschluß erhoben. Dresden.ZurCharakteristikdes antisemitischen Reichstagsabgeordneten Zimmerniann, des Führers dersächfischen „Reformer", veröffentlicht das sächsische conservative „Vaterland", das Organ des Freiherrn von Friesen, einen erbaulichen Beitrag. Bekanntlich hat von jeher die antisemitische Pr.-ffe und namentlich auch die „Deutsche Wacht" des Abgeordneten Zimmermann die Errichtung eines Heine-Denkmals bekämpft und die Durchführung eines solchen Planes als eine „Schwach für Deutschland" bezeichnet. Demgegenüber weist nun das „Vaterland" darauf hin, daß vor einigen Jahren in Wien unter dem Titel: „Die Wonne des Leids" ein Buch erschienen ist, in welchem die Verdienste Heinrich Heine's mit den wärmsten Worten gepriesen werden. In diesem Buche heißt es u. A.: „Und solche Verse gab dem deutschen Volke wieder Heine, den man als französtrenden Juden von gewisser Seite gern ablehnen möchte, . . In Heine's Lyrik jauchzt und weint die deutsche Volksseele ... An der Wahrheit und Wärme der H e i n e'schen Empfindungen zu zweifeln, liegt noch kein Grund darin, daß das zersetzende Element oft in ihm vorherrscht... Heine und Börne sind die Vorboten der Revolution, sie leiten nach Deutschland jene wundersame Erregung, welche 1848 durch alle civilisirten Völker zitterte... Heine war der letzte große Dichter, er stand zwischen Romantik und moderner Weltanschauung, und diese Zwischer.stellung trübte bisweilen seine Schöpfungen." Verfasser des Buches, in tvelchem solches zu lesen steht, ist aber kein anderer als der jetzige antisemitische Reichstagsabgeordnete Oswald Z i m m e r m a n ir. — Das Zimmermann'sche Buch ist übrigens seinerzeit von der Wiener Staatsanwaltschaft als gegen die öffentliche Moral verstoßend beschlagnahmt worden. Leipzig. Carl Paasch hat, bevor cr aus dem Jrrenhause in Herzberge entlassen und durch Dr. W e s e n d o n k in eine Nervenheilanstalt bei Leipzig befördert worden ist, drei Flugblätter verfaßt und drucken lassen, welche gegen die früheren Bertheidiger P a a s ch's, die Rechtsanwälte Dr. I v e r s und H e r t w i g, und gegen einen Arzt gerichtet sind. lieber den Inhalt der Beschuldigungen wird dem „Reichsboten" mitgetheilt: Den Rechtsanwalt Jvers fordert er unter Drohungen auf, von dem für die Bertheidiger gezahlten Honorare im Betrage von 5000 Mark die Summe von 4000 Mark zurückzugeben, da Jvers ihn nicht in der Weise vertreten habe, wie er es sollte. Ja, er bezichtigt den genannten Anwalt, in dem Processe von Brandt und Genossen zu Gunsten der Gegenpartei gehandelt zu haben u. s. w. Die schlimmsten Beschuldigungen aber erhebt Paasch in dem Schreiben an seinen Bertheidiger, Rechtsanwalt Hertwig. So stellt er die Behauptung auf, Hertwig sei Schuld, daß er, Paasch, den bekannten Selbstmordversuch zu Moabit unternommen habe. „Der Knabe Karl fängt an, uns fürchterlich zu werden" — werden die Antisemiten jetzt sagen. Leipzig. Auch eine Enthüllung. In dem Streit der zwei Antisemitenhäuptlinge Lo h a n e/a Li m an ist. das Eingeständniß des Letzteren nicht ohne Interesse, daß er niemals, wie er früher angedeutet, eine Audienz bei dem Könige vonSachsen gehabt hat. Vor zwei Jahren habe ein sehr hochstehender Herr ihn gefragt, ob er „nicht einen Canal habe", um Sr. Majestät dem Könige gewisse Aufklärungen zukommen lasten zu können. Einzelne vertraute Freunde hätten ihm vorgeschlagen, sie wollten mit Excellenz Bähr sprechen und er habe sich gefreut, nach einigen Tagen zu hören, 's,Excellenz Bähr wolle sich dev angedeuteten Aufgabe unterziehen." Excellenz Bähr ist bekanntlich Cabinets-Secretär des Königs. Während des jüngsten Parteitages der antisemitischen „Reformer" in Sachsen wurde folgendes Telegramm an den König abgesandt: „Ew. Majestät, dem berufenen Führer und Schützer unseres Volksthums, unterbreiten die auf Einladung des Landesvereins versammelten zweihundert Vertrauensmänner der Deutschen Reformpartei im Königreiche Sachsen ehrerbietigsten Gruß und im Sinne von Tausenden ihrer Gesinnungsgenossen das Gelöbniß unwandelbarer Treue, mit der sie für Thron und Vaterland einstehen wollen in guten wie in bösen Tagen im mannhaften Kämpfe gegen alle antinationalen Elemente." Das Antworttelegramm des Königs hat folgenden Wortlaut: „Den versammelten Vertrauensmännern der Deutschen Reform danke ich herzlich für die mir bekundete Gesinnung unwandelbarer Treue für Thron und Altar. Albert." Paris. Letzten Sonntag vollzog sich ein interessantes und für die jüdische Gemeinde in Paris wichtiges Ereigniß. Die beiden Vereine .La Soeiete EtüdeTalmndique“ und „La Soeiete Patriarche ^.brabain« hatten sich vereinigt, um ein gemeinschaftliches Gotteshaus zu errichten, welches nun vergangenen Montag Rue Cadet 10, eröffnet wurde. Der Fest-Gottesdienst wurde in Gegenwart des Grandrabbin von Frankreich M. Zadoc-Kahn abgehalten, an dessen Seite auch der Grandrabbin von Paris M. Dreyfuß, sowie der Vereinsrabbiner M. Weißkopf erschienen waren. Die drei Genannten hielten auch Ansprachen an die Versammlung. Die Vereinigung der beiden größten orthodoxen Chewras ist insofern von Bedeutung, als hiedurch die Sache der Orthodoxen an Ansehen sehr gewinnt. Daß das Comite den Grandrabbin von Frankreich zur Einweihung geladen hatte, ist ebenso ein Beweis für das gute Einvernehmen aller Fractionen, wie die herzliche Annahme der Einladung seitens des Letzteren das freundliche Entgegenkommen der maßgebenden Kreise bekundet. Das Gebäude ist einfach und dem Zwecke vollkommen entsprechend eingerichtet. Um das Zustandekommen der Vereinigung haben sich die Herren Dr. Klein und Josef Todesco sehr verdient gemacht. Paris. Im großen Tempel in der Rue de la Victoire fand am letzten Sonntag ein feierlicher Gottesdienst für die jüdischen Recrnten statt. Die Feier war zunächst für jene zum Waffendienst Einberufenen bestimmt, welche Schüler des Seminars sind, es wurden aber gleichzeitig alleRecruten jüdischen Glaubens geladen. Eigenthümlicher Weise sind die angehenden Rabbiner nicht vom Dienste befreit, sondern genießen nur die Begünstigung des einjährigen Dienstes. Der Oberrabbiner von Frankreich, M. Zadoc-Kahn, welcher den glücklichen Gedanken der feierlichen Segnung der künftigen Vaterlandsvertheidiger hatte, hielt eine seiner bekannten formvollendeten Ansprachen, welche tiefen Eindruck'machte. Nach Beendigung des Gottesdienstes gaben die Erschienenen ihrem Danke für die Feier in enthusiastischer Weise Ausdruck. London. Letzten Samstag wurde für die Kinder der jüdischen Abtheilung der Feriencolonie in der kleinen Synagoge am Spitals ivguare ein Nachmittagsgottesdienst abgehalten, welchem viele Knaben und Mädchen, sowie deren Angehörige beiwohnten. Nach Abhaltung des Gottesdienstes hielt Mr. Israel Abrahams eine Ansprache an die Kinder, in welcher er in schlichten Worten darlegte, daß seine jugendlichen Hörer allen Grund hätten zur Dankbarkeit gegen Gott, gegen ihre Lehrer, Verwandten und Freunde für die glücklichen Wochen, welche sie fern von den geräuschvollen Straßen Londons in hübschen Landstädtchen zugebracht hatten. Nach Schluß der Feier wurden vielfache Stimmen laut, es mögen derartige Kindergottesdienste auch in Zukunft häufig abgehalten werden. London. Mr. Alfred Wallace, der bekannte Autor der Werke „Darwinismus", „Der Malaische Archipel", „Tie geographische Verbreitung der Thiere" :c., richtete an Prof. Meldola ein Schreiben über die Schächtfrage, in welchem er bemerkt: „In Berücksichtigung Ihrer Beschreibung der von den jüdischen Schächtern beobachteten Tödtungsart scheint mir diese zum mindesten ebenso human, vermuthlich aber noch humaner zu sein, als die von unseren Fleischhauern geübte Art des Schlagens. Ich habe gehört, daß mehrere Schläge mit der Axt nöthig seien, um einen Ochsen zu tödten." „Dalyels Telegramm" berichtet aus K r a k a u, daß das Comitc-, welches von Baron Hirsch eingesetzt wurde,