Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-24 · 47 (24.11.1893) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3021001--02981-3027096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«awaKia» Nr. 47 Vesterreichtfche WochrnfüpM Leite 915 Berathung beschlossen, der Gemeindevorstehung auch die gleichzeitige Errichtung einer Mädchen-Bürgerschule zu empfehlen. Damit würde die Gemeindeleitung auch einem längst gefühlten Bedürfnisse entsprechen, den Wunsch vieler Eltern erfüllen und dem leider schon in vielen jüdischen Familien einreißenden religiösen Jndiffercntismns mit Erfolg entgegenarbeiten können. Die ruhmreiche Vergangenheit unserer Religion lehrt es ja, daß charakterfeste und glaubenstreue Männer in Israel nur von j ü d i s ch fühlenden Müttern erzogen wurden. Der unerquickliche Kampf um den Predigerstuhl km Schoße der Miskolczer israelitischen Gemeinde dauert zum Gaudium unserer verschämten Feinde noch immer fort, wird sogar leider noch erbitterter und unser guter, jetzt so viel beschäftigter Cultusminister hat mit den ihn bestürmenden Deputationen und Memoranden der streitenden Parteien seine schwere Noth. Aus seine Entscheidung ist Alles gespannt. Er wird einen salomonischen Urtheilsspruch fällen müssen, um diesem Bruderzrvist ein für allemal ein Ende zu machen. Von seiner politischen Weisheit steht dies auch zu erwarten, gleichwie seine bisherigen, stets liberalen Enunriationen zu der Hoffnung berechtigen, daß seine Entscheidung nicht in reaktionärem Sinne ausfallen wird. Um meinen diesmaligen Bericht nicht mit einem Mißton abschließen zu müssen, erwähne ich zuletzt noch einer Mittheilung der heute erschienenen Nummer des „Egyenlöseg", daß unser bekannter Philantrop, Siemund Brody, Herausgeber des „Neuen Pester Journal", der in den letzten zwei Jahren nahezu 500.000 fl. wohlthätigen und gemeinnützigen Instituten spendete, nächstens zum Oberhausmitglrede ernannt werden soll. Der seit dem Tode des Dr. Hirschler vacante Platz im Magnatenhause würde demnach wieder mit einem unserer besten Juden besetzt werden. B. M. Die Berliner Stadtverordneten- Wahlen haben dem Antisemitismus, wie von antisemitischer Seite selbst zugegeben wird, eine vernichtende Niederlage bereitet. In der Stadtverordnetenversammlung saßen zuletzt 4 Mitglieder der aus Conservativen und „reinen" Antisemiten sich zusammensetzenden „Bürgerpartei". Bei den diesmaligen Ergänzungswahlen sind die Bürgerparteiler total unterlegen. Drei ihrer Mandate haben sie bereits definitiv verloren, im günstigsten Falle erringen sie in der ausstehenden Stichwahl mit den Liberalen ein Mandat. Und welch ein Rückgang der Stimmen ist vielfach zu constatiren! So erhielten im 6. Wahlbezirk (Schöneberger Vorstadt, obere Friedrich-Vorstadt) der liberale Candidat Försterling 642, der Antisemit Zeidler 105, der Socialdemokrat T ä t e r o w 96 Stimmen, während der bisherige antisemitische Vertreter des Bezirkes, Bail len, seinerzeit mit 683 gegen 544 liberale Stimmen gewählt worden ist. Seit der Auslösung der Stadtverordnetenversammlung im Jahre 1883 durch den Minister v. Pultkam er machen die Antisemiten aller Richtungen Anstrengungen, um die Majorität zu erlangen. Sie brachten es auch im Laufe der nächsten Jahre auf circa ein Dutzend Köpfe. Damit war aber der Höhepunkt erreicht. Und jetzt — werden sie entweder aus der 126 Mitglieder zählenden Stadtverordnetenversammlung gänzlich verschwinden oder nur durch einen einzigen Gesinnungsgenossen darin vertreten sein. lieber den Niedergang des Antisemitismus in Berlin zerbrechen sich jetzt die Leute, welche die „Schmach des Jahrhunderts" bei uns systematisch großgezogen hatten, die Köpfe. Und dort, wo früher wilder Jubel über jeden antisemitischen Erfolg herrschte, da ist heute tiefe Melancholie eingezogen — die unbestreitbare Niederlage, welche die Antisemiten und was dazu gehört, bei den letzten Berliner Stadtverordnetenwahlen erlitten, ftfninit die Blätter, welche früher verschämt und unverschämt in Antisemitismus machten, trübe und sentimental, und mau forscht jetzt den Ursachen nach, welche den jähen Niedergang der „guten Sache" angeblich verschuldeten. Die neunmal Weisen vom „Reichsboten" haben plötzlich die Entdeckung gemacht, daß „vom Antisemitismus allein keine Partei leben kann". Und das ehemalige Organ des Exhofpredigers kommt dann — freilich etwas spät — zu der Erkenntniß, „daß es auf die Dauer kein normal veranlagter Mensch aushalte, alle Dinge nur immer durch das enge Guckloch der Judenfrage zu betrachten." Natürlich wird kein normal veranlagter Mensch auf den geringfügigen Umstand besonderes Gewicht legen, daß diese Erleuchtung des „Reichsboten" mit dem Zeitpunkte zusammenfällt, wo die Antisemiten thatsächlich auf's Haupt geschlagen wurden, uud der „Reichsbote" findet denn auch, „daß der Antisemitismus keiner Partei die Zukunft garantireu kann!" — Ach, wie bald, schwindet Schönheit und Gestalt! Bor kaum zehn Jahren, als Stöcker seine wilden Schaaren um sein Banner sammelte und als mau noch von „Oben" den Ansturm auf den Fortschrittsring sehrfühlbar protegirte, da las man in den Blättern vom Schlage des „Reichsboten" ganz andere Ausführungen über den Antisemitismus, da wurde auch durchaus normal veranlagten Menschen die Aussicht auf ein immerwährendes, glncks-liges Dasein in Aussicht gestellt, wenn der Fortschrittsring gebrochen wäre, d. h. in gewöhnliches Deutsch übersetzt, wenn die judenfeindliche Strömung in unseren Gemeinwesen die Oberhand gewinnen würde. Als Probirstein für den antisemitischen Durchbruch wurde damals die Commune von Berlin benutzt und auch die „Nordd. Allg. Ztg." gedenkt in einer ihrer Abendausgaben mit stiller Wehmuth der Zeit, wo Stöckers Myrmidonen 14 Mann hoch in das städtische Parlament einzogen. Die christlich-sociale Richtung war zu jener Zeit in den sogenannten Bürgervereinen organisirt, und die „Nordd. Allg. Ztg." thut jetzt so, als ob sie nicht wüßte, daß in jenen Vereinen der Antisemitismus genau dieselben Orgien feierte, wie das in letzter Zeit unter Führung Ahlwardt's geschehen ist. Schon bei den vorigen Stadtverorduetenwahlen konnten die Trümmer der Bürgervereine nur noch vier Mandate halten und jetzt — wenn ihnen der Gott der Stichwahlen nicht günstig ist — werden sie ganz und gar von der Bildsläche verschwinden. Die „Nordd. Allg. Ztg." und der „Reichsbote" trauern gleichmäßig über diesen Verfall, und jeder von ihnen sucht sich die Gründe auf seine Weise zu erklären. Daran denkt keiner von ihnen, daß gerade in den Schichten der Bevölkerung, auf welche die Antisemiten namentlich in den großen Städten speculiren, sich mit unwiderstehlicher Gewalt die Neberzeugung Bahn gebrochen hat, daß die antisemitischen Agitatoren und Demagogen, mögen sie im Talar des Geistlichen oder im einfachen Rock des Schulmeisters vor die Massen treten, nicht im Entferntesten in der Lage sind, diejenigen Schäden zu beseitigen, an welchen unsere Zeit thatsächlich krankt. Der „kleine Mann" hat eben erkannt, daß man, um einen gemeinverständlichen Ausdruck zu gebrauchen, mit den autisenlitischen Redensarten keinen Hund vom Ofen locken kann, und daß die socialen Reformvorschläge, die den Antisemiten geläufig sind, in unsere Zeit ganz und gar nicht mehr hineinpassen. Wo in ländlichen Bezirken die Antisemiten heute noch Erfolge zu erringen in der Lage sind, liegen die Verhältnisse eben anders, und die Hoffnungen, die von anti- . semitischer Seite an diese Erfolge geknüpft werden, werden sich eines Tages zweifellos als trügerische erweisen. Die Antisemiten haben denn auch mit einer Art von richtigem Instinkt herausgefühlt, daß der Kampf gegen die „Juden" allein sie auf die Dauer nicht wird über Wasser halten können, und Ahlwardt gab diesem dunklen Gefühl auch Ausdruck, als er den Kampf gegen „Juden und Junker" proclamirte. In den Kreisen der letzteren Kategorie von Staatsbürgern ist dieser Schlachtruf keineswegs ungehört verhallt, und die „Junker" sehen sich zu Anstrengungen veranlaßt, die verhindern sollen, daß ihnen - von den Antisemiten der Wind aus den Segeln genommen wird. So haben die Männer der äußersten Rechten den Antrag gestellt, daß die verbündeten Regierungen dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorlegen sollen, nach welchem Israeliten, die nicht Reichsangehörige sind, die Einwanderung über die Grenzen des Reiches untersagt wird. Fünfundzwanzig mehr oder weniger erlauchte Namen — Schall und Stroh sind auch dabei — prangen unter diesem Antrag, und man kann sagen, daß die feindlichen Brüder von der „rein" antisemitischen Fraction auch nicht weiter hätten gehen können. Wenn wir russischer wie russisch werden sollen, so wäre es das Bequemste, man steckte die grün-weißen Grenzpfähle gleich bei den Vogesen auf, dauu könnten wir die Segnungen des väterlich-czarischen Regimentes nach Hammerstein'schem Recept gleich aus erster Hand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.