Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 47 (24.11.1893)
- Date
- 1893-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 VrürrreirhMhe WortzrnschrM Seite 913 Noch greller tritt dieser Widerspruch in einzelnen Privatankündigungen zu Tage. Während Herr Bergani unausgesetzt versichert, daß Juden auf die christliche Volksmoral den nachtheiligsten Einfluß üben, bringt er selbst eine Anpreisung des October-Programmes des Etablissements Rouacher, welche mit den Worten beginnt: „Der October wird im Etablissement Ronacher unter dem Zeichen der Venns stehen." Wer denkt da nicht an jenen St. Pöltener Unzuchtproceß, welcher das „Deutsche Volksblatt" zu der detaillirtesten. Schilderung der Scene begeisterte, in welcher eine verworfene Mutter die unschuldige Tochter den Umarmungen eines Wüstlings preisgibt? In einem anderen Inserate des „Deutschen Volksblätt" erbittet sich eine unglückliche Frau „nur von Christen" sehr schnelle Hilfe aus Wucherhänden, in welche sie durch ihr gutes Herz gerathen ist, und fügt hinzu: „Es. ist nicht allein um Gottes Lohn!" Das ist fürwahr deutlicher als deutlch. Herr Verg an i spielt sich aber, nicht blos auf den christlich-arischen Tugendbold, sondern auch auf den eifrigen Vertreter der niederösterreichischen Weinbau-Interessenten hinaus. Wie er diesen Beruf auffaßt, beweisen zwei Annoncen, deren erste die or i ginal it alie n isch e n Weine des Herrn Sebastian Grünbeck und deren zweite den vorzüglichen italienischen Rothwein in Z obe l's Bierhalle u m 25 Kreuze r p e r Liter anpreist. Da müssen doch die niederösterreichischen Weinbauer ihre Freude daran haben, zumal der Oesterreicher Wein um 56 Kreuzer per Liter verkauft wird. Auch auf die Theaterkritik erstreckt sich der unverwüstliche Geschäftsgeist Vergani's. In einem Referate über eine Lohengrin-Vorstellung wird die Ortrud des Fräulein Weiner, bekanntlich einer jüdischen Sängerin, über den grünen Klee gelobt, während kurz vorher das „Deutsche Volksblatt" dieses selbe Fräulein Weiner jämmerlich herunter gerissen hatte. Mit Recht sagt Schönerer: „Woher nur auf einmal dieses überschwängliche Pauschal-Lob!" Schließlich noch eine hübsche Illustration zu der Devise „Kauft nur bei Christen" selbst! Im „Deutschen Volksblatt" ist u. A. zum Kaufe empfohlen: „Neu!!! Soeben erschienen. Ne«!!!" „Immer nur Liebe." Walzerlied von Wilhelm Rosenzweig. Herr Rosenzweig ist unzweifelhaft ein tüchtiger Componist, aber wie kommt das „Deutsche Volksblatt" dazu, das Walzerlied eines Juden zum Kaufe zu empfehlen? Seine Devise lautet doch: „Kauft nur bei Christen!" Aber freilich, das Geld der Juden hat Herr V e r g a n i trotz dieser Devise nie verachtet, er nimmt es, wo er kann. Alles in Allem genommen: Hen Vergani ist und bleibt ein vollkommener Ehrenmann! Norddeutsche Seehelden. In der Walhalla bei Regensburg vermißt man die großen Admirale und in der deutschen Geschichte die großen Seeschlachten. Nachdem in allem Uebrigen Norddeutschland das Vollkommenste ist, was überhaupt jemals auf Erden geschaffen wurde, muß dieses Deficit in der internationalen Concurrenz des Ruhmes um so bitterer empfunden werden. Der Ansatz dazu war vorhanden, die Kriegsschiffe der Hansa und der von einigen deutschen Küstenstädten geübte Seeraub, das waren hübsche Anfänge; aber die Fortentwicklung wollte sich nicht finden und so steht Deutschland bezüglich seines Flottenruhmes sogar hinter dem kleinen Dänemark zurück. Zum Ersatz haben die Deutschen den seegesalzenen Antisemitismus, die wellenschaumgeborene Dummheit in großem Maßstabe, die Gemeinheit und Niedertracht unter windgeschwollener Flagge. Da ist (in Mühlheim an der Ruhr, Verlag von Max Röder 1893) ein kleines Ser-Epos veröffentlicht worden, das Herrn Prof. Dr. Paul Holzhausen zum Verfasser hat. Die Broschüre führt den Titel: „Judenhatz in deutschen Nordseebädern. Ein Reiseabenteuer auf Spiekeroog." (Preis 25 Pfg.) Es ist schön und ruhmvoll, wenn von einem Laude solche Reiseabenteuer erzählt werden können, und wenn die Gebildeten einer Nation einer solchen Selbstschändung fähig sind, so kann man sich jedes weitere Wort des Tadels ersparen. Die Holzhausen'sche Epopöe aus einer deutschen Odysee ist, so widerwärtig auch die erzählten Vorgänge sind, doch interessant und lesenswerth mit Hinblick auf jene unvergleichlich geschmacklosen Repräsentanten deutscher Hochnäsigkeit, welche die Seebäder besuchen und welche vom Erzgebirge hausen bis zur Nord- und Ostsee. Der Mensch gewöhnt sich an Alles; wenn der Antisemitismus sich auch noch so roh geberdet, so ist das auf deutschem Boden gerade so selbstverständlich wie die Schädeljagd auf Borneo oder der Kannibalismus im Innern Afrikas. Man spricht nicht umsonst von „Judenfressern", weil eben auch im Antisemitismus sich die Raubthiereigenschaften der Gattung offenbaren. „Judenhatz", breit gedruckt ist dieser Titel; aber breiter als der Gürtel der Germania ist der Schandsteck aus der Laufbahn des deutschen Volkes. Was erzählt uns denn die kleine Broschüre? Auf der kleinen Insel Spiekeroog wird ein jüdischer Doctor beschimpft, tödtlich beleidigt, von den Badegästen mit Acht und Bann belegt, weil er es gewagt hat, sich als Jrrde zu bekennen. Der Doc:or ist ein körperlich schwacher Mansch und das wird von den norddeutschen Seehelden mit gewohnter Noblesse ausgenützt. Dr. Holzhausen, der, wie er in seiner Broschüre sagt, niemals in jüdischen Kreisen verkehrt und dem man keine jüdische Abstammung nachsagen kann, fand es nicht angemessen, sich von dem jüdischen Doclor zurückzuziehen. Daraufhin wurde auch er am gemeinschaftlichen Tische nicht geduldet und man sagte ihm ins Gesicht, daß auch er nach Knoblauch rieche; man begreift das Geistreiche und Witzige dieser Wendung. „Wenn" — sagt der Verfasser in seinem Vorwort — „auch der friedliche Erdenwinkel, in den sich das ruhebedürfüge Kind des neunzehnten Jahrhunderts flüchtet, um, von den Wogen des ewigen Meeres umrauschr, eine kurze Stunde der Erholung zu genießen, wenn auch' das stille gottgesegnete Eiland wiedertönt von dem wüsten Hepp, H.-pp, Hurrah! — dann darf der besonnene Staatsbürger wohl mit Marcellus sagen: „Something is rotten in the state of Denmark.“ Und ferner bemerkt der Verfasser: L es si n g, Moses 'M endelssohn, der Düsseldorfer Jude, der gar viele süße Lieder gedichtet, die sind dahingegangen. „Nur einer ist im Wechsel der Zeiten unverändert derselbe geblieben; zu L e s s i n g's Zeiten hieß er Johann Melchior Goetze — heute hört er auf den ebenfalls recht wohlklingenden Namen Stöcker." Im Jahre 1890 wurde auf Bork u m eine förmliche Verfolgung jüdischer Curgäste ins Werk gesetzt. Auch in diesem Jahre war Borkum der Schauplatz antisemitischer Orgien, lieber das verjudete „Norderney" werden die unfläthigsten Reden geführt. Auf Spiekeroog ist es ein Lieutenant in der Reserve, zugleich Oberlehrer, der im Vereine mit einem süddeutschen antisemitischen Redacteur den Frieden der Insel stört. Der jüdische Doctor, der auf der Insel Erholung suchte, wurde mit Stockschlägen bedroht. Man spricht und handelt so gemein, als wäre man bei den verworfensten Individuen in die Schule gegangen. Das sind die Zustände in den deutschen Nordseebädern; das ist der Seekrieg an der deutschen Küste. Sie haben recht, es gibt einen Unterschied zwischen den Völkern. Die Seegeusen Hollands, die für die Freiheit stritten, und die Antisemiten in den deutschen Nordseebädern: das gibt eine ungeheuere Differenz, obwohl die Länder neben einander liegen und holländisch und plattdeutsch gut zusammenklingt. Das preußische Junkerthum aber hat durch seinen namenlosen Hochmuth ganz Deutschland auf falsche Wege verlockt. Das steckt an; man verleugnet bessere Empfindungen, um den Affen des Adels zu spielen. Eine Wolke von Lüge und Heuchelei umgibt diese Welt, wo Alles künstlich ist und nichts natürlich, wo der Adelsbrief jedem. Laster als Feigenblatt dient rmd jeder Schritt im