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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-24 · 47 (24.11.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 912 Nr. 47 da in letzter Zeit zweimal nächtlicher Weise auf die Fenster eines jüdischen Kaufmannes, der seit 23 Jahren hier Haus und Geschäft hat, je 5 Revolverschüsse und dieser Tage abermals auf die Fenster einer seit 4 Wochen hier wohnenden Judenfamilie 4 Revolverschüsse abgefeuert wurden. Die Hetzereien, resp. Verfolgungen entstanden durch ein hier in fünfzig Exemplaren seit 1. April l. I. eingesandtes Antisemitenblalt „Zihadlo", welches in Kremsier erscheint und hier gratis vertheilt wird; dieses Blatt soll die hier vorgekommenen Hetzereien gutheißen und noch zu weiteren radicalen Vorgängen aneifern, solche Schußattentate sogar empfehlen. Trotz aller Schritte bei der Behörde hat man bis heute die Thäter weder ausgeforscht noch gefangen, und als ein hiesiger Jude eine Prämie von 50 fl. affichiren ließ, gab man ihm in antisemitischen Flugschriften zur Antwort, daß auch 5O0O fl. nicht hinreichen würden, den Thäter zu verrathen. Wenn ich Ihnen unsere seit 1. Mai andauernden Aufregungen und Qualen schildern wollte, würden Sie die Hände zusammenschlagen und sagen „es ist nicht möglich", und das Alles, weil wir Juden sind. Schöne Zustände das im gesegneten Böhmen! Ich habe das * Alles deshalb noch nicht in den Zeitungen veröffentlicht, weil ich mich dessen schäme, und jetzt sehe ich es zu spät ein, daß ich gefehlt habe» daß ich schwieg." Die Preßfreiheit ist bei uns größer als in den „Vereinigten Staaten" Nordamerikas. In Nordamerika darf keine Religion beleidigt werden, nicht einmal in einem Wirthshausgei'präch. Wir aber, die Juden in Oesterreich, sind jeder Beschimpfung, jeder Beleidigung, jeder Verleumdung ausgesetzt aus der Basis der Gleichberechtigung. Die Verbrennung der Witwen, die Feste des Dschaggernauth in Indien sind - bekannte Thatsachen; die Hindus sind Arier und das sind wirkliche Menschenopfer. Dennoch wird jede Beleidigung einer religiösen Genossenschaft in Indien von den englischen ^Behörden auf's Strengste bestraft. Selbst im vorigen Jahrhundert, selbst in der Metternich'schen Epoche war wenigstens die jüdische Religion bester gegen Pamphlete und Pasquille und Hetzschriften geschützt als in der Gegenwart. Jetzt haben wir die Freiheit, ungestraft beleidigt werden zu können. Die Juden Mährens haben sich an die deutschliberalen Abgeordneten ihres Landes gewendet, damit diesem gefährlichen Treiben Einhalt gethan werde. Wir werden sehen, was auf parlamentarischem Wege ausgerichtet werden will und ausgerichtet werden kann. Es wurden die Staatsanwaltschaften angegangen, wenigstens im Interesse der öffentlichen Ordnung einzuschreiten. Allein sie haben ihre Intervention verweigert, weil das historisch Thalsächliche hinsichtlich der „Vier Tiroler Kinder" nicht klar sestgestellt sei. Es rst aber mit mathematischer Evidenz erwiesen, durch die Gerichtsacten von Wien, Holleschau und Kolin constatirt, welche Zwecke die czechischen Blätter mit dem Verschleiße der Deckert'schen Producte verfolgen. Heilig und unverletzlich ist jede Religion in Oesterreich; nur das Judenthum ist den Besudelungen jedes .Hetzbruders preisgegeben, der die Feder ergreift oder die Rednerbühne betritt. Will man denn warten, bis daS Volk mordlustig auf den Straßen steht und plündernd in die Häuser einbricht? Bedenkt man nicht, was es heißt, wenn der Jude in so niederträchtiger Manier' in seinen religiösen Empfindungen beleidigt und verletzt wird? Er ist in seinem Heiligsten angegriffen und selbst ein Act der Nothwchr erscheint nach dem natürlichen Rechte gestattet. Im Novemberhest seines „Sendboten" veröffentlicht Dr. Josef Deckert unter dem Titel: „Die gegenwärtige Gefahr" eine Predigt, die damit beginnt, daß der Redner sich verwahrt „die Kanzel mißbrauchen und eine a n t i s emitische Brandrede" halten zu wollen. Gewiß, es ist keine antisemitische Brandrede, denn Pfarrer Deck er t citirt den Erzbischof von Olmütz Dr. Theodor Kohn; er citirt aber nicht jene Aussprüche, mit welchen der Erzbischof den Antisemitismus verurth eilte, sondern Dr. Deckert sucht zu beweisen, daß die Christen unter der schmählichen Fremdherrschaft der Juden stehen. Es ist keine antisemitische Brandrede, denn es geschieht zur Besänftigung der Zuhärer, wenn er den Juden als „den König der Zeit" bezeichnet. Es ist keine antisemitische Brandrede, wenn Dr. Deckert auch die Emancipation der Juden als ein Grundübel bezeichnet; es ist keine antisemitische Brandrede, wenn auch die Predigt das Erwerbsleben in der für die Juden gehässigsten Weise bespricht, keine antisemitische Brandrede, wenn er sagt, daß das Christenthum vor dem Judenthume capitulirt habe. Der ganze zweite Abschnitt der Predigt bewegt sich hart an der Grenze der Schneider'schen Tonart; aber sie ist dennoch keine antisemitische Brandrede, denn Dr. Deckert versichert es und vielleicht findet sich Einer, der sich anbietet, darauf einen Eid zu leisten. Es ist kein Mißbrauch der Kanzel, wenn auf derselben statt der Religion der Antisemitismus das Wort ergreift, kein Mißbrauch der Preßfreiheit, wenn in Büchern und Zeitungen die wüsteste Hetze betrieben wird, und das Alles stimmt zu dem Grundsätze der 'Gleichberechtigung. Vom chassidischen Fanatismus spricht Dr. Deckert; „die Erzeugung des Fanatismus von Weinhaus", das wäre der richtige Titel für seine literarischen Erzeugnisse. Alles für Geld bei Pan Verganiw. Alle idealen Principien sind zu selbstsüchtigen Zwecken mißbraucht worden. Unter dem Namen der Freiheit hat man Ketten für die Völker geschmiedet, unter dem Namen des geistigen Fortschritts ist der Aberglaube verbreitet und das Volk in die Nacht der Unwissenheit zurückgeführt worden. Ernst Vergani, der Urgermane aus Sollenz, hat sich nur an bekannte historische Beispiele gehalten, als er unter dem Vorwände der Bekämpfung der Corruption ein Blatt gründete, welches vom ersten Tage seines Bestandes an selber die schamloseste Corruption trieb. Ein Sprichwort sagt, daß ein Grieche schlauer ist als zehn Juden und ein Armenier schlauer als zehn Griechen. Ernst Vergani glaubte noch geriebener zu sein als ein Armenier. Er schuf eine Zeitung für „christliche Volksmoral", in welcher er gegen die Juden hetzte, aber seine persönliche Moral bestand darin, daß er zu Juden und jüdischen Gesellschaften schnorren ging, von ihnen Jnseraten- und Pauschaliengelder einsackte mü> Beträge für sich behielt, die ihm für christliche Arme übergeben worden waren. Aber Ernst Vergani fing sich in seinen eigenen Schlingen. Mit derselben Gewissenlosigkeit, mit welcher er seine arischen Leser täuschte, übte er Verrath an jenem Manne, zu dessen Füßen er einst um Rettung vor dem materiellen Untergange gewinselt und der ihn tatsächlich geholfen hatte. An der ehrlichen Empörung Schönerer's ob solcher Niedrigkeit der Gesinnung wurde die Schlauheit Ve rg ani's zu Schanden. Seit langer, lang r Zeit sind wir selbst der Mühe enthoben, den krummen Wegen dieses Geld-für-Alles-Mannes zu folgen und dieselben aufzudecken. Schönerer's „Unverfälschte deutsche Worte" besorgen dieses Geschäft mit der Gründlichkeit und Rücksichtslosigkeit eines unerbittlichen Richters. Seit der Schloßherr von Rosenau Herrn Vergani so scharf aus die Finger sieht, wird es diesen Fingern immer schwerer, ihre gewohnte Kunstfertigkeit zu üben, oder es muß sich wenigstens der brave Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" in seiner vollen Schamlosigkeit zeigen. Auch die neueste Nummer der „Unverfälschten Deutschen Worte" bringt eine Reihe von Proben von dem Betrüge, welchen Ernst Vergani tagtäglich an seinen christlichen Lesern übt. Herr Schönerer verweist auf die Devise „K au ft nur bei C h ri st en", welche das „Deutsche Volksblatt" an seine Spitze stellt, während es in seinem Jnseratentheile die Nordbahn und die Südbahn, den „Lloyd" und die „Donau-Dampfschifffahrtsgesellschafi", die „Creditanstalt" und den „Anker", den „Phönix" und die „Allianz", kurz alle Gesellschaften, deren Verwaltung sich angeblich in jüdischen Händen befindet, in großen Inseraten anempfiehlt.

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