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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-24 · 47 (24.11.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
47 (24.11.1893)
Date
1893-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 47. Mir«. 24, Navember 1883. Iahrgans X. Centralorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. K. k. Postspmi'kssrnamt Clesringvrrkrhr Ltr. 8L0.V76. ArdsrUon und Adniinistrstion: Wien Franr Josefs-Dnsi Dr. 8. Telephon-Nr. 6535. =* Eigenlhümer: Rerchsralhs-Adgeor-nrter Dr. Ktoch. Erscheint jeden Freitag. Man süwnnirr brt allen Postangattrn des In- und Auslandes. vezuaSPreiS: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. -4^ Inhalt: Leitartikel: Tiroler Märchen in Mähren und Böhmen. — Alles für Geld bei Pan Berganiw. — Norddeutsche Seehelden. — Bndapester Briefe. — Die Berliner Stadtverordneten-Wahlen. — Inden als Arbeiter. — Das Leichenbegängnis; des Freiherrn von Königswarter. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Budapest, Meran, Berlin, Hamburg, Posen, Leipzig, Dresden, Paris, London. — B e rmischtes: Wien, Floridsdorf, Stampfen, Retz, Krakau. Lemberg, Brody, Stanislan, Kremsier, Berlin, Mannheim, Baden, Hamburg, Belgrad, Leicester, Constantinopel. — Fürstengunst XXXIV. — Feuilleton: Rabbi Salomoh Lnrje von Ostrowo. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. — Inhalt der Beilage: Desterr.-israel. Union. Tiroler. Märchen in Mähren und Böhmen. „Kennst Du das Land? In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut." Tirol ist berühmt wegen seiner landschaftlichen Schönheit und der Tourist nimmt Audienz bei den schneegekrönten Niesen, die auf diamantenen Thronen das Land beherrschen. — Aber Tirol ist auch wie viele andere Hochgebirgsländer berühmt wegen seines Aberglaubens. „Sagen und Legenden" — das sind Titel für die literarische Welt, das Volk hielt diese Dinge für Wahrheit oder glaubt heute noch daran. Die Gestalten aber, mit welchen die Volksphantasie in Tirol Lust, Wasser und Erde, Berg und Thal bevölkert, sind fast durchwegs ungemein häßlich. Hexen und Gespenster, der schwarze Hund ani Kreuzwege, der reiche Bauer, der unmittelbar, nachdem er gestorben ist, in dickem Pelz sein Haus verläßt, weil er zur „kalten Pein" verurtheilt ist, der Lindwurm und der Tatzelwurm sind der Mittelpunkt kurzer Erzählungen, die von Mund zu Mund gehen und die neben der wahren Religion die falsche Religion des Aberglaubens von Geschlecht zu Geschlecht sortpflanzen. „Glaubwürdige Zeugen" haben noch in unserem Jahrhundert den „Tatzelwurm" gesehen, auch fehlt cs nicht an getreuen Abbildungen dieses schrecklichen Thieres, „glaubwürdige Bergleute" erzählen auch die Wunder des „Venediger-Mandl". lieber die Hexenprocesse sind die gerichtlichen Acten vorhanden. Und wenn Jemand erzählt, er habe einen Affen mit Flügeln gesehen oder einen Esel mit Hörnern, wird er deswegen für diese Dinge zum glaubwürdigen Zeugen, weil er noch nicht gestohlen hat? „Kennst du das Land. — In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut." In Weinhaus wohnt der Pfarrer Josef D e ck e r t, und es ist bekannt, daß er das Land Tirol zum Gegenstände seiner historischen Studien machte, und ebenso bekannt ist es, daß erden ehemaligen Juden Paulus Meper aus Ostrowo in Rußland als „glaubwürdigen Zeugen" benützen wollte, um die Tiroler Geschichten bekräftigen zu lassen. Der Versuch war nicht vom erwünschten Erfolge begleitet. Ein Anderer als Herr Dr. Josef Deckert hätte sich vielleicht gesagt, daß, wenn man einmal sich so namenlos blosgestellt hat, man nicht mehr die richtigen Eigenschaften besitze, uni die nothwendige Objectivität, namentlich die wissenschaftliche Objectivität für sich in Anspruch nehmen zu können. Allein der Herr Pfarrer in Weinhaus ist solchen Bedenken nicht zugänglich. Seine Gebete zum heiligen Josef um einen glücklichen Ausgang des Processes haben ihm nicht genützt, auch nicht die monatlichen „Vorschüsse" an Paulus M e y e r, allein von der Hetz' will er nicht ablassen. Ohne Empfindung dafür, daß man sagen rönne, er wolle für die im Gerichtssaale erlittene Niederlage Revanche nehmen, hat er seine vor Ausgang des bekannten Processes veröffentlichte Broschüre „Vier Tiroler Kinder, Opfer des chassidischen Fanatismus" nicht zurückgezogen. In Tirol haben zu keiner Zeit viele Juden gewohnt und der Chassidismus ist in Tirol eine unbekannte Erscheinung. Dr. Deckert weiß auch nicht, wie jung der Chassidismus ist. Allein das hindert ihn nicht, seine „Vier Tiroler Kinder" als Opfer des chassidischen Fanatismus zu bezeichnen. „Glaubwürdige Zeugen" haben den „Tatzelwurm" gesehen, „glaubwürdige Zeugen" das „Venediger-Mandl" und ein „glaubwürdiger Zeuge" sah „einen Mann herumgehen, den er für einen Juden hielt und den er als verdächtig" bezeichnet. So constatirt man Thatsachen und so führt man Beweise. Die Acten liegen angeblich in der Tiroler Statthalterei. Die Acten von einigen Hexenprocessen liegen wahrscheinlich auch in der Tiroler Statthalterei. Dr. Deckert sagt: „Das ist mein Pflug, mein Acker und meine Saat." Die Saat wird ausgestreut und fällt auf fruchtbaren Boden bei den czechischen Elementen Mährens. Das ist auch hauptsächlich der zwingende Grund für uns, uns heute mit diesen Dingen zu beschäftigen. Die czechischen Blätter, namentlich auch ein czechisches Blatt in Kremsier, bringen Auszüge aus den Broschüren des Dr. Deckert. Und nun werden die „Vier Tiroler Kinder" zu einem unheimlichen Spuk in Mähren. Es entwickelt sich eine förmliche Judenhetze; man kann ja, wie es in Holleschau geschehen, neue Mordgeschichten erfinden. Es lassen sich jene Attentate wiederholen, denen das ganze Blutmärchen entstammt. Und die Juden sind schutzlos diesen Attentaten preisgegeben. Die Pöbelhaftigkeit, die bodenlose Gemeinheit des Kremsierer antisemitischen Preßreptils spottet der Phantasie civilisirter Menschen. Schon der Titel, die äußere Bezeichnung dieser giftigen Preßbestie, ist eine Schmähung und der Titel allein hätte genügen sollen, diesen periodischen Auswurf zu unterdrücken. Der Inhalt aber wetteifert an Gemeinheit mit den abscheulichsten Preßleistungen der ganzen Epoche. Welche Verheerungen dieses Reptil anrichtet, dafür wollen wir die briefliche Mittheilung aus einem kleinen böhmischen Orte wörtlich vorführen: »Ihr Herr S. dürfte Ihnen gesagt haben, daß ich wegen allzu großer antisemitischer Hetzereien den hiesigen Platz, wo ich seit dreiundzwanzig Jahren in angesehener Stellung wohne, zu verlassen beabsichtige,

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