Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 906 Vesterrrichischr Wochrnptzrtfl Nr. 46 Lublin kam und er hätte von der Existenz des Grützeverkäufers gar nicht gewußt, hätte nicht Anfangs das Klappern der Zarna im Keller, der sich gerade unter seiner Studirstube befand, ihn oft gestört; da das aber nur bei Tage zu hören war und bei Nacht der Keller ruhig blieb, gewöhnte sich der Rabbi daran und unterließ es sich darüber zu beschweren. Im Uebrigen hatte er mit dem alten Abraham keinen Verkehr, er hörte nur, daß die Bochurim seiner Jeschiba sich oft,, wenn sie keinen „Tag" (wo zu essen nämlich) hatten, bei ihm Grütze kauften, um sich ein Abendessen zu bereiten, besprachen auch des Paares Schrullen, das mit Niemand in Verkehr tteten mochte, vermutheten scherzweise, es müsse ein Gelübde der Armuth abgelegt haben, sprachen aber im Uebrigen von dem Alten wie von einem einfachen, ungelehrten Menschen. (Fortsetzung folgt.] Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Zeder «»befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 33) rechte Vorbehalten.) „Die letzten Worte?" frug Wertheimer verwundert, „hat man denn Ihren Vater nicht, bevor er von Ansbach zu lebenslanger Kerkerhaft nach Schwabach geführt wurde, gestattet, sich von Weib und Kind zu verabschieden? Das wird ja auch dem zu Todesstrafe Verurtheilten gestattet!" „Man ist gegen uns mit beispielloser Härte und Grausamkeit vorgegangen. Mutter und Schwester erfuhren erst, daß der Vater zu lebenslanger Kerkerhaft verurtheilt wurde, als man kam, sie ihres Vermögens zu berauben und aus dem Lande zu jagen. Uebrigens wurde der Vater nächtlicher Weise insgeheim unter starker Bedeckung nach Schwabach geführt. Mein Vater war im ganzen Lande geliebt und geehrt worden. Er hatte Tausenden Wohlthaten erwiesen. Wer im ganzen Fürstenthume der Unterstützung, der Hilfe, der Fürsprache, des Rathes bedurfte, hatte sich vertrauensvoll, und nie vergeblich an ihn gewendet. Er hatte im Laufe der Jahre Taufende reich beschenkt, Hunderten von Handwerkern zinsenlos namhafte Beträge geborgt, damit sie sich Werkstätten errichten konnten, vielen Kaufleuten, die sich in harter Bedrängniß, in Zahlungsverlegenheiten befanden, war er hilfreich mit Vorschüssen beige» sprungen, hatte ihre Ehre, ihre Existenz gerettet, viele Männer, die er während ihrer Studienzeit unterstützt, hatten ihm Amt und Stellung zu danken, viele schuldlos Angeklagten dankten seiner mächtigen Fürsprache Freiheit, Gesundheit, Vermögen und Ehre; — man durfte es nicht wagen, ihn — wie meinen Onkel Elkan — am hellichten Tage auf einen Schinderkarren ins Gefängniß zu führen." „Blieben Sie mit Ihren Angehörigen längere Zeit in Jchenburg?" frug Wertheimer. „Nein! — Meiner Mutter und meiner Schwester war die kurze Zeit bis zu meiner Ankunft in dem kleinen Dorfe höchst peinlich geworden. Abgesehen davon, daß sie die Gastfreundschaft eines unbemittelten Mannes in Anspruch nehmen mußten, war ihnen die große Nähe Ansbachs unheimlich. Schon der Gedanke, daß es leicht geschehen könnte, daß sie von Personen, die sie in ihrem höchsten Glanze gekannt, nun in ihrer ttefften Erniedrigung gesehen werden könnten, bedrückte die armen, feinfiihligen Frauen, aber noch weit mehr die Befürchtung, daß Christhold Fränkl ihren Aufenthaltsort erfahren und in seiner unersättlichen Rachgier sie auch hier verfolgen würde. Der Schandbube, der im Stande war, seinen Wohlthäter, seinen zweiten Vater als Besitzer lasterhafter Bücher an-, zuklagen, dadurch der Zauberei zu verdächtigen, würde wohl in feinem grimmigen Hasse sich auch dazu verstehen, meine Mutter und meine Schwester als Hexen anzuklagen. Die beiden Frauen waren heimats- und rechtlos, wenn der Markgraf ihre Auslieferung verlangt hätte oder sie von seinen Schergen hätte holen lassen, es hätte Niemanden gegeben, der sie geschützt hätte — und in Ansbach werden alljährlich dem blutigen Moloch, dem verblendeten, verruchten Wahnglauben, zahlreiche Menschen zum Brandopfer gebracht!" „Grauenvoll!" stöhnte Perez Markbreiter, bei dem entsetzlichen Gedanken zusammenschauernd. „Hätte sich den armen Frauen die Möglichkeit geboten, Jchenburg zu verlassen, hätten sie dies schon früher versucht, aber es war dies vollkommen undenkbar, es waren zwei schutzlose Frauen, welche den Verfolgungen des ersten nichtswürdigen Wüstlings, der ihnen begegnete, ausgesetzt waren, sie besaßen nicht die Mittel für die nächste unentbehrliche Mahlzeit, sie hätten sich den Bissen Brod vor fremden Thüren erbetteln müssen, es war strenger Winter, sie waren nicht der Jahreszeit entsprechend gekleidet und beschuht, sie waren vor den Unbilden der rauhen Jahreszeit nicht geschützt; es erschien nicht als Befürchtung, es erschien als zweifellose Gewißheit: sie hätten auf dem Wege erkranken, in elendester Weise im Elende verderben müssen! Durch meine Ankunft hatte sich die Lage günstiger gestaltet. Sie waren nicht mehr verlassen, nicht mehr schutzlos und ich konnte ihre Besorgnisse nach einer Richtung hin zerstteuen. Wir waren nicht so mittellos als meine Mutter befürchten mußte. Ich hatte vom Hause aus einen namhaften Betrag zur Reise mitgenommen und nur einen kleinen Theil desselben verausgabt, so daß der große Rest nicht nur zu einer längeren Reise hinreichte, sondern wir auch längere Zeit unser Leben fristen konnten." „Gott Lob!" murmelte Perez Markbreiter, dessen lebhafte Phantasie ihn in die Lage der Unglücklichen versetzte und der in dem Momente vergaß, daß von lang vergangenen Zeiten die Rede sei. . x „Wir blieben nur so lange in Jchenburg, als es erforderlich war, für die Frauen warme Kleider anzuschaffen, dann zogen wir in die weite Welt, einen Ort zu suchen, wo wir wenigstens ungehaßt und unverfolgt leben konnten. Sie, Herr Oberhoffactor, der Sie zugleich Oberrabbiner der österreichischen und deutschen Judenheit und deren Schirmvogt sind, kennen die endlos großen Schwierigkeiten, die sich dem Bekenner des mosaischen Glaubens, der, aus seiner Heimat vertrieben, eine neue, oder auch nur einen Ort zum zeitweiligen Aufenthalt sucht, entgegenstemmen, aber meinen Bemühungen gelang es, mit Gottes Hilfe doch ein kleines abseits der großen Heerstraße gelegenes Städtchen im Hannoverschen, Harzgerode, in welchem sich eine kleine jüdische Gemeinde befindet, zu ermitteln, in der wir uns unter fremdem Namen niederlassen konnten. . „Sie werden es begreifen, daß^uns, meine Mutter, meine Schwester und mich, nur ein einziger Gedanke beschäftigte, wir nur einen Lebenszweck kannten, unseren Vater von seinen, entsetzlichen Qualen zu erlösen; allein so sehr ich auch mein armes Gehirn zermarterte, gelang es mir doch nicht, eine Möglichkeit zu ersinnen, unser Ziel zu erreichen. Nur Eines erkannte ich, daß, wenn sich uns durch Gottes Hilfe eine Möglichkeit darbieten sollte, wir voraussichtlich in jedem Falle eine große Summe nöthig haben würden, und ich versuchte es, vorläufig uns in den Besitz einer solchen zn setzen." „In welcher Weise?" frug Wertheimer. „Ihr elterliches Vermögen war ja confiscirt worden, wie konnten Sie, ein Unbekannter, in einer kleinen Stadt lebend, mit geringen Mitteln versehen, hoffen, je ein so großes Vermögen zu erwerben, wie dies für Ihre Zwecke erforderlich sein mochte?" „Ich glaube es schon erwähnt zu haben, daß wir unser großes Vermögen in Onkel Elkans Geschäft angelegt hatten, mein Vater, dessen stiller, ich seit meinem zwanzigsten Jahre öffentlicher Gesellschafter desselben war. Wir hatten, wie dies. bei einem so großen und ausgebreiteten Handlungsunternehmen leicht begreiflich, starke Ausstände bei Kaufleuten und Bankiers außerhalb Ansbach, namentlich in Augsburg, Berlin, Breslau, Nürnberg. Nun hatte wohl Markgraf Friedrich Wilhelm unser ganzes in seinem Fürstenthume befindliches, bewegliches und unbewegliches Vermögen confiscirt; aber außer allem Verkehr mit der Heimat, war es mir nicht bekannt, ob er nicht aus unseren Handelsbüchern l enntniß von unseren Ausständen im Auslande erlangt, in diesem Falle, ob er den Versuch gemacht, auch diese einzuziehen, ob ihm dieser gelungen. Ueberdies mußte ich mich auch fragen, ob auch, wenn alles dies nicht geschehen wäre, unsere Schuldner nicht unsere unglückliche. Lage benützen und uns, den Heimats-, Schutz- und Rechtslosen, die Zahlung unserer rechtmäßigen Forderungen verweigern würden? Christhold-Fränkls und des Markgrafen Benehmen gegen uns hatte mein Vertrauen zu den Menschen in so hohem Grade erschüttert, daß ich geneigt war, von Jedem das Schlechteste vorauszusetzen. Allein ich hielt es für meine Pflicht, den Versuch zu machen und wandte mich an alle unsere Schuldner. „Wir waren durchaus nur mit redlichen und soliden Firmen in Verbindung gestanden und zur Ehre unserer Debi-