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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-17 · 46 (17.11.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 Oestrrreichische Wochenschrift Seite 9VL ebenfalls vaeant wurde, besetze und dergleichen, doch zog endlich Rabbi Salomoh zur guten Stunde eines Tages in Ostrowo ein. Aber wie sagten die Weisen: „Oeffne dem Bösen Deinen Mund nicht." Der Pfarrer, der die Pfarrerstelle in Ostrowo, griechischkatholisch, welche zu den Späßen Anlaß gab, bald bezog und merkwürdigerweise ebenfalls von Krakau kam, denn kürzlich erst wurde die Union der griechischen mit der lateinischen Kirche in Brzesk neu gefestigt und das katholische Consistorium hatte ein starkes Votum bei Besetzung der griechischen Pfarren, sollte der Gemeinde beinahe verhängnißvoll werden. Dieser Seelsorger, Augustin mit Namen, war ein eingefleischter Judenfresser"— zuin Tröste der heutigen sei es gesagt, daß es auch damals solche gab. — Er predigte seinen Pfarrkindern, daß sie sich jedes Verkehrs mit den Juden enthalten, bei ihnen nicht kaufen, ihnen keine Dienste leisten sollten. Gegen den Rabbiner, den er bei Beider natürlichen Zurückgezogenheit kaum von Angesicht kennen konnte, zog er besonders bei jeder Gelegenheit los und hetzte die wenigen Juden, mit denen er in Berührung kam — einfache Leute, wie Fleischhauer, die die Kälber in seiner ausgebreiteten Wirthschaft oder Getreideaufkäufer, die bei ihm Getreide abnahmen, und Weiber, die ihm Gemüse und Geflügel abkauften — gegen denselben auf, daß er ihnen unnöthig wäre, sie ausbeute, ihnen ihr Blut aussauge und dergleichen, ihnen rathend, daß sie ihn aus Ostrowo treiben sollten. Die griechisch-unirten Geistlichen hatten bekanntlich das Cölibat nicht angenommen und so hatte er eine Frau, welche er, sowie einen kleinen Knaben bei seiner Jnstallirung nach Ostrowo mitbrachte. Wie sein ganzes Wesen, waren auch seine häuslichen Verhältnisse etwas wunderlich; seine Frau, die ganz schlicht und zurückgezogen war, behandelte er mit äußerster Liebe und Sorgsamkeit, seinen Knaben aber vernachlässigte er und gab er sich ja mit ihm ab, war es, um ihn zu mißhandeln; und oft gab es bei aller Liebe Scenen zwischen ihm und der Pfarrerin deswegen, die das Kind wieder zärtlich liebte. Dies gab auch zu manchem Scandal unter den Städtern und Bauern des Kirchensprengels Anlaß, so daß des Pfarrers Ansehen zu schwinden begann. Auf einmal, vor Ostern war es, verschwand der kleine Jan, des Pfarrers Söhnlein, spurlos aus dem Psarrhofe. Die ganze Stadt suchte nach dem Kinde, Patrouillen von jungen Burschen durchstreiften die Stadt und Umgegend, durchsuchten alle Häuser, Schluchten und Gräben, das Wasser in den Bächen und Weihern wurde abgelassen, die Brunnen durchsucht, Alles umsonst. Der Pfarrer selbst gab sich jetzt die größte Mühe, das Kind zu finden, wiewohl er es bei Lebzeiten nicht liebte. Am Abend des ersten jüdischen Ostertages ging er persönlich an der Spitze mehrerer Städter, in Begleitung der Haiducken, die er sich vom Wojwoden ausgebeten, sämmtliche Häuser der Stadt nochmals zu durchsuchen, denn ganz leise hatte er den Verdacht geäußert, die Juden könnten es zu ihren rituellen Zwecken geschlachtet und den Leichnam irgendwo versteckt haben. Beim Rabbiner wurde der Anfang gemacht; Rabbi Salomoh saß eben beim Seder, als die Patrouille ankam. Man durchsuchte alle Kammern, die Betten und Kästen und wo nur etwas versteckt sein konnte, da fand man im Ofen, der nach altmodischer Art aus dem Vorhause in's Wohnzimmer hineinragte und auch von dort aus geheizt zu werden pflegte, einen in einem Sack gesteckten Gegenstand, der, nachdem man ihn hervorholte, als die Leiche des kleinen Jan erkannt wurde. Aufruhr und Zettergeschrei im ganzen Städtchen, die Juden hatten einen Christenknaben, und zwar des Pfarrers Söhnlein geschlachtet hieß es, um Blut für ihre Mazzes zu haben. Am Morgen wurde Rabbi Salomoh und sein Schamos (Gemeindediener) mitsammt den Vornehmsten von Ostrowo gebunden und nach Lemberg, wo eben die Königin Anna weilte, von dem Pfarrer und einigen Städtern geführt, um von ihr gerichtet zu werden. Das Verbrechen war schwer genug; einen Christenknaben, eines Geistlichen, wenn auch damals unbeliebten griechisch-katholischen, Sohn und zu rituellen Zwecken, wie es die Schnitte am Halse der Leiche bezeugten, ermordet zu haben, eines schon wäre genug gewesen, um die Juden zu verdammen. Vor dem königlichen Gerichte bestritt Rabbi Salomoh erstens, daß der todte Jan der Sohn des Pfarrers Augustin gewesen, behauptete vielmehr zum Erstaunen Aller, derselbe sei sein, des Rabbiners eigener Sohn und erbot sich das durch eine Blutsprobe (S. Sefer Chassidim 232. St.) zu beweisen. Er bät die Königin und sie ließ einen Bader kommen, der erst dem Pfarrer, dann den Rabbiner zur Ader lassen mußte, das Blut ward in separirte Gefäße aufgefangen, dann gebot der Rabbi und man legte einen Knochen von dem Leichnam in das Blut des Pfarrers, welches sich aber nicht regte; als man aber denselben in das des Rabbiners tauchte, sickerte das Blut in den Knochen hinein, welcher es fast ganz aussaugte. Diese Probe genügte zu jener Zeit vollkommen, um zu beweisen, daß der Rabbi der Vater des Todten und mit ihm daher eines Fleisches und Blutes sei, und seinen eigenen Sohn hatte er doch nicht umgebracht. Den Pfarrer Augustin aber überraschte das vom Rabbi Salomoh verrichtete Wunder dermaßen, daß er vor der Königin und den Großen des Reiches gestand, der getaufte Jude Abraham zu sein, welcher einst seinem Studiengenossen Salomon Lurje seine Frau entführt, welcher auch der Vater des Knaben sei, den er selbst getödtet und in den Ofen des Rabbiners gesteckt habe, um ihn ans Ostrowo vertreiben zu können. Dieses Geständniß machte selbstverständlich großes Aufsehen. die Königin sagte, der Mörder und Verleumder hätte den Tod verdient; da er aber ein Diener der Kirche war, wurde er auf die Fürsprache des Erzbischofs, weil das getödtete nur ein Jn.denkind gewesen, blos zum Verluste seiner Stelle und Würde verurtheilt. Der Rabbiner und die Juden wurden in Ehren heimgeschickt, der gewesene Pfarrer aber und seine Frau wurden in Ostrowo nicht mehr gesehen. Zum Andenken an diese Blutbeschuldigung verfaßte Rabbi Salomoh sein bekanntes Akrostichon für Ostern (S. seine Schaalot und Teschnbot) und setzte fest, daß man in den Osterabenden immer im Ofen einheize, damit eine etwa dort hineingesteckte Leiche verbrenne und diese Gewohnheit herrscht auch noch heute bei allen Juden in den sogenannten Kordongegenden; möge das Wetter noch so warm sein, in der Sedernacht wird der Ofen geheizt. VI. Nach diesen Geschehnissen verbreitete sich des Rabbi Salomoh Ruhm weit und breit, zu welchem aber seine Schriften und Abhandlungen das Meiste be'trugen, und wiewohl jene Generation viele Größen im Morgen- und Abendlande besaß, aalt er auf talmudischem, auf rabbinisch-historischem und sogar auf philosophischem Wege als Autorität, was Schriften auch rechtfertigen. Zu dieser Zeit verlangte ihn die Judengemeinde von Lublin zu ihrem Rabbiner und er zog umso lieber hin, als sich ihm dort die Mittel boten, seine Jeschiba (Schule) zu vergrößern und viele arme Bochurim, die in Ostrowo ihren Unterhalt nicht fanden, in dem größeren Lublin leicht versorgt werden konnten, um unter seiner Aufsicht zu studiren. Mehrere Jahre saß er da, unangefochten die Gemeinde leitend, Jedem mit Rath und That beistehend und den Jüngern Gottes Wort lehrend. Die Gemeindemitglieder hatten ihm ein schönes Haus in der Judengasse eingeräumt, desf-nr obere Etage zu des Rabbiners Wohnung diente, während die untern Räume an Parteien vermiethet wurden. Im Keller dieses Hauses hatte sich, nicht lange vor des Rabbiners Herkunft, ein altes Paar, Mann und Frau, eingemiethet und den Eingang desselben zu einem kleinen Laden eingerichtet, wo sie Gemüse, überhaupt Grütze eigener Erzeugung, verkauften. Er war, wie man es ihm ansah, ein früh gealterter Mann, mit weißem Bart- und Kopfhaar, der tagsüber an der Grützemühle, Zarna genannt, arbeitete, von welchem Gewerbe man ihn auch Abraham Grützeverkäufer nannte; sein Weib ebenfalls alt und bucklig, zeigte wenn man sie gut betrachtete, Spuren einstiger Schönheit. Der Mann kam noch öfters auf die Gafse oder in die Synagoge, sie aber saß Sommers und Winters im Eingänge des Kellers und bot ihre Grütze feil. Und noch eine wunderliche^Gewohnheit hatten diese Leute, manchmal am helllichten Tage, oft während sie viele Kunden umstanden, mit dem Verkaufe inne zu halten und den Laden zu schließen. Das geschah, wie man bemerkte, wenn sie genug gelöst hatten, um von dem Verdienste den Tag über leben zu können, erst am anderen Morgen öffneten sie den Laden wieder. Anfangs gaben sie damit unter den Nachbarn viel zu Betrachtungen und Vermuthungen Anlaß, da sie aber neugierigen Fragen answichen und sehr schweigsam auch unter sich waren, ließ man sie bald gehen und kümmerte sich '.nicht weiter um sie. Das war schon so gewesen, als Rabbi Salomoh nach

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