Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Vefierrektzifche Wochenfchrlfl Seite 89- Goethe's Gedichte, „Enoch Arden" von Tennisson, „Nathan der Weise" von Lessing und „Sappho" von Grillparzer. Der musikalische Unterricht hat das Clavier-, das Orgel-, das Violin-, das Zitherspiel, die Harmonielehre und den Contrapunkt, sowie den Gesang zum Gegenstände. Mit besonderer Befriedigung verzeichnen wir hiermit, daß es uns auch in diesem Triennium gelungen ist, die mehrfach dargelegte Absicht, begabte Zöglinge zur Ausübung des Musiklehramtes und des Organistendienstes zu befähigen, mit großem Erfolge durchzuführen- Josef Hertz hat im April 1889 die Staatsprüfung im Clavier und Orgelspiel, sowie im Contrapunkt in ehrenvollster Weise abgelegt und wurde im Jänner 1890 als Organist an dem Tempel zu Mariahilf in Wien angestellt. In dieser Eigenschaft erfüllte Josef Hertz die an ihn gestellten bedeutenden Anforderungen in wahrhaft künstlerischer Weise und trägt durch sein durchgeistigtes, verständnißinniges Spiel wesentlich zur feierlichen Gestaltung des Gottesdienstes bei. Es ist uns eine angenehme Pflicht und ein herzliches Bedürfniß, der löblichen Vorstehung des Tempelvereines für den VI. und VII. Bezirk in Wien, insbesondere dem verehrten Präsidenten desselben, Herrn Architekten Max Fl ei scher, unseren innigsten Dank für das Entgegenkommen auszusprechen, welches dieselben uns bei der Anstellung des Josef Hertz bewiesen, und für die Menschenfreundlichkeit, mit welcher sie dem jungen blinden Künstler eine Ehrenstellung in ihrem Gotteshause vertrauensvoll eingeräumt haben. Möge das Beispiel, welches der verehrliche Borstand damit gegeben und die erfreuliche Thatsache, daß bereits 3 Zöglinge unseres Institutes (einer in Brünn und zwei in Wien) zur vollsten Zufriedenheit den Organistendienst verrichten, auch andere Gemeinden bewegen, zu diesem Amte musikalisch gebildete Blinde zu berufen. Diesen Erfolg, den wir hiermit verzeichnen, danken wir dem berühmten Professor und Kammervirtuosen Herrn Josef Labor, denn seiner eminenten Lehrthätigkeit, seiner hingebenden Liebe an unsere Zöglinge ist es gelungen, diesen einen höchst ehrenhaften Beruf zu eröffnen. Der Gesangsunterricht wird vom Herrn Obercantor Josef Singer selbstlos und in einer Weise -ertheilt, daß der Gesang den blinden Kindern nicht allein einen edlen Genuß bietet, sondern daß er ihnen bei feierlichen Gelegenheiten und beim Gottesdienste auch ein Mittel andachtsvoller Erhebung wird. Der Handwerksunterricht in der Bürstenbinderei, in der Korb- und Sesselflechterei hat einen erfreulichen Fortgang genommen. Die Erfahrung hat unzweifelhaft dargethan, daß das Bewußtsein der Menschenwürde, die Selbstachtung und das Selbstvertrauen, welche diese Auffassung und Durchführung des Arbeitsunterrichtes ausbildet, den Blinden die moralische Kraft verleihen, der Versuchung zu widerstehen, die Mittel der Erhaltung, welche sie durch ihrer Hände Fleiß selbst zu erwerben vermögen, von dem Mitleid zu erbitten. Möchten doch die Menschenfreunde ihre werkthätige Theiluahme an dem traurigen Lose des Blinden dadurch bezeugen, daß sie das redliche Streben desselben durch Ardeitsaufträge unterstützen! Sie können in der That keine größere Wohlthat üben; denn nur dadurch kann der Blinde aus dem Banne des Unglücks erlöst und in einen glücklichen Menschen verwandelt werden, wenn es ihm gelingt, einen Wirkungskreis erfolgreich und ehrenhaft zu erfüllen. Und kann Derjenige, der im Lichte wandelt, sich für diese Gnade dankbarer erweisen als dadurch, daß er Menschen mit umnachteten Augen zu einem glücklicheren Lebensziel verhilft? Bon weiblichen Handarbeiten wurden Häckeln, Netzen, Knüpfarbeiten, Ausnähen, Hand- und Maschinenstricken gelehrt. Die Erziehungsaufgabe, an welcher sich der treffliche Lehrer unseres Institutes, Herr Sigmund Lasch, und die bewährte Kindergärtnerin, Fräulein Hedwig Lenk, in treuer Hingebung betheiligen, strebt es als ihr höchstes Ziel an, in den Zöglingen jene Grundsätze der Ehre und jene Liebe zum Guten und Wahren einzupflanzen, welche sie zur Selbsterziehung befähigen und in allen Lagen des Lebens richtig und sicher leiten sollen. Die Leitung des Gesammtunterrichtes und der Erziehung der Zöglinge ist demJnstituts-Director Herrn Simon Heller anvertraut. Se. Excellenz der Minister für Cultus und Unterricht geruhte, den Director. unserer Anstalt, Herrn S. Heller, neuerdings als Prüfungs-Commissär für Blinden-Pädagogik in die Prüfungs-Commission zu berufen. Director Heller nahm auch an dem VII. Blindenlehrer-Congresse in Kiel im Jahre 1891 theil, hielt daselbst einen wissenschaftlichen Vortrag über das „System der Blinden-Pädagogik", der von der öffentlichen, sowie von der Fachpresse beifällig beurtheilt worden ist. Der ständige Ausschuß des VI. Blindenlehrer-Congresses zeichnete unseren Director mit einem Ehren-Diplome für hervorragende pädagogische Leistungen aus. Auch an den österreichischen Blinden-Lehrertagen zu Prag und Linz nahm er durch Borträge über Blinden-Pädagogik werkthätigen Antheil. Rühmend sei hiermit die hingebende, selbstlose Wirksamkeit unseres Hausarztes, des Herrn Dr. Sigmund Polkak in Döbling, anerkannt, der seit der Gründung unseres Institutes, also seit 20 Jahren, ununterbrochen und unermüdet unseren Zöglingen mit seinem bewährten ärztlichen Rathe beisteht. Herr Universitätsprofessor Dr. Ludwig Mauthner leistet unseren blinden Kindern als Augenarzt und Operateur in menschenfreundlichster Weise Hilfe und Beistand, der Universitätsprofeffor Herr Dr. Adam Politzer und der Zahnarzt Herr Dr. S. Mittler erweisen ihre Humanität an unseren Zöglingen; ebenso der verehrliche Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde, in deren Hospital unsere blinden Kinder im Bedarfsfälle Aufnahme und die liebevollste Behandlung finden, der Primarius k. k. Sanitätsrath Professor Dr. O ser und die Secundarärzte, welche sich unseren Zöglingen mit treuer Sorgfalt und warmer Theilnahme widmen. chomsponäenLen. Wien. (Moriz Freiherr von Königswarter.) Nichts Besseres und Ehrenderes vermögen wir dem Freiherrn v. Königswarter ins Grab nachzurufen, als die Worte: Er war ein guter Jude! Er hielt fest an der Sitte der Väter in einer Zeit, wo alle Bande sich zu lockern drohen; er bekannte sein Judenthum zu jeder Zeit und vor Jedermann, nicht nur äußerlich, sondern auch durch eifrige Antheilnahme an Allem, was die Interessen seiner Glaubensgenossen berührte, und er übte die Wohlthätiokeit in wahrhaft biblischem Sinne. Doppelt und dreifach wirkt solches Beispiel von überragender Höhe. Es waren nicht die Millionen, welche den Baron Königswarter zu einer hervorragenden Persönlichkeit des Judenthums machten. Er war ein politisch angelegter Geist, dessen Blick weiter reichte, als bis zu den engen Grenzen seiner Glaubensgemeinschaft. Baron Moriz Königswarter war einer Derjenigen, welche das Judenthum gesellschaftlich und politisch zu Ehren gebracht haben. Aber es genügte ihm nicht, daß dasselbe sich nur äußerlich behaupte, es sollte auch innerlich gestärkt und gefestigt werden und er erkannte, daß dies nur durch Lehre und Beispiel möglich sei. Deshalb trat er an die Spitze des Curatoriums für die Errichtung einer jüdischtheologischen Facultät und widmete der Errichtung dieser Lehranstalt seine eifrigste Sorgfalt. Das Hinscheiden des Baron Moriz Königswarter bedeutet einen wirklichen Verlust nicht blos für die Judenschaft Wiens, sondern auch für die Gesammtheit unserer Glaubensgenossen in aller Welt. Vielleicht eben darum, weil er nicht blos un Judenthum aufgegangen ist, hat er für dasselbe umso nachdrücklicher wirken können. In der hohen Stellung eines Herrenhausmitgliedes errang er sich die Achtung und Werthschätzung aller maßgebenden Factoren des Staatslebens und seine Mäßigung und Einsicht wurden ebenso gewürdigt, wie seine Fachkenntniß in allen Fächern wirtschaftlicher Natur. Das ist nichts Geringes, in einer Zeit, wo der Judenhaß von Unten und von Oben her genährt wurde. Wir wiederholen es: Baron Moriz Königswarter war ein guter Jude und sein Ableben ruft das Gefühl wahrhafter und aufrichtiger Trauer wach. In ihrem Nekrologe auf Baron Königswarter schreibt die „Neue Freie Presse".' „Die sociale Stellung des Baron Königswarter brachte es mit sich, daß die hervorragendsten Mitglieder des Herrenhauses in seinem Palais verkehrten, rmd es machte ihm ein großes Vergnügen, Cardinäle