Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 VrAerreichMhe WochenkchrM Sette 897 wilder Instinkte. „Wenn fünfzig Gassenjungen", erzählte ein Gemeinderath, „sich verabreden, den ärgsten Seandal zu machen, soweit nur ihre Kräfte reichen, so werden sie noch immer nicht das zu leisten vermögen, was den Antisemiten gelungen, ist. Gleichzeitig sind die Galerien von einer antisemitischen Zuhörerschaft besetzt, wobei die Frauen durch ihren Fanatismus die Männer überbieten." Es handelt sich nicht mehr um die Juden, wenigstens nicht mehr um die Juden allein; der Antisemitismus ist zu einer Machtfrage geworden und der Terrorismus hat die Herrschaft im Wiener Nachhause angetreten. Im Parlamente hat der Antisemitismus allerdings nicht seine Rechnung gefunden. Eine große Krisis ist vorübergegangen, ohne daß die Antisemiten sich irgendwie fähig erwiesen hätten, in die Situation einzngreifen. Ein heftiger Sturm ist vorübergegangen und die Antisemiten haben das Gefühl der Enttäuschung, wie ehrliche Küstenbewohner, welche aus Strandgut hoffen und denen das Schiff, das sie plündern wollten, mit vollen Segeln davon fährt. Wenn die Bibel ein Strandrecht kennen würde, wie die Germanen des Nordens es besaßen und ausübten, was würde man da nicht gegen die Juden sagen? Aber den Ariern ist Alles erlaubt und aus dieses Gewohnheitsrecht berufen sich auch die Antisemiten des Wiener Gemeinderathes. In der Politik haben, wie gesagt, die Antisemiten den Nachweis ihrer Nichtbefähigung erbracht. Mit umso größeren Eifer stürzen sie sich auf die communalen Angelegenheiten. Der Bürgerkrieg gehört ohnehin zur Staffage des erneuerten Mittelalters und nur die Polizei ist daran schuld, wenn man sich auf den Bürgerkrieg im Rathhause beschränkt. Es hat aber gewiß große Bedeutung, wenn Vertretung und Verwaltung einer Weltstadt wie Wien, Vertretung und Verwaltung der Hauptstadt des Reiches solcher Verwüstung preisgegeben sind. Ein solches Beispiel wirkt ermuthigend; es reizt zur Nachahmung. . Wien, von welchem Wissenschaft und Bildung ausströmen soll, wird zum Centrum einer reactionären Bewegung, die mit den Mitteln des Fanatismus arbeitet. Dr. Prix wünscht mit kleinen Concessionen die antisemitischen Melden zu kaufen, allein sie lachen ihn aus, denn als erste Concession fordern sie seine Beseitigung. Dies ist Herrn Dr. Lueger noch wichtiger als die ganze „Judenfrage". Der fromme Wunsch der Halbliberalen, der Kryptoantisemiten, den Krieg zu localisiren, so daß die Antisemiten die Gladiatoren in der Arena oder noch Schlimmeres vorstellen und die Juden die einzigen Opfer sein würden: dieser fromme Wunsch ist bereits zur Illusion geworden. Der Antisemitismus hat Consequenzen für das gesammte Volksleben. Es handelt sich in Wahrheit um den Terrorismus der Minoritäten und diese Erscheinung bedeutet das Ende aller Freiheit nnd die Zerrüttung aller Verhältnisse. Der Staat, die Gesellschaft, die Gemeinde haben eiserne Klammern, die Gesetze und Institutionen, welche das Gebäude Zusammenhalten; aber außerdem bedarf es noch des moralischen Kittes und dieser Kitt, der die. Fugen schließt und Alles festigt, wird ourch den Terrorismus der Minoritäten von Grund aus zerstört. So verwegen, rücksichtslos und schamlos die Antisemiten auch auftreten, so können doch auch andere Minoritäten dieses Beispiel nachahmen und das merke man sich, es gibt Minoritäten in unserer Zeit, welche selbst vor dem Wiener Hausherrenvereine keinen Respect haben. Der Terrorismus der Minoritäten, das ist der Fluch des Elias. Er war auf Erden erschienen und kam mit seiner Begleitung in eine Stadt, wir wollen annehmen, daß sie nicht an der Donau gelegen war, wo ihn» als Juden alle Gastfreundschaft verweigert wurde. Des andern Morgens, als er von dannen zog, sprach er das Schicksalswort: „Jeder Bürger dieser Stadt soll Bürgermeister werden." Den erstaunten Begleiter, der das für einen Segen nahm, verwies er aus die Zukunft; die Stadt zerfleischte sich in Kämpfen. Und so haben.wir in Wien den Bürgermeister Lueger, den Bürgermeister Gr eg orig u. s. w., u. s. w. im Ganzen nicht weniger als fünfundvierzig Bürgermeister und nur der gewählte Bürgermeister Dr. Prix ist in Wahrheit nicht Bürgermeister. Die Schuld aber an diesen Zuständen trägt der Jndifserentismus, trägt der geheime Antisemitismus der Liberalen, welche die Stimme des Bruders nicht hörten, da sie ihn in einer Seelenangst sahen. In der Comedie frangaise zu Paris aber wurde eine alte Inschrift gefunden, welche dasselbe sagt, wie der egyptische Papyrus. Sie lautet: „Tu l’as voulu George Dandin." Ein Organ Vismarck's. Wenn es sich bei dem Antisemitismus nicht um eine so überaus beklagenswerthe Erscheinung handelte, so käme man oft in Versuchung, sich an der überaus widerspruchsvollen Haltung mancher Organe gegenüber dieser Bolkskrankheit zu belustigen. Diesen manchmal auch „liberalen" Zeitungen, welche einmal von den „deutschen Mitbürgern jüdischer Confession" und dann Wiede-von „jüdischen Schäden" und „jüdischer Presse" sprechen, liest die in Köln erscheinende „Westd. Allg. Ztg.", ein Organ des Altreichskanzlers, in einem theilweise mit beißender Satyre geschriebenen Artikel den Text. Wir geben aus dem principiellen Theil desselben Nachstehendes wieder: Es wird keinem Menschen einfallen, von evangelischen Fehlern zu sprechen, wenn zwanzig Wucherer und Lumpen zufällig evangelischen Glaubens sind. Wie verkehrt ist es also, die Juden oder gar das Judenthum für die Fehler einiger elender Subjecte verantwortlich zu machen. Man kann die Juden in ihrer bürgerlichen Ehre nicht schwerer verletzen, als durch diese traurige Politik, die weder national noch anständig ist. Jeder anständige Jude — das ist unsere feste Ueberzengung — bedauert von ganzem Herzen, daß auch unter seinen Glaubensgenossen sich solche elende Wucherer, Betrüger und Spieler befinden, wie sie sich im traurigen Spielerproceß in Hannover zeigten. Was'aber kann er dagegen thun? Kann die jüdische Religion oder die jüdische Gemeinde diese elenden unsittlichen Menschen, die sie aufs Tiefste verachtet, dazu zwingen, besser zu werden und nach den Gesetzen der jüdischen Religion, die Wucher, Spiel und unreellen Handel aufs Schärfste verdammen, zu leben? Welche Religion wäre denn stark genug, auf Verbrecher Einfluß zu üben? Wer mit gebildeten Juden verkehrt, der weiß wohl, wie gedrückt der Jude sich durch die heutigen unseligen Verhältnisse fühlt und wie. sehr er moralisch darunter leidet. Er darf oft nichts unternehmen, ohne zu befürchten, in seinen besten Absichten mißverstanden und verkannt zu werden, nichts, ohne daß man ihn mit der Gesammtheit seiner Glaubensgenossen identificirt. Denken wir uns beispielsweise die Lage der Juden in Köln bei der eben vollzogenen Landtags- und der noch bevorstehenden Stadtrathswahl, wo sie in der zweiten Elaste den Ausschlag geben sollen. Gern würde mancher gebildete Jude die Nationalliberalen unterstützen, wenn er die Ueberzeugung hätte, daß diese Partei, ihrem Programme treu, gegen den kulturfeindlichen und entsittlichenden Antisemitismus energisch Front machen würde. Allein die vornehmen Geister vom Schlage eines von Gneist, eines von Bennigsen, auf die jeder deutsche Bürger mit gerechtem Stolz blicken darf, werden in den Reihen dieser Partei immer weniger und das Streberthum und der Salonantisemitismus machen sich in der letzteren Zxit unmer breiter. Geister, wie der antisemitischliberale Professor Hasse in Leipzig, Politiker aus der Schule der „Kölnischen Zeitung", tauchen immer mehr auf, und die Partei verliert dadurch in allen wichtigen Culturfragen den Rückhalt. Es ist klar, der jüdische Deutsche kann heute nur auf die Hälfte der nationalliberalen Partei bauen, daß sie stets aus politischen und moralischen Gründen bereit sein wird, seine bürgerlichen Rechte zu schützen. Wählt nun der Jude doch nationalliberal und verhindert die Wahl eines Centrumsmannes, dann klagt das Centrum — freilich ohne Schein von Recht — die Juden wären Feinde des Katholicismus. Die Antisemiten sind gleich mit ihrer famosen Logik zur Hand und schließen wie folgt: Die Nationalliberalen sind die Freunde des Culturkampfes, die Juden wählen nationalliberal, ergo sind sie die eigentlich Schuldigen am unseligen Culturkampf. Wählt der Jude für das Centrum, so wird ihm der Vorwurf nicht erspart bleiben, er sei nicht genügend national gesinnt. Enthält er sich ganz der Wahl, dann ist er erst recht schlimm daran, dann heißt es, er fühle sich nicht als deutscher Bürger, denn er übe sein Bürgerrecht nicht aus. ... Jedes anständige Blatt hat nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, Mißstände zu kritisiren, mag es sie finden, wo es wolle — und wir haben gar keine Ursache, die Juden glimpflicher als die änderen Staatsbürger von der Presse behandelt zu wissen. Nur darf eine Zeitung, die Gerechtigkeit und Objektivität als ihre Devise ausschreit, niemals vergessen, daß die Juden keine Fremden, sondern vollberechtigte Staatsbürger im Deutschen Reiche sind. Nur von diesem Standpunkte ausgehend, ist es möglich, den Dingen gerecht zu werden, den Uebeiständen zu begegnen. Für den ehrlichen Politiker gibt es überhaupt keine Jndenfrage denn die Fehler, die man den Juden als