Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»Seite 896 Vestrrretchischr Wochrnfrtzrtft ytr. 46 wird. Die liberale Partei sitzt heute wieder im Rathe der Krone, die Juden aber muffen wünschen, daß auch der Liberalismus wieder in die Regierung Eingang finde, daß Recht und Gesetz gehandhabt werden ohne Ansehen der Person, 1>es Glaubens und de.r Abstammung, Freiheit und Gerechtigkeit — vierzehn Jahre lang haben die Juden Oesterreichs vergebens darnach geseufzt, nun mag die neue Coalition und mag vor Allem die liberale Partei zeigen, daß sie von wahrhaft staatserhaltendem Geiste beseelt ist und dort wieder anzuknüpfen vermag, wo der Proceß der organischen Entwicklung des österreichischen Rechtsstaates vor drei Lustren unterbrochen wurde. _ Ein alter Papyrus im Wiener Asthhause. - . Das Wiener Rathhaus erinnert trotz seines gothischen Sthls dennoch, vermöge der Vorgänge, welchen es zum Schau- Platze dient, an das alte Egypten. Der Thiercultus dieses hochcivilisirten Landes hob auch Schlangen, Krokodile und Katzen zu einem himmlischen Range empor. Können wir uns eine beffere Vorahnung des Antisemitismus denken? Hat das Volk in der politischen Bethätigung seiner antisemitischen Gesinnung nicht Ideale gefunden, die alle rühmlichen Eigenschaften der genannten Thiere in sich verkötpern, die, gleich den großen Katzen, brüllend ihre Mordlust verkünden, sich wüthend auf ihre Opfer stürzen möchten, die den giftigen Biß der Verleumdung haben, der gefährlicher ist als Schlangenbiß und die, gleich dem furchtbaren Reptil des Nilstromes, mit einem Schuppenpanzer umkleidet sind gegen jede moralische Empfindung? Der Freitag war ein Unglückstag auch bei den alten Egyptern, weil da Saturnus seine Negierung als Tagesregent antrat und astrologisch dem Regierungsantritt größere Bedeutung beigemessen wurde, als der Herrschaft des Sternes am Samstage und vielleicht auch, weil sie wußten, daß die Vertreibung Adams aus dem Paradiese noch am ersten Tage seines Daseins, am Freitag, stattgefunden hat. Freitag, der 10. November, war auch ein Unglückstag für das Wiener Rathhaus. Weiß man, was Kahal ist, jüdisch - deutsch Kahol? Nun ■ Kahol ist die ganze Gemeinde, aber auch die Municipalität, die Gemeindereprüsentanz. Kahol tagte, wenn die ganze Gemeinde sich versammelte, und Kahol tagte allch, wenn nur die Erwählten der Gemeinde in ihrer Weisheit Rath hielten. Der Kahol oder Kahal behalf sich ohne Geschäftsordnung. Üeberdies sind die Juden lebhaft in der Discussion und die inhumanen Gesetze und Anschauungen des Mittelalters machen es erklärlich, daß die Juden zuweilen der elastischen Ruhe entbehrten. Die Debatten des Kahols nehmen nicht immer einen parlamentarischen Verlauf. Aber was will das neben den Vorgängen im Wiener Gemeinderath bedeuten? Die berühmte „Judenschul'" wird durch diese „Antisemitcnschut'" gänzlich in den Schatten gestellt. Das ist keine Kleinigkeit, wenn ein Bürgermeister von Wien in der Sitzung, wo er gewählt wird, nicht zum Worte gelangen kann. Das ist Terrorismus, ruft man, und gewiß, es ist Terrorismus; aber wenn der Terrorismus sich mächtig erweist, so ist das traurig, nicht für die Terroristen, sondern für Diejenigen, welche terrortsirt werden. Der Tag war betrübend für die Gemäßigten, war beschämend für die Majorität des Gemeinderathcs. Die Majorität? Eines Tages geschah cs und wurde im Wiener Gemeinderath ein Mitglied für den Stadtrath gewählt. Und die Majorität wählte den Dr. Lueger zum Stadtrath und. ein Jude wurde aus dem Stadtrath hinausgeschmisscn, damit Dr. Lueger Platz habe. Kannte man damals schon die Antisemiten oder kannte-man sie nicht? Man kannte sie, aber man wollte einen Compromiß schlichten, man wollte sie versöhnen.- Man warf einen Juden in die Höhle, um die Zähmung zu vollbringen, In Wahrheit ertheilte man damit dem Ten'orismus eine Prämie. Der gewaltigste, einflußreichste Agitator wurde zum Stadtrath gewählt. „Seid nur recht gewaltthätig, agitirt, terrorisirt und der Erfolg wird euch nicht fehlen. Wir haben nicht mehr die Kraft, unsere Furcht zu verbergen und unser Muth beschränkt sich darauf, unsere Furcht zum Ausdruck zu bringen.^ Das wurde damals ausgesprochen und dieses Bekenntniß wurde durch den Wahlact besiegelt und heute schwingt dieser Herr- Stadtrath die Peitsche und schleudert sein Veto der Majorität in's Gesicht, die ihn zum. Stadtrath gewählt hat. Das ist jedoch nur ein einzelnes Factum; uns interessiren die städtischen Vorgänge vorzugsweise als Spiegelbild der antisemitischen Bewegung und das Verhalten der Gemeinderathsmajorität ist uns charakteristisch für das Verhalten des gesammten Liberalismus. Wäre der Antisemitismus überhaupt möglich gewesen, wenn der Liberalismus seine Pflichten begriffen hätte, nicht etwa, so anspruchsvoll sind wir nicht, im Interesse drr Juden, sondern im Interesse seiner selbst, im Interesse der Gesellschaft, des Staates, der Nation, der Gemeinde und der öffentlichen Ordnung? Aber man wollte sich nicht unpopulär machen und war selber von antisemitischen Vorurtheilen angekränkelt. Man freute sich im Stillen der schönen Hetz' und Dr. P r i x nahm darauf Bedacht, auch nur den äußeren Schein eines „Judenknechtes" zu meiden. Man kennt diese Sorte der „Liberalen" und das, was im Wiener-Gemeinderath sich zugetragen, kann sich auch anderswo, wird sich auch anderswo ereignen und immer gilt der Spruch . . . Im Museum des Wiener Rathhauses wurde nämlich ein tvahrscheinlich aus den Türkenkricgen herstammender, alter egyptischer Papyrus gefunden. Da wird eine Geschichte erzählt von Brüdern, die ihren Bruder verkauften und die dann selber in arge Bedrängniß kamen. Dann sprachen sie untereinander: „D a s h ab en w ir an u n ser em B rüder verschuldet, da wir sahen die Angst seiner Seele und wir wollten nicht hören; darum kommt nun diese T rü b sal ü b er uns". Mit einer schwer unterdrückten Heiterkeit, und mit jenem Gleichmuth, welcher der christlichen Nächstenliebe entspringt, mit der lustigen Neutralität des Wiener Gassenhauers: „Was geht das uns an? Das geht uns gar nichts an", hat man die Beschimpfung der jüdischen Gemeinderäthe durch das antisemitische Dcmagogenthum hingenommen.- Ein S i g m u n d M a y e r, der größte Kenner des Gewerbewesens in Oesterreich, welcher sich einer solchen Behandlung widersctzte, wurde vom Herrn Dr. Prix aus dem Gemeinderathe hinausgedrängt, und man vergaß die ungeheuren Verdienste, welche Sigmund Mayer um die liberale Partei sich erworben hat. Er war plötzlich unbequem. Selbst Dr. Alfred Stern fiel in Ungnade bei dem „Ober-Liberalen" Dr. Prix. Nun aber fordern die Antisemiten seinen eigenen Kopf, cs ist menschlich, wenn er sich wehrt, aber in diesem Momente sollten wenigstens die Erinnerungen an all jene Geschehnisse in dem Gedächtnisse der: Gemeinderathsmajorität wieder lebendig weiden. „Das haben wir an unserem Bruder verschuldet." Hat die Majorität den Muth dieses Bekenntnisses? Wird in der nächsten Sitzung ein Antrag eingebracht werden, diesen heiligen Satz, der sich wieder einmal bewährte, an eine Wand des Sitzungssaales hinzuschreiben zur Warnung für unsere Zeit? Die Angst des Bruders haben sie gesehen und wollten ihn nicht hören; es galt ja nur dem Juden und man hatte seine geheime oder offene Freude daran. Da schwieg man zu allen Scandalen! Es lebte eine reiche Hauseigcnthümerin auf der Ringstraße, die im Anfänge der antisemitischen Bewegung einem befreundeten Juden, der zum Besuche bei ihr war, schadenfroh die Mittheilung machte: „Wissen Sie es schon, die von den Vorstädten und Vororten werden kommen und die Juden plündern und die Judenhäuser anzünden". „Das ist möglich", antwortete der Jude, „aber glauben Sie gnädige Frau, daß dann Ihre Häuser verschont sind und daß Sie nicht, als Jüdin behandelt werden?" Die Gnädige machte ein langes Gesicht und fand keine Antwort. Ihr „Seliger" war auch so ein „Liberaler" vom Schlage des Dr. Prix! Die Vorgänge bei der Wahl des Wiener Bürgermeisters spotten jeder Beschreibung und die Darstellung der Wiener Journale gibt nur einen schwachen Bcgriff von dieser Eruption