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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-10 · 45 (10.11.1893) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Veflerrrlchifitze WortzrnfchrM Seite 879 Die Sistirung der Judenausweisungen, respective das Belassen der „Achtziger" in ihren gegenwärtigen Wohnorten erfolgte, wie das Ministerialeireulär ausdrücklich betont, aus die Gesuche der ch r i st l i ch e n Bevölkerung hin, die, allen antisemitischen Axiomen entgegen, ganz unumwunden erklärte, daß die Expulsion der Inden aus den „russischen", respeetive baltischen Städten, den s i ch e r e u Ruin des Wühlst andesjenerOrtezur Folgehaben werde, und deswegen baten die christlichen Bewohner den Minister flehentlich, sich ihrer zu erbarmen und ihre ökonomische Lage nicht durch die zweischneidige Ausweisungsmaßregel zu zerrütten. Das ist eine hübsche Illustration zu der famosen Behauptung von der „Schädlichkeit" der Inden und deren Exploitation. Das Drolligste dabei ist, daß gerade die baltischen Deutschen, die sich sonst vollständig solidarisch mit der Kreuzzeitungs- Partei in Deutschland erklären und ihre Sympathien für Ahl- Wardt, den „Ritter ohne Furcht und Gewissen", unverhohlen knndgeben — daß gerade diese lächerlichen Nachäffer der Deutschthümler die ärgsten Schreier gegen die Ausweisung der Juden aus den baltischen Provinzen waren, unb gerade diese setzten Himmel und Erde in Bewegung, daß an „ihren Jüdchen" kein Haar gekrümmt werde. Nun ja, die Herren Balten wissen es eben recht gut, daß sie ihren Wohlstand nur der Emsigkeit und Rührigkeit der Juden zu verdanken haben und daß der praktische Antisemitismus höchstens den preußischen Junkern Nutzen bringen kann, aber durchaus nicht dem baltischen Adel, und am allerwenigsten dem Kaufmanns- und Handwerkerstand. Auch wissen die Herren „russischen Deutschen" ganz gut, lver die wahren E x p l o i t i r e r in Rußland sind, die Juden oder- Ad vocem Baltica! Die deutsche Presse der baltischen Provinzen, die durch ihren erassen Antiliberalismus und durch ihren lächerlichen Antagonismus gegen jede vernünftige Reform geradezu anekelt, hat es immer verstanden, ihre allzu augenfällige Sympathie für Deutschland (d. h. nur für das B i s m a r ck- Stöcke rffche Deutschland) und ihre nicht minder offene Antipathie gegen Rußland (das die Balten übrigens viel, viel besser behandelt, als im Auslande angenommen wird) durch Judenfresserei zu verdecken. Unbegabt, beschränkt sind die baltischen Journalisten, aber schlau sind sie in außerordentlichem Maße. Und da sagten sie sich: Es herrscht gegenwärtig in den „höheren Regionen" ein Haß gegen die Juden, und wer gegen die Juden loszieht, der wird „oben" gut angesehen und als „russischer Patriot" betrachtet. Nun sind wir zwar keine russischen Patrioten, aber diesen „billigen" Patriotismus dürfen wir uns auch leisten, umsomehr als wir dadurch auch der „Kreuzzeitung" und den anderen deutschen reactionären Blättern, aus welchen wir unsere politische Weisheit ,.ausschneiden", gerecht werden. Wohlan, wir wollen recht oft mit den russischen Hetzblättern gegen die Juden mitbetten, auf daß man uns unsere offenkundige Anbetung alles Deutschen und die nicht minder offenkundige Jgnorirnng alles Russischen verzeihe. — Und so geschah es: die deutschen Blätter Baltiens sind in einem Punkte russisch-patriotisch geworden, indem sie alle Hetzartikel der „Nowoje Wremja" und des „Graschdanin" getreulich wiedergeben, um dadurch ihre Theilnahme an den „Reichsinteresseu" zu beweisen und dabei ungestört weiter ihren separatistischen Gelüsten nachzugehen. Diese Niederträchtigkeit dieses eigenartigen „Geschäfts"- Antisemitismus der baltischen Presse werde ich in einem nächsten Artikel eingebender behandeln und durch schlagende Beweise der öffentlichen Verachtung preisgeben. Intrepidue. Agqdilcher Cvmmrntar zum Pentateuch. (Nach einer Handschrift aus Aleppo zum ersten Male herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Salomo n Bub er.) Wien 1894. Druck und Verlag A. Fauto, Wien. Augezeigt von Lectvr M. Fried manu. Betrachtet man die heilige Schrift ihrem Inhalte nach, so sieht man, daß jener Theil, den man Gesetz oder Gebote, Mizwoth, nennt, im Berhältniß der geringere ist, da die von den Rabbinen angenommene Zahl von 615 Geboten, zu denen auch die Vorschriften über die Opfer und die damit verbundenen Reinheitsregeln wie auch jene über den Bau der Stistshütte gehören, 1797 Verse ausmachen, während die Thora im Ganzen aus 5845 Versen besteht. Den größeren Theil bilden somit Geschichte, Poesien. Ermahnungen und Weissagungen, wie solche auch den Stoff für die übrigen Theile der Bibel ausmachen, wobei Sprüche, Erzählungen, Klagelieder, Trostreden und philosophische Betrachtungen mitzurechuen sind. Die rabbinische Literatur lehnt sich durchwegs erläuternd an die Bibel an oder erweitert und vermehrt den Stoff entsprechend der Bibel. Jenen Theil, welcher ans besagte 1797 Verse Bezug hat und ihren Stoff vermehrt, neunen wir Halachah; alles Uebrige bildet die Hagadah. Wie in der Bibel die Thora die Hauptstelle einnimmt, so nimmt in der rabbinischen Literatur die Hanptstelle der Talmud ein, welcher aus Halachah und Hagadah besteht. Die übrige rabbinische Literatur besteht zumeist aus Hagadah, die wir Midrasch neunen, während nur ein geringer Theil aus Halachah besteht. Was die Halachah anbelangt, ist heute der weitaus größere Theil antignirt, iveil mehr als zwei Dritttheile der Halachah das jüdische Staats- und Rechtslebeu und den Opfercnltus mit den darauf bezüglichen Reinheitsvorschristen behandeln. Die Hagadah hingegen ist von den politischen und staatlichen Verhältnissen der Juden unberührt geblieben; weil sie nur mit dem nicht-legislativen Theile der heiligen Schrift eorrespondirt. Wer sich den Inhalt der Bibel analysirt hat, kennt auch den Inhalt der Hagadah. Will man das Studium der Hagadah pragmatisch anwenden, so bietet sie den Stoff zu folgenden Disciplinen: al Bibelexegese und Homiletik; d) rabbinische Ethik; e) jüdische Geschichte; d) jüdische Religionsphilosophie; ei Geschichte und Wcsen der Liturgie: f) jüdische Dichtung: g) jüdische Polemik und Apologetik. Dies des Weiteren auszuführen und zu illustriren ist nicht uvthig; wer diese Literatur auch nur oberflächlich kennt, dein wird diese Andeutung schon genügen. Nnr zu Punkt d'i will ich bemerken, daß Maimonides seinem More Nebuchim — wenn man von seinem Aristotelismns, der heute antiquirt ist, absieht — im Ganzen ans die hagadische Literatur ausgebaut hat, ähnlich wie er in seinem Jav haehsakah die Halachah codifieirt. Es ist zu bedauern, daß für More Nebuchim noch Niemand einen Quellen-Nachweis geschaffen hat, wie wir ihn für den Jad hachfakah längst besitzen, umsomehr, als bei den religions-philosophischen Themen ein solcher nothwendig wäre, um Mißverständnisse zu verhüten. Was die Geschichte des Studiums der Hagadah betrifft, läuft diese parallel mit der Geschichte des Bibelstudiums. Zur Zeit der letzteren Gaonim, als das Bibelstudinm einen Aufschwung genommen, sah man auch ein, daß man mit der Halachah die Gemüther nicht erwärmen und den Bolksgeist nicht heben könnte, und sammelte und redigirte den hagadischen Stoff. Schrieb man Halachoth, so verschmolz man sie mit der Hagadah, wie im Scheeltoth und im Wehishir. Die späteren Bibel»xegeten, wie Raschi, Kimchi und Andere, ließen nw die Hagadah unberücksichtigt, nur verfielen manche, wie Lekach tob und das im Titel genannte Werk, in den Fehler, bloße Evpisten der Hagadah zu sein. Mit dem Verfalle der Jeschiboth im Mittelalter bis Mendelssohn wurde das Bibelstudinm gänzlich vernachlässigt und consequent auch das der Hagadah. Der sogenannte Lamdan oder Ehariph hätte sich geradezu geschämt, sich mit Bibel oder Hagadah zu beschäftigen. Bei den Talmudvorträgen ließen die Rabbiner die hagadischen Partien ganz weg mit der hingeworfenen Bemerkung: Das ist eine Agadata. Was Wunder, daß ihre Jünger oder Bachurim sich dem Herzen des Volkes entfremdeten und daß sie für die Volksseele kein Verständniß hatten! Mit dem „fatalen Ei" — wie Heine sich ausdrückt — des Fest-Tractates Massecheth Jomtobb, mögen die Schulen Schammai's und Hillel's noch soviel Scharfsinn dabei entwickelt haben, gewinnt man die Herzen des Volkes nicht. Ein Naturforscher, der alle nur vorhandenen Raupen und Schmetterlinge sammelt und beschreibt, leistet der Zoologie gewiß sehr große Dienste, aber für das Volksleben hat er weniger geleistet als der geringste Sammler von Märchen, Sagen, Volksdichtungen und Sprichwörtern. Nach der Mendelssohn'schen Periode nahm man wieder das Bibelstudium auf, dem Talmud aber wandte man sich gänzlich ab. Obwohl man eigentlich nur die Halachah nicht

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