Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«Leite 878 Kekterreichischr WvchrnfchrM Nr. 48 entschieden besser, Dich an den Ministerpräsidenten Taasse selbst zu wenden. Aber Dn mußt Dich sehr beeilen, wenn Du ihn noch antreffen willst. Falls Du es aber vorziehst, von anderen läutenden Persönlichkeiten rausgeschmissen zu werden, hast' Du das allgemeine und directe Wahlrecht. Du kannst es Dir gar nicht besser verlangen. Die Krisen liegen in der Lust, die blauen Bogen flattern nur so herum. Taaffe geht — Prix geht — Tewele wollte gel/n — Alles will demisfioniren. Am Thor des Reichsrathsgebäudes prangt der weiße Zettel: „Ein Cabinet zu vermiethen." Hoffentlich findet sich bald der solide Herr der Situation. Als strammer Deutsch-Nationaler wünsche, hoffe und erwarte ich, daß auch ein Paar rechtschaffene Judenfresser mit an's Ruder gelangen mögen. Freilich ein Ministerium, so lvie ich es mir träume, wird wohl kaum gebildet werden. Lueger Minister des „Innern"; seine beuschologischen Vorstudien befähigen ihn in hervorragender Weise zu diesem Amte. Die Finanzen dürfte kein anderer als Bergani übernehmen. Der versteht sich daraus, Anlehcn aufzunchmen und Gelder auszutreiben. — Unterricht? natürlich nur Alois Liechtenstein. Er führt die confessionelle Schule ein, ausschließlich der Heranbildung von Kirchendienern, Analphabeten und Wahlagitatoren gewidmet. Gregorig wird Handels- und Schneider Justizminister. Ein Portefeuille für Landesverrath für den bewährten Führer der Deutsch-Nationalen in der Ostmark . . ., chimärische Träume! eitles Phantasiren! Es wird Alles ganz anders kommen, als wir es erwarten — ich weiß wohl. Aber schön wäre es doch! Wie kann man sich nur weigern, ein Portefeuille anzunehmen? Ist mir geradezu unbegreiflich. Ich könnte nicht einmal das kleinste Portemonnaie, die geringste Brieftasche, die mir zur Verfügung gestellt würden, zurückweisen. Ich würde den Spender zu verletzen fürchten, so zartfühlend bin ich in dieser Art. Sind denn die Ministerfauteuils gar so harte Sitze? Könnte man sie nicht zum Umklappen als patentirtc Bettfauteuils construiren? Sinnreich, praktisch und gewiß nicht allzu kostspielig? Ich sage Dir, Pnmpo, dieser Johannes ist ein fürchterlicher Mensch. Weil ich der holdseligen Sitz-Mila ein paar feurige Blicke hinübcrgeschosfen habe, dreht er gleich das Gas. ganz klein ab, so daß ich keinen vernünftigen Gedanken vor den Augen sehen kann. Wirst Du mir gleich Licht machen, eifernde Kellnerseele, — mehr Licht, ein Meer von Licht, Bursche! — sind wir hier bei Ronacher? Ist da eine judenliberale Wählerversammlung? Die Demokraten haben uns was abgeguckt. Das erste Stürmen des Versammlungslocales war antisemitische Sprengtechnik. Es ist ihnen aber dabei ein Licht ausgegangen. Mir lacht das arische Herz im Leib, wenn ich sehe, tvie unsere Gegner sich tvcchselseitig bekämpfen. Das rvar wohl auch so eine kleine Ausnahmsvervrduung, das mit dem gerissenen Riemen? Die ganze Unwahrheit in dieser dunkeln Sache tvird wohl schwerlich jemals ans elektrische Licht gebracht werden. Gewiß lag ein Leitungsfehler zu Grunde; ich bin fest davon durchdrungen, daß der Fehler n u r in der Leitung liegt. Von den Straßenkämpfcn hast Du gelesen. Die Arbeiter wollten damit ihre politische Reife demonstriren. Unter uns gesprochen, Pumpo, und nicht weiter gesagt: ich bin ein Principieller Gegner der Arbeit, und folgerichtig auch ein solcher der Arbeiter, allen Demonstrationen grundsätzlich abgeneigt, sogar den wiffenschastlichen in Hörsaal... Du bist der irrigen Meinung, ein Fünsguldenmann, wäre derjenige, dessen Stimme mit zehn Kronen in Gold abzüglich des Agios erhältlich sei. Das ist nicht immer der Fall. Wenn wir jetzt zweiundeinhalb- oder gar fl. 1'25-Männer dazubekommen sollen, würde zwar gewissen Kreisen eine neue Eiinahmsquelle sich erschließen, — ich kann mich aber doch nicht recht dafür begeistern, weil eine ganze hochachtbare Wählerclasse in den Ruf, zu theucr gewesen zu sein, käme. Unter dem Selbstkostenpreise können die Leute nicht arbeiten. Das Gratisbicr wird ihnen dann auch entzogen werden und der Wahlrausch und der Begeisterungstanmel, den sie sich gegen die kleine Vergütung selbst anzuschasfcu haben, kommt sie weit höher zu stehen. Mit Schaden können die Leute nicht trinken, die Baarauslagen sind zu hoch . . . deshalb bin ich Gegner aller Wahlreformen in diesem Sinne und wünsche blos, daß dem Semitengeziefer das Wahlrecht entzogen werde. Der Zudringlichkeitsantrag des Fräulein Dworzak, das Wahlrecht der Frauen gleich in einem Aufwaschen miteinzuführen, scheint etwas verfrüht. So rasch geht das denn doch nicht alles auf einmal. Eine kleine Pause wäre wohl wünschenswerth. Rach der Pause — Damenwahl. Während der Pause wird etwas kalter Jud servirt. Ich sehe schon ein Fräulein in blutrother Blouse aus mich zuschreiten und mich hold und schämig erglühenden Jüngeling zum Reichsraths-Cotillon auffordern. Ich lasse mich aber nur wählen, bis das hohe Haus judenrein sein wird, „Juden raus — judenrein!" Neue Zeiten brechen heran und neue Männer kommen herauf. Die Forderungen der Zeit — nichts als Forderungen — sage ich Dir mein Pumpo, werden immer dringlicher. Aber die deutschvolkliche Ostmark wird in angestrammter Weise alle Wege für die ostmärkliche Deutsch-Bolklichkeit einzutreten wissen .. . Verzeihe, wenn ich unwillkürlich in den Ton der Leitartikel der „Unverfälschten" verfallen bin. Die „Jro"-nie war nicht beabsichtigt. Ich habe gerade vorher in ' dem Blatte gelesen. Du kennst meine deutschvolklich-ostmärkffch-stramme Gesinnung zur Genüge; ich brauche sie dir also nicht nochmals hier'vorzureiben, aber das Eine darf ich als Anhänger des Führers doch wohl bemerken: sein Blatt ist mit deutschen Lettern gedruckt, einzelne Worte kommen wohl in deutschen Lexika vor —aber ich möchte dennoch nicht behaupten, daß es in deutscher Sprache geschrieben wäre. Darin kann ich aber nur wieder eine stramme, voraussichtsvolle Weisheit des geliebten Führers bewundern. Er zeigt uns die Verhunzung und Verballhorunh und Vergewaltigung der herrlichen Muttersprache an schauerlichen Exempeln, natürlich nur um unsere Gemüther um so höher für sie zu entflammen! — Johannes, leihen Sie mir rasch eine Correspondenzkarte, Mila wird für mich gutstehen — ich will i h m huldigen, das freut ihn immer unbändig und er druckt es gewiß ab: „Dein Blatt macht mir Beschwerden — nie les' ich's ohne Reu — Wo alle untreu werden — Ich will doch bleiben treu." —Ich fürchte, wir sind schon bald so weit. U. D. Gruß Teutobold. Allerlei aus Rußland. Bewährte Meteorologen, die sich auf die Windrichtungen in den höheren Regierungssphären verstehen, prophezeien „schön Wetter" und versichern mit Bestimmtheit, daß seit einiger Zeit sich eine für die Juden günstige Meinungsänderung an höchster und allerhöchster Stelle bemerkbar mache. Gewöhnlich pflegt der Glaube an die Wetterpropheten nicht selig, sondern blos — naß zu machen, und deshalb pflegen gescheite Leute ihr Parapluie stets beim Ausgehen mitzunehmen, wenn die Herren Meteorologen ihren Ruf ertönen lassen: In die Ecke Regenschirm! Nun, der Glaube an die genannten politischen Wetterprognostiker kann auch nicht selig, sondern nur saumselig machen, und der Ruf: In die Ecke, Wanderstab! wird daher von allen gescheiten Leuten — und Juden sind immer gescheite Leute - mit skeptischem Kopfschütteln angehört. Es muß aber constatirt werden, daß in letzter Zeit sich thatsächlich Vieles zum Bessern gewendet hat. Die Jndenausweisungen sind sistirt, und die geplagten „Achtziger", d. h. diejenigen Juden, die sich auf Grund eines Ministerialcirculärs aus dem Jahre 1880 außerhalb des Ansiedlungsrayons aufhielten und die seit Anfang dieses Jahres in die „jüdischen Städte" zurückgedrängt wurden, werden laut dem neuesten Circulär in ihren provisorischen Wohnorten, „bis zur definitiven Lösung der Judenfrage"*) belassen. Ja, man munkelt sogar, daß die Gouvernements Livland und Kurland, wo die „Achtziger" nach Zehntausenden zählen, überhaupt dem jüdischen Ansiedelungsrayon einverleibt werden sollen. Man erzählt auch, daß der livländische Gouverneur, ein Haman Prima-Qualität, wegen seiner „Schneidigkeit" eine ziemlich derbe „Nase" von „Oben" erhalten haben soll. Wieviel an obigen Gerüchten Wahres ist, läßt sich natürlich nicht controliren, aber Eines steht fest: der livländische Gouverneurs ch m o l l t; denn während der kurländische Gouverneur schon vor einigen Wochen das „Gnaden"-Circulär in Bezug auf Kurland und Livland in der osficiellen „Kurländischen Gouvernements-Zeitung" zur Instruction für die Polizeiämter publicirt hat, kann der livländische Gouverneur sich noch immer nicht entschließen,. dasselbe in der „Livländischen Gouvernements-Zeitung zu veröffentlichen, obwohl die livländischen Polizeiämter in der Praxis sich schon längst nach dem „Gnaden"- Circuläre richten. *) Das heißt aus gut Deutsch: ad Calendas graecas,