Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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öritc 876 Vrstrrretchtfche Wortzrnfchrtst Nr. 45 Kaust nicht bei Juden. Leo XIII. und Baron Rothschild. „Die Rassenhetze im Dienste geschäftlicher Concurrenz" war die Ueberschrift eines Essays in Nr. 50 der „Oest. Wochenschrift" vom 9. December 1892. Es war unmittelbar vor dem Weihnachtsgeschäfte im vorigen Jahre und an einem Sonntag. hatte in der Volkshalle des Rathhauses eine Versammlung „christlicher Frauen und Mädchen" stattgesunden, in welcher -Oe. Durchlaucht Prinz Liechtenstein in höchsteigener Perlon die Boycottirung der jüdischen Geschäftsleute im Interesse der antisemitischen Partei proclamirte. Der Herr Bürgermeister Dr. Prix hatte die außerordentliche Liebenswürdigkeit, die Volks- Halle, deren Ueberlassung an demokratische Vereine er wiederholt verweigert hatte, diesem überaus löblichen Zwecke zur Verfügung zu stellen. Man begnügte sich nicht mehr mit den aufreizenden Artikeln in zahllosen antisemitischen Zeitungen, Flugschriften und Pamphleten, mit den ununterbrochen durch Gassen und Straßen ertönenden Mahnungen: „Kauft nicht bei Juden"; in einer großen Frauenversammlung sollten die Frauen persönlich aus des fürstlichen Redners eigenem Munde die Gefahren vernehmen, welche dem Christenthum, der christlichen Familie, speciell der christlichen Frau drohen durch die geschäftliche Verbindung mit Juden. Mit jener erbärmlichen Verlogenheit und Heuchelei, welche das unverwischbare Merkmal demagogisch-antisemitischen Denkens ist, hatte er den versammelten christlichen Frauen und Mädchen ein wirthschaftliches und gesellschaftliches Trugbild vorgeführt, über deffen gefährliche Wirkung man sich angesichts eines so unerfahrenen Auditoriums nicht täuschen konnte. Der hochfürstliche Redner ging von der Bedeutung der Familie als Grundlage der Gemeinde und des Staates aus. In welchem Maße aber der Antisemitismus zur Hebung der allgemeinen Sittlichkeit beigetragen hat, das ist den Lesern unseres Blattes aus zahlreichen lebendigen Beispielen bekannt. Wenn Lüge und Verrath, Meineid und Falscheid, Fälschung und Betrug, Diebstahl und Veruntreuung, Unznchtund SchändungsittlicheHandlungensind, dann hatderAntisemitismus allerdings unermeßlich viel zur Veredlung der christlichen Familie beigetragen. Wir erinnern hier nur flüchtig an den Alimenten-B ö ck e l und an die zahlreichen, von antisemitischen Biedermännern begangenen Nothzuchtfälle, wir erinnern an die sittlichen Thaten eines Rohling, eines Stöcker, eines V erh ovay, eines Pickenbach und — last, not least— eines Schneider. Prinz Alois Liechtenstein hat unbewußt eine vernichtende Selbstkritik ausgesprochen, indem er constatirte, daß in Folge des Mangels an materieller Sicherheit und sittlichen Haltes ein großer Rückschritt zur Barbarei in der breiten Volksschichte bemerkbarst. Der fürstliche Redner führte den Verfall der Sitten unter Anderem auch auf die „reformjüdische Literatur" auf der Bühne, in Büchern und Zeitungen zurück, und damit über den Sinn dieser Worte kein Zweifel bestehe, fügte ein anderer Redner hinzu, daß der Naturalismus die Volksseele vergifte. Die anwesenden Frauen' und Mädchen ließen .sich das geduldig sagen. Keine einzige von ihnen erhob sich, um zu constatiren, daß der Vater des modernen Naturalismus auf der Bühne der christliche Germane Henrik Ibsen und der Vater des naturalistischen Romanes der katholische Romane E m i l Z o l a sei, daß ihnen eine ganze Schaar christlicher Epigonen nacheisern und der Jude Paul Lindau in seinem jüngsten Drama „Die Sonne" gegen diese verderbliche Literaturrichtuug energisch Stellung genommen hat. Der fürstliche Hetzer forderte sein Auditorium schließlich auf, fest zusammenzuhalten und gegen die geschlossene jüdische Gemeinschaft eine ebenso festgeschlossene christliche Gemeinschaft zu bilden. Die christliche Bevölkerung müsse sich wirtschaftlich organisiren und den vielen Gefahren, welche die Familie zu zersetzen drohen, müsse durch Errichtung von Pensionaten, Kleinkinderbewahranstalten, Mädchenasylen, Dienstbotenherbergen u. s. w. entgegengetreten werden. Wir wollen nicht weiter untersuchen, von wo die Gefahren ausgehen, welche den christlichen Familien drohen. Vielleicht vermag der Busenfreund des Prinzen Liechtenstein, der Ritter Stampiglius, der ja auf diesem Gebiete sehr eingehende Studien macht, darüber ausreichende Auskunft zu geben. Allerdings fällt uns dabei das Wort eines aristokratischen Lebemannes ein, der mit cynischer Offenheit erklärte: „Wir stammen von unseren Bauernburschen und unsere Bauernburschen stammen von uns." Allein wenn schon von der dringenden Notwendigkeit christlicher Asyle und Humanitätsanstalten gesprochen wird, so mußte doch in Erinnerung gebracht werden, daß mehr als die Hälfte jener Spenden, welche für solche bereits bestehende christliche Anstalten gewidmet werden, von Juden geleistet wird. - Den weitesten Umfang in seiner Rede benützte der fürstliche Hetzer, um vor jüdischem Betrüge zu warnen. Die Wiener jüdischen Geschäftsleute wurden als eine Bande von Gaunern und Schwindlern gezeichnet, Ehrlichkeit, Reellität wäre ein Erbgut arischer Abstammung, unlöslich von der christlichen Confession. Daß Herr G r e g o r i g seine Waaren ausschließlich von jüdischen Fabrikanten bezieht, die er seinen Kunden mit einem Ausschlag für arisch-christliche Provenienz abgibt; daß die antisemitischen Hetzer gegen, die jüdischen Aerzte ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Angehörigen nur der Heilkunde eines Semiten auvertrauen, das Alles hat- Dr. B l o ch im österreichischen Parlamente wiederholt uachgewiesen. In jener Versammlung war aber Niemand, der die Redner an diese fatalen Thatsachen erinnert hätte. Als Regisseur jener berüchtigten Versammlung fungirte der bekannte antisemitische Fabrikant Z u l e g e r, welcher die rednerische Begabung des Prinzen Liechtenstein ausschrotete, um seinen jüdischen Concurrenten die Ehre abzuschneiden und sich darüber zu beklagen, daß die Commune Wien nicht ihm die Lieferung der Badewäsche übertragen hatte. Er erhob gegen einen jüdischen Confectionär in der Käcntnerstraße den Vorwurf, daß er mit geringerem, billigerem Material arbeite und seine Kunden durch coulantes, liebenswürdiges Benehmen zu gewinnen suche. Besagter Confectionär hatte die Ausstattung für die Erzherzogin Marie Valerie geliefert und ist durch Verleihung des Hoftitels ausgezeichnet worden. Das illustrirt zur Genüge die Verleumdung, daß er „mit geringerem Material" arbeite. Der arische Chara'ter offenbarte sich . hier in seiner brutalsten Selbstsucht. Wir sind neugierig, ob Prinz Liechtenstein auch in diesem Jahre vor Beginn des Weihnachtsgeschäftes eine solche Hetzversammlung zu veranstalten wagen wird. Sollte er den Einflüsterungen des Herrn Zu leg er neuerdings nachgeben, so müßte seine Rede in eine große Philippika gegen. Leo Xlll. ausklingen, welcher, wieverläßliche Meldungen» ns Rom berichten, die Verwaltung des päpstlichen Vermögens der Firma Rothschild in Paris üb ertragen hat. Der Schlachtruf „kauft nicht bei Juden" gilt also für den Pap st selber nicht, er hat nur zu der Ehrlichkeit eines Juden Vertrauen und die Erfahrungen, die er mit den katholischen Geschäftsleuten gesammelt hat, mußten ihn in diesem Vertrauen erheblich bestärken. Bei Bontoux und Genossen, den Vertretern des „katholischen Capitals" hat der Peterspfennig bedeutende Verluste erlitten; bei den arischen italienischen Banken ging es nicht besser. Nun hat der Papst angeordnet, daß die Depots des Baticans, welche bei verschiedenen italienischen Banken hinterlegt waren, diesen entzogen und dem Bankhause „Rothschild Kares" in Paris übergeben werden sollen. Rothschild's Cassen als Asyl für die Gelder des Vaticans — was sagt Prinz L i e chte n st ein, was sagt Herr Zuleger, was sagen die weiblichen Theilnehmer der weiblichen Hetzversammlung zu diesem Entschlüsse des Papstes? Se. Heiligkeit glaubt nicht, daß die arische Abstammung und die katholische Confession eines Kaufmannes den Kunden vor Benachteiligung schützt und er glaubt nicht an die antisemitischen Theorien von der Schlechtigkeit der Juden. Die preußischen Antisemiten haben bereits vor Jahren den Papst für „verjudet" erklärt und in der Schrift „Die Kirche und die Juden" von Pfarrer Dr. Frank, dritte Auflage, findet sich folgende charakteristische Stelle: „Wenn ich in einzelnen Blättern von antisemitischer Färbung dem Publicum als getaufter Jude vorgestellt wurde, so habe ich über diese Entdeckung herzlich gelacht. Ich habe mich dabei lebhaft an den hochseligen Papst Pius IX. erinnert, der, wie Carl Paasch in seinem zweibändigen Werke „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer", HI. Theil, Seite 117 nachweist, ebenfalls ein Hebräer war: „Ein Schüler des Seelenriechers Dr. Jäger hat das schon im Jahre 1847, als er den Pantoffel den Papstes küssen durfte, durch den Geruch entdeckt, und Papst Pius lX. hat es dann im Jahre 1861 den Gebrüdern Kohn aus Lyon selbst eingestanden." Ich befinde mich also auch hier in ganz guter Gesellschaft."