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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-10 · 45 (10.11.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 45. Wien 10. November 1803. Jahrgang X. Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. & Kk. Postsxmiaisrna'nt ElraringNerkehr Nr. 810.076. Redsclion und Adminlstratton: Wien Iranr Ivsefs-Qnni Dr. 8. Telephon-Nr. 6535. Eigenlhmner: Ueichsralhs-Abgeordneler Dp. Sloch. Erscheint jeden Freitag. Man sdonnirt bet allen Postanfialtr» de» In- «yd Auslandes. SezugSprciS: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die Imal gespaltete Petitzeile 12 ft; MW Inhalt: Leitartikel: Der neue Eurs in Oesterreich. — Kauft nicht bei Inden. — Ein sächsischer Minister und der Talmndtractat Chulin.— Teutobold über die Lage. — Agadischer Coinmenter zum Pentateuch. — Stimmen ans dem Publikum. — C o r r e s p o n d e n ze n: Wien, Prag, Lemberg, Berlin, Hannover, .Vantetr, Singapore, Johannesburg. — Bernrischtes: Wien, Budapest, Lemberg, Mährisch-Weißkirchen, Prag, Berlin, Hamburg, Christiania. — Fürstengunst XXXII. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Inhalt der Beilage: Antisemitische Phantasten. — In Angelegenheit der galizischen Baron Hirsch-Stiftung. — Feuilleton: Rabbi Salomvh Burse von Ostrowo. Der neue Curs in Oesterreich. Das neue Coalitionsministcrium des Fürsten Windischgrätz wird in wenigen Tagen gebildet sein und aus die politische Bühne als der Repräsentant einer neuen parlamentarischen Vereinigung treten, durch welche seit mehr als anderthalb Jahrzehnten zum erstenmale wieder eine wirkliche Macht innerhalb der Volksvertretung geschaffen wird — eine Macht, die ihre Stütze naturgemäß in einem Programm des Schutzes und der Erhaltung der bestehenden Rechte und der gegenwärtigen politischen Ordnung suchen muß. Wenn das Cabinet Taasfe siel, weil es an diesen Rechten und an dieser Ordnung zu rühren versucht hat, so wird das Ministerium Windischgrätz sich halten, so lange es seinem Ursprünge und dem Wesen der neuen parlamentarischen Allianz getreu bleibt. Und wenn wir vor acht Tagen von unserem speciellen Standpunkte aus constatiren konnten, daß der Rücktritt des Cabinets Taafse von unseren Glaubensgenossen mit sichtlicher Befriedigung begrüßt wurde, so können wir von demselben Standpunkte aus heute aussprechen, daß die jüdische Bevölkerung dem Ministerium Windischgrätz mit Vertrauen und Hoffnung entgegenblickt. Zu diefen Gefühlen berechtigt vor Allem die Thatsache, daß unter der neuen Regierung kraft der rückhaltslosen und ehrlichen Unterstützung, welche sie von der Vereinigung der drei größten gemäßigten Parteien des Abgeordnetenhauses zu erwarten hat, man auf jenes parlamentarische Schaukelspiel, aus jenes Gegeneinanderwirken der verschiedenartigsten Kräfte wird verzichten können, welches das eigentliche Wesen der Taaf s e'schen Regierungskunst war. Wir hüten uns grundsätzlich vor einer allzu optimistischen Auffassung der Dinge und allzu optimistisch märe es, wenn man den neuen Curs als das Ende der antisemitischen Propaganda bezeichnen wollte. Ader das Eine ist gewiß: die Zeit der Duldung oder gar der heimlichen Ermuthigung, der passiven oder activen Förderung der Judenhetze von oben her aus Gründen der politischen Taclik und Strategik ist vorüber. Wenn die neue Eoalitiou und das aus ihr hervorgegaugene Cabinet nicht die Wurzeln ihrer eigenen Existenz abgraben wollen, dann müssen sie den Antisemitismus mit all seinen Spielarten vom Christlich- Socialen bis zum Extrem-Nationalen als eine zerstörende Gewalt ansehen, welche an den Grundvesten der bürgerlichen Gesellschaft und der staatlichen Ordnung rüttelt. Das Cabinet Taasfe stand fünfzehn Jahre lang ini offenen oder versteckten Kamps gegen jene große Partei, zu deren Grundsätzen sich die überwiegende Mehrheit der jüdischen Wählerschaft bekennt. Was immer geeignet war, die Widerstandsfähigkeit dieser Partei zu schwächen und die Zahl ihrer Anhänger zu verringern, mußte dem System willkommen erscheinen. Wir haben in unserem vorwöchentlichen Artikel ausgeführt, daß die Wahlreformvorlage vom 10. October denselben Grundmotiven entsprungen ist, welche die Duldung des Antisemitismus veranlaßt haben. Eine Regierung und eine Parteieoalition, welche sich gegen diesen letzten Ausläufer jenes politischen Systems kehren, müssen sich auch gegen alle jene Vorläufer wenden, welche gleichartige Glieder derselben politischen Kette bilden. Die liberale Partei nimmt heute in der neuen Parteio^uppirnng einen hervorragenden Platz ein. Man kann nicht mii dieser Partei regieren und zugleich noch fernerhin die Wühlarbeit gegen einen starken Bruchtheil dieser Partei dulden. Das ist ein einfacher logischer Schluß und eine klare, politische Berechnung. Aber noch ein zweites Moment muß berücksichtigt werden, wenn man nach der Stellung des neuen Coalitionsministeriums zum Antisemitismus fragt. Oft genug ist nicht blos von unserer, sondern auch von christlicher Seite ausgeführt worden, daß die theoretische Begründung des Antisemitismus mit den Grundlagen und Lehren des Christenthums in directem Widerspruche steht. Nichtsdestoweniger haben die sogenannten „Christlich-Socialen" sich gerne als die Vorkämpfer des Christenthums aufgespielt und es hat auch innerhalb der clericalen Partei an einer Strömung nicht gefehlt, deren Wortführer sich diese höchst sonderbare Allianz gefallen ließen und von ihr eine Förderung der rein kirchlichen Zwecke erwartete. Diese Voraussetzung hat sich gar bald als eine irrige erwiesen, und heute, wo auch die Vertreter der katholischen Anschauungen sich nüt allen anderen staatserhaltenden Elementen zur Abwehr destructiver Bestrebungen vereinigt haben, wird es den „Christlich-Socialen" nicht mehr gelingen, ihre zersetzenden und gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen hinter einem Schleier lügnerischer Phrasen zu verbergen. So darf denn das Cabinet Windischgrätz auch von den Juden als die Verheißung einer besseren Zukunft begrüßt werden. Der Antisemitismus wird nicht von heute auf morgen verschwinden, dazu ist ihm zu lange Zeit freier Spielraum gelassen worden. Aber seinen verderblichen Wirkungen wird doch endlich Halt geboten werden, und das ist immerhin schon Etwas. Das Weitere wird sich aus der naturgemäßen Fortbildung des Processes ergeben, der mit der Bildung der neuen Pnrtei-Coalition seinen Anfang genommen hat.

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