Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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'Seite 872 OekerredMrtze WochensttzrM >Jtv. 44 Verbotes wurde die mündliche Ueberlieferung um das Jahr 170 n. Chr. demnach uiedergeschrieben. Wenn wir nach den Ursachen fragen, warum denn dieses Verbot übertreten wurde, finden wir nirgends eine befriedigende Ursache. Im Talmud wird mit Bezug auf bas Psalmwort: ^Es gibt eine Zeit, da man handeln muß. da Dein Bund gebrochen wurde", nur eine dunkle Antwort gegeben, dahin lautend, man müsse eher e i n Gesetz annultircn, als daß das ganze Gesetz in Vergessenheit gerathe. Weshalb aber dieses Gesetz aufgehoben werden soll, gibt der Talmud nicht an. Maimüni sagt, R. Jehuda habe deshalb die Mischnah redigirt, weil die Anzahl der Talmudjünger immer geringer und die Leiden und Drangsale immer größer wurden, weil das Reich des Götzendienstes stets größer und Israel in alle Richtungen der Windrose vertrieben wurde. Diese Antwort ist nun nicht nur nicht befriedigend, sondern widerspricht geradezu den historischen Thatsachen, da die beiden Israels, die Maimüindes ins Auge faßt, früher in viel größerem Maße vorhanden waren. Auch fällt das Werk R. Jehuda Hanassi's in eine Periode, wo der heidnische Glaube sich in einem Zersetzungsprocesse befand. Die Vcrehrungsstätten des Jupiter in Hellas waren leer und öde, cs zogen keine Wallfahrer mehr in die Tempel nach Griechenland, in Rom, in den Tempeln des Janus und der Vesta waren keine Besucher zu sehen, und in den verödeten Räumen sehen die einsamen Auguren sich hohnlächelnd an. weil ihnen selber der Klaube fehlt an die Gottheit, der sie dienten. In neuerer Zeit, seitdem die jüdische Wissenschaft ihre Renaissance gefeiert hat, nachdem Männer ausgestanden sind, welche die jüdische Wissenschaft und Literatur nach wissenschaftlichen Principien begründeten, machen sich über die Frage nach den Ursachen der Mischnahrcdaction verschiedene Ansichten geltend. Nachman Kroch mal meint, daß man in jener Zeit viele mit dem Namen Tanaim zu bezeichnen pflegte, denen dieser Titel nicht zukam, da ihre Thätigkeit nur in einem gewissen Mechanismus bestand, nämlich in der Wiederholung der Thesen ihrer Schule, und da ihre Anzahl überhandnahm und ihre Lehrmethode einzureißen drohte, mußte man zur Fixirung der Mischnah schreiten. H. Pineles ist der Ansicht, des; man der Spaltung Vorbeugen wollte, die durch das Eindringen der römischen Gesetzgebung in Palästina und durch den abweich.'nden Text der Halacha hervorgebracht wurde. Abraham Krochmal's Ansicht geht dahin, daß man deshalb eine Redaction des Talmud in Angriff nehmen mußte, weil Jeder den Gegenstand, über welchen Meinungsverschiedenheiten herrschten, mit Erklärungen vortrug, die nichtzum Texte gehörten. G rätz schreibt, die Anhäufung des halachischen Stoffes seit der mit Edujoth bezcichneten vorgenommencu Sammlung und die Menge der Eonrrovcrsen bestimmten R. Jehuda, sein Werk zu schreiben. In ähnlicher Weise gibt Zacharias Frankl an, daß die Besorgnis;, die rabbinischen Denkmäler könnten ihrer Masse ivegen dem Gedächtnisse entrückt werden, der Beweggrund zur Redigirung eines einheitlichen Textes gewesen sei. Lector I. H. Weiß nimmt die Ueberhandnahme der Speculation, des Pilpul, an. Nun, die Ansicht N. Kroch mal's ist nicht stichhältig, daselbst R. Lakisch einem dieser Pseudotanaim im Lehrhause einen Nekrolog widmete, in dem sich die hohe Verehrung wiederspiegelt, die man ihnen zollttt Auch war die Gefahr, es könnte durch ihre Gedächtnißschwäche der Text verloren gehen, keine große, da es ja dem wirklichen Tana frei stand, den Text zu redigiren. Die Abweichungen und sogenannten Erklärungen, welche nach A. K r o ch m a l in der Mischnah enthalten sein sollen, sind gerade nicht vorhanden — Abweichungen vom Texte finden sich eher im Sifre und in der Mechilta. Die Fixirung einer ganzen Bolksliteratur, welche seit undenklichen Zeiten nur mündlich vorgelragen wurde und deren Niederschreibeu durch ein uraltes Gesetz verboten war, konnte nicht aus solchen Tpportunitätsrücksichteu veranlaßt worden sein, sic muß vielmehr eine gewaltige Erschütterung zur Voraussetzung haben, und eine solche war auch thatsächlich vorhanden. Wollen wir den Grund der Niederschrift der mündlichen Ueberlieferung finden, so müssen wir aus die Bcivegung achten, welche das jüdische Leben ergriffen hat, als das Judenthum durch das Auftreten des jungen Christenthums überrascht wurde, als die Verbreitung des Christenthums in einer Weise vor sich ging, die die Rabbinatcn geradezu aus der Fassung bringen mutzte. Um dies zu verstehen, müssen wir einen Blick auf das Bcrhältniß des Urchristenthums und des Judenthums werfen, wie es sich besonders im Talmud darstellt. _ Wie im Evangelium Matthäi berichtet wird, betrug nach dem Tode des Stifters der christlichen Religion die Zahl seiner Anhänger kaum 1*20. Diese bilden, ähnlich der beliebten Secte der Essäer, eine Genossenschaft, die in Zurückgezogenheit lebt. Man ließ sie deshalb auch ruhig gewähren. Im Verlaufe der Zeit fängt das Gemeinwesen an, seine Kräfte zu entfalten und nach und nach gewinnt auch ihre Lehre eine festere Form, ja sie begangen bereits Proselyten zu machen, nach der Ansicht der Apostelgeschichte sogar circa 500. Zu dieser Zeit wurden die Christen mit dem Namen Minim bezeichnet. Da die neue Secte sowohl bei den Juden, als auch bei den Heiden Proselyten machte, unterschied man Juden- und Heidenminim. Die socialen Beziehungen der Judenminim zu den Nabbaniten waren anfangs ganz friedliche-, obwohl sie sich ihres Unterschiedes bewußt waren, verkehrten sie doch miteinander und so dauerte dieser ruhige Zustand bis zum Ende des ersten Drittels des 2. Jahrhunderts. Der jüdisch-römische Krieg, welcher den Untergang des jüdischen Staates herbeiführte, änderte an diesem Verhältnisse nichts. Die Judenminim betheiligten sich zwar an diesem Kriege nicht, doch nahmen dieRabbaniten daran keinen Anstoß, va sich ja auch die Essäer vom Schlachtfelde fern hielten. Innerhalb der neuen Secte unterschied man nach Justinian eine strengere und eine mildere Richtung; letztere verlangte nur für sich die strengere Beachtung des Gesetzes, den Heiden machte man Concessionen. Diese wurden, sobald sie sich nur des Götzendienstes enthielten, schon zur neuen Secte gezählt. Schon eine alte Halacha macht einen gleichen Unterschieb zwischen Gertanschow und Gerzedek, von welch letzterem das Gesetz dieselbe strenge Beobachtung verlangt, wie die Apostel von den Judenchristen. Durch die erleichternden Maßregeln fand das Christenthum immer mehr Anhänger. Den Rabbaniten konnte dies trotz vieler milderer Bestimmungen für den Proselyten nicht gelingen, weit sie das Gesetz der Milo (Beschneidung) nicht aufgebcn wollten. Da die neue Secte von diesem Gesetze dispensirte, strömten ihnen die Heiden schaarenweise zu und durch die Ueberhandnahme ihrer Anhänger imponirten sie selbst den Rabbaniten, die mit großer Besorgniß diese Bewegung betrachteten. Ihr Warnungsruf: „Halte dich fern von ihren Wegen und nähere dich nicht der Pforte ihres Hauses", verhallte ungeyört, ja das Volk begann mit ihnen zu fraternisiren. Die Rabbanileit fühlten gar wohl die Kluft, die sic von den Anhängern der neuen Religion schied, die innerlich vollständig getrennt von ihnen waren. Sie verboten deshalb den Umgang mit den Minim und unlersaglen selbst die damals beliebten Wundercuren vo>t ihnen anzuneymen, ohne jedoch, die Minim, aus dem Schoße der Religion anszuschließen. Die Minim, ihrer stets wachsenden Kraft sich vewußt, begannen nun die Ravbaniten und ihre Mutterreligiou anzugreifen: sie ziehen die DeutungSmethobe der Rabbaniten in Zweifel und erklären die Midans sür unzuverlässig, wohl wissend, daß sie dadurch die feste Burg der Haiacha stürzen könnten. So entfernten sie sich immer mehr von der Mullerretigion. Da brach der barkochbaische Krieg aus; Alles griff zu den Waffen, selbst Kinder betheiligten sich, >vie der Talmud berichtet, au dieser Bewegung, ja sogac die Samartaner blieben nicht zurück. Nur die neue Seele war theilnahmslos. Sie wollten keine gemeinsame Sache mit der Revolution machen — sie wußten, daß ihre Sache und die der Nabbaniten nicht dieselbe sei. Nach dem unglücklichen Ausgange dieses Krieges verbot Hadrian sowohl den Juden >vie auch den Judenminlin, die er eben als Juden betrachtete, nach Jerusalem zurückzukeyreu. Die Jndenmiiitln nun wählten einen Heiden zürn Bischof und erlangten dadurch die Erlaubniß zur Rückkehr. Jetzt war der Bruch unvermeidttch: der RabbiuiSmus war in se'ner empfindlichsten Stelle getroffen, tn der religiös-nationalen. Dadurch, daß oen Judenultnim erlnuvt war, in Jerusalem, dem Ausgangspunkte ihrer großen Vergangenheir, zu wohnen, gcwauiieu sie einen großen Vorsprung über den Ravbinismus. Die Nabbaniten waren eulschloffeu zu retten, was zu retten war. N. A k i b a, der geistige Führer der Revolution, tritt deshalb energisch gegen das Minimthum auf: er verbot das Leien ihrer Schriften, ja er sagt sogar, die Evangelien und alle anderen Bücher der Minim darf man nicht retten, selbst wenn sie 'brennen. So weit ging die Gegnerschaft. Unaufhaltsam aber gestalteten sich unterdessen die Zeitumstände günstiger sür die Minim, und besonders das Mißlingen des barkochbaischen Ausstandes wurde von ihnen dahin ausgelegt, daß der Stifter ihrer Religion der Messias sei. Die Schrlfien oer Minim waren bisher nur mündlich überliefert worden; jetzt gingen sie daran, sie zu sammeln, zu sichten und nieoerzuschreibeu. Die Redaktion der Evangelien füllt nach D. S t r a u ß (das Leben Jesu) in das Jahr 170. Dadurch gewannen sie abermals einen Vorsprung vor den Rabbaniten, die unterdessen immer neue Verordnungen gegen die Minim erließen, so betreffs des „Moadim" und der Neumondshetligung. Die Evangelien wurden in syrischer Sprache abgesaßt, d. h. in den damaligen aramäischen Dialect. Dies veranlaßte die Nabbaniten ein Gesetz zu erlassen, sich nur der griechischen oder der hebräischen Sprache zu bedienen. Endlich nachdem man so viele Maßregeln ergriffen hatte, schloß man sie von der Synagoge aus, verbot den Genuß ihrer Speisen, erklärte ihre Kinder für Mamserim rc. Diese Bestimmungen gatten freilich nur für die Minim in Palästina, betreffs der Heidenchristeu außerhalb P a l ä st i n a s war man anderer Meinung, da man sie nicht als Götzendiener betrachtete. Um aber das Judenthum vollständig zu retten, that man dasselbe, was eben die Judenminim durchgeführt hatten. , Man sammelte die mündliche Ueberlieferung, redigirte sie und schrieb sie nieder, um ein Gegengewicht gegen die geschriebenen Evangelien zu haben; hiebei gingen die Rabbaniten von der Ansicht aus, daß nur eine Literatur eine andere Literatur schwächen und brechen kann. Diese That scheint ein aus der Noth der Zeit hervvrgegangenes Ereigniß zu sein, ein Resultat der Erschütterung der Bolksieete. Doch war es auch höchste Zeit. Eher überschritt man das Berbot der Niederschrift, als daß man die Lehre der Vergessenheit preisgab. Dadurch, daß man die Ueberlieferung in heiliger Sprache niederschrieb, wurde sie eine unerschiitterlichc Festung. Nun wurde für diese Sammlung dieselbe Heiligkeit beansprucht, wie für die Lehre Moses und dieses Ziel, das sich die Nabbaniten gesteckt, wurde auch erreicht: die Ueberlieferung verbreitete sich in alle. Kreise und wurde überall gelesen. In ihr fand man einen Stützpunkt gegen das Minimthum. Bon diesem Momente ab scheiden sich Christenthum und Rabbinismus vollständig. Die Niederschrift ist der officielle Act der Trennung .— nun ist keine