Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 866 Vesterreichifche Wochenschrift Nr. 44 rasch um sich greift, auch die angrenzenden Häuser erfaßt und zerstört. Es wäre nicht unmöglich, daß des Fürsten Zorn auch auf ihn gelenkt würde. Er selbst müsse der Gefahr muthig ins Auge blicken und im Fürstenthume ausharren. Er habe die Pflicht, im Nothfalle seinem Bruder in seiner harten Bedrängniß beizustehen; überdies würde man, wenn er in dem kritischen Momente das Land verließe, dies als ein Zeichen der Furcht, als ein Geständniß seiner Mitschuld deuten. Ich aber, der ich durch eine glückliche Fügung von der Heimat abwesend sei, solle vorläufig in der Ferne den weiteren Verlauf dieser Angelegenheit abwarten. Ja, er rieth mir sogar, Breslau zu verlassen und mich nach einem Orte, wo ich unter fremden Namen unbekannt leben könne, zu begeben. Die Machthaber in Ansbach haben über den Proceß unserer Familie so viel Lügenhaftes ausgestreut, daß ich es für nöthig halte, den Verlauf dieser merkwürdigen Begebenheit wahrheitsgemäß vor Ihnen zu entrollen." »Ich habe schon längst gewünscht, eine richtige Darstellung dieses epochemachenden Ereignisses zu hören," sprach Wertheimer, „und bin auf diese in hohem Grade gespannt." „Mein Onkel Elkan hatte sich den Oberamtmann, Junker von Wackerbart, dadurch zum Feinde gemacht, daß er diesem einen Theil einer erpreßten Summe zu Gunsten der Beraubten, abgejagt hatte. Um Wackerbart schaarten sich Alle, die meinen Oheim aus irgend einem Grunde stürzen wollten. Jene, welche seine Stelle als Günstling und Berather des Markgrafen einnehmen wollten, aus Ehrsucht und Eigennutz; die unredlichen, blutsaugerischen Beamten, welche durch seinen Einfluß aus ibren einträglichen Stellen verdrängt wurden, aus Rachsucht; Andere blos aus Neid und Mißgunst, Biele, die ihn nur haßten, weil er ein Jude war, aus rohem Fanatismus. Es wurde dem Markgrafen eine Klage gegen Onkel Elkan überreicht, welche aber völlig wirkungslos blieb. Allein die Feinde meines Oheims ließen sich von dem ersten Mißerfolge nicht abschrecken. Sie suchten nach neuen Verbündeten und fanden zwei, ihrer Lebensstellung nach ganz verschiedene Personen, die nur in ihrem Hasse gegen die Fränkl, in der Absicht, sich an diesen furchtbar zu rächen, übereinstimmten. Es waren dies: die Markgräfin und Jesaias Fränkl, ein entfernter Verwandter von uns. Die Markgräfin war dadurch zur erbittertsten Feindschaft gegen meinen unglücklichen Onkel aufgestachelt worden, daß der Kammerjunker von Wackerbart ihr versicherte, Elkan Fränkl hätte in einem Kreise von Hofleuten erklärt, die Ehre der Markgräfin läge in seiner Hand, er könne sie als willenloses Werkzeug benützen. Es war dies eine niederträchtige Verleumdung und ich muß glauben, daß nur das schlechte Gewiffen der Markgräfin, die sich schuldig fühlen und glauben mochte, daß ihre Heimlichkeiten zu meines Oheims Kenntniß gelangt waren, sie veranlassen konnte, die Verleumdung zu glauben. Allein die Feindschaft der Fürstin wurde der Familie Fränkl lange nicht so gefährlich, als jene des unbedeutenden Jesaias Fränkl." „Dieser war ja, wie Sie sagten, ein Verwandter von Ihnen, ein Jude, weshalb war er Ihr Feind?" frug Perez Markbreiler, „und in welcher Weise konnte seine Gegnerschaft verderbenbringender werden, als jene der Fürstin?" „Jesaias Fränkl war von meinen Eltern als zweijähriges, vollkommen verwaistes Kind in ihr Haus ausgenommen und von den edlen Menschen, wie ihr eigenes Kind, wie ihr Fleisch und Blut behandelt und erzogen worden. Er wurde schon frühzeitig von bösen Trieben beherrscht, aber mein Vater, von den Obliegenheiten seines Amtes, dem Studium der Gotteslehre, der Erfüllung zahlloser religiöser Pflichten in Anspruch genommen, hatte nicht Zeit und Gelegenheit, jene zu erkennen, und meine gute, edle Mutter war dem ganz Verwaisten gegenüber zu milde, zu nachsichtig und verschwieg meinem Vater seine sträflichen Ausschreitungen. Allein plötzlich enthüllte sich sein Charakter in entsetzlich furchtbarer Häßlichkeit. Jesaias Fränkl, damals ein sechundzwanzigjähriger Mann, hatte sein Auge zu meiner Schwester Eva, einem kauni fünfzehnjährigen Mädchen, erhoben. Er wußte, daß meiner Mutter seine Unwürdigkeit bekannt war, er erkannte die große Kluft, die zwischen ihm und meiner Schwester lag, er war viel zu klug, um ihre Hand von meinen Eltern zu verlangender wußte es, auf diesem Wege war sie ihm unerreichbar, und er versuchte, um seinen Zweck zu erreichen, eine Schandthat, die nur durch die geistige Frühreife und Energie meiner Schwester verhindert wurde. Diese stürzte eines Tages in höchster Erregung in das Zimmer des Vaters und rief: Jesaias Fränkl wolle ihr gewaltsam einen Goldreif an den Finger stecken, sie habe sich dessen nur mit großer Mühe zu erwehren vermocht und er hätte sie voll Wnth bis an die Zimmerschwelle verfolgt." „Der Nichtswürdige!" rief Markbreiter, „er wollte sich das Mädchen durch das Anstecken eines Ringes und der hiebei gesprochenen Trauungsformel gewaltsam gegen ihren eigenen und ihrer Eltern Willen als Gattin antrauen!" „Mein Vater ließ Jesaias Fränkl rufen, überhäufte ihn mit den heftigsten Vorwürfen und befahl ihm, sofort sein Haus zu verlassen. Nun warf der Elende die Maske, die er bisher getragen, ab. Er bitte nicht, rief er, er fordere die Hand meiner Schwester und mit dieser eine Mitgift, wie sie der Tochter des reichen Fürther Oberrabbiners zukomme; und als Verwandter und alter Hausgenosse rathe er meinen Eltern, sein Begehren nicht abzuschlagen, da er sich sonst an ihnen und Eva in furchtbarer Weise rächen würde." „Der undankbare Schurke!" rief Markbreiter entrüstet. „Mein Vater, ein riesenstarker Mann, von gerechtem Zorne übermannt, stieß ihn zur Thüre hinaus. Wutschäumend, gegen meine Eltern, seine Wohlthäter, die fürchterlichsten Verwünschungen ausstoßend, verließ er das gastliche Heim, das ihm das Elternhaus ersetzt hatte. Der elende Bube, hielt, vielleicht das erste Mal in seinem Leben Wort. Er ging nach Ansbach und trat dort unter den Namen Christhold zum Christenthum, zum Protestantismus, über. Der erste Schritt den er als Neophyte unternahm, war, daß er sich bei den Feinden meines Oheims als Bundesgenosse meldete. Christhold- Fränkl ist ein ungemein schlauer Mensch und wußte sich trotz seiner Unbedeutendheit rasch Einfluß und Geltung zu verschaffen. Er wußte, daß die erste Dennnciation gegen Elkan Fränkl beim Markgrafen ohne Erfolg geblieben und versicherte, daß jede gegen ihn gerichtete Klage so lange sich sein Bruder in der Gunst des Fürsten sonne, ein gleiches Schicksal haben würde. Der Angriff müsse gleichzeitig gegen beide Brüder gerichtet werden. Er — der lange Zeit im Schooße der Familie gelebt — kenne deren Geheimnisse und er allein, besitze die Mittel, die beiden im Fürstenthume Ansbach allmächtigen Brüder zu stürzen." „Empörend.'" rief Markbreiter, „ich hätte es für unmöglich gehalten, daß ein Mensch so bodenlos niederträchtig sein könnte!" „Es wurden nun dem Markgrafen gleichzeitig zwei Anklagen, eine gegen Onkel Elkan, die andere gegen meinen Vater überreicht. Dem Onkel wurde vorgeworfen, er hätte Dispositionen über bessere Staatseinrichtungen eoneipirt und dem Landesfürsten vorgelegt, hätte vor Zeugen Ungünstiges über den Markgrafen gesprochen, hochverräterische Correspondenzen geführt, Jndentaufen verhindert, mit Frauenzimmern verdächtige Conversationen geführt, sich Cassendefecte an Staatsgeldern zu Schulden kommen lassen, endlich ein Gebetbuch, daß Schmähungen gegen die christliche Religion enthielt, besessen und aus demselben gebetet." Wertheimer unterbrach Rafael Fränkl. „Ich muß Sie ' wohl mißverstanden haben'; — man klagte Ihren Oheim an, er hätte dem Landesfürsten Dispositionen über bessere Staatseinrichtunaen vorgelegt?! Das war ja höchst lobenswerth!" . „Herr Oberhoffactor, ich verbürge es mit meinem Ehrenworte, daß die Anklagepunkte, genau so, wie ich sie angeführt, lauteten*). Die Deuunciation enthielt zum großen Theile nur eine Wiederholung der in der ersten vorgebrachten Gravamina, allein dieselben erlangten das zweite Mal dadurch ein größeres Gewicht, daß sie diesmal von einem Verwandten und ehemaligen Glaubens- und Hausgenossen der Fränkl ausgesprochen wurden, welcher behauptete, durch Visionen und überirdische Erscheinungen zu der Erkenntniß gelangt zu sein, daß er bisher in den Banden des Unglaubens gelegen. Wenn es zum Beispiel dem Markgrafen früher als lügenhafte Verleumdung erscheinen mußte, wenn behauptet wurde, der kluge, vorsichtige Elkan Fränkl hätte vor Fremden geringschätzig über ihn gesprochen konnte er es bei seinem Argwohn und Mißtrauen schon eher' glauben, wenn ein Verwandter es beschwor, daß Elkan Fränkl dies im Kreise der Seinen, wo er keinen Berrath befürchtete, gethan. Gegen meinen Vater, der sich in Staatsgeschäfle gemischt und seinen Einfluß auf den Markgrafen nur dahin ver- *) Dieselben sind wörtlich historisch.