Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 864 Vrfirrredhische Wochenschrift Sir. 44 auch an die russische Botschast gerichtet, bekam aber keine Antwort. Interessant ist, daß in Guben Freisinnige, Nationalliberale und Freiconservative sich verbündeten, um den berüchtigten. durch seine im Abgeordnetenhaus gehaltenen Reden über den Tantener Knabenmord bekannten Antisemitenhäuptling, Freiherrn v. Wacker barth, den Nährvater A h l w a r d t's, zu verdrängen; dies ist gelungen. Für Wackerbarth haben kaum dreißig Wahlmänner gestimmt, für seinen Gegner über dreihundert. Hamburg. In wie nobler und aufopfernder Weise in Hamburg würdige Genossen antisemitische Propaganda treiben, zeigt folgender Borfall: In der Nacht vom 14. auf den 15. October wurde bei dem hochbejahrten Herrn L. ein Einbruch verübt, wobei auf die Thüren der Zimmer mit einem Stempel der bekannte antisemitische Warnungsrus: „Deutsche, hütet Euch vor Juden" aufgedrückt wurde. Daß bei dem so verdienstvollen Werke auch viele Silbersachen abhanden gekommen sind, ist sicher nur ein unglücklicher Zufall, der wohl mit der Großthat selbst in keinem Zusammenhänge steht. Zur Kennzeichnung der antisemitischen Rowdies theilt dem „Vorwärts" ein Leser einen Vorfall mit, der sich am Dienstag Abend am Schlesischen Bahnhof in Berlin zutrug. Nach dieser Station fuhr ein iücischer Händler in einem Stadtbahmvagen dritter Classe, in tem sich einige antisemitische Rüpel befanden. Die Burschen fielen mit den Worten Lumpenhund, stänkeriger Jude, Blutsauger über den Mann her, was zur Folge hatte, daß einige Arbeiter, die sich im Wagen befanden, dem Unfug peuerten. Die Bengel verhielten sich auch bis zum Anhalten des Zuges ruhig, doch gleich nachdem der Händler aus dem Wagen gestiegen, wurde er verfolgt und in der Koppenstraße mit einem Stock zu Boden geschlagen. Nachdem die Heldevthat vollbracht war. nabmen die Rowdies natürlich Reißaus. Glücklicherweise blieb der Siegeslohn nicht aus, denn einige Arbeiter, die die Affaire beobachtet hatten, verfolgten die Vertreter des modernen Germanenthums und ertheilten ihnen, als sie in der Langenstraße eingeholt waren, eine derartige Lection, daß sie zu künftigen Bethätigungen ihres Deutschthums kaum noch Lust verspüren dürsten. Dresden. Ein ganz kostbares Exemplar eines Geschäftsantisemiten muß Herr Dr. Liman, bisher Redacteur und Leitartikler der „Dresdener Nachrichten", sein. Obwohl glühender Judenhasser und Antisemit vom reinsten Wasser, brachte es besagter Herr Lima« doch zuwege, gleichzeitig auch für die nationalliberalen, nach antisemitischer Auffassung also „verjudeten" „Leipziger Neuesten Nachrichten" „schneidige" Leitartikel zu schreiben, obwohl er sich contractlich verpflichtet hat, seine volle journalistische Thätigkeit allein den „Dresdener Nachrichten" zu widmen. Die „Dresdener Nachrichten" erwirkten einen gerichtlichen Befehl gegen Dr. Lim an, wonach dieser bei 500 Mark Strafe für jeden Zuwiderhandlungsfall das außercontractliche Schriftstellern unterlassen sollte, was auch das Landesgericht auf die Berufung Dr. L iman's hin bestätigte. In dieser Verhandlung wurde zeugeneidlich festgestellt, daß Dr. Lim an sich den „Leipziger Neuesten Nachrichten" gegenüber ehrenwörtlich verpflichtet hat, sie in Bezug auf Lieferungen von Leitartikel nicht im Stiche zu lassen. Gleichzeitig. hat er aber auch dem Eigenthümer der „Dresdener Nachrichten" Herrn Commissionsrath R e i ch a r t sein Ehrenwort gegeben, für die „Leipziger Neuesten Nachrichten" nicht mehr zu schreiben! Der Mann kann in der „antisemitischen Bewegung" Carriere machen. Paris, 20. October. Vor einigen Wochen kamen hier drei Gesandte aus Jassy an, welche sich an den Grand- Rabbin Zadoc Cahn mit der Bitte wandten, den Baron Hirsch sowohl als auch die Alliance Israelite zu veranlassen, den in Rumänien unterdrückten Juden im Allgemeinen, speciell aber den jüngst aus den Dörfern ausgewiesenen 130 jüdischen Familien, welche sich in unbeschreiblichem Elend und Mangel besinden, helfend unter die Arme zu greifen. Auf die Fürbitte des Grand-Rabbin ließen der Baron und die Alliance Isra€lite alsdann den Nothleidenden beträchtliche Summen zur Unterstützung zukommen, während die Deputaten nach London reisten, um auch dort die bemittelten Glaubensgenossen für die nothleidenden Glaubensbrüder in Rumänien zu interessiren. — Die Bitte des Grand-Rabbin an den Baron Hirsch, in Palästina eine neue Colonie zu gründen (für die 130 Familien), wurde mit der Motivirung, daß es momentan unmöglich sei, abgelehnt! In einer Commission der „Gesellschaft zur Gründung jüdischer Colonien" wurde vergangene Woche beschlossen, der Verwaltung der Geschäfte der jüdischen Colonien in Buenos- Ayres eine besondere Abrheilnng von Geometern und Katasterbeamten beizusügen, welche die Theilung des Grund und Bodens der Colonisten unter sich, sowie die Abgrenzung der jüdischen Colonien gegen ihre nichtjüdischen Nachbarn vorzunehmen haben werden. Es wurde zu diesem Zwecke eine Anzahl russischer Juden, welche hier in Paris ihre diesbezügliche Ausbildung genossen haben, bestimmt. Paris, 12. October. Baron Edmund Rothschild, hier, hat jenseits des Jordans einen bedeutenden Complex Ackerland gekauft, früher Privateigenthum des Sultans, um daselbst neue Colonien zu gründen. Die Sicherheitsverhältnisse jenseits des Jordans haben sich in den letzten 15 Jahren Dank den Bemühungen der Regierung bedeutend besser gestaltet. Die türkische Regierung hat dortselbst mehrere Militärstationen, meist aus Tscherkessen bestehend, errichtet, welche durch Streifzüge tief in das Innere der Gegend den Beduinen die Lehre ertheilen, mit civilisirten Menschen besseren Umgang zu pflegen. Der Boden jenseits des Jordans ist zum Weizenbau sehr ertragfähig und wird auch unbedingt zum Weinbau geeignet sein. Nebenbei sei noch bemerkt, daß der Grund und Boden jenseits des Jordans viel wohlfeiler als der in Judäa ist. Odessa, 12. October. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verwaltern der Colonien in Buenos-Ayres und den russischen Delegirten, die darin gipfeln, daß die Verwaltung nur einzelne Bauernhöfe, während die Delegirten mindestens Dörfer von 50 Gehöften gründen wollten, ist nunmehr zu Gunsten unserer Delegirten erledigt. In Folge dessen geht morgen den 13. October die erste Expedition von 35 Familien vom hiesigen Hafen in See über Genua nach Argentinien. New-Uork. (Ein Erzbischof gegen das Blutmärchen.) Vor dem Wellparlament der Religionen in Chicago gab am 23. September der griechisch-orthodoxe Erzbischof Latas von Zante folgende Erklärung ab: „Im Osten ist unter der unwissenden Masse der Bevölkerung der Glaube verbreitet, daß die Juden für die Zwecke ihres religiösen Ritus das Blut christlicher Kinder benützen und, nur sich solches zu verschaffen, vor der Begehung von Morden nicht zurückschrecken. In Folge dieses Glaubens brechen häufig Judenverfolgungen aus und die unschuldigen Opfer sind vielen Demnthigungen unterworfen und großen . Gefahren ansgesetzt. Mit Rücksicht auf die Thatsache, daß solche irr-- thümliche Ideen auch unter den Unwissenden anderer Länder circuliren und im letzten Jahrzehnt sowohl Deutschland als auch Oesterreich der Schauplatz von Gerichtsverhandlungen gegen unschuldige Inden waren, die angeklagt wurden, solche Ritnalinvrde begangen zu haben, richte ich als christlicher Priester an tiefen Cvngreß die Aufforderung, unsere Ueberzeugung zur Kenntniß zu nehmen, daß das Juoenthnm Mord jeder Art verbietet und daß keine seiner heiligen Autoritäten und Bücher den Mord oder den Gebrauch von Menschenblut für rituelle Zwecke oder religiöse Ceremonien gebieten oder gestatten. Die Verbreitung einer solchen Verleumdung gegen die Bekenner eines monotheistischen Glaubens ist unchristlich. Der Ursprung dieser Verleumdung muß znrückgesührt werden aus die Einbildung der Römer, daß die ersten Christen Menschenblut bei ihren religiösen Verrichtungen benutzten. Es ist unvereinbar mit der Pflicht des Christen, eine so schreckliche Anschuldigung unwiderlegt zu lassen und es liegt im Interesse des guten Rufes des Christenthums, das; ich dieses Parlament anffordere, zu erklären, daß das Judenthum und die Juden des ihnen angedichteten Verbrechens ebenso unschuldig sind, wie cs die Christen der ersten Jahrhunderte waren." Der Sitzung, in der diese Erklärung abgegeben wurde präsidirte — das ist amerikanische Courtoisie —, ein Jude, Rabbi Hirsch aus Chicago. VenmMes. Wien. (Trauungen.) Donnerstag am 26. October 1893 wurden getraut: Herr Hermann W o h l f e l d mit Frl. Clara Ornstein. — Sonntag am 29. October wurden getraut: Herr Anton Singer mit Frl. Marie Konrad; Herr Sigmund Rosenbaum mit Frl. Marianne Heller; Herr Dr. Wilhelm Reinitz mit Frl. Emilie Steiner; Herr Theodor Löwit mit Frl. Henriette Rooz; Herr Dr. Carl Ullmann mit Frl. Gabriele Rosauer; Herr Norbert Schwarz mit Frl. Malvine Greuzinger. Wien. Im israel. Tempel im IX. Bezirk wird Se. Ehrwürden Herr Dr. Gelbhaus Freitag Abends predigen. (Requiem.) Montag am 6. d. M., 4 Uhr Nachmittags, findet im israelitischen Tempel des IX. Bezirkes, Müllnergasse, eine Trauerandacht für den verstorbenen Bereinspräses Herrn Leopold Quittner statt. Die Gedächtnißrede hält Rab? biner D r. G e l b h a u s.