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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-03 · 44 (3.11.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 860 Orstrrreichifche Wochenschrist Nr. 44 nähme aber wurde bei den Juden gemacht, sie durften höhere Zinsen nehmen wie die Christen. Das gab den Kaisern, die cs zu gestatten hatten, wieder Gelegenheit, das Judensckutzgeld zu erhöhen. Unter folgenden Hauptbeschränkungen stehen die Juden. Sie durften nicht Grundbesitz erwerben, waren also vom hauptsächlichsten Productionsinstrument des Mittelalters ausgeschlossen. Es war ihnen verboten, ein Handwerk zu treiben, sie waren rechtlos in Staat und Gemeinde. Sie zahlten besondere Abgaben, sie mußten in bestimmten Stadttheilen, Ghettos, wohnen und äußere Kennzeichen tragen. Sie durften keine Christen ehelichen, christliche Aerzte durften keinen Juden, christliche Hebammen keiner Jüdin helfen. Bis in die neueste Zeit blieben diese Beschränkungen bestehen, die erst das Edict von 1812 ftrr Preußen aufhob. Aber diese Aufhebung blieb zunächst auf dem Papier und 1833 verlangten die Provinzialstände sogar neue Beschränkungen. Erst das Jahr 1848 brachte bedeutende Verbesserungen in der Lage der Juden, und ihre rechtliche Gleichstellung wurde erreicht. In den ersten Jahren des Deutschen Reiches war von einer antisemitischen Bewegung noch keine Rede. Erst 1877 organisirte sich der Antisemitismus. Stöcker warf sich zum Wortführer der Bewegung auf. Wie kam die Bewegung zu Stande? Sie war die natürlich' Folge der ökonomischen Zustände, in die wir nach dem Krach von 1873 gelangten. Nach dem plötzlichen Zusammenbruch und dem Abschluß der glänzendsten Periode, die die deutsche Industrie je gehabt hat und je haben wird, machte sich zum ersten Male bei den Handwerkern das Gefühl bemerkbar, daß cs mit dem Handwerk abwärts gehe. Die Mittelschichten sahen sich nach der Msache ihrer beginnenden Bedrängniß um. Die Juden waren als Capitalisten in den Vordergrund getreten. Dazu kamen die vorher charakterisirten Eigenschaften des Juden und gegen ihn richtete sich das Gefühl des Hasses in den Kreisen der Hand werter und Gewerbetreibenden, weil er ihnen als Concurrent im Handel entgegenttat. Und er war »ein sehr unbequemer und überlegener Concurrent. Gerade im Handelsgewerbe ist die Zahl der Juden sehr groß, sie beherrschen zum Beispiel den Handel mit Agriculturproducten in Thüringen, Franken, Nordbaiern. Capitalist und Jude sind den hessischen Bauern identische Begriffe, schrieb jüngst mit Recht ein Genosse. Der kleine Bauernstand glaubt heute nicht mehr an die schönen Versprechungen der Conservativen und Ulttamontanen, er sieht ein, daß, wenn ihm nicht in Bälde geholfen wird, er unrettbar verloren ist. Er ist in die Hände der antisemitischen Demagogen gefallen, die ihm sagen: Schafft die Juden aus der Welt, die euch aussaugen, dann beginnt für euch die Periode des allgemeinen Wohlstandes! Wir können als ehrliche Männer den Bauern nichts Anderes sagen als: Wir können euch nicht helfen in der heutigen Gesellschaft. Und trotzdem haben wir auch unter den Bauern Anhänger gefunden, die einsichtig genug sind, den Gang der wirthschastlichen Entwicklung zu begreifen. Die Wahl Fusan gel's in einem bäuerlichen Kreise resultirt aus dem Gefühl dieser Bauern, daß ihnen trotz Getreidezölle nicht zu helfen ist. Damit ist der Beweis erbracht, daß auch die Erfolge des Centrums auf ökonomischen Ursachen beruhen. Wenn der Bauer Kartoffeln. Getreide, Hopfen und Wein verkauft, wer sind die Käufer? Juden. Wer sind Diejenigen, die Capitalien leihen, Vieh kaufen oder verkaufen? Juden. Der Engros-Handel mit Vieh ist überall in den Händen der Juden. Nur zu natürlich, daß antisemitische Erscheinungen zu Tage treten. Die kapitalistische Entwicklung bei uns wird nur noch von der amerikanischen übertroffen. Sie ist heute so weit, daß das Capital schon Capr talisten zu fressen beginnt. Je größer die Concentration des Capitals, um so mehr kann die Schutzzoll-Gesetzgebung, die den Bauern und den kleinen Handwerker angeblich retten soll, nur das Capital fördern. Der Mittelstand wird aufgezehrt, die Schuhmacherei und Schneiderei wirv fast ganz von den Juden beherrscht. Ganz natürlich, daß der Jude, der die kleinen Schuhmacher und Schneider tausendfach beschäftigt, als Ausbeuter den Antisemitismus schafft, und wenn nun Einer sagt: schafft die Juden weg. so ist es ebenso natürlich, daß die bornirten Gewerbetreibenden darauf hereinfallen. In dem Bestreben, um jeden Preis gerettet zu werden, folgen sie den Antisemiten gedankenlos und blind. Wenn Jemand mit Unverschämtheit vor jene Leute hintritt, so ist es der Antisemit. Wo würde das ein Socialdemokrat wagen? Mit dem Besen würde er von den eigenen Genossen Hinausgetrieben werden. Der Staat vergibt große Lieferungen an die Juden, weil diese billig liefern können. Wenn nun die Juden die Handwerker drücken, so kommt die natürliche Abneigung hinzu, um bei den ungebildeten Menschen den Haß auf das Höchste zu treiben. Unsere Beamtenwelt ist antisemitisch. Der Grund liegt darin, daß ein großer Theil der Beamten schlecht bezahlt wird und jüdischen Wucherern in die Hände geräth. Weshalb gibt es unter den Wucherern viele Juden? Weil ihr Unternehmungsgeist sie gern riscante Geschäfte machen läßt. Das Wort, mit steigendem Risico muß auch die Risicoprämie steigen, dies Wort hat nicht einmal ein Jude, sondern Schultze-Delitzsch erfunden. Den Antisemitismus befördert beim Beamtenthum auch der unklare Drang zur Opposition. Der Antisemitismus ist die staatlich erlaubte Opposition. Der Beamte hat nur die Wahl zwischen konservativen und antisemitischen Versammlungen. Da die konservativen lyngweilig sind, gibt er dem antisemitischen Radau den Vorzug. Aus ähnlichen Gründen sind Officiere und Feudaladel antisemitisch. Die Verschwendungssucht dieser Classe überliefert sie dem Wucher. Freilich hindert das unseren Adel nicht, einen jüdischen Goldfisch zu heiraten. Auch von den Studenten ist der größte Theil antisemitisch. Der Concurrenzkampf macht sich eben auch innerhalb der gelehrten Kreise geltend. Alles ist überfüllt, selbst der frühere Mangel an Theologen ist verschwunden. Der Noth gehorchend, wird man Geistlicher. Ein Beweis, wie materiell auch die Vertreter der Religion denken. Bei ihrem Reichthum, ihrem Streben nach Bildung, das soll nicht verkannt werden, überschwemmen die Juden die Universitäten, sie studiren Jura und Medicin und die germanischen Musensöhne erblicken in ihnen eine unleidliche Concurrenz. Die Juden zeichnen sich im Allgemeinen durch Zähigkeit und Nüchternheit aus. Der jüdische Student studirt eben, der germanische treibt sich in Kneipen und auf dem Fechtboden herum und wird dann beim Examen von Juden geschlagen. Weshalb ist in Sachsen, wo die wenigsten Juden leben, der Antisemitismus am stärksten? Das liegt an den sächsischen Conservativen, mit deren Speichelleckerei und Kriecherei die Bauern nicht mehr zufrieden sind. Wir kommen an die Reihe, wenn die Antisemiten abgewirthschaftet haben. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, wenn der Antisemitismus in den nächsten Jahren noch wachsen wird; er muß über sich selber hinauswachsen. Ahlwardt zieht schon jetzt auch gegen das Junkerthum los. Auch die hessischen Antisemiten müssen bereits gegen das Capital Front machen. Redner geht nunmehr zu einer Besprechung des antisemitischen Programms über und zeigt, daß darin conservative und reactionäre Forderungen mit demokratischen und socialistischen abwechseln; so verlangen sie die progressive Einkommensteuer unter Beibehaltung der Getreidezölle, die sie für den Bauernfang brauchen, so fordern sie auch die Verstaatlichung der Grundschuld, die auch im communistischen Manifeste gefordert wird. Aber der Sinn der Forderung ist da anders. Es wird unter Voraussetzung einer revolutionären Regierung die Socialisirung der Gesellschaft verlangt. In der heutigen Gesellschaft muß eine solche Forderung schließlich nur dem Agrarierthum zugute kommen, dem es sehr angenehm sein werde, seine Schulden mit 3 Perzent zu verzinsen, während der Staat 3'/, Percent bezahlen müsse. Die Differenz werde durch Steuern aufgebracht werden müssen, und wen die treffen, das wissen wir. Redner tadelt bei dieser Gelegenheit, daß die baierischen Genossen im Landtage den Antrag auf Verstaatlichung der Hypothekenschulden gestellt haben. Solch bedenkliche Concessionen dürfe man nicht machen. Von Versumpfung hätten die Unabhängigen geredet. Er gebe die Berechtigung dieser Behauptung nicht zu, aber man müsse aufpaffen. Redner schließt mit der Bitte um Annahme seiner Resolution. (Stürmischer Beifall.) Vudapester Briefe, n. Ende Oktober 1893. Ihre antisemitischen Landsleute, die „rassenreinen" Deutschnationalen, werden sicherlich wieder Gist und Galle gegen Ungarn speien, wenn sie diese Zeilen etwa zu Gesichte bekommen sollten— so viele schöne Zeichen von unverfälschtem Liberalismus und interconfessioneller Eintracht habe ich Ihnen diesmal aus unserem öffentlichen Leben zu berichten. Zunächst von dem edlen Beschluß unserer hauptstädtischen Repräsentanz, die in ihrer am 4. d. M. abgehaltenen und von 236 Mitgliedern besuchten Generalversammlung den in nieinem

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