Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Orsterrrichifchr Wochenschrift Seite 859 Verbitterung beherrscht, treffen die Meisten diese Wahl ohne viel nachzudenken. Der Uebergang der Juden zur Socialdemokratie ist die unvermeidliche Rückwirkung des Antisemitismus; wie gestaltet sich aber die Rückwirkung dieses Ueberganges auf das Judenthum? Wir haben keine Stiftungen in großem Umfange, haben keine Staatssubveutionen, keinen Kirchenfond, haben auch keine Tempelpatronate; unsere Gemeinden, unsere Anstalten stehen demgemäß in einem bestimmten Abhängigkeitsverhältniß zu Denjenigen, welche am meisten zur Bestreitung der Gemeindelasten beitragen. Dadurch werden Einrichtungen und Gewohnheiten bestimmt und der Jude fühlt sich in seinen demokratischen Anschauungen verletzt, selbst im Tempel, selbst wenn der Prediger in kunstvoller Rede die Religion verherrlicht. Die Socialdemokratie allein bietet da dem armen Juden eine Genugthuung, die er nur in der Bibel selber noch zu finden vermöchte. Es ist unglaublich, wie weit verbreitet solche Anschauungen schon bei den Juden sind. Sieht man von den orthodoxen Kreisen ab, so sind die Idealisten unter den Juden fast ausnahmslos Socialisten oder Palästinenser, oder Beides. Sorialdemokrstie und Antisemitismus. Rede des Abgeordneten Bebel ans dem socialdemokratischen Parteitag von Köln am 27. Oktober 1893. Parteigenossen! Als wir vor einem Jahre den Punkt „A n t i s e m i t i s m u s und Socialdemokratie" auf die Tagesordnung unseres Parteitages setzten, war es besonders die antisemitische Presse, die mit Genugthuung davon Act nahm. Sie behauptete, die Thatsache, daß die Socialdemokratie officiell Stellung zum Antisemitismus nehme, beweise, welche Bedeutung die antisemitische Bewegung in Deutschland erlangt habe. Gewiß mußte der Antisemitismus erst eine gewisse Bedeutung erlangt haben, bevor die Socialdemokratie sich entschloß, sich mit ihm zu beschäftigen. Deshalb weisen wir ihm aber noch keine große-Bedeutung bei, wie die heutigen Verhandlungen ergeben werden. Wir haben dem Antisemitismus gegenüber nur gethan, was wir gegenüber allen neuen Erscheinungen thun werden, die sich auf socialem und politischem Gebiet zeigen. Bor solchen Erscheinungen hat die Socialdemokratie nie die Augen geschlossen, sondern sie geprüft, kritisirt und ihre Ursachen festzustellen versucht. Wenn ich sage, der Antisemitismus ist eine neue Erscheinung, so muß ich das in gewissem Sinne einschränken. Als Judenfeindschaft besteht der Antisemitismus seit anderthalb Jahrtausenden, als neue sociale Erscheinung, als eine politische Partei, in der sich die feindlichen Bestrebungen gegen das Judenthum concentrireu, besteht er erst seit anderthalb Jahrzehnten. Ueber die Bedeutung der antisemitischen Bestrebungen besteht auch irt unseren Kreisen eine getvisse Unklarheit. Als ich in Berlin vor dem Parteitag im sechsten Wahlkreise sprach und auch den Antisemitismus behandelte, meinte in der Debatte ein Genosse: Diese Frage habe für den Parteitag keine Bedeutung, in Wahrheit sei der Antisemitismus nur ein Product von Schlagworten. . Der Beifall, den diese Ansicht fand, war zwar klein, aber er bewies mir doch, daß in den Kreisen der Parteigenossen noch Unklarheit über die Frage vorhanden ist. Wäre der Antisemitismus wirklich nur ein Product von Schlagwörtern, dann hätten wir uns hier nicht mit ihm zu beschäftigen (Zustimmung). Auch unsere Gegner behaupteten ja früher, die Socialdemokralie sei blos von einigen Agitatoren erfunden. Jetzt haben die allermeisten das total Irrige dieser Anschauung erkannt. Auch der Antisemitismus ist aus der socialen Entwicklung hervorgewachsen, und er kann, das will ich hervorheben, nur verschwinden, wenn seine Ursachen, die socialen Uebel der heutigen Gesellschaft, beseitigt werden. Im Sinne des Judenhasses ist der Antisemitismus eine sehr alte Erscheinung. Seit der Vernichtung des alten jüdischen Reiches und der Zerstreuung der Juden hat es eine antisemitische Strömung durch die Jahrhunderte gegeben. Man lese nur Tacitus! Die Juden waren in alter Zeit ein ackerbautreibendes Volk, im Gegensatz zu ihren Stammesgenossen, den handeltreibenden Phöniziern und Carthagern. Die geographische Lage Judäas schloß die Entwicklung des Handels aus. Sobald aber die Juden auseiuandergespreugt waren, wandten sie sich charakteristischer Weise dem Handel zu. Die alte Culturwelt beruht auf der Sclavenarbeit und in Folge ihrer eigenthümlichen Organisation war es für außenstehende Elemente außerordentlich schwer, in diese Organisation eknzudringen. Die Juden mußten sich dem Handelsgewerbe zuwenden, wozu sie die nationale Anlage der semitischen Rasse befähigte. Und dabei sind sie bis zur Gegenwart überall dort geblieben, wo sie vereinzelt saßen. Wo sie aber in dichter Anzahl neben einander leben, da beschäftigen sie sich mit dem Gewerbebetrieb, so in Polen, Galizien und Ungarn. Dort bilden auch die handeltreibenden Juden nur einen kleinen Theil der,übrigen jüdischen Bevölkerung. Die anderen aber sind Proletarier, die von jüdischen Eapitalisten in genau so schamloser Weise ausgebeutet werden, wie die christlichen Eapitalisten ihre Arbeiter ausbeuten. Wo die Juden sporadisch leben, und unter den 50 Millionen Deutschen befinden sich nur 500.000 Juden, also ein Percent der Gesammtbevölkerung. ist ihre wesentliche Beschäftigung der Handel. Es gab keine Geschichtsperiode in Europa mit Ausnahme der muhamedanisch. arabischen, wo nicht die Juden geflissentlich und systematisch von jeder anderen Beschäftigung ausgeschlossen worden wären. Obwohl Judäa die Wiege des Christenthums bildete, stand das Christenthum sehr bald in Feindschaft zum Judenthum, und andererseits waren auch die Juden von tiefem Haß gegen die Abtrünnigen, als die ihnen die Christen galten, erfüllt. Nimmt man die Lehre der christlichen Kirche von den Verfolgungen und dem Kreuzestode Christi durch die Juden hinzu, so ist ein religiöses Moment für den Haß gegen die Juden gegeben, das namentlich im Mittelalter die Juden beherrschte. Hierzu kommt die Abneigung zwischen Angehörigen verschiedener Rassen, die besonders bei Menschen auf niedriger Culturstufe vorhanden ist. Jetzt wird der Nationalitätenhaß in Europa von der Bourgeoisie besonders geschürt. Jedenfalls kommt bei dem Judenhaß mit in Betracht, daß es sich dabei um den Haß gegen eine Rasse handelt, die Grnndverschiedenheiten im Wesen und* Charakter noch bis heute trotz zweier Jahrtausende aufrecht erhalten hat. Hat mau außerdem noch das Malheur, durch die äußere Erscheinung aufzufallen, so daß man jeden Juden an der Nase erkennen kann, so begünstigt das die Feindschaft und den Haß. Bis in die neueste Zeit sind die Juden gezwungen gewesen, getrennt von der übrigen Bevölkerung zu leben. Durch das ganze Mittelalter bis tief in dieses Jahrhundert hinein bestanden Gesetze zur Unterdrückung der Juden, die sie nöthigten, in der Vereinsamung zu leben. Dieser fortgesetzte Zwang und Druck auf die Raffe während vieler Jahrhunderte hat das Gefühl der Zusammengehörigkeit bei jener vertieft und damit wieder den Abschluß von der übrigen Bevölkerung begünstigt. Besonders hat sich die Gesetzgebung des Mittelalters schwer gegen die Juden versündigt und alle die Erscheinungen begünstigt, die heute an den Juden getadelt werden, objectiv betrachtet, mit großem Unrecht getadelt werden. Vom 12. bis zum 15. Jahrhundert fanden in Deutschland die gewaltthätigsten Judenverfolgungen statt. Vom Jahre 1198 bis 1831 fanden nicht weniger als 52 große Judenverfolgungen statt, und zwar in allen großen Slädten Deutschlands. Ihres Glaubens, ihrer Rasse und nicht zuletzt ihres Vernkögeus wegen wurden die Juden vertrieben, geplündert, gepeitscht und auf die scheußlichste Art ermordet. Ich kann eine gewisse Bewunderung der Rasse nicht versagen, die sich trotz dieser furchtbaren Verfolgungen aufrecht erhalten hat. In der ganzen Geschichte der Menschheit gibt es nur zwei Beispiele von zersplitterten und verstreuten Völkern, die die Reinheit ihrer Raffe bewahrt haben: die Zigeuner und die Juden. Unter der Unterstützung der weltlichen und geistlichen Obrigkeit wurden diese Gewaltthaten und Massenhetzen gegen die Juden betrieben. Andererseits gestanden diese Mächte den Juden wieder gewisse Begünstigungen zu, besonders thaten dies die Kaiser, deren Gewalt die Juden als des römischen Reiches Kammerknechte unterstellt waren. Die Juden zahlten ein Schutzgeld an die kaiserliche Casse und verschiedene Kaiser benutzten die Gelegenheit, das Schutzgeld zu erhöhen. Noch ein anderer Grund kam hinzu. Bis ins späte Mittelalter hinein verpönte die Kirche den Wucher, wobei unter Wucher das Zinsnehmen überhaupt verstanden wurde. Dieses Verbot gerieth in schroffen Widerspruch mit der Entwicklung des Capitalismus. Als auch die Kirche in den Besitz großer Geldmittel gerieth, hatte sie kein Interesse mehr au dem Verbot des Zinsnehmens überhaupt, da sie selber Geld auszuleihen begann. Aber ein Maximalsatz für den erlaubten Zins wurde festgesetzt. Diese Zinsbeschränkungen haben lange bestanden. Eine Aus-