Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-03 · 44 (3.11.1893) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020998--02921-3027033
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 858 Oesterreichi sche Wochenschrift Nr. 44 tischen Budgets der Staaten, wo Summen figuriren, die früher einen Mathematiker wahnsinnig gemacht hätten, denkt man daran, daß die Steuerämter jetzt mit den Millionen hantiren, wie sonst die größten Bankhäuser, denkt man an Dividenden und Renten, denen gegenüber allerdings nicht jene gerechte Gleichheit wie gegenüber vielen Lasten und Qualen der Gegenwart, so muß man bedauern, daß Rabelais nicht in unserem goldenen Zeitalter lebt, um den Alles verschlingenden Riesen-Gargantua, der zur Anregung seines Appetits nicht erst der kriegerischen Bewegung bedarf, in seiner wahren Gestalt zu schildern. Allein trotz des Friedens zwischen den Staaten und trotz der erfreulichen Erscheinung, daß in den Sammelcanälen und Reservoirs der Millionen die Dinge ganz cxact vor sich gehen, haben wir einen doppelten Krieg, den Krieg des Socialismus gegen das Bestehende in ganz Europa und den Krieg des Antisemitismus gegen die Juden in Deutschland und Q e st e r r c i ch, also in den Ländern, wo seit urgeschichtlichen Zeiten die Wölfe mehr als sonst irgendwo in der Welt gewohnt sind. Schafsselle zu tragen, wo die Frömmigkeit auf den Lippen,' die Tugendhaftigkeit in den heuchlerisch verzerrten Gesichtern stets mit Stöcke r'schem Erfolge und Ahlwardtscher Frechheit ihre Rolle durchführten, und wo man sich stets die größten Gemeinheiten gegen die Juden gestattete, ohne an dem Bewußtsein Schaden zu nehmen, daß man in Bildung und Edelsinn hoch über allen Rationen der Erde stehe. Äir haben, wie gesagt, in unserer glücklichen Gesellschaft einen zweifachen Krieg, die Socialdcmokraten sind als kriegführende Partei in der Offensive, wir Juden sind wider Willen in den Krieg hineingerissen worden und sind in der Defensive. Aber nachdem die hochcivilisirte Gesellschaft Deutschlands und Oesterreichs nicht unfern socialen Frieden beschützt und wir uns jener behaglichen Sicherheit erfreuen, wie ein Bleichgesicht, das in einem Jndiancrtcrritorium spazieren geht, so kann man es uns nicht verargen, wenn wir unsere Zelte dort aufschlagen, wo wir auf ehrliche Geineinschaft und aufrichtige Waffenbrüderschaft rechnen können. Im Kriege sind wir ja doch; so ziehen wir denn hinüber in jenes Kriegslager, wo die Defensive sich in die Offensive verwandelt. Der Jude ist von Natur aus kein Socialist; ich, Herr Redacteur, indem ich mich mit diesen Zeilen an Sie wende, habe nicht die Absicht, für den Socialismus Propaganda zu machen. Ich will nur auf den Proceß aufmerksam machen, der sich mit der Nothwendigkeit eines Naturgesetzes vollziehen muß. Ich fühle mich dazu angeregt durch den Artikel, den Sie in Ihrer Wochenschrift über diesen Gegenstand veröffentlicht haben. Ich weiß es, das ist eine wichtige und keineswegs einfache Sache. Man fühlt es, der Geist der Weltgeschichte ist bei der Arbeit und er strebt hohen Zielen zu, wenn scheinbar Neaction und Barbarei hcreinznbrcchen drohen. Sie haben mit Recht auf das, gelinde gesagt, zweideutige Verhalten der Behörden hingewiesen, Sie haben mit Recht betont, daß alle Parteien den Juden zurückstoßen, ihn im besten Falle nur als Staatsbürger zweiter Elaffe ansehen. Gestatten Sie, daß ich meine Bemerkungen Ihren Beobachtungen anreihe. Die antisemitische Bewegung hat unsere kritischen Sinne geschärft. Haben wir die Schuldigkeit gegen uns selber erfüllt, wenn der Einzelne gemäß seiner Begabung auf breitgctretenem Geleise in der Gesellschaft vorwärts zu kommen sucht? Es ist doch ein beständiges Spießtuthcnlaufen, „Jude" schallts von allen Seiten, „Jude" mit dem Ausdrucke namenlosen Hasses, gleichviel, ob der Jude den .Professorentalar trägt oder'hinter dem Pfluge geht, ob die seidene Schleppe rauscht, die Brust mit Orden geschmückt ist, oder ob er keuchend, die Last auf dem Rücken, als Hausirer durch die Dörfer wandert. Der Jude in Deutschland und Oesterreich fühlte sich früher stets als Bürger des Staates und als nichts Anderes; ohne irgend einen Vorbehalt schloß er sich den Parteien an, die seiner Ueberzeugung zusagten. Aber jetzt? Man stößt uns gewaltsam zurück, jetzt schärft die antisemitische Bewegung unseren kritischen Sinn. Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident. Gibt es keine bessere Vertheilung der Güter der Erde, als jetzt, wo das Recht sich oft in Unrecht verwandelt und das Gesetz als Instrument der Bedrückung ausgenützt wird? Die höchsten Autoritäten der Staaten haben die sociale Frage im Principe und damit die Berechtigung der socialen Bewegung anerkannt. Die Bibel hat das kategorische „Du sollst nicht gelüsten" und damit ist verhütet, daß wir persönliche Momente in den Socialismus hineintragen, daß wir den Reichthum des Einzelnen beneiden. Die Bibel hat aber auch ihre focialistischen Ideale, ihre focialistischen Gesetze und Einrichtungen. Sie kennt keine bevorzugte Kaste, sie hat das Fideicommiß für Alle, die im Lande wohnen, sie schützt den Sclaven, den Lohnarbeiter, die Witwen und Waisen und die Armen. Nach der uns aufgedrungenen Prüfung des sogenannten „Socialismus der Dummen" gelangen wir zur Anerkennung der aufgeklärten Socialdemokratie, welche die Menschen schätzt nach ihrem Werthe und sich nicht nach Abstammung und Religion erkundigt. Diejenigen aber, die sich mit den socialdemokratischen Bestrebungen befreunden, sie können sich sagen, daß sie auf biblischem Boden stehen. Als die Juden aus Egypten zogen, da schlossen sich ihnen fremde Elemente an, welche die große Mission des Moses nicht zu begreifen vermochten. Das war das Ereb Rab. Auch der Socialismus war in Gefahr, ein solches Ereb Rab in seinem Gefolge zu haben. Durch die antisemitische Bewegung wurden diese unlauter» Elemente ausgeschieden. Die antisemitische Bewegung ist, wie Professor Ziegler in Straßburg treffend bemerkt, das Sammelbecken der unlauter» Elemente, die sich sonst an die Socialdemokratie herangemacht hätten. Das Fernhalten solcher Elemente, der Gegensatz zwischen Socialdemokratie und Antisemitismus, muß in natürlicher Weise die Anziehungskraft der Socialdemokratie auf uns verstärken. Wie gestaltet sich nun das Bild? Die Socialdemokratie bekämpft nicht nur das Unrecht in den bestehenden Verhältnissen, nicht nur die übergreifenden Consequenzen des Erbrechts, sondern sie bekämpft auch das Unrecht in den Gesinnungen und die ererbten Vorurtheile. Diese Arbeiter in den dunstersüllten Fabriken, in den kleinen Wohnungen, die nie an glänzender, reichbesetzter Tafel sitzen, nicht über luxuriös eingerichtete Bibliotheken verfügen, die nicht vornehm sind und nicht vornehm sein wollen, sie vertreten die Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die in den höhern Schichten so oft verleugnet wird. Sind diese Arbeiter nicht eine Beschämung für Viele, die durch Besitz ausgezeichnet sind und für Viele, welche die Uniformen ihrer Aemter tragen, oder welchen die Hände geküßt werden, weil ihr Kleid zur Ehrfurcht auffordert? Wandern werden die Juden, aber nicht auswandern; wandern werden sie hinüber in das Lager der Socialdemokratie und sie werden die Parteien verlassen, in deren Mitte sie verrathen und preisgegeben werden. Wir tragen einige Jahrtausende auf dem Rücken und man kann nicht von jedem Juden verlangen, daß er die Geschichte seines Glaubens kenne, in welche Andere breite Capitel und. ganze Bücher hineingeschrieben haben, und zwar Bücher roth von Blut und von einem feurigen Schein umgeben. Das Blut ist das Blut unseres Volkes und das Feuer steigt auf aus unseren Häusern, unseren Schulen, unseren Synagogen. Spott und Hohn gesellten sich zur Grausamkeit, zur lügenhaften Verleumdung, die Folter zur falschen Anklage. Das Meiste ist vergessen; aber der Jude weiß doch, daß er aus Consequenz für seine volle Emancipation kämpfen mußte und daß Fälle vorgekommen sind, wo Richter plötzlich am jüdischen Dialect Gefallen fanden oder Juden gegenüber, trotz des Dazwischengreifens höchster Rechtsautoritäten hartnäckig auf einem falschen Urtheile beharrten oder daß Verwaltungsbeamte ihre antisemitische Gesinnung auch bei den Amtshandlungen nicht verleugneten. Selber verfolgt, fühlt er sich hinübergezogen zu den Verfolgten, zu den Socialdemokraten. Bei den Socialdemokraten findet er den Idealismus wieder, der den bürgerlichen Kreisen entschwunden ist. Hinüber zur Socialdemokratie, das ist leicht gesagt und auch nicht allzuschwer durchgeführt. Vom dem Gefühle der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.