Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 VekerrebMche WochrMchrM Seüe 857 Gleichberechtigung der Juden Partei ergriffen und habe ich mich von angeerbten Vorurtheilen losgesagt. Was folgt daraus?. Daß das Vorurtheil gegen die Juden verschwindet, sobald man nur die richtige Einsicht in die Verhältnisse gewinnt und die Oekonomie des Ganzen und des Einzelnen von einem höheren Standpunkte aus beurtheilt. Von mir können Sie doch nicht sagen, daß ich an liberale Schrullen gebunden war oder daß Lessing'sche Toleranzideen mich beherrscht hätten; im Gegentheil, ich habe im preußischen Landtage bewiesen, daß man, mit Schild und Wappen ausgerüstet, auch mit einem Nathan dem Weisen kurzen Proceß macht. (Wüthender Beifall. Rufe: Bismarck hoch!) Jetzt werden Sie mich verstehen; es fällt zu Gunsten der Juden in die Wagschale, daß ich als Staatsmann im Vollbesitze der Macht und Autorität im Widerspruche mit meiner Rede von 1847 jene Gesinnungen für die Juden bethätigte, welche allen Antisemitismus ausschließen und verdammen. (Unruhe.) Wenn ich, der Redner von 1847, als Reichskanzler dieser Wandlung mich unterwarf, dann ist sicherlich damit bewiesen, daß nicht nur die Schule des Liberalismus, sondern daß auch eine conservative Politik es zur Pflicht macht, die Gleichberechtigung der Juden im Deutschen Reiche aufrecht zu erhalten. (Anhaltender Lärm. Rufe: „Er mauschelt schon. Die Juden haben ihn behext. Bravo „Moses Bismarckson!") Fürst Bismarck fortfahrend: Was toben Sie denn? Sie selber haben mich zu dieser Erklärung gezwungen. Mir steht es nun einmal fest, daß der Adler von seinem Felsenhorste aus einen weiteren Horizont überschaut als der Hase von der Höhe seines Misthaufens. Im Jahre 1847 habe ich gegen die Juden gesprochen: als Kanzler erklärte ich, daß, so lange ich regiere, ich ein Ausnahmsgesetz hinsichtlich der Juden nicht zulassen werde. Nach meinem siebzigsten Geburtstage sagte ich im deutschen Reichstage: „Der Bleichröder ist auch ein Deutscher" nnd so ist es. Ich betrachte die Juden als Deutsche, weil sie Deutsche geworden sind durch ein langes Zusammenleben mit uns, weil sie in Deutschland und weil sie im Dienste der nationalen Sache sich nützlich erwiesen haben. Demgemäß habe ich auch in der Sitzung des preußischen Landtages vom 30. Jänner 7872 gesagt: „Sobald wir den Staat in confessionelle Stücke schneiden, an welchen jede Consession ihren verhältnißmäßigen Antheil haben muß, so kommt auch noch die ganz beträchtliche jüdische Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte auszeichnet." Ich könnte noch einige andere Äußerungen anführen, in welchen ich meine Gesinnung als Staatsmann bethätigte. Ich erinnere aber nur an den Berliner Vertrag, den ich als das stolzeste Denkmal des Einflusses des deutschen Reichstages aus dem Gebiete der' europäischen Politik betrachte. Hier hat Europa hinsichtlich der Juden den Grundsatz der Gleichberechtigung anerkannt. Glauben Sie, ich werde Ihretwegen dieses Denkmal meiner staatsmännischen Thätigkeit verleugnen oder verhöhnen? Sie sind im Namen des Antisemitismus bei mir erschienen und kommen mir vor, wie gewisse Neujahrs- und Geburtstagsgratulanten. Nicht mir wollen Sie eine Freude machen, sondern Sie wollen mich für Ihre Parteigeschäste ausnützen. Das ist jene Aufdringlichkeit, die bei einem Hausirer noch inlmer leichter zu entschuldigen ist, als bei einer politischen Partei. Seit wann stehen wir denn zu einander auf so freundlichem Fuße? Ihr Dr. Stöcker hat als Hofprediger mir die Spitze bieten wollen und ein Anderer Ihrer Sippe hat gegen mich die schändlichsten Verleumdungen ausgestreut. Ich weiß, wie es gemeint ist, wenn Fritsch in den „Deutsch- - socialen Blättern" sich frei vom B ismarck-Cultus erklärt. Ich beanspruche keinen Cultus; aber das soll heißen, daß man mir die Sympathien verweigern soll. Es wird gesagt, „der Antisemitismus ist zu gut für den Fürsten Bismarck," dann werde ich „das mächtige Glied der Judenschutztruppe" genannt, und schließlich wird meine ganze Umgestaltung Deutschlands als verfehlt bezeichnet. Das genügte Ihnen nicht. Man hat mich als einen Abkömmling von Juden und Krämern hingotellt, hat mich zum „geheimen Juden" gemacht und zu einem Mitgliede der „Alliance israelite". Solange ich an der Macht war, habt Ihr den Staub von meinen Füßen geleckt. Gegen den Wehrlosen aber erprobt ich Euer Heldenmuth. Solch erbärmliche Niedertracht ist mir ieim Juden nimmer begegnet, einzig und allein in dem anti- 'emitischen Subject.(Ungeheuerer Tumult. Rufe: „Der Cousin Bleichröder's", „Hoch Paasch!") Meine ganze Politik sollte ihren Ursprung in schmutzigen Staatsgeschäften haben und in einer antisemitischen Broschüre stand wörtlich zu lesen: „Es ist in hohem Grade auffallend, daß gerade die beiden Geburtshelfer des neuen Deutschen Reiches und die vornehmsten Zeugen desselben: König Ludwig und Kronprinz Friedrich zur Zeit, als nachmals Bismarck alle Gewalt und allen Glanz an sich zu ziehen in der Lage war, ein so unnatürliches und räthselhaftes Ende nehmen mußten." Den national gesinnten Zeitungen wurde es übel genommen, daß dieselben für meine Politik und meine Person eintraten und man spottete antisemitisch: „Wie grauß die Deitschen dastehen unter ihrem gtaußen Bismarck." (Heiterkeit unter den Antisemiten.) Fürst Bismarck fortfahrend: „Ich weiß es, solche Späße behagen Ihnen; je roher und niedriger, desto besser. Ich habe für diese Jnvectiven den richtigen Maßstab; sie sind die Strafe dafür, daß ich die von Ihnen ausgehende Entartung nicht vorhergesehcn habe und daß ich Ihren Bestrebungen nicht rechtzeitig mit der gehörigen Entschiedenheit entgegengetreten bin. Jetzt aber ist das Maß der Schande voll. Halten Sie doch Umschau, welche Personen an Ihrer Spitze stehen nnd welche Summe von Niedertracht in Ihren Schriften abgelagert ist. Ich sage es Ihnen aufrichtig, einer solchen Erniedrigung hätte ich weder die deutsche Nation, noch unser Zeitalter überhaupt für fähig gehalten. Sie haben das Werk geschändet, das ich geschaffen habe. Bald wollen Sie meinen Credit beim deutschen Volke zerstören und bald borgen Sie sich wieder meinen Namen aus, um Ihr e Kund sch af t zu v erstarken. Da haben Sie ein Pamphlet herausgegeben, und es wurde in allen antisemitischen Blättern abgedruckt: „Die Juden bei Bismarck." Da wird mir eine schändliche Rede in den Mund gelegt, strotzend von Lüge, Verleumdung und Heuchelei, dabei armselig in der Erfindung. Solchen Spott treibt man mit meiner Person und eine solche Carricatur meines Wesens übergibt man dem deutschen Volke. In solcher Weise wissen Sie, meine Herren Antisemiten, den Mann zu ehren und zu erfreuen, der sich doch immerhin rühmen kann, für Deutschland Einiges geleistet zu haben. Wahr ist, was eine Ihrer Autoritäten, was der Antisemit Marx von Ihnen sagte: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber ich habe nie mehr Erzschelmenbande gefunden, als unter den heutigen Gsschäftsantisemiten." (Das war den Antisemiten zu viel. Es entstand ein Brüllen! und Heulen, es entwickelte sich eine Rauferei von der schönsten Sorte. Spiegel wurden zerschlagen, das Mobilar wurde in Stücke gerissen, das Porträt des Fürsten Bismarck wurde von der Wand gerissen und mit Füßen getreten. Fürst Bismarck hatte sich aus dem Saale entfernt und die Dienerschaft herbeigerusen. Die Räumung gelüttg jedoch erst, als auch das Forstpersonale und die Holzhauer in Thätigkcit getreten waren.) Man drängt uns in die Reihen der Sorialdemokratie. in«) Von einem geschätzten Freunde in Berlin erhalten wir nachstehende Zuschrift: Berlin, im October. Die Sonne des Friedens umglänzt mit goldenem Schein das Zeitalter der Goldwährung. Betrachtet man die gigan- *) Aus Anlaß unseres ersten Artikels geht uns von einem Berliner Freunde vorstehende Zuschrift zu, welche Wahrnehmungen enthält, die die Voraussage der „N. Fr. Pr." bestätigen und von den leitenden Staatsmännern nicht ohne Beachtung bleiben sollten.